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Priora Group: Der junge Mann und das Geld

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Der Bündner Immobilienunternehmer Remo Stoffel tritt mit Ex-Implenia-Managern unter neuem Label auf. Doch hinter der Fassade geht es um alte Probleme.

Von Leo Müller
2011-02-24

Neues Logo, neue Manager, neue Brille. Remo Stoffel, der junge Bündner Immobilien-Tycoon, geht mit einer Totalrenovation ins neue Jahr. Seine Immobiliengruppe heisst nun Priora, auf seinen Baustellen wehen neue Fahnen in frischem Design, selbst sein persönliches Outfit hat er erneuert. Und seine neuen Manager durften ganz alleine die grossen Veränderungen an einer Medienkonferenz verkünden.

Stoffel (33) wirke in keinem Verwaltungsrat der Gruppe mehr mit und trete für die Gesellschaften nach aussen nicht mehr in Erscheinung. Die Zukunft ihrer Priora Group, die aus einer Facility-Management-Firma am Zürcher Flughafen, einer Immobilien­gesellschaft und einer Generalunternehmung gebildet wurde, soll nun höchsten Grundsätzen genügen.

Mit Christian Bubb, dem früheren Implenia-Chef, setzt Stoffel einen prominenten Verwaltungsratspräsidenten in seiner Priora Holding ein. Und mit Hans-Peter Domanig, einem ehemaligen Konzernleitungsmitglied der Implenia, verpflichtet er einen neuen CEO, der seinen Konzern in die Spitzengruppe der Immobilienbranche führen soll. «Wir wollen einen hohen ethischen Ansatz haben», gelobt Domanig, «wir wollen eine Unternehmenskultur mit hohem Standard aufbauen.» Priora sei ein «Synonym für Kundenorientierung und Zuverlässigkeit», verkündet er. Das Gelöbnis wirkt besänftigend.

Doch Priora-Alleinaktionär Stoffel hat nach wie vor mit schwerwiegenden Folgen vergangener Geschäfte zu tun, die er so schnell nicht vergessen machen kann. So liegt gegen ihn nun eine Anklageschrift wegen des Verdachts von Vermögens- und Konkursdelikten der Bündner Staatsanwaltschaft vor, die sich mit seiner Sanierer­tätigkeit bei einem Geschäft im Engadin beschäftigt (Az. W.2007/3695/ME). Ein weiteres Strafverfahren gegen ihn ist bei der Staatsanwaltschaft Zürich pendent (Az. STA III/B-1/2007/421).

Bei der Abteilung Strafuntersuchungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) wird auch gegen ihn wegen des Verdachts der «fortgesetzten Hinterziehung grosser Steuerbeträge und/oder Steuerbetruges» ermittelt (Az. DB-190/KRH 2611). Alle diese Verfahren und Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, es gilt die Unschuldsvermutung. Und der Prüfkonzern PwC hat für Stoffels Konzern sehr bedenkliche Risiken vermerkt.

Übernahme-Poker. Der Einsatz der beiden Ex-Implenia-Männer Bubb und Domanig in der Stoffel-Gruppe hat eine illustre Vorgeschichte. In den Herbst­tagen 2008 führte der damalige Implenia-Manager Domanig den aufstrebenden Bündner Unternehmer Stoffel bei seinem Verwaltungsratspräsidenten Anton Affentranger ein. Domanig war damals daran interessiert, den Implenia-CEO Christian Bubb zu beerben, der altersbedingt ausscheiden und in den Verwaltungsrat wechseln sollte. Und Affentranger wehrte sich damals gegen eine feindliche Übernahmeattacke des britischen Hedge Fund Laxey.

Affentranger setzte unter anderem auf den Schutz durch die Lex Koller, die ausländischen Investoren den Grundstückserwerb in der Schweiz einschränkt. Mit Staunen nahm die Implenia-Führung damals zur Kenntnis, dass Stoffel die Real-Estate-Abteilung ihres Konzerns kaufen wollte. Sie war zudem irritiert, weil Stoffel offensichtlich eine Connection zum führenden Manager Domanig hatte, und sie fragte sich auch, woher Stoffel so viel Geld auftreiben könne. Die Implenia-Führung spielte zunächst auf Zeit und lehnte diese Idee schliesslich ab.

Bei der Implenia witterte man aber eine Gefahr: Stoffel könnte sich mit Laxey verbünden und dem Hedge Fund als Steigbügelhalter dienen. Der Implenia-Verwaltungsrat, der das Unternehmen geschickt gegen die Take-over-Avancen verteidigte, drehte gegen­über Stoffel den Spiess um und offerierte nun dem Bündner eine Übernahme von dessen Firmengruppe.

Stoffel zeigte sich offen und gewährte eine erste Due-Diligence-Prüfung. Das Resultat begeisterte die Implenia-Leute allerdings nicht, sie waren allenfalls an Stoffels Facility-­Management-Geschäft interessiert. Zwischenzeitlich kam es zu Turbulenzen in den Führungszirkeln der Implenia. ­Spesen- und Beraterrechnungen wurden geprüft. Als Domanig klargemacht wurde, dass er nicht Nachfolger von Bubb würde, kündig­te er.

Bubb durfte nicht in den Verwaltungsrat einziehen und wurde mit 66 Jahren in die Pension entlassen. Domanig und Bubb erklären heute gegenüber BILANZ, die damaligen Übernahmepläne Remo Stoffels nicht gekannt zu haben. Jedenfalls war Stoffel von den beiden begeistert und rekrutierte sie für seine Gruppe. Nun verantworten Bubb und Domanig die Geschäfte der neuen Stoffel-Gruppe. 400 Mitarbeiter, 620 Millionen Franken Umsatz und ein Immobilienportfolio im Wert von 500 Millionen Franken – so stellen Stoffels Manager dessen neues Imperium vor. Aus der Avireal AG, der Hauswart-Gesellschaft am Flughafen in Kloten, wird die Priora Facility Management.

Aus der Winsto AG, Stoffels Immobilienfirma, wird die Priora Immobilien AG. Die Immobilien, darunter der einstige Bürokomplex der untergegangenen Swissair am Balsberg, werden in die neue Liegenschaftengesellschaft «durchtransferiert». Und die erst Anfang 2010 erworbene Firmengruppe des St.  Galler Generalunternehmers und Projektentwicklers Peter Mettler wird in die Priora Generalunternehmung und die Priora Projektentwicklung umfirmiert. Mit der neuen Gruppe werde ein Milliardenumsatz angepeilt.

Das Organigramm wird bereits auf Powerpoint-Dias präsentiert, aber bei der Umsetzung knirscht es gewaltig. Die Priora Immobilien AG ist im Handelsregister noch gar nicht eingetragen. Ein Mediensprecher vertröstet: «Dieser Vollzug erfolgt bis 1.  Juli 2011.»

Enttäuschter Ex-Partner. Bei der Generalunternehmung kam es ebenfalls zu Verzögerungen. Dort gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen Stoffel und dem St.  Galler Unternehmer Mettler. Der Ex-Eigentümer sollte für ­eine Übergangsperiode noch mitwirken und nach einer vereinbarten Restzahlung ausscheiden. Mitte Februar beendete Peter Mettler endlich sein Engagement mit Stoffel. Er beklagt, dass er dabei grosse Verluste in Kauf genommen habe, um langwierigen Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen.

«Mit Herrn Stoffel werde ich nie mehr Geschäfte machen», resümiert Mettler heute verbittert, «ich will ihm auch nie mehr begegnen.» Eine weitere Auseinandersetzung, die erst kürzlich bekannt wurde, wird voraussichtlich im Sommer vor dem Bezirks­gericht Maloja verhandelt. Stoffel ist dort von der Staatsanwaltschaft Graubünden wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung, der Gläubigerschädigung und der Gläubigerbevorzugung angeklagt. Es geht dabei um den Konkurs des Cafés Puntschella in Pontresina und der Puntschella Produktion ­Gianda AG sowie den Privatkonkurs des Cafébetreibers.

Stoffel soll sich gemäss Anklageschrift seit Sommer 2004 um die finanzielle Sanierung der Betriebe gekümmert haben. Er habe dazu den Bankverkehr für die Firmen abgewickelt. Als die Firmen Anfang 2005 ihre ­Insolvenz erklärten, sollen den Gläubigern beträchtliche Vermögenswerte entzogen worden sein. Im Wissen um den bevorstehenden Konkurs habe Stoffel die Gläubiger geschädigt. Sie hätten gesamthaft einen Verlust von mehr als zwei Millionen Franken erlitten. Auch dieses Verfahren ist noch nicht abgeschlossen, auch hier gilt die Unschuldsvermutung.

Unterdessen zeigten sich auch die Revisoren vom Prüfkonzern PwC von ihrer giftigen Seite. Bereits im Juni 2007 wiesen die Prüfer Stoffel in ihrem obligatorischen Management-Letter auf einen «allfälligen Verstoss gegen Artikel 680 Abs. 2 des Obligationenrechts» hin. Der Artikel verbietet unter dem Titel des «Verbots der Einlagenrückgewähr» den Aktionären, eingezahlte Beträge oder einbezahltes Aktien­kapital zurückzuerstatten. Die freundlichen Warnhinweise blieben jedoch lange Zeit folgenlos.

Erfolglos blieben zunächst auch die Bemühungen der Buchhalter der Genfer Avireal-Tochter, notwendige Belege von Stoffel oder dessen Notar zu erhalten. Ende Januar 2008 meldete ein verzweifelter Finanz­manager der Avireal: «Wir haben bis jetzt nichts gehört, nichts erhalten.» Inzwischen schrieben die Revisoren Klartext. Am 14.  Oktober 2010 verfassten sie ihr Prüfungsurteil für die Jahresrechnung 2009 der Avireal. Darin machten sie zunächst «darauf aufmerksam, dass die Generalversammlung nicht innerhalb der gesetzlichen Frist von sechs Monaten nach Abschluss des Geschäftsjahres» ­abgehalten wurde. Und sie verwiesen in ihrem Prüfungsurteil ausdrücklich auf die Strafuntersuchungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV).

Wesentliche Unsicherheit. Der Ausgang dieser Untersuchungen sei «mit einer wesentlichen Unsicherheit verbunden, deren Einfluss auf die Jahresrechnung zum heutigen Zeitpunkt nicht abschliessend beurteilt werden kann». In einem weiteren warnenden Hinweis merken die Prüfer an: «Die Gesellschaft weist Forderungen gegenüber ihrer Muttergesellschaft, der Ability AG, im Umfang von 195,7 Millionen Franken sowie eine Forderung gegenüber der Gruppengesellschaft Winsto AG in der Höhe von 104,3 Millionen sowie der XO Holding in der Höhe von 15,4 Millionen aus. Es liegt ein möglicher Verstoss gegen Artikel 680 des Obligationenrechts (Verbot der Ein­lagenrückgewähr) vor.»

Der Verwaltungsrat sei hingegen der Meinung, dass kein Verstoss vorliege, weil die Absicht bestehe, «die Beträge im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen an die Avireal AG zurückzuzahlen». Der Avireal-Verwaltungsrat erklärt zwar, er habe den Fall von Steuerspezialisten beurteilen lassen und sei der Ansicht, dass die gemachten ­Anschuldigungen ­einer konkreten rechtlichen Prüfung nicht standhielten. «Damit die Fortführung der Konzern­gesellschaften nicht gefährdet ist», so vermerken die ­Revisoren jedoch, «wurde von Stoffels ­Immobiliengesellschaft ­Wins­to AG eine Solidarbürgschaft in der Höhe von 81,35 Millionen Franken zugunsten der ESTV ausgestellt.»

Die «allfälligen Nachsteuerforderungen» bezifferte die Steuerverwaltung laut einem Entscheid des Bundesstrafgerichts vom Oktober 2010, welcher der BILANZ vorliegt, ­immerhin auf 151,35 Millionen Franken (Az. BV.2010.14). Peanuts für Remo Stoffel, wenn man die ­rasante Entwicklung seiner Gruppe ­betrachtet. Ein Priora-Mediensprecher beziffert den Marktwert ihrer Immobilien heute auf 500 Millionen Franken. «Er ist belastet mit rund 300 Millionen Franken Hypotheken», erklären Stoffels Manager. Der Marktwert sei durch ein Gutachten der Immobilienexperten von Wüest & Partner bestätigt.

Somit erlebten diese ­Liegenschaften innert weniger Jahre eine enorme Wertsteigerung. Denn im Januar 2005 bewertete sie Ernst & Young laut einem Gutachten, das der ­BILANZ vorliegt, auf 348,5 Millionen Franken. «Die in der Zwischenzeit erfolgte Wertsteigerung entspricht der generellen Wertsteigerung der Immo­bilien im Grossraum Zürich», erklärt ein Priora-Mediensprecher. Also ­alles ganz normal.

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