Feintool hat es ganz bös erwischt. Der Bieler Auto­zulieferer mit Kunden auf der ganzen Welt musste zu radikalen Schnitten Zuflucht nehmen. Ende März dieses Jahres wird der Standort im solothurnischen Biberist geschlossen. Für die dort produzierten Plastik- und Metallkomponenten ist der Markt weg­gebrochen. Feintool-Chef Alexander von Witzleben redete kürzlich Klartext: «Mittelfristig besteht keine Aussicht auf neue Aufträge und auf eine Rückkehr in die Gewinnzone.» Auch im Bereich Automation sieht die Zukunft düster aus. Deshalb wird auch das Werk im bernischen Aarberg schon in diesem Monat dichtgemacht. Feintool-Chef von Witzlebens Diagnose ist kurz und brutal: «Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Schweiz.»

In der Schweiz baut Feintool ab, in China auf. «Momentan», sagt von Witzleben, «sehen wir in China ein Wachstum für unsere Branche.» Deshalb richte Feintool vor Ort eine eigene Produktion für das Autoteilegeschäft ein. Die anderen 15 Standorte weltweit werden beibehalten, Shanghai kommt neu dazu.

Die globale Automobilkrise hat die Schweizer Autozulieferer doppelt hart getroffen. Im Westen herrscht notorisch Überproduktion, zugleich wandert das Geschäft in den Osten ab. Vielen Firmen geht dies an die Existenz. Der Rekord bei den Firmenpleiten im letzten Jahr legt dafür ein beredtes Zeugnis ab. In der Zulieferbranche stehen 34  000 Arbeitsplätze zur Disposition. Viele sind schon verschwunden, weiteren droht dasselbe Schicksal. Für die Produktion einfacher Massengüter gibt es in der Schweiz keinen Markt mehr.
Die Krise fegte im Herbst 2008 wie ein Orkan durch die Schweizer Firmenlandschaft. Praktisch von einem Tag auf den andern brachen der Exportindustrie die Aufträge weg. Die Umsätze sanken in wenigen Monaten um 30 bis 40 Prozent. Die Krise erfasste fast alle Branchen – von den Autozulieferern über die Maschinenbauer bis zu den Uhrenmanufakturen. Die Arbeitslosenzahlen begannen zu steigen und damit die Angst vor einem Totalabsturz der Schweizer Wirtschaft.

Im April 2009 war die Marke von 136  000 Arbeitslosen erreicht, ein halber Prozentpunkt höher als im Dezember 2008. Damals betrug die Quote drei Prozent. Im Sommer dann, nachdem sich die Kurve vorübergehend abgeflacht hatte, warnten die Maschinenindustriellen und die Konjunkturauguren vor einer desaströsen Entlassungswelle im Herbst. Die Zahl der Arbeitslosen werde die Fünf-Prozent-Marke deutlich übersteigen, dies lasse den Konsum einbrechen und bringe die Binnenkonjunktur ebenfalls zum Absturz.

Überraschende Entwarnung. Doch dann kam die Entwarnung. Überraschend. Im September und Oktober ebbte die Entlassungswelle ab. Im Oktober stieg die Quote lediglich auf vier Prozent. Und bei der Vier vor dem Komma dürfte es bleiben. Der FAI-Indikator für die Arbeitslosigkeit hat schon Mitte Jahr gedreht (siehe Grafik «Arbeitslosigkeit sinkt» unten). Mit einem Vorlauf von rund sechs Monaten zeigt der von der Forschungsstelle Arbeitsmarkt und Industrieökonomie (FAI) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Basel entwickelte Indikator einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen an. Aber auch andere Indikatoren wie der Beschäftigungsindex der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH weisen darauf hin, dass der Abbau bei den Arbeitsplätzen zurückgeht. Positivere Werte als auch schon zeigt der neuste Arbeitsmarktbarometer von Manpower für das erste Quartal 2010. «In den meisten Wirtschaftssektoren sind die Beschäftigungsaussichten positiv und höher als im letzten Quartal», sagte Manpower-Chef Charles Bélaz anlässlich der Präsentation der Zahlen im Dezember.

Die Schweizer Wirtschaft hat wieder Tritt gefasst. Der vorlaufende Konjunkturbarometer der KOF zeigt seit Monaten unverändert nach oben, hat in jüngster Zeit an Dynamik jedoch etwas eingebüsst. Offiziell zu Ende war die Rezession nach vier Quartalen im Oktober des letzten Jahres. Sie ist im Vergleich zu anderen Industriestaaten, deren Output vier Prozent oder mehr sank, relativ milde ausgefallen. Minus 1,5 Prozent – auf diesen Wert kommen die meisten Prognostiker beim BIP für das Jahr 2009. «Es war eine milde Rezession», sagt Janwillem Acket, Chefökonom der Bank Julius Bär. Nur die KOF bleibt bei ihrer düsteren Prognose eines Rückgangs von 2,9 Prozent. Alle anderen Institute haben die Voraussagen für letztes Jahr nach oben revidiert (siehe Grafik «Erholung auf breiter Front» im Anhang).

Wie stark es 2010 aufwärtsgehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. «Im zweiten Halbjahr sehen wir eine Wachstumsdelle auf die Schweiz zukommen», sagt Jan A. Poser, Chefökonom der Bank Sarasin. Deshalb sehe es 2011 nicht mehr so rosig aus, die Wirtschaft wachse dann deutlich schwächer. Optimistischer sieht es die UBS. In diesem Jahr soll es um 1,7 Prozent aufwärtsgehen, 2011 gar um 2,1 Prozent.

«Die starke Binnennachfrage hat uns gerettet», sagt Bär-Ökonom Acket. Die Kaufkraft sei intakt gewesen, der Konsum habe gehalten. Hintergrund waren die weiter steigenden Löhne. Im letzten Jahr betrug der Lohnzuwachs real rund 1,5 Prozent, in diesem Jahr dürften die Saläre um ein Prozent steigen. Gemäss OECD wuchs die Konsumnachfrage in der Schweiz 2009 um satte 1,9 Prozent – ein stolzer Wert in der Rezession. 2010 indessen dürfte der private Konsum aufgrund der Jobunsicherheit weniger schnell wachsen. Prognostiker rechnen aber nach wie vor mit einer Zunahme von 0,6 bis 0,8 Prozent. Der starke Franken ist zwar Gift für die Exporte, aber Labsal für die Importe, die billiger werden.

Einwanderung belebt. Dass die Schweizer Wirtschaft sich schnell erholt, hat auch mit der Einwanderung zu tun. Trotz Rezession war der Wanderungs­saldo im letzten Jahr noch immer positiv. Damit stieg auch die Nachfrage nach Konsumgütern und Wohnungen weiter an. Kein Wunder deshalb, dass das an­haltende Wachstum der Bau- und Immobilienbranche markant zur Stabilisierung beitrug. Stützend wirkten auch die tiefen Zinsen. «Sie sind ein indirektes Konjunkturprogramm für den Bau», sagt Acket.

Eher zu den Skeptikern eines fulminanten Aufschwungs gehört Aymo Brunetti, Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Er räumt ein, dass das Seco mit seiner Prognose von 0,7 Prozent für dieses Jahr «eher auf der vorsichtigen Seite» sei. «2010 und auch 2011 dürften wir eine anämische Erholung erleben», sagt er weiter. Selbst die prognostizierte Verbesserung im kommenden Jahr auf knapp zwei Prozent sei kein normaler Aufschwung. «Eigentlich müsste die Konjunktur nach einem so tiefen Fall wie letztes Jahr mit etwa drei Prozent wachsen.» Aber nicht nur die Schweiz, sondern alle europäischen Länder würden derzeit weit unter ihrem Potenzial wachsen. Brunetti ist überzeugt, dass «wir nicht so schnell zur Normalität zurückkehren werden».

Von einem Rückfall in die Rezession nach einer kurzen Erholung redet derzeit aber niemand mehr. Auch Brunetti sagt: «In unserer aktuellen Prognose rechnen wir nicht mit einem Double Dip, wiewohl die Risiken noch gross sind, die von den Finanzmärkten ausgehen.»

Gefahrenherde. Unwägbarkeiten im aktuellen Wirtschaftszyklus, darüber sind sich alle Prognostiker einig, drohen von drei Seiten: Erstens haben die Banken noch immer toxische Papiere in Milliardenhöhe in ihren Bilanzen. Der sogenannte Deleveraging-Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Eine weitere Bedrohung geht vom Lagerzyklus aus. Die Firmen haben ihre leeren Warenlager bald wieder aufgebaut, die Nachfrage nach Industrieprodukten könnte in der Folge einbrechen. Und drittens laufen im kommenden Jahr die Konjunkturprogramme der Regierungen aus, was zu einem markanten Rückgang beim Konsum, aber auch in der Immobilienbranche führen könnte.

Jan A. Poser von Sarasin ist von einem nachhaltigen, aber moderaten Aufschwung überzeugt. «Der Staat», sagt er, «wird notfalls weitere Impulsprogramme auflegen, und die Notenbanken werden die Leitzinsen nicht so schnell erhöhen.» Jedenfalls ist bei den Industrieunternehmen rund um den Globus die Zuversicht zurückgekehrt. Der neuste KPMG Global Business Outlook Survey signalisiert ­robuste Wachstumsperspektiven für die Weltwirtschaft. Grosse Hoffnungen hegt Sarasin-Ökonom Poser insbesondere für die Schwellenländer: «Dort wird der Konsum anspringen und unsere Exportindustrie unterstützen.»

In der Tat überraschen die Schwellenländer. Dass sie den Konjunkturzyklus anführen, ist hinlänglich bekannt. Wie stark sie indessen wachsen, hat unter den Konjunkturspezialisten Verblüffung ausgelöst. Seit mehreren Jahren erzielen sie über 50 Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums. China und Indien steigern ihre Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um neun Prozent, der Rest von Asien brilliert mit über fünf Prozent. Aufgeholt hat auch Südamerika. «Es sind weitgehend strukturelle Faktoren, welche die Schwellenländer antreiben», sagt Poser. Aufgrund des starken Bevölkerungszuwachses brauchen die Schwellenländer mindestens ein ebenso grosses Wachstum, um den Lebensstandard zu halten. Doch vor allem die Übernahme westlicher Technologien führt zu extrem hohen Produktivitätsgewinnen.

Vor kurzem produzierte beispielsweise China noch Spielzeug, T-Shirts und andere Lowtech-Produkte. Doch nun drängen die Schwellenländer in den Hightech-­Bereich. Schon jetzt ist China der grösste Markt für Autos und Kühlschränke. Thailand übernimmt von Japan die Rolle als führender Hersteller von Digitalkameras der Oberklasse. Indische und mexikanische Konzerne bedrängen auf den Weltmärkten für Stahl und Zement die westliche Konkurrenz.

Boomende Freihandelszone. Per 1.  Januar ist die drittgrösste Freihandelszone, China und die Asean, aus der Taufe gehoben worden – mit einem Handelsvolumen von 470 Milliarden Dollar und traumhaften Wachstumsraten. Der Aufbruch in den Schwellenländern wird die globale Wirtschaft in den kommenden zehn Jahren grundlegend verändern – und dies nicht unbedingt zugunsten des Westens (siehe Grafik «Industriestaaten schwächeln» im Anhang). «Die Dinosaurier unter den westlichen Firmen werden die Verlierer sein», sagt Acket. Als Beispiel führt er das Gerangel um den Autobauer Opel an, das im Status quo endete und bei dem weder GM noch die deutsche Regierung eine gute Figur machten. Auch die Stützungsaktionen der Regierung Sarkozy dürften sich für die französischen Konzerne längerfristig als Bumerang erweisen. «Die wirtschaftspolitische Abschottung», so Acket, «ist nicht zukunftsfähig.»

Musterland Schweiz. Viel Lob dagegen spendet Acket der Schweizer Wirtschaft: «Die Schweiz ist ein schönes europäisches Alternativmodell.» Sie führe die europäische Art der Veränderung durch innovatives Wachstum vor. Die Schweiz habe ihre Industrietugenden wie Präzi­sion, Qualität und Service immer gepflegt und sich so auf den Weltmärkten halten und ihre Stellung ausbauen können. Nicht zuletzt dank fast einmalig guten Rahmenbedingungen.

Die Staatsverschuldung ist gering. Bund und Kantone haben – mit Hilfe der automatischen Stabilisatoren – die Haushaltsbudgets nicht ausufern lassen. Die Wirtschaftspolitiker haben ihre Hausaufgaben gemacht und «die Rahmenbedingungen in kleinen, aber sub­stanziellen Schritten verbessert», sagt Brunetti. Eine kohärente Wachs­tumspolitik, Schlankheitskuren für die Bürokratie, das Binnenmarktgesetz, die Reform der Unternehmenssteuern wie auch die Bilateralen zeigen jetzt Wirkung.

Die Schweiz ist aber auch wirtschaftlich für einen Aufschwung gut posi­tioniert. Sie hatte anders als die USA, England, Irland oder Spanien keine Immobilienkrise, und die Binnenwirtschaft stützte die Konjunktur. «Auch sind die Exporte stärker auf die Schwellenländer ausgerichtet als bei anderen Ländern», sagt Brunetti. Rund 20 Prozent aller Ausfuhren gehen nach Asien, in den Nahen Osten, nach Lateinamerika oder Afrika und fünf Prozent in die Transformationsländer (Osteuropa).

Überhaupt hat sich die Schweizer Wirtschaft in der jüngeren Vergangenheit als äusserst agil erwiesen und auf der ganzen Klaviatur wirtschaftlichen Schaffens gespielt. Vor gut zehn Jahren wurde der Schweizer Waggonbau definitiv be­erdigt. Doch aus der Asche der Vergangenheit entstand Stadler Rail im thur­gauischen Bussnang, ein KMU und Nischenplayer, der von Jahr zu Jahr ­bedeutender wird. Ein anderer Ost­schweizer Fabrikant, Bühler in Uzwil, ist beim Bau von Mühlen zum Weltmarktführer geworden.

«Sogar in der tot geglaubten Textil­industrie glänzen Schweizer Firmen mit Spitzenprodukten», sagt Acket. Beispielsweise Forster Rohner in St.  Gallen, die mit ihren Stickereien die französische Haute Couture beliefert. Oder die Firma Lantal in Langenthal, die hoch spezialisierte Industriestoffe wie schwer brennbare Textilien für Flugzeugsitze herstellt – mit Kunden rund um den Erdball.

Schweizer Firmen haben ganz unterschiedliche Geschäftsmodelle entwickelt, um sich in einem zunehmend kompetitiven Umfeld zu behaupten. Die grossen multinationalen Firmen wie Nestlé sind mit einer Doppelstrategie über Jahrzehnte hinweg erfolgreich gewesen. Auf der einen Seite forciert der Viviser Konzern Pre­mium-Marken wie Nespresso oder San ­Pellegrino, mit denen weltweit grosse Umsätze generiert werden. Auf der anderen Seite ist Nestlé im Massengeschäft regional und produktemässig breit diversifiziert, setzt auf hohe Qualität, agiert aber überall wie eine lokale Firma.

Die Nischenplayer sind oft kleine oder mittlere Firmen, die in ihrem Bereich zum Weltmarktführer avancierten. Das kleine, aber feine Genfer Unternehmen Charmilles etwa, eine Tochter des Schaffhauser Technologiekonzerns Georg Fischer, hat bei den Funkenerosionsmaschinen diesen Status erreicht. Zu Weltleadern haben es aber auch viele Marken gebracht. Swatch, Rolex oder IWC, die unter den Designer- und Luxusuhren eine Klasse für sich darstellen, oder Lindt, weltweit Symbol für Schweizer Premium-Schokolade.

Von der Schweiz aus agiert aber auch eine ganze Reihe von Kleinfirmen mit Weltruf. Der Messerhersteller Victorinox beliefert vom Kanton Schwyz aus die ganze Welt mit Schweizer Sackmessern – oft kopiert, aber nie erreicht. Zimmerli of Switzerland in Aarburg im Kanton Aargau, Produzent feinster Unterwäsche, betreibt keine einzige Nadel im Ausland und ist auf den Weltmärkten dennoch konkurrenzfähig. Und PB Swisstools fertigt im Emmental Schraubenzieher und andere Handwerkzeuge konkurrenzlos in ihrer Qualität – ebenfalls für den Weltmarkt.

Naheliegend ist deshalb: Die Schweizer Firmen dürften in ihrer Mehrheit gestärkt in den Aufschwung der Jahre 2010/11 gehen.

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