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Schweizer Franken: Hart, härter, Franken

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Ob Ölkrise oder 9/11, ob Golfkrieg oder Euro-Krise – der Franken dient als sicherer Hafen. Und wird immer stärker.

Von Leo Müller
18.06.2010

Am Zürcher Limmatquai, Hausnummer 1, sitzt Giuseppe Manieri in seinem Jugendstil-Büro. Er ist 41 Jahre alt, trägt eine markante Sehbrille, volles Haar. Unten kreuzen die Trams am Bellevue, das Fenster gibt den Blick auf den Zürichsee frei, doch seine Augen fokussieren nur die Zahlen und Kursgrafiken, die auf den Monitoren flimmern. Manieri ist Devisenhändler, derzeit ein Highflyer seiner Zunft. Sein Fonds Premium Currencies zählt schon länger zu den erfolgreichsten Währungsfonds in Europa. Begeistert erzählt er von der Kursentwicklung des Schweizer Frankens, der gegenüber dem Euro in den vergangenen sechs Monaten rund zehn Prozent zugelegt hat. Manieri liebt solche Kursschwankungen, mit ihnen verdient er Geld, viel Geld.

Sieben Tramstationen weiter, im tristen Zürcher Arbeiterquartier Wiedikon, sitzt Klaus Oesch im grossen Chefzimmer, 65 Jahre alt, volles Haar. Mit kritisch-wachsamem Blick konzentriert er sich auf seine Gesprächspartner. Sein Büro: gediegen, holzgetäfelt, nüchtern. In diesem Verwaltungs­gebäude ist vom besonderen Nervenkitzel, dem Thrill seines Geschäfts, rein gar nichts spürbar. Nur unauffällig angebrachte Hightech-Code-Schlösser an den Türen verraten das hohe Sicherheitsbedürfnis. Oesch ist Sicherheitsdrucker, nicht irgendein Printer, sondern der Drucker der besten, sichersten und schönsten Banknote der Welt. Oesch ist der globale Star seiner Zunft, der Verwaltungsratspräsident des Orell-Füssli-Konzerns. Hier werden die Frankennoten gedruckt, schon seit über 90 Jahren. Die Krisenjahre waren für Oesch nicht besonders prickelnd, schliesslich musste Orell Füssli weitere Geschäfte durchbringen: eine Buchhandelsgruppe, einen Sachbuchverlag, einen Anlagenbauer für den digitalen Druck von Wertpapieren, Noten und Plastikkarten. Und nicht alles lief rund, die Gewinne sanken. Im Streit um die Strategie verliess der CEO das Haus, und Oesch musste das Ruder interimistisch übernehmen, bis der neue Chef Michel Kunz im Mai eintraf, der zuvor die Schweizerische Post wegen der Managementkapriolen des zurückgetretenen VR-Präsidenten Claude Béglé verlassen hatte.

Held der Finanzwelt. Die Ware, die das Werk mit schweren, gepanzerten Spezialtransportern verlässt, gilt nun als Garant der Stabilität, als Symbol eines soliden, robusten und verlässlichen Landes, als Retter für die Furchtsamen und als eiserne Reserve für die Besorgten. Der Franken ist unschlagbar robust. Hart und solide, wasserfest, reissfest, immun gegen alltägliche wie gegen schwere Angriffe. Er ist unbestritten der stille Held der Finanzwelt.

Was steckt hinter dieser Erfolgsgeschichte des Schweizer Frankens, der seit mehr als hundert Jahren immer wieder als Zufluchtswährung und Notreserve dient? Und warum wird der Franken wieder in die Depots und Tresore von Armen und Superreichen, von Unternehmen und Staaten gelegt? Was ist das Geheimnis der immerwährenden Frankenstärke? Ist diese Währung einfach besser oder nur ein Mythos?

Zürich, ein Büro im Seefeld. Der Besucher aus Norddeutschland ist Unternehmensberater, die Finanzindustrie ist nicht sein Metier, und über ein Konto in der Schweiz hat er noch nie nachgedacht, obwohl er regelmässig in die Schweiz kommt. Nun ist er 55, und die Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Etwas verschämt fragt er nach einer sicheren Bank in Zürich, er will ein Frankenkonto. Nein, nicht in Deutschland, in der Schweiz. Sicher ist sicher. Und er betont: versteuert, kein Schwarzgeld.

Ewiger Fluchthafen. Der Mann ist kein Einzelfall. Die neue deutsche Welle kommt furchtsam, hilfesuchend und gesetzeskonform. Wie die Deutschen strömen viele mit dem gleichen Anliegen in die Schweiz. Erleichtert registrieren die Banken den Trend, nachdem sie in den vergangenen Monaten eher übers Redimensionieren nachgedacht haben. «Die ausländischen Kunden wollen unseren Fonds vermehrt in Schweizer Franken anstatt in ihrer Heimwährung kaufen», sagt auch Giuseppe Manieri, der Devisenhändler am Limmatquai. «Der Schweizer Franken wird zum Überflieger», titelte die «Financial Times Deutschland».

Wieder einmal wird die Schweizer Währung als sicherer Hafen genutzt. Diesen Status hat der Franken seit Jahrzehnten: Die beiden Ölkrisen in den siebziger Jahren brachten ihm Höhenflüge, der Börsencrash im Jahr 1987 ebenso. Auch der Golfkrieg und die Terroranschläge in New York führten zur Flucht in den Schweizer Franken und zu einer entsprechenden Aufwertung der Devise. «Langfristig sind es vor allem die politische Stabilität, das Vertrauen in den Schweizer Finanzplatz mit der unabhängigen Zentralbank und die gute finanzielle Situation des Staates, die dem Franken Stabilität sichern und ihn zu einer Fluchtwährung machen», sagt Anastassios Frangulidis, der Mann für die Anlagestrategie bei der Zürcher Kantonalbank. Diese Faktoren haben sicher dazu geführt, dass sich der Franken in den vergangenen 40 Jahren gegenüber den meisten Weltwährungen aufgewertet hat. Insbesondere auch gegenüber dem US-Dollar, der Weltwährung Nummer eins. Kostete ein Franken vor 40 Jahren noch weniger als 25 Cent, sind es heute fast 90 Cent (siehe Grafik im Anhang).

Der neue Run auf den Franken lässt Klaus Oesch kalt. Das ändert für ihn und den Druckkonzern Orell Füssli nichts. Schliesslich gibt die Nationalbank keinen Auftrag, mehr Noten zu drucken, weil der Preis für den Franken steigt, auch ist eine Banknote kein Buch, das bei Bedarf nachgedruckt wird. Die Noten sind ebenso wenig Einwegartikel. 483 Millionen Noten hat die Nationalbank im vergangenen Jahr in Umlauf gebracht, und 482 Millionen nahm sie wieder in ihren Tresorhallen auf, prüfte sie auf Qualität und Echtheit und spuckte sie wieder auf den Geldmarkt aus.

Gefragte Tausender. So ging es auch mit den Münzen. 1729 Tonnen nahm sie entgegen, 2289 Tonnen lieferte sie wieder aus. Der Notenumlauf betrug 2009 mehr als 45 Milliarden Franken – 4 Milliarden mehr als im Vorjahr. «Dies ist darauf zurückzuführen, dass die im Herbst 2008 infolge der Finanzkrise zusätzlich nachgefragten Banknoten bisher nur zu einem kleinen Teil zur Nationalbank zurückgeflossen sind», erklärt die Nationalbank. Es sind «hauptsächlich Tausendernoten». Diese werden gehortet. Die Menschen bunkern die Note mit dem Konterfei des Basler Kunsthistorikers ­Jacob Burckhardt offensichtlich im Safe. Entsprechend hoch ist auch der Anteil der Tausendernoten am Umlauf. Die Tausender sind im Gesamtwert von rund 26,5 Milliarden Franken verbreitet, ihr Wertanteil macht mehr als die Hälfte des Schweizer Notenumlaufs aus. Ihr Anteil an der Stückzahl der umlaufenden Noten beträgt immerhin 8,4 Prozent, obwohl man sie im Alltag nur selten in die Hände bekommt. Sie dienen nicht nur als Zahlungs-, sondern in grossem Umfang auch als Wertaufbewahrungsmittel.

«Bescheiden» nennt die Nationalbank hingegen das Falschgeldaufkommen in der Schweiz. Im vergangenen Jahr wurden gerade einmal 4900 falsche Noten beschlagnahmt und dabei 84 Fälschungen registriert. Damit sind die Schweizer Noten die sichersten der Welt (siehe «Billig-noten» unter 'Weitere Artikel'). Bedeutend sicherer als der Euro, der zwar schon wenige Jahre nach der ersten Emission als übermächtige Konkurrenz empfunden wurde.

«Der Euro ist eine gute Note», meint Klaus Oesch, während er das Notenpapier gelangweilt zwischen den Fingern reibt. Er will nichts Unhöfliches sagen, doch mit so etwas gibt sich ein Schweizer Notendrucker nicht zufrieden. «Die Nationalbank hat anspruchsvollere Ziele. Sie will Innovationsführerin sein», sagt Oesch. «Hinter jeder neuen Emission steckt viel Aufwand. Schliesslich ist unsere Note die Visitenkarte der Schweiz.» Orell Füssli benötigt für den Druck zum Beispiel zehn Bearbeitungsgänge, während sich etwa die Amerikaner mit lediglich drei Bearbeitungsstufen begnügen.

Sicher statt schnell. Gerade wird an einer neuen Serie gearbeitet, die von der Schweizer Grafikerin Manuela Pfrunder entworfen wird. Ihre Entwürfe sind mit aufwendigen Algorithmen hinterlegt, insgesamt mehr als 20 Sicherheitsmerkmale werden eingebaut. Die Publikation war ­eigentlich für Herbst 2010 geplant, doch die Lieferanten für verschiedene Sicherheitselemente sind noch nicht so weit. Deshalb verschob die Nationalbank den Ausgabetermin um mindestens zwei Jahre. Bei Orell Füssli würde man natürlich lieber drucken, aber Qualität und Sicherheit gehen vor Schnelligkeit. Normalerweise werden bei Orell Füssli pro Jahr rund 100 Millionen Stück Frankennoten gedruckt. Hinzu kommen gewöhnlich 500 Millionen Stück fremder Noten, darunter der Singapur-Dollar und die Scheine der Rumänen.

Wenn das druckfrische Papiergeld den Betrieb von Orell Füssli verlässt, ist es immer noch eine Ware, nicht mehr. Sein innerer Wert, wie bereits Voltaire sagte, ist gleich null. Seinen Verkehrswert, auf den die Menschen vertrauen, erhält das Papier erst in den Tresoren der Nationalbank. Dieser Wert bleibt erst dann stabil, wenn die Menschen dieser Notenbank grosses Vertrauen entgegenbringen, wie wir dies in den vergangenen Wochen erlebten.

«Die Bewegung zum Franken hat sich in jüngster Zeit wieder verstärkt», sagt Devisenhändler Manieri. Er wagt eine Schätzung über die Kapitalflüsse: «Es muss ein Vielfaches von 150 Milliarden Franken in die Schweizer Devise geflossen sein.» 150 Milliarden, etwa so viel hat die Schweizerische Nationalbank inzwischen aufgewendet, um die Aufwertung des Frankens zu stoppen. Weil es mit dem Franken trotzdem aufwärtsging, muss sonst noch viel mehr in die Schweizer Währung geflossen sein, ein Vielfaches eben, wie Manieri vorrechnet. Und sehr wahrscheinlich wird sich der Franken weiter aufwerten. «Der Aufwärtstrend gegenüber dem Euro ist sehr stark», sagt Manieri, «sogar einen freien Fall des Euro gegenüber dem Schweizer Franken kann mein Devisenteam nicht ausschliessen.»

In all den Jahren hat zum Vertrauen in den Schweizer Franken massgeblich beigetragen, dass die Schweizerische Nationalbank traditionell über hohe Devisen- und Goldreserven verfügt. In der Familie der Notenbanken ist sie heute ein kraftstrotzendes Power House, die herausragende Stütze der Geldwertstabilität in Europa. So meldete die Nationalbank ­Ende April Devisenreserven im Wert von 153,5 Milliarden Franken und Gold im Wert von mehr als 39 Milliarden Franken. Nahezu zwei Drittel ihrer Devisenanlagen waren Euros. Seitdem ist das Devisenpolster der Nationalbank noch deutlich angeschwollen, denn die Währungshüter kaufen massiv Euros und verkaufen Franken, um die Aufwertung der eigenen Noten zu bremsen. Allein im Mai erhöhten sich die Währungsreserven um nahezu 79 Milliarden Franken auf gesamthaft 232 Milliarden. Zwischen 160 und 180 Milliarden Franken davon dürfte die Euro-Position betragen. Die Nationalbank hor­tet damit nahezu so viele Währungsreserven, wie die Europäische Zentralbank (EZB) (rund 53 Milliarden Franken) und das System der europäischen Zentralbanken (rund 209 Milliarden Franken) zusammen in ihren Büchern haben. Mit Gold und den Einlagen beim Internationalen Währungsfonds brachte es die Nationalbank sogar auf 300 Milliarden Franken Reserven, mehr als Hongkong, Brasilien, Indien oder Singapur. Sie ist nun das Land mit den siebtgrössten Devisenreserven.

Das ist die Ironie der jungen Euro-Geschichte: Ohne die stützende Hand der Nationalbank wäre das Gemeinschaftsprojekt wohl schon Geschichte. Niemand mag sich vorstellen, wie der Euro während der heissen Krisentage zur Rettung der griechischen Staatsfinanzen im Mai getrudelt wäre, wenn die Zürcher Notenbanker nicht beherzt Euros gekauft hätten.

Auch die Schweizer Goldreserven stärken den Franken. Sie decken derzeit fast den gesamten Notenumlauf von 45 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Die Deutschen können ihren Notenumlauf nicht einmal zur Hälfte mit Gold decken. Die Goldpositionen der Nationalbank haben zudem den Effekt, dass sie die Kursverluste auf den hohen Euro-Beständen teilweise ausgleichen – solange der Goldpreis weiter steigt.

Andere, wie die Deutschen, reden viel von Preisstabilität, die Schweizer hingegen handeln. In Deutschland werden Milliardendefizite von Gemeinden, Ländern und Bund aufgehäuft, in der Schweiz erwirtschaften Bund und Kantone Überschüsse und bleiben im – massvollen – Budget. Axel Weber, Präsident der Deutschen Bundesbank, redet von «robusten Banken», während das Land bis Ende 2009 mit 214 Milliarden Euro in absoluten Zahlen bereits mehr Finanzhilfen an seine Banken gewährte als die USA. Landesbanken, staatliche und verstaatlichte Banken haben die grössten «Bad Banks» der Welt hinterlassen – Abwicklungsvehikel als Müllhalden für toxische Wertpapiere.

Hierzulande hat die Nationalbank mit einer cleveren Konstruktion die Schäden der UBS schonend abgewickelt. Die Grossbanken werben inzwischen mit den weltweit höchsten Eigenkapitalreserven, und der Finanzplatz ist erstaunlich solide geblieben, während in Deutschland der Bankenplatz ein Trümmerhaufen ist.

Der Systemvergleich zeigt, was Stabilität tatsächlich heisst. David Marsh, der bekannteste Euro-Historiker, kritisiert die selbstzufriedene Haltung der Euro-Zentralbanker, die sich die relative Stabilität des Euro in seinen ersten Jahren zugutehalten: «Nicht die magische Kraft der Notenbank, sondern die uralte, brutale Kraft der Märkte war dafür verantwortlich.» Marsh ist als Strategieberater tätig, er hat eine fulminante Karriere als ­Finanzjournalist hinter sich. Die stabile Euro-Phase schreibt Marsh nicht allein dem Erfolg der EZB zu, sondern dem Umstand, dass die Notenbanken Gross­britanniens, Schwedens, Norwegens und der Schweiz stabil blieben.

Für den jüngsten Aufwärtsdruck des Frankens gegenüber dem Euro werden vor allem Staatsschulden verantwortlich gemacht: Anleger aus Schuldenstaaten kaufen Franken, was diesen aufwertet.

Dem will die Nationalbank «entschieden entgegenwirken», erklärte ihr Präsident Philipp Hildebrand Ende März. Doch nahezu gleichzeitig sagte sein ­Direktoriumskollege Jean-Pierre Danthine, dass in Zukunft «die Wechselkurse wieder von den Marktkräften bestimmt werden». Notenbanker lassen die Marktteilnehmer gerne ein wenig rätseln. Was werden sie nun tun? «Ich denke, sie werden es lockerer nehmen», meint Paul ­Mackel, Währungsstratege bei der Bank HSBC in London, «der Franken könnte sogar mehr aufwerten als fundamental gerechtfertigt.» Klar ist jedenfalls, dass die Notenbank verhindern will, dass eine Franken-Aufwertung in die Deflation – eine Spirale fallender Preise – führt.

Allerdings befürworten es nicht alle, dass sie derzeit so stark gegen eine Aufwertung des Frankens interveniert. Währungsexperten monieren die Schattenseite dieses Kampfes, die Anhäufung von Euros in der Bilanz der Nationalbank, die stetig an Wert verlieren. Dies dürfte der Nationalbank nicht nur massive Währungsverluste bescheren, wenn sich der Euro weiter abschwächt. Durch die Interventionen baut sich auch ein Inflationsrisiko auf.

Aufwertung. Als wirksames Mittel dagegen könnte die Nationalbank mit den Euros in der Bilanz US-Dollars kaufen. Damit würde sie sich bei den Reserven stärker diversifizieren. Bisher scheint sie aber gar keine Dollars gegen Euros zu kaufen. Und am Ende könnte die Nationalbank die Stützkäufe auch beenden. Ex-Notenbanker Jean-Pierre Roth hat vor Jahren erläutert, wie die Nationalbank entscheidet, wenn sie zwischen den Übeln «Frankenaufwertung» und «Inflationsgefahr» wählen muss: «Das Ziel der Preisstabilität» hat dann Priorität.

Die Entwicklung der Schweizer Währung über die vergangenen 40 Jahre zeigt, dass die Volkswirtschaft sehr gut mit einer sich aufwertenden Währung umgehen kann. Schliesslich werden die Produkte in der Euro-Zone für die Schweizer günstiger. Da die Schweiz ein Leistungsbilanzdefizit gegenüber der Euro-Zone hat – die Schweiz kauft dort mehr ein, als sie verkauft –, hätte eine Währungsaufwertung netto für die Schweiz sogar einen positiven Effekt.

Mit ihren Euro-Käufen konnte sie aber den massiven Druck auf die Gemeinschaftswährung nicht auffangen. Experten wären daher nicht überrascht, wenn die Nationalbank bald schon zu härteren Mitteln greifen würde. «Beispielsweise könnte sie ­Negativzinsen einführen», sagt Manieri. Das heisst, wer in Schweizer Franken anlegt, bekäme keine Zinsen mehr, sondern müsste dafür bezahlen. Allerdings könnte das wiederum zu einer Deflation führen, was man schliesslich verhindern will – ein Dilemma also. Das realistischste Szenario ist daher: Die Nationalbank, das letzte Pièce de Résistance, macht allmählich den Weg frei für eine Aufwertung des Frankens.

Einen Vorgeschmack darauf gab es am 8.  Juni, als der Euro unter die Marke von 1.40 Franken fiel. «Wir müssen uns auf einen Kurs von 1.30 Franken einstellen», sagt denn auch Nationalrat Johann Schneider-Ammann, der als Industrie-Lobbyist seit Monaten vor dem Aufwertungstrend warnt. Er hat die Hoffnung aufgegeben. Die Industriellen müssen sich darauf einstellen, dass die lange Geschichte des Frankens um eine neue Episode der Stärkung bereichert wird.

Denkbar ist aber auch, dass sie den Absturz des Euro erleben, im schlimmsten Fall mit allem, was zu einer veritablen Währungskrise gehört: Umschuldungen, Abwertungen, Devisenkontrollen, Transaktionsverbote, Zwangsabgaben und eine Fluchtsteuer für Ausreisewillige. Der Franken hat das alles schon einmal überlebt. Und das ist kein Mythos.

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