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Sartoriani: Catch me if you can

Ricky Kripalani und sein Schnäppchen-Angebot: Verlockender Preis, doch das Geld ist weg.

Ein vorbestrafter Massschneider verkauft in Zürich via DeinDeal edle Anzüge – und verschwindet, ohne zu liefern.

Von Marc Kowalsky
25.07.2013

Das Telefon läutet ins Leere. Die Geschäftsräume nahe der Zürcher Bahnhofstrasse sind versiegelt. Die Firma Sartoriani hat Konkurs gemacht. Geschäftsführer Ricky Kripalani (42) ist abgetaucht. Und hinterlässt über tausend Geschädigte.

Via Gutscheindienst DeinDeal hatte er zwischen März 2011 und Juni 2012 rund 4000 Coupons für Massanzüge und -hemden verkauft. Nur 2500 lieferte er, tröpfchenweise und zum Teil mit monatelanger Verspätung. Auch, weil Kripalani die meiste Ware nicht wie im Gutschein versprochen in England schneidern liess, sondern in Thailand, und sie per Schiff versandte.

Nach einem Jahr lieferte er gar nicht mehr, hielt die Kunden mit immer neuen Ausreden hin. Auch die Miete, das Geld für Änderungsschneider, IT-Dienstleister, private Gartenmöbel, Reinigungskosten und Kunstgegenstände blieb er schuldig. Einzig die Lieferanten bekamen ihr Geld: DeinDeal bezahlte sie direkt und überwies an Sartoriani für jeden Kleidungsstück lediglich deren Provision – ein Vorgehen, das der Gutscheindienst bei derart grossen Aufträgen häufig anwendet. Doch Kripalani hebelte auch diesen Sicherheitsmechanismus aus: Er schwatzte den Kunden beim Massnehmen noch weitere Anzüge auf, strich das Geld direkt ein (Quittungen gab es nie), buchte den Auftrag aber vom DeinDeal-Kontingent ab und erhielt dafür zusätzlich noch Provision.

Feudale Wohnung, McLaren Mercedes

Im April schickte einer der zahlreichen Gläubiger seine Firma in Konkurs. «Der Betrug war von Anfang an geplant», vermutet die ehemalige Office-Managerin Veselinka Arnaut, selber eine Geschädigte.

Das Geld gibt Kripalani mit beiden Händen aus: Er fährt einen McLaren Mercedes (Listenpreis: über 300 000 Franken) und bewohnt eine feudale Wohnung in Zürichs bester Lage am General-Guisan-Quai, die mit teuren Kunstgegenständen eingerichtet ist. In der Zürcher Partyszene ist er eine feste Grösse, spendiert grosszügig Champagner (Lieblingsmarke: Dom Perignon) in den Edelclubs Petit Prince und Kaufleuten, lädt Freunde und Bekannte ein in eine Ferienvilla auf Ibiza (Wochenmiete: 50 000 Franken).

Denselben Stunt hatte Kripalani unter dem Label «Prince of Wales» bereits in München und Wien abgeliefert und sass dafür wegen Betrug in 530 Fällen für dreieinhalb Jahre im Gefängnis. Die Medien schrieben seitenweise über die «Niete in Nadelstreifen » («Der Spiegel»).

Kriterien passiert

Bei DeinDeal fiel das vor Vertragsunterzeichnung niemandem auf. Auch die anderen fünfzehn Kriterien, nach denen der Gutscheindienst zukünftige Partner scannt, passierte der gebürtige Amerikaner mit norwegischem Pass. Andere Ungereimtheiten in London, New York und Los Angeles redete Kripalani wortreich schön. «Er hat uns wohl klassisch um den Finger gewickelt», sagt DeinDeal-Mitgründer und COO Adrian Locher.

Im Handelsregister tauchte Kripalani nicht auf. «Wir durften nicht mal seinen Namen erwähnen», sagt Arnaut. Einziger Verwaltungsrat der Firma ist der Luzerner Wirtschaftsprüfer Peter Bachmann, der von allem nichts gemerkt haben will. «Betrügereien sind keine gelaufen, ganz sicher nicht», sagt er. Gleichzeitig macht er selber macht einen Schaden von mehr als 75 000 Franken gegenüber Kripalani geltend: «Ich hoffe immer noch, dass er mich bezahlt.» Kunden sind in seiner Wahrnehmung nicht zu Schaden gekommen. «Es gibt keine Geschädigten», sagt er. Im Showroom hingen noch 150 Kleidungsstücke, die nach Freigabe durch das Konkursamt an die Besteller ausgeliefert würden. Bachmann freilich muss sich die Frage nach der Verletzung der Aufsichtspflicht gefallen lassen: «Ich habe mich damit befasst und meine Schlüsse gezogen», sagt er selber.

Begründung: Kosten nicht im Griff

Kripalani, der sich im November zum zweiten mal verlobt hat, hat derweil die Schweiz verlassen und befindet sich auf Reisen. Von Betrug will er nichts wissen. «Wir haben die Kosten nicht im Griff gehabt», sagt er. «Die Kosten für nachträgliche Änderungen etwa waren nicht einkalkuliert.» Ungewöhnlich für jemanden, der von sich behauptet, aus einer Familie mit 80 Jahre Massschneidertradition zu kommen. Sein Onkel Ashok Jethanad Kripalani führt ebenfalls in der Zürcher Bahnhofstrasse seit 20 Jahren das Massgeschäft «Lord’s of Sweden».

450 Kunden, die vor dem Konkurs reklamierten, hat DeinDeal, im Mehrheitsbesitz des Medienhauses Ringier, entschädigt – «aus Kulanz», so Locher: «DeinDeal ist lediglich Plattform, die Deals vermittelt». Besitzer der mehr als tausend übrigen Gutscheine bekommen bestenfalls die DeinDeal-Kommission von 20 Prozent zurück – wenn sie gute Kunden sind.

DeinDeal sieht sich selbst geschädigt: «Kripalani hat uns in einer Art und Weise hinters Licht geführt, die ich so in meinem Berufsleben noch nicht erlebt habe», sagt Locher. Nun will er Strafanzeige erstatten: «Wir werden mit allen juristischen Mitteln gegen ihn vorgehen. Dazu fühlen wir uns unseren Kunden gegenüber verpflichtet.»

Das fleissige Schneiderlein, so hört man, plant derweil ein neues Geschäft nach Mass: in Norwegen.

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