Für Roche heisst es wieder einmal nachsitzen. Bis zum 17.  Dezember 2010 geben die US-Zulassungsbehörden dem Pharmakonzern Zeit, um zusätzliche Daten zum Einsatz von Avastin gegen Brustkrebs nachzureichen. Das Hin und Her zwischen der Food and Drug Administration (FDA) und Roche in diesem Dossier geht bereits in die Jahre. Im Februar 2008 wurde das Mittel gegen Brustkrebs provisorisch zugelassen, das endgültige Plazet steht aber immer noch aus.

Doch genau dieses wäre für Roche eminent wichtig. Auf Brustkrebsbehandlung entfallen laut Analystenschätzungen 1,2 von total 6,5 Milliarden Dollar, die Avastin dieses Jahr einspielt. Das von der US-Tochter Genentech entwickelte Präparat ist schon für Darm-, Lungen-, Hirn- und Nierenkrebs zugelassen, doch in ­diesen Anwendungen flachen die Wachstumsraten ab. Kommerziell interessanter sind Indikationen wie Brustkrebs, die häufigste Krebsneuerkrankung bei ­Frauen. Jedes Jahr werden mehr als eine Million Neudiagnosen gestellt.

Doch die Zulassungsstelle zweifelt am Kosten-Nutzen-Verhältnis von Avastin – Bedenken, die Roche nun mit kostspie­ligen Zusatzstudien ausräumen muss. ­Bisherige Untersuchungen lieferten keine ausreichenden Hinweise für eine lebensverlängernde Wirkung. Es konnte lediglich eine Verzögerung des Tumorwachstums von wenigen Monaten im Vergleich mit einer blossen Chemotherapie nachgewiesen werden. Die Behörden fragen sich, ob dieser Vorteil die jährlichen Behandlungskosten von 100  000 Dollar aufwiege. Zumal Avastin die Chemotherapie nicht ersetzt, sondern nur ergänzt.

Die Kontroverse ist aufreibend, und sie schadet dem Nimbus von Avastin als Wundermittel gegen Krebs. «Bisher sah es so aus, als ob Genentech die Gesetze der Gravitation überwinden könnte», sagt Christian Lach, Senior Portfolio Manager und Onkologiespezialist von Adamant ­Biomedical Investments, «nun hat die ­Realität das ­Unternehmen eingeholt.» Ins Bild passt, dass die Zuwachsraten von Avastin, die sich in den letzten Jahren zwischen 20 und 40 Prozent ­bewegt ­hatten, im ersten Semester auf 14 Prozent sanken.

Die Frage steht im Raum, ob die Arznei nur fünf Jahre nach der Einführung den einstigen Erwartungen noch gerecht werde. Roche macht sich jedenfalls auf ­kargere Zeiten gefasst und hat eine tief greifende Sparübung gestartet. Unter dem Titel «Operational Excellence» soll das Unternehmen durchleuchtet und dann ­restrukturiert werden. Anlass sind ­Rückschläge in der Pharmaentwicklung, darunter Tests mit Avastin.

Avastin klingt nach Aspirin, dem Wundermittel des 20.  Jahrhunderts. Roche hat epochale Erwartungen mit Avastin verknüpft. Im Geschäftsbericht 2006 spricht Avastin-­Manager Peter Wenner von einer «revolutionären Krebsbehandlung» mit einem «bahnbrechenden Potenzial».

Tatsächlich wurde Avastin in den letzten Jahren zum Motor von Roche. Es war die erfolgreichste Erstzulassung eines Krebsmedikaments überhaupt: Allein im ersten halben Jahr nach der Lancierung im Sommer 2004 als Mittel gegen Darmkrebs spielte das Präparat in den USA eine halbe Mil­liarde Franken ein. Im ersten vollen ­Geschäftsjahr 2005 – nachdem die Zulassung auch in der EU und der Schweiz erteilt worden war – stiegen die Verkäufe bereits auf 1,7 Milliarden. Letztes Jahr wurde Avastin mit einem Umsatz von 6,2 Milliarden Franken zum umsatzstärksten Roche-Medikament und zum meistver­kauften Krebspräparat der Welt. 800  000 Patienten sind bereits mit dem Mittel behandelt worden.

Sechser im Lotto. In der forschenden Pharmaindustrie, wo es nur ein Bruchteil aller entdeckten Substanzen auf den Markt schafft, ist das wie ein Sechser im Lotto.

Gleichwohl wollten die ­Roche-Strategen unter VR-Präsident Franz Humer nichts dem Zufall überlassen. Anfang des Jahrhunderts war die Pipeline leer, der Vorstoss in das Geschäft der Lifestyle­medikamente etwa mit dem Fettblocker ­Xenical misslang. Die Rettung hiess ­Genentech, in deren Labors einige ver­heissungsvolle Substanzen gegen Krebs blubberten. Die Zivilisations- und ­Alterskrankheit versprach satte Gewinne, machen doch Krebsmittel im ­globalen Medikamentenmarkt von 800 Milliarden Dollar den grössten Therapiebereich aus. In den Industrieländern hat Krebs die Herz-Kreislauf-Krankheiten als Todesursache Nummer eins abgelöst. Der Onkologiemarkt wächst doppelt so stark wie der ganze Medikamentenmarkt, und die Preisempfindlichkeit ist relativ klein.

Die Markteinführung des potenziellen Blockbusters war so komplex, dass sie ­vermutlich weder Roche noch Genentech hätten alleine stemmen können. Die Firmen begannen, die bis anhin bewusst auf einem Minimum gehaltene Zusammen­arbeit zu vertiefen und sogar gemeinsame Teams zu bilden. 2006 wurden ­erstmals Resultate ausgetauscht und Entwicklungsprogramme gemeinsam geführt. «Avastin funktionierte wie ein Katalysator des Dialogs zwischen den beiden Unternehmen», so ein Beteiligter.

Ein Apparat ohnegleichen wurde in Gang gesetzt. Am Berliner Roche-Forum 2007 verriet Avastin-Teamleiter Peter Wenner erstmals die Kosten des «grössten klinischen Prüfprogramms, das je für eine onkologische Substanz durchgeführt worden ist». ­Wenner rechnete für die ­ganze Lebensdauer mit der Rekrutierung von 40  000 Patienten für die klinische Prüfung, wobei sich Roche jeden Test­patienten 90  000 bis 110  000 Franken kosten lässt. Damit gehen die Kosten für die klinischen Tests in die Milliarden.

Stolzer Preis. Der Wert von Avastin als potenzieller Kassenfüller spielte auch eine zentrale Rolle in den Übernahme­verhandlungen um Genentech. Jahrelang hatte Roche-Präsident Franz Humer die Unabhängigkeit von Genentech als Erfolgsfaktor beschworen und eine vollständige Übernahme der Firma abgelehnt, an der Roche seit 1990 eine Mehrheitsbeteiligung hielt. Umso grösser war die Verwunderung, als die Schweizer im Sommer 2008 ganz nach Genentech griffen. Nach langem Tauziehen erhöhte Roche das Angebot von 89 auf 95 Dollar pro Aktie und zahlte schliesslich 47 Milliarden Dollar.

Ein Grund für die Aufbesserung soll die Hoffnung gewesen sein, dass Avastin auch im Frühstadium von Krebs eingesetzt werden kann, wenn sich noch keine Metastasen gebildet haben. Bis dato ist das Medikament nur für die Behandlung von fortgeschrittenen Karzinomen zugelassen. Das ganz grosse Geschäft winkt aber nur dann, wenn das Mittel frühzeitig eingesetzt werden kann. Für diesen Fall rechnete Genentech mit Verkäufen von zehn Milliarden Dollar bis ins Jahr 2015.

Kaum war der Deal unter Dach, wurden ernüchternde Testresultate für die Frühbehandlung bekannt. Etliche weitere Studien mündeten jedes Mal in eine Enttäuschung. Für Biotechspezialist Christian Lach «zeigen die aktuellen Daten, dass Roche zu viel für Genentech bezahlt hat». Seiner Meinung nach wäre auf dieser Grundlage ein Drittel weniger angemessen gewesen.

Riesiges Potenzial. Die Avastin-­Saga reicht über 20 Jahre zurück. 1989 ­entdeckte Genentech-Forscher Napoleone Ferrara ein Protein, welches das Wachstum der Blutgefässe bei Tumoren fördert. Die Wirkung von Avastin beruht auf der Idee, das Protein zu blockieren, um die Blutzufuhr zu kappen und den Tumor auszutrocknen. Ferrara zeigte zudem, dass das Protein in praktisch allen Krebsarten vorkommt, was den Wirkstoff vielfach verwendbar macht. Beflügelt von diesen Forschungs­resultaten, konzentrierte sich Genentech ab Anfang der neunziger Jahre auf Onkologie. Treibende Kraft war der spätere Genentech-CEO Arthur Levinson, der selber zu den Pionieren der Krebsforschung gehört.

Auch die Mehrheitsbesitzer von Genentech merkten, welches Potenzial hier schlummerte. 2001 wurde die Losung ausgegeben, Weltmarktführer in der Krebstherapie werden zu wollen. Damals machten Krebsmedikamente 25 Prozent der Pharmaverkäufe aus. Heute gegen 60.

Die Kehrseite davon: Roche ist hochgradig von der Onkologie abhängig. ­Ähnlich wirkende Konkurrenzprodukte wie Avastin befinden sich in der letzten Phase der klinischen Prüfung und kommen ziemlich sicher bald auf den Markt. Jüngere Medikamente wirken zwar nicht zwingend besser, aber sie haben weniger ­Nebenwirkungen als Avastin. «Noch ­besitzt Roche den First Mover Advantage», sagt Lach.

Für Roche ist das Ansporn, die Entwicklungsmaschinerie für Avastin erneut anzukurbeln. Um neue Anwendungen zu erschliessen, laufen derzeit rund 500 klinische Projekte mit Tausenden von Patientinnen und Patienten für die Behandlung von 50 verschiedenen ­Tumorarten. Für grosse Therapiegebiete wie Bauchspeicheldrüsenkrebs zeigt die Arznei gute Resultate, auch bei Eierstockkrebs scheint sie zu helfen. Keine Wirkung zeigte das Mittel dagegen bei Magen- und Prostatakrebs. Nun will Roche die Zulassung für Prostatakrebs gar nicht erst beantragen.

Die Ernüchterung schlägt in der erfolgsverwöhnten Firma aufs Gemüt. Jahrzehntelang galt eine Stelle bei Genentech für Wissenschaftler als Traumjob. Doch jetzt wird der Genentech-Campus in der San Francisco Bay sogar von den Elfenbeintürmen konkurrenziert. Ende 2009 wechselte Entwicklungschefin Susan Desmond-Hellmann an die Spitze der University of California. Und demnächst tauscht Marc Tessier-Lavigne seinen Topjob bei Genentech gegen die Leitung der Rockefeller University in New York. Der Kanadier wurde erst im letzten Jahr zum Chief Scientific Officer von Genentech und zur Nummer zwei der Forschungsabteilung befördert. Dem 17.  Dezember kann er ­damit gelassen entgegenblicken.

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