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Machtnetz von Fulvio Pelli und Georges Theiler: Die Richtungswahl

Fulvio Pelli oder Georges Theiler? Bei der Wahl des neuen FDP-Präsidenten entscheidet sich die Partei vorab zwischen «links» und «rechts». Das zeigt die Analyse der Seilschaften.

Von red
26.01.2005

It’s lonely at the top»: eine banale Erkenntnis, von der Randy Newman singt. Dass an der Spitze die Einsamkeit droht, gilt überall. Aber wohl nirgends so wie in der Politik, und in der Schweizer Politik für keine Partei so wie für die FDP. Dieses Konglomerat von Querköpfen, Einzelgängern und Sonderinteressenvertretern zerfleischt sich intern und verirrt sich extern. Der Parteipräsident steht machtlos verloren zwischen verfeindeten Fronten. Nicht zuletzt diese Einsamkeit führte dazu, dass Rolf Schweiger an seiner Aufgabe zerbrochen ist und dass die FDP Schweiz innert vier Jahren zum vierten Mal einen Präsidenten suchen muss.

In welchen Beziehungsnetzen hängen Fulvio Pelli und Georges Theiler, die beiden Nationalräte, die diesmal zur Auswahl stehen? Wer stösst sie an die Spitze, wer hängt von ihrer Gunst ab, mit wem tauschen sie sich aus? Wer sind ihre Vertrauten, Einflüsterer, Vordenker? Wer Eingeweihten diese Fragen stellt, erlebt immer das Gleiche: Alle verfallen in tiefes Sinnieren, einige erbitten sich gar Bedenkzeit, keiner nennt schliesslich Namen. Anders als vor einem Jahr, als sich die beiden Zentralschweizer Schweiger und Theiler gegenüberstanden, geht es diesmal in der FDP Schweiz um eine Richtungswahl. Mehr oder weniger Staat? Mehr oder weniger Öffnung gegenüber Europa? Mehr oder weniger Nähe zur SVP? Die Antwort auf diese Fragen – plus in Spezialfällen das eigene Karrierekalkül – bestimmt über die Wahl: Kaum jemand lässt sich davon leiten, dass er oder sie für einen der beiden Kandidaten besondere Sympathie empfindet oder ihm überlegene Kompetenz zugesteht.

Das fällt besonders bei Georges Theiler auf. Der ehemalige Bauunternehmer sitzt in Verwaltungsräten des Aargauer Medienmoguls Peter Wanner und macht in der Luzerner Fasnachtszunft zu Safran mit. Dazu sagen ihm Fraktionskollegen eine gute Einbindung in den Innerschweizer Block mit dem Nidwaldner Edi Engelberger oder der Urnerin Gabi Huber nach. Aber sonst unterstützt ihn nur, wer Pelli ablehnt. Auf Widerstand stösst dieser vor allem in der Bundeshaus-Fraktion, die sich gemäss Eingeweihten heute nicht mehr für den Tessiner als Chef entscheiden würde: Um den «Linken» Pelli zu verhindern, forderte eine Mehrheit, angeführt vom Aargauer Philipp Müller, vom St. Galler Peter Weigelt und vom Zürcher Filippo Leutenegger, per Brief einen Deutschschweizer als Parteipräsidenten. Dafür wiederum bezeichnete sie der Genfer John Dupraz als «Arschlöcher».

Während Georges Theiler so nur als Rammbock der einen Front erscheint, schaffte es Fulvio Pelli zumindest zeitweilig, Verbündete wie Ständerat Fritz
Schiesser, den Präsidenten der Findungskommission, oder FDP-Vizepräsident Léonard Bender, den starken Mann der Westschweizer, zu finden. Dies dürfte die Wahl im März für ihn entscheiden.

Die Tessiner Clans

Wer Fulvio Pelli verstehen will, muss sich auf die Eigenheiten der Tessiner Politik einlassen. Und auf die in inniger Feindschaft verbundenen freisinnigen Familienclans, die sie bestimmen. Papa Paride Pelli regierte Lugano 16 Jahre lang als Bürgermeister – gegen Ständerat Franco Masoni als Vertreter des wuchernden Finanzplatzes. Und auch ihre Nachkommen bekämpfen sich: Fulvio Pelli verlor 1987 seinen Sitz im Grossen Rat – an Marina Masoni. Doch Regierungsrat Claudio Generali aus dem dritten Clan fädelte die Wahl von Pelli zum FDP-Kantonalpräsidenten ein. Er verhalf ihm so dazu, dass er wieder in den Grossen Rat und später in den Nationalrat einzog. Und dass er letztes Jahr, gegen den Widerstand von Finanzdirektorin Masoni, das Präsidium der Kantonalbank erhielt.

In Bern spielt sich Pelli als Chef der Tessiner Abordnung auf und setzt sich für eine Vertretung seines Kantons im Bundesrat ein. Er unterstützte, obwohl er nur sich selber in diesem Amt sieht, die Kandidatur von SP-Staatsrätin Patrizia Pesenti, im Wissen um ihre Chancenlosigkeit. Die Ironie: Das Parlament würde kaum einen FDP-Präsidenten Pelli als Bundesrat wählen – die Bahn wäre frei für Masoni.

Das Zürcher Netz

Warum empfiehlt Doris Fiala den «Sympathieträger» Pelli als Präsidenten? Warum spricht sich die Präsidentin der FDP des Kantons Zürich für die Wahl des Tessiners aus, während die Deutschschweizer eine solche mit wenigen Ausnahmen – etwa der Linksauslegerin Christa Markwalder – unisono ablehnen? Ist der Grund dafür lediglich, dass ihr Kontrahent Filippo Leutenegger den Präsidenten Pelli verhindern will? Die ideologischen Differenzen mögen mitspielen, antreiben lässt sich die Zürcherin von der institutionellen Konstellation: Wenn Pelli vom Präsidium der Fraktion in jenes der Partei wechselt, rückt sein Vize Felix Gutzwiller auf. Der Zürcher Professor für Präventivmedizin und Multiverwaltungsrat könnte so seinen Einfluss verstärken – und dennoch alle seine kaum miteinander vereinbaren Posten behalten.

Die Innerschweizer Rache

Die Innerschweizer setzen sich nicht nur aus Regionalsolidarität für Theiler ein: Sie haben mit Pelli eine Rechnung offen. Bei der Bundesratswahl 2003 sorgte dieser nicht für ein ruhiges Erküren des neuen FDP-Vertreters, sondern mischte als Kandidat selber mit. Er blieb so lange im Rennen, bis der (von Theiler unterstützte) Ex-Parteipräsident Franz Steinegger draussen war.

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