Seit Jahren tun sich Schweizer Unternehmen schwer, den Frauenanteil in Führungspositionen und Verwaltungsräten zu erhöhen. Immerhin lässt sich auf VR-Level in den vergangenen sechs Jahren eine leichte Steigerung des Frauenanteils von 10 auf 16 Prozent ausmachen.
Doch das reicht noch lange nicht, findet der Schweizerische Arbeitgeberverband und nimmt nun die Personalberater in die Pflicht: Ein «Code of Conduct» soll Headhunter dazu verpflichten, ihre Kunden vermehrt auf Vorteile der Gender Diversity hinzuweisen und mindestens eine Frau auf der Shortlist zu präsentieren.
Nicht die Lösung des Problems
Ein Blick in Schweizer Beraterbüros zeigt, dass viele seit längerem gut aufgestellt sind. Die Initiative sei ein guter Vorstoss, aber nicht die Lösung des Problems: «Es liegt in erster Linie an den Unternehmen, die Frauen zu fördern, nicht nur an uns», sagt Philippe Hertig von Egon Zehnder. Das international tätige Unternehmen hat den Verhaltenskodex schon vor über einem Jahr eingeführt. Dass nun unter den Beratern ein Gerangel um die besten weiblichen Kandidaten ausbricht, glaubt Hertig nicht. «Die wirklich guten Kandidatinnen in der Schweiz haben mit Sicherheit schon ein VR-Mandat, und für unsere Suchen schauen wir uns immer auch international um.»
Mehr Wettbewerb unter den Headhuntern könne nicht schaden, findet Guido Schilling: «Er macht die Besten noch besser.» Der Berater setzt sich seit Jahren für Frauen in Führungspositionen ein: «Seit zehn Jahren beschäftigen wir eine Person, die sich ausschliesslich um die Suche nach weiblichen Kandidaten kümmert.» Oft liege es an den Unternehmen, ihr Anforderungsprofil zu vergrössern, um überhaupt Kandidatinnen präsentiert zu bekommen.
Konstruktiver Ansatz
Als einen konstruktiven Ansatz bezeichnet Philippe Tschannen die Initiative. «Aber allein mit der Erhöhung des Anteils der weiblichen VR-Mitglieder ist noch nicht viel gewonnen.» Der Partner von Heidrick & Struggles erlebt, dass Unternehmen immer öfter eine Auswahl an Kandidatinnen und Kandidaten vorschreiben. Eine gute Entwicklung, denn der Aufholbedarf auf Topmanagement-Ebenen sei viel grösser. Tschannen sieht die Verantwortung bei den Unternehmen: «Wenn sich der Anteil an Frauen in C-Level-Positionen erhöht, wirkt sich das automatisch positiv auf die Diversität in den Verwaltungsräten aus.»
Wo in Firmen und in welchen Branchen die meisten Frauen anzutreffen sind, sehen Sie in der Bildergalerie:
Wo in Firmen die meisten Frauen anzutreffen sind:Damit Frauen in die Chefetagen aufsteigen können, braucht es einen Talentpool. Wie gross dieser ist, untersucht der aktuelle Schilling-Report. Die Branchen im Überblick:
Immobilienfirmen weisen den höchsten Frauenanteil von allen Schweizer Unternehmen in der Belegschaft auf (45 Prozent). Weibliche CEOs gibt es aber keine in der Branche. RMS Versicherungen verfügen über eine breite Basis: 43 Prozent der Belegschaft ist weiblich. Über alle Ebenen ist der Frauenanteil grösser als im Durchschnitt aller befragten Unternehmen. RMS Auch in der Bankenbranche ist das Potenzial in der Belegschaft überdurchschnittlich, das schlägt sich allerdings noch nicht in den oberen Etagen nieder. Lediglich in den Verwaltungsräten sind Frauen besser verteten (22 Prozent Verwaltungsrat, 9 Prozent VR-Präsidium) als im Durchschnitt aller Schweizer Firmen. Einbezogen wurden 23 Banken, darunter die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse. RMS Der Blick auf die Verteilung von Frauen im gesamten Durchschnitt der befragten Konzerne: Es zeigt sich, dass in den Top-Etagen noch deutlich weniger Frauen verteten sind als in der breiten Basis. 107 der 200 grössten Schweizer Unternehmen haben mitgemacht. RMS Die Industrie weist eine interessante Verteilung auf: Trotz geringer Basis nähert sich das mittlere und das Top-Management dem Gesamtdurchschnitt an. Es gelingt den Unternehmen offenbar gut, ihre Talente zu nutzen. RMS In der Medien- und Informatikbranche sind Frauen im mittleren und Top-Management vergleichsweise gut vertreten (22 Prozent). Auf Ebene der Geschäftsleitung sind es noch 10 Prozent, darüber gibt es keine Frauen mehr. Die Zahlen sind vergleichsweise hoch, vor allem, da der Anteil an Frauen in der Belegschaft nur bei 35 Prozent liegt. RMS In der Transport- und Logistikbranche arbeiten überdurchschnittlich viele Frauen in der Führungsetage. Von den sechs Unternehmen, die an der Umfrage teilnahmen, hat eines einen weiblichen CEO: Susanne Ruoff bei der Schweizerischen Post. Die Daten weisen eine untypische Verbreiterung nach oben hin auf. RMS Detailhändler und weitere Konsumgüterunternehmen fallen in dieses Branchencluster. In keiner anderen Branche arbeiten so viele Frauen in der Belegschaft - der Anteil verjüngt sich allerdings mit steigender Hierarchiestufe deutlich. RMS Im Bereich Life Sciences, also Chemie-, Pharma-, Medtech- und Biotechunternehmen - haben durchschnittlich viele Frauen angestellt. Im mittleren Management und Topmanagement schlägt dieser Anteil aussergewöhnlich hoch durch. Die Branche zeigt gute Voraussetzungen für einen steigenden Frauenanteil auf höchster Ebene. RMS Bei den Unternehmensdienstleistungen haben fünf Konzerne ihre Daten eingereicht. Keines hat einen weiblichen CEO oder Verwaltungsratpräsidenten. Ingesamt liegt der Frauenanteil bei 50 Prozent. RMS Besondere Unternehmen im Überblick: Alle fünf grossen bundesnahen Unternehmen haben an der Erhebung teilgenommen. Es zeigt sich, dass vor allem das mittlere Management zum Durchschnitt abfällt. Da eine der Firmen von einer Frau geführt wird – die Schweizerische Post von Susanne Ruoff - ergibt sich ein hoher weiblicher Anteil auf der CEO-Ebene. RMS Der Durchschnitt der SMI-Firmen bildet dagegen annähernd den Gesamtdurchschnitt ab. Allerdings werden alle SMI-Firmen von einem Mann geführt. RMS Bei den Unternehmen in der öffentlichen Hand ist das Potenzial leicht unter dem Durchschnitt, dafür sind Frauen in der Geschäftsleitung und auf CEO-Ebene stärker vertreten als im Gesamtvergleich. RMS Der Frauenanteil an der Belegschaft der Kantonalbanken ist mit 45 Prozent leicht überdurchschnittlich. Bei den Führungspositionen fallen sie allerdings gegenüber den Gross- und Privatbanken zurück.
Guido Schilling RMS