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Martin Ebner: Forcierter Muskelaufbau

Vor drei Jahren stand Martin Ebner vor dem Bankrott. Heute sitzt das Wunderkind der Schweizer Finanzbranche schon wieder auf einem Finanzpolster von gegen einer halben Milliarde Franken.

Von Jörg Becher
11.04.2006

Wäre «Aktiensparen» keine Strategie zur Rentensicherung, sondern ein Sport, hätte der BZ-Gründer im Verlauf seiner wechselvollen Laufbahn gleich zwei Trenddisziplinen klar dominiert. Der Name Ebner steht nicht nur für die spektakulärste «Direttissima», die einem Schweizer Geschäftsmann seit dem Zweiten Weltkrieg geglückt ist. Auch in umgekehrter Richtung, beim Durchmessen beachtlicher Fallhöhen, hat es der Mann mit dem Propeller-Logo zu höchsten Stilnoten gebracht. Stellt sich die Frage: Wie lässt sich eine derart erfolgreiche Doppelkarriere noch toppen?

Dass die höchsten Gewinne jeweils dort winken, wo auch das Risiko am grössten ist, weiss man nicht erst, seit der aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammende Broker Mitte der achtziger Jahre zu seiner historischen Kletterpartie ansetzte. Den Ehrgeiz, es einmal bis ganz nach oben zu schaffen, hatte der Sohn eines Tiefdruckretoucheurs und einer gelernten Krankenschwester schon während seiner Ausbildung zum Doctor of Philosophy erkennen lassen. Bereits als Student hielt Ebner nach lukrativen Marktnischen Ausschau und liess deshalb in Steinhausen ZG eine Aktiengesellschaft mit Namen Patinex ins Handelsregister eintragen. Gedacht war die Firma als Plattform, um steuergünstig mit allerlei Patenten, etwa aus dem Bereich der Maschinenindustrie, zu handeln. Weil sich der angehende Wirtschaftsjurist jedoch alsbald gewinnträchtigeren Aktivitäten zuwandte, liess er die Gesellschaft in der Folge links liegen und nutzte sie in späteren Jahren bisweilen nur noch als diskretes Aktiennebendepot.

Den überwiegenden Teil seines in Rekordzeit angehäuften Privatvermögens – Aktienbeteiligungen, die auf dem Höhepunkt seiner Karriere einen Marktwert von weit über fünf Milliarden Franken repräsentierten – bunkerte Ebner in seiner 1988 gegründeten BZ Gruppe Holding. Erst nach deren Totalausverkauf, zu dem sich der Financier im Zuge des Börsenkrachs der Jahre 2001/2002 gezwungen sah, erwachte Patinex zu neuem Leben. Mit neuer Geschäftsadresse in Freienbach SZ dient die vormalige Patenthandelsfirma als Ersatz für die zerschlagene BZ Gruppe Holding. Unter ihrem Dach gruppieren sich heute die Überbleibsel des einstmaligen Milliardenimperiums.

Um seinen Traum vom schnellen Geld zu verwirklichen, vertraute Ebner schon früh auf die Hebelwirkung, die sich mit Aktienoptionen und dem Einsatz von Fremdkapital erzielen lässt. Zusammen mit Rosmarie, einer Schneiderstochter aus Rapperswil, die er in der Primarschule kennen gelernt und später zur Frau genommen hatte, deklarierte er 1994 zwar erst ein Reinvermögen von 46 Millionen Franken. Dass die Zahl auf dem amtlichen Steuerausweis nur bedingt auf die wahren Besitzverhältnisse des Paares schliessen liess, war Eingeweihten allerdings schon damals klar. Zwei Jahre später stand rechts unten auf der Steuererklärung der Ebners denn auch bereits eine dreistellige Nettoziffer: 566 Millionen Franken. Und 1997 sprengte der Geschäftserfolg dann jeden gewöhnlichen Zählrahmen: Der von Ebner angezettelte Raid auf die «Winterthur» liess den Börsenwert der Versicherung innert Monaten explodieren und spülte der BZ-Gruppe einen Spekulationsgewinn in der Grössenordnung von einer halben Milliarde Franken in die Kassen. Im selben Jahr leiteten Ebner und seine Mitstreiter 723 Millionen Franken «erfolgsabhängige Managementgebühr» auf ihre eigenen Konten um.

1997 war für Ebner auch in psychologischer Hinsicht ein Schlüsseljahr. Mit der Übernahme der «Winterthur» durch die CS-Gruppe sei ihm der «Durchbruch» gelungen, gab sich der Financier im Rückblick überzeugt. «Als Rainer Gut sagte, er wäre froh, wenn ich im CS-Verwaltungsrat mitarbeiten könnte, war das eine unmissverständliche Information an den Markt», erklärte Ebner im Gespräch mit der Mitarbeiterzeitung von ABB, kurz nachdem er es zwei Jahre später in den Verwaltungsrat des schwedisch-schweizerischen Technologiekonzerns geschafft hatte. «Wir sind enorm erfolgreich gewesen und haben in einem Ausmass Geld verdient, wie das auf der ganzen Welt bisher nur selten möglich gewesen ist», diktierte Martin Ebner der ABB-Hauspostille. «Was die Gewinnmaximierung angeht, meine ich, sollte man sich stets im roten Bereich des Tourenzählers befinden» (siehe BILANZ 10/2002).

An dieses Motto hielt sich Ebner auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als die Börsenkurse nur noch eine Richtung kannten – nach unten. Hatte sich der Aktienhändler hinsichtlich der im Publikum gestreuten «Visionen» stets für eine konservative Finanzierungspraxis ausgesprochen, setzte er sich, was die Rekapitalisierung seines privat kontrollierten Aktienimperiums anging, über jede Vorsichtsmassnahme hinweg. In der Hoffnung auf einen bevorstehenden Börsenaufschwung nahm Martin Ebner bei seinen Gläubigerbanken immer höhere Lombardkredite in Anspruch und schrieb gleichzeitig Millionen von Put-Optionen, um neues Geld in die Hände zu bekommen. Von Betriebsoptimismus und gewagten Trendannahmen geblendet, trieb Ebner den Leverage in seiner Finanzgruppe in derart luftige Höhen, dass ihm, als die erhoffte Trendwende auf sich warten liess, nichts anderes übrig blieb, als seine Gläubiger auf bessere Zeiten zu vertrösten.
Wie dramatisch es um den Bergkameraden stand, der den Adrenalin-Kick zu lange gesucht und damit seinen eigenen Absturz provoziert hatte, brachte sein langjähriger Freund und Geschäftspartner Christoph Blocher im November 2002 in einem Interview mit dem Magazin «Persönlich» auf den Punkt: «In einer solchen Situation kann man nichts mehr empfehlen», meinte Blocher auf die entsprechende Frage. «Die Banken setzen Ebner das Messer an den Hals, mit der Forderung, das Geld sofort zurückzuzahlen – was er momentan nicht kann.»

Mit welchen Argumenten es dieser neun Monate später dennoch geschafft hat, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und seine Kreditgeber im In- und Ausland zu einem Forderungsverzicht von rund 650 Millionen Franken zu bewegen, wird wohl immer sein Geheimnis bleiben. Auch Ebners Kunststück, Landbesitz in Österreich im Wert von Dutzenden von Millionen Franken erfolgreich vor dem Zugriff der Banken zu schützen, entzieht sich rationalen Erwägungen. Sicher scheint immerhin, dass Christoph Blocher über seine Privatholding Emesta dem befreundeten Aktienhändler, dem er einen Teil seines respektablen Vermögens verdankt, im entscheidenden Moment einen Überbrückungskredit im Umfang von 200 Millionen Franken zukommen liess. Dieses Darlehen ermöglichte es Ebner, sein bei den Banken hinterlegtes Mehrheitspaket an der Immobiliengesellschaft Intershop auszulösen und somit auf gesicherter Basis weiterzugeschäften. Bis zum Begleichen der betreffenden Summe blieb eine entsprechende Anzahl Intershop-Aktien bei der Emesta als Sicherheit hinterlegt.

Hält man sich an Ebners Diktion, dann hat der in Not geratene Extremkletterer inzwischen «alle Schulden zurückbezahlt». Dass er sich jüngst eine schwächelnde Airline zugelegt hat und diese anscheinend aus der Portokasse bezahlen konnte, lässt gleichwohl aufhorchen. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet Ebner im Stillen an seinem Comeback. Und wie es scheint, hat es der Financier mit dem ungebrochenen Gipfelinstinkt erneut um eine ordentliche Anzahl Seillängen nach oben geschafft. Nach dem Kursfeuerwerk der vergangenen Monate drängt sich da die Frage auf, wie viele Millionen der Ex-Milliardär bereits wieder akkumuliert haben könnte.

Da Ebner heute nur noch über Bruchteile seines früheren Imperiums verfügt, ist die Rechnung relativ schnell gemacht; auch wenn sich der Robin Hood der Aktionäre hinsichtlich seiner eigenen Besitztümer schon immer bedeckt gab. Im Portefeuille von Ebners Privatholding Patinex stellt die Intershop-Beteiligung von 47,6 Prozent nach wie vor das gewichtigste Asset dar. Weil Ebner alles daransetzt, finanziell möglichst rasch an Muskulatur zuzulegen, erstaunt es nicht, dass er die Gesellschaft in diesem Sinne einzusetzen versucht. Kurt Schiltknecht, der den Intershop-VR präsidiert, hilft ihm dabei. Der renommierte Geldtheoretiker und Buchautor («Corporate Governance: Das subtile Spiel um Geld und Macht») kommt den Liquiditätsbedürfnissen seines Hauptaktionärs mit einer «generösen Ausschüttungspolitik» («NZZ») entgegen. Es mache wirtschaftlich «keinen Sinn, Kapital auf Vorrat zu halten», liess Schiltknecht unlängst gegenüber den Medien verlauten. Nach Ankündigung einer Dividendenverdoppelung, die den Aktionären in Form einer «spektakulären Rendite» («Finanz und Wirtschaft») von 7,2 Prozent zugute kommt, stellt der Intershop-Präsident auch für die kommenden Perioden in Aussicht, «Fettpolster» in Form einer allzu reichlichen Eigenkapitalausstattung abzubauen. An der Börse ist Intershop derzeit mit 575 Millionen Franken bewertet (per 31. März), womit das von Ebner kontrollierte Aktienpaket rein rechnerisch einen Marktwert von etwas mehr als 270 Millionen Franken aufweist.

Zweitwichtigster Aktivposten ist die Beteiligung am Zürcher Rückversicherungskonzern Converium. Bei konservativer Bewertung der von Ebner gehaltenen Optionen hat diese einen Marktwert von 140 Millionen Franken. Dazu kommen Landreserven in Österreich, die im Fall einer Veräusserung zwischen 50 und 100 Millionen Franken einspielen dürften. Umfangreiche Industrielandparzellen südlich von Wien, die Ebner 1989 für 13 Millionen Franken erwarb, dürften heute locker vier- bis fünfmal so viel wert sein. Von den insgesamt 250 Hektaren auf dem Gebiet der Gemeinden Berndorf und Leobersdorf, die der BZ-Banker aus den Verhandlungen mit seinen Gläubigern heraushalten konnte, entfallen über 500 000 Quadratmeter auf attraktiv gelegenes, voll erschlossenes Bauland.

Zählt man die drei wichtigsten Positionen im Vermögensaufbau zusammen, ergibt sich ein Wert in der Grössenordnung von einer halben Milliarde Franken. Dabei sind Ebners Mehrheitsbesitz an der BZ Bank und weitere Engagements wie dasjenige bei Saurer oder beim Zürcher Flughafenbetreiber Unique in dieser groben Überschlagsrechnung noch nicht einmal enthalten. Wie viel eigenes Geld der Aktienhändler in die beiden Firmen investiert hat, ist schwer zu sagen. Aus der Tatsache, dass im Patinex-Portefeuille bisher weder Saurer- noch Unique-Aktien aufgetaucht sind, kann man allerdings schliessen, dass es sich bei den betreffenden Engagements wohl überwiegend um Kundengelder handelt.

Offen ist auch, wer an der «grossmehrheitlich» von Martin und Rosmarie Ebner beherrschten ehemaligen Zuger Patenthandelsfirma allenfalls sonst noch beteiligt sein könnte. Ein paar wenige Prozent des Patinex-Kapitals werden wohl auf den Schweden Johan Björkman entfallen, der an der Seite von Martin Ebner (VR-Präsident) und dessen Kompagnon Kurt Schiltknecht – wie ehemals bei der BZ Gruppe Holding – den dreiköpfigen Verwaltungsrat bildet. Laut einer Quelle aus dem unmittelbaren Umfeld des Aktienhändler-Ehepaars sollen sich «über 90 Prozent» der Patinex-Anteile im Besitz von Martin und Rosmarie Ebner befinden. Vertrauensbildend wirkt auch, wenn aus dem Inneren des Systems verlautet, dass sich der Financier bei seinen privaten Investments neuerdings auf eine Fremdkapitalquote von einem Drittel beschränke. Bei Vermögenswerten in Gesamthöhe von geschätzten 600 Millionen Franken beläuft sich der aktuelle Nettobesitzstand des Paares – selbst bei Erreichen dieser selbst auferlegten Schuldenlimite – somit auf rund 400 Millionen Franken.

Ob Ebner bereits über das nötige Kleingeld verfügt, um nach dem kürzlich er folgten Helvetic-Einstieg demnächst bei einem weiteren Unternehmen als Grossaktionär auf den Plan zu treten? Etwa beim Basler Chemiekonzern Lonza, dessen Präsidium der Mann mit der Fliege bekanntlich schon einmal besetzt hielt. «Herr Ebner hat schon einiges an Lonza-Aktien», weiss der aktuelle VR-Präsident Rolf Soiron. Und er fügt scherzhaft bei: «Wenn er noch mehr Lonza-Aktien kaufen würde, bekämen wir vielleicht verbilligte Flugtickets bei Helvetic.»

Dass Martin Ebner den Auftrag hat, für die in Besitz der Ems-Chemie befindlichen Lonza-Aktien einen Abnehmer zu finden, ist seit geraumer Zeit bekannt. So wie es heute aussieht, liess sich für die zuletzt auf 18,4 Prozent der Aktienstimmen bezifferte Beteiligung aber kein Interessent beibringen, der bereit gewesen wäre, das Paket en bloc zu übernehmen. Möglicherweise wählt Ebner nun einen andern Weg, um die Titel aus dem Bestand der Blocher-Kinder portionenweise über den Markt zu verkaufen. Wie jedenfalls der Handelsstatistik der Schweizer Börse SWX zu entnehmen ist, besteht seit ein paar Wochen rege Aktivität bei dem Titel. Dies hat zur Folge, dass gegenwärtig ungewöhnlich grosse Stückzahlen von Lonza-Aktien – viele davon ausserbörslich – auf den Markt kommen. An einzelnen Tagen wechseln so Dividendenpapiere für über hundert Millionen Franken die Hand.

Auch wenn die Umplatzierung der Titel noch im Gang ist, gibt es Anzeichen dafür, dass die Blocher-Kinder vorerst nur einen Teil ihrer Beteiligung weiterreichen und mit einem Paket von über fünf Prozent mittelfristig als Lonza-Teilhaber dabeibleiben werden. VR-Präsident Rolf Soiron macht jedenfalls kein Hehl daraus, dass ihm eine Konstellation mit «vier oder fünf sichtbaren Shareholdern» am liebsten wäre. Und wenn einer davon Martin Ebner hiesse? «Mir sind alle Aktionäre recht», sagt der promovierte Historiker, der für den Top-Job seinerzeit von keinem anderen als Ebner angeworben worden ist (siehe Gespräch mit Rolf Soiron).

Ein Typ wie Ebner, erklärt der Spartenleiter einer Zürcher Privatbank, sei letztlich «viel ehrlicher als die ganzen Ospels, Vasellas und Kielhölzer, die ständig davon reden, dass sie ihre Riesensaläre ‹verdient› hätten.» Man kann dem rastlosen Financier vieles vorwerfen. Nur nicht, dass er keine Risiken persönlich eingeht. Hätte er über genügend Kapitalreserven verfügt, seine Positionen in der Baisse der Jahre 2001 bis 2003 durchzuhalten, stände er heute noch besser da als vor fünf Jahren. Ebners Grundstrategie, Aktien in Schwächephasen zu kaufen, um sie allenfalls später, wenn die Kurse gestiegen sind, teuer weiterzureichen, ist ebenso banal, wie sie ihren Befolgern immer wieder verblüffende Erfolge beschert. Seine Performance auf lange Sicht verbessern kann der Optionenspezialist vom oberen Zürichsee trotzdem. Etwa wenn sich Ebner bei aufziehenden Börsengewittern in Zukunft an die Maxime der Alpinsportler hält: Anseilen!

Kaum vorstellbar, doch im Rahmen seines Comebacks ist es dem sechzigjährigen Broker gelungen, sein Akkumulationstempo nochmals zu steigern. Benötigte er bis zur ersten Milliarde rund zehn Jahre, hat Ebner die halbe Wegstrecke im zweiten Anlauf in weniger als drei Jahren hinter sich gebracht. Zwei weitere exzellente Börsenjahre würden genügen, und der Innerschweizer hätte die erste Vermögensmilliarde bereits wieder voll. «In der nächsten Baisse halbiert sich sein Vermögen wieder», sagt ein selbständiger Vermögensverwalter und relativiert damit den erstaunlichen Wiederaufstieg Martin Ebners. Wetten, der strebt eine neue persönliche Bestleistung an?

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