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Nicht tragbar – das Drama um den WEF-Chef

Die Themen der Woche: die Epstein-Connection von Borge Brende sowie die Mega-Vergütung für Novartis-Chef Vas Narasimhan.

Dirk Schütz

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Seit am Samstag das norwegische Nachrichtenportal e24 nach Durchforsten der neuen Epstein-Datenladung seine Story über die engen Kontakte von WEF-Chef Borge Brende zu dem Sexualstraftäter brachte, stand fest: Er ist nicht mehr tragbar. Die einzige Frage war: Abrupter Schlussstrich mit einem Rest von Würde – oder demütigende Rückzugsgefechte, die das Affären-durchschüttelte WEF weiter in den Abgrund ziehen?

Der Norweger entschied sich, in bester Skandaltradition des Schreckensjahres 2025, für das Drama – und folgt damit nicht wirklich dem hehren Motto des WEF: «Committed to improving the state of the world». Jetzt hat die weltumspannende Genfer Organisation einen Vorsteher, der nachweislich ein – milde formuliert – taktisches Verhältnis zur Wahrheit pflegt. Er habe mit Epstein «nie etwas zu tun gehabt», hatte er dem norwegischen Blatt Aftenposten im November diktiert – eine glatte Lüge, wie der intensive Austausch via Mail, SMS und Abendessen in der Epstein-Villa zeigt. Dass er behauptet, er habe nichts von den Machenschaften des verurteilten Sexualstraftäters gewusst, ist eine Schutzbehauptung mit Selbstzerstörungs-Funktion: Sollte die Aussage tatsächlich stimmen, hätte er sich allein schon mit seinem Nichtwissen als Chef der wichtigsten Wirtschafts-Plattform der Welt disqualifiziert - sein letzter Kontakt mit Epstein fand kurz vor dessen Inhaftierung 2019 statt. Ein Schlüsselpartner des WEF ist seit Jahren Microsoft. Dessen Gründer Bill Gates hatte bereits Ende 2014 den Kontakt mit Epstein komplett abgebrochen – wie viele andere Wirtschaftsführer auch.

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Da passt Brendes Aussage gegenüber dem Stiftungsrat ins Bild: Er habe das «Senior Forum Leadership» über seine Treffen mit Epstein informiert - den WEF-Gründer und damaligen Chairman Klaus Schwab. Psychologisch könnte man hier vom Versuch eines «erweiterten Suizids» sprechen, umgangssprachlich auch Mitnahme-Selbstmord. Doch auch der gelingt nicht. Schwab bestreitet vehement, von Brende jemals über diese Treffen informiert worden zu sein, und angesichts der strikten Regeln des WEF mit Partnerschafts-Verbindungen klingt das glaubwürdig. Schwab droht sogar mit einer Klage wegen Ehrverletzung. Jetzt liegt die Beweislast bei Brende. Eben, diese Prognose sei gewagt: Überstehen kann er das nicht.

Stiftungsrat-Reputation

Und das führt zum Stiftungsrat, dem mal wieder nichts anderes einfiel, als eine externe Untersuchung zu lancieren, bereits die dritte nach den beiden zehrenden Verfahren zur WEF-Kultur und zu angeblichen Verfehlungen des Gründers vom letzten Jahr. Doch was soll hier untersucht werden? Die enge Verbindung zwischen Brende und Epstein lässt sich in den Epstein-Files detailliert nachlesen, und neue Dokumente wird das US-Justizministerium kaum einer Schweizer Kanzlei aushändigen, so gross ist die Freundschaft zwischen den vermeintlichen Sister Republics dann doch nicht. Und auch wenn die Beziehung von Brende zu Epstein keine strafrechtliche Relevanz hat, so disqualifizieren ihn sein Umgang mit dem Sexualstraftäter inklusive zweideutiger Andeutungen und seine Falschaussagen schon jetzt für den Führungsjob. Selbst wenn er beweisen könnte, dass er Schwab informiert hat, würde das an seinem Fehlverhalten nichts ändern. Doch für die Beweisführung müsste er einen Beleg vorlegen, und das ist ein binärer Vorgang: Er hat ihn - oder er hat ihn nicht. Der Stiftungsrat könnte ihn einfach vorladen und befragen. Da braucht es keine weitere Untersuchung, die unnötig neue Stiftungsgelder verschlingt.

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So verschleppt der überdimensionierte Rat mit seinen 27 Mitgliedern nur die Krise, und das wird zunehmend gefährlich – öffentliche Figuren wie Ajay Banga (Weltbank), Kristalina Georgieva (IWF), Ngozi Okonjo-Iweala (WTO) oder Singapurs Präsident Tharman Shanmugaratnam leben auch von ihrem intakten Ruf. Schon bei dem erfolglosen Putsch gegen den Gründer Schwab im letzten Jahr waren sie nur Mitläufer der Rädelsführer Brabeck (Ex-Nestlé), Buberl (Axa) und eben Brende. Jetzt braucht es eine rasche Lösung, notfalls auch nur interimistisch, das muss auch den Brende-Vertrauten um Buberl und Co-Präsident Hoffmann klar sein. Neu-Stiftungsrats-Mitglied Hildebrand fällt als Feuerwehr-CEO schon deshalb aus, weil er wie Co-Präsident Fink bei Blackrock arbeitet. Einfachste Lösung: Der verdiente Alois Zwinggi, seit 15 Jahren Mitglieder der Geschäftsleitung und Vertreter der Schweizer Seite, eventuell in Kombination mit dem tschechischen COO Mirek Dusek (der allerdings als starker Brende-Loyalist gilt). Die Zeit drängt.  

Kein Signal von Heimatliebe

Und wo wir schon bei suboptimaler Kommunikation sind: 25 Millionen für Novartis-Chef Narasimhan? Es werden Erinnerungen wach an «Super-Dan» Vasella, der den jungen McKinsey-Amerikaner einst zum Novartis-Wechsel inspirierte und dessen Gesundheits-Konglomerat in den letzten Jahren von ihm abgewrackt wurde.

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Gewiss, das Rekordsalär ist Folge des Rekordgewinns und der starken Kurssteigerung, die Formel wurde von den Aktionären sauber abgesegnet und würde bei starkem Gewinn- und Kurseinbruch heftig in die Gegenrichtung ausschlagen – so soll es nach dem Lehrbuch sein. Dennoch bleibt ein schales Gefühl. Novartis gilt als Inbegriff des von heimischen Niederungen abgekoppelten Weltkonzerns und bildet im rechten Lager die beliebteste Zielscheibe für unschweizerische Manager-Umtriebe, angeblich geführt von Ausländern mit minimaler Swissness. Stimmt zwar so nicht, aber passt bestens ins Narrativ. Da sind 25 Millionen in einem Jahr, in dem Narasimhan der Schweiz mit höheren Medikamentenpreisen droht, kein PR-Signal für Heimatliebe. 

Nächste Woche: Nestlé-Hoffnung L'Oréal

Nestlé meldet sich erst übernächste Woche mit seinen heiss ersehnten Zahlen und Strategieplänen, doch indirekt erwartet die Aktionäre schon nächsten Donnerstag ein Signal: Dann vermelden die Kosmetik-Könige von L’Oréal ihr Zahlenwerk – sie sind sozusagen Nestlés Rückversicherung.

20,1 Prozent hält der Nahrungsmittelriese an dem Pariser Konzern, die Beteiligung steht mit 8,8 Milliarden Franken in den Büchern, ist am Markt aber gegen 45 Milliarden wert. Ein Abstossen würde den Verschuldungsgrad drastisch senken. Steht zwar aktuell kaum zur Debatte, bleibt aber ein beruhigendes Gefühl.

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Dirk Schütz
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