«In der Schweiz herrscht das Gefühl einer permanenten Wirtschaftskrise. Doch das Land leidet auf hohem Niveau. Ökonomen belegen: Es wird uns nie mehr wieder richtig schlecht gehen.»

Dieses Zitat aus BILANZ vom Mai dieses Jahres erfasst die real existierende Gefühlslage der Schweiz in beispielhafter Art und Weise. Zunächst die kollektive Wahrnehmung des Ungenügens, ja Abstiegs der Schweiz und ein dumpfes Gefühl der wirtschaftlichen Bedrohung. Unmittelbar gefolgt von selbst verabreichtem Trost: Wir leiden ja auf hohem Niveau, und schlecht gehen wird es uns ohnehin nie.

Es ist genau diese selbsttrügerische und auch ein bisschen selbstgefällige Haltung, die zu Trägheit statt Innovation führt. Not macht erfinderisch, heisst das Sprichwort. Nur muss man sie zuerst als solche wahrnehmen und jene enormen Kräfte entwickeln, die einen aus einer existenziellen Notlage, sei es als Bergsteiger in der Wand oder als Arbeitsloser in einer schwierigen Konjunkturlage, befreien. «Sense of urgency» nennen das die Amerikaner.

Einer der grössten Innovationsmythen der Neuzeit heisst Silicon Valley. In jenem 80 Kilometer langen Tal zwischen San Francisco und San Jose wurde vor wenigen Jahrzehnten jene Industrie geboren, die heute unter der Bezeichnung ICT (Information and Communication Technology) zu den bedeutendsten überhaupt gehört. Silicon Valley steht dabei für technologische Spitzenprodukte, unbändige Innovationskraft, positives Denken und Entrepreneurship, aber auch für die Fähigkeit, sich in schweren Zeiten immer wieder neu zu erfinden und aus der Krise gestärkt hervorzugehen.

Am Anfang des Silicon Valley stand ein Krise. 1969 stutzte das US-Verteidigungsministerium seine Ausgaben stark, Giganten wie der Flugzeugbauer Lockheed entliessen in Kalifornien Zehntausende von hoch qualifizierten Ingenieuren und Technikern, die angesichts des nur dürftig ausgebauten Sozialversicherungssystems darauf angewiesen waren, schnell etwas auf die Beine zu stellen. Als Chance erwies sich die Erfindung einer Basistechnologie: Gordon Moore, Andy Grove und Robert Noyce gründeten 1968 die Firma Integrated Electronics, kurz Intel, die es 1971 schaffte, den «Computer auf einem Chip» herzustellen. Auf der Grundlage dieses Mikroprozessors entwickelte sich die einmalige Innovations- und Wachstumsdynamik des Tals: Zwischen 1972 und 1986 wuchs die regionale Wirtschaft trotz Ölschock und anderen Rückschlägen im Schnitt um sieben Prozent pro Jahr – verglichen mit vergleichsweise mageren zwei Prozent der gesamten US-Wirtschaft. Ein Mythos war geboren, und bald war auch ein adäquater Begriff dafür gefunden: «Silicon Valley» als Bezeichnung weniger für einen Ort denn für ein Phänomen stammt aus diesen Gründerjahren. Der Journalist Don Hoefler beschreibt 1972 damit die moderne Goldgräberversion.

Im allgemeinen Aufschwung erstarken traditionelle Silicon-Valley-Unternehmen wie beispielsweise die im Jahr 1939 gegründete Hewlett-Packard. Es entstehen jedoch auch Tausende so genannter Gazellenfirmen, die teilweise stürmisch wachsen.

Der Aufstieg der jungen Industrie beziehungsweise seiner prominentesten Vertreter aus dem Tal verläuft dabei nicht linear, ganz im Gegenteil: Sie ist gezeichnet von schweren Einbrüchen, die mit schöner Regelmässigkeit auftreten, beispielsweise Ende der achtziger Jahre. Doch die Jungfirmen haben die ganz entscheidende Fähigkeit bewahrt, in der Not erfinderisch zu bleiben und sich stets neu auf den Markt auszurichten. Die Legenden aus dem Tal, zu denen Hewlett-Packard, Intel, Cisco, Oracle und viele mehr aus der ICT-Branche gehören, tragen in den späten neunziger Jahren fast zehn Prozent zum Bruttosozialprodukt der USA bei – bis im März 2000 die Internetblase platzt und das Tal jahrelang unter den wirtschaftlichen Folgen leidet. Mittlerweile steigt das Barometer wieder: Erfolgreiche Börsengänge wie etwa derjenige von Google, aber auch Hunderte von neuen Start-up-Unternehmen, insbesondere rund um die Nanotechnologie, zeugen von der wieder erwachten Dynamik und vom zähen Überlebenswillen.

Genügt Not, damit sich Innovation einstellt? Natürlich nicht. Ebenso wichtig sind das ökonomische System sowie die Einstellung der Menschen, die in Not geraten sind. Zum ökonomischen System gehören Ausbildungssystem, Risikokapital, Infrastruktur sowie spezialisierte Berufsgruppen wie Patentanwälte, Headhunter und Marketingexperten. Letztlich sind es Wissen und Bildung der einzelnen Menschen, die den Erfolg der Jungfirmen ausmachen. Das enorme Reservoir Tausender bestausgebildeter Ingenieure in der Geburtsstunde des Silicon Valley war mit Sicherheit die wichtigste Grundlage für die Geburt der jungen Industrie. Hinzu kommen die beiden nahe gelegenen Elite-Universitäten Stanford und Berkeley, die noch heute sehr eng mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. Auch die positive Einstellung der Menschen im Tal, der unternehmerische Geist und die Gründertradition hat sich bis in die Neuzeit gehalten: Google wurde bezeichnenderweise in einem Studentenwohnheim der Stanford University aus der Taufe gehoben. Gemäss einer Untersuchung dieser Universität streben 80 Prozent ihrer Absolventen die unternehmerische Selbstständigkeit an.

Neben diesem beträchtlichen Reservoir an Talentierten und Durchsetzungswilligen braucht es noch eine andere Ingredienz: Risikokapital. Von Beginn weg finanzierten wohlhabende Einzelpersonen die jungen Unternehmen, es entstand aber rund ums Valley auch ein neuer Zweig in der Finanzindustrie: Unternehmen für Venture-Capital, also Beteiligungsfirmen, sorgten für den notwendigen Treibstoff. Die legendärste ist die 1972 gegründete Kleiner Perkins Caufield & Byers. Sie stand Pate bei so prominenten Geburten wie Juniper, Genentech, Macromedia und Google.

Was bedeutet das nun für die Schweiz? Auffällig ist, dass auch wir mit den eidgenössischen technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne zwei Ausbildungsstätten haben, die den Vergleich mit den US-Instituten nicht zu scheuen brauchen. Mit den Fachhochschulen und unserer Lehrlingsausbildung verfügen wir zudem über eine starke und breitenwirksame Basisausbildung. Auch Kapital war und ist mit Sicherheit genügend vorhanden: Die Schweizer Finanzindustrie gehört zu den leistungsfähigsten und kapitalkräftigsten überhaupt.

Trotzdem lässt es sich nicht wegdiskutieren: Das Silicon Valley in Kalifornien ist nicht das Limmattal, und ein Hauptgrund liegt im eingangs zitierten Satz beziehungsweise der damit verbundenen Einstellung. Aber ist es tatsächlich so sicher, dass es uns in der Schweiz immer gut gehen wird? Nein. Sowohl relativ als auch absolut gesehen, stimmt das nicht. Setzt man die Schweiz in Relation zu anderen Ländern, muss man feststellen, dass es uns relativ gesehen immer schlechter geht. Mitte der siebziger Jahre, genau zu jenem Zeitpunkt, als das Silicon Valley so richtig zu boomen begann, lag das reale Bruttoinlandprodukt pro Kopf in unserem Land noch 50 Prozent über dem OECD-Durchschnitt. Seither ging es kontinuierlich bergab, denn unser Wachstum liegt klar unter dem Durchschnitt. Wir sind dringend auf mehr Wachstum und deutliche Produktivitätssteigerungen angewiesen. Nicht nur, damit wir im Vergleich zu anderen Nationen besser dastehen, sondern auch, damit grundlegende Konzepte und Kernideen unseres nationalen Systems weiterbestehen können. Wenn wir nicht wachsen und die Produktivität deutlich steigern, dann sind beispielsweise unsere nach dem Krieg eingeführten Sozialwerke gefährdet. So rechnet Nationalbank-Chef Jean-Pierre Roth vor, dass heute rund vier Personen im Erwerbsalter für eine Person über 64 Jahre aufkommen müssen. Dieses Verhältnis wird sich in 25 Jahren halbieren: Ab 2030 müssen weniger als zwei Personen im Erwerbsalter für eine Person über 64 aufkommen. Ohne Wachstum müssten diese zwei Personen dann das Doppelte abgeben, oder die Rentner müssten auf die Hälfte der heutigen Leistungen verzichten. Der wirtschaftliche Abstieg nähme dramatische Ausmasse an, grundlegende Revisionen unseres gesellschaftlichen und politischen Systems wären unvermeidbar.

Solche Projektionen lassen die Tatsache, dass die Schweiz die Geburt der neuen Industrie ICT weitgehend verpasst hat, als tragisch erscheinen und machen klar, dass Wachstum und Produktivitätssteigerungen die einzigen probaten Mittel sind, um unseren Wohlstand zu wahren und fundamentale Erschütterungen unseres politischen und gesellschaftlichen Systems zu vermeiden.

Was ist zu tun? Ein Abrücken von der Wohlstandsillusion ist der erste Schritt. Wir leben von der Substanz und – im Hinblick auf unsere Schuldenberge – auf Kosten der zukünftigen Generationen. Zweitens sind die bekannten, nicht schmerzlosen Massnahmen wie Strukturreformen, konsequente Wachstumspolitik, eiserne Sparpolitik bei Bund und Kantonen mit Beschneidung traditioneller Pfründen und anschliessender Senkung der Staatsquote umzusetzen. Drittens schliesslich werden sich auch die Unternehmen noch konsequenter auf den rauen Wind der globalisierten Wirtschaft einzustellen haben, etwa durch produktivitätssteigernden Einsatz von Informatikmitteln. Und auch hier wird mit einer Illusion aufzuräumen sein: Die hohe Durchdringung der Schweiz mit Personalcomputern und Breitbandanschlüssen ans dem Internet ist zwar wichtig, aber nicht per se gleichzusetzen mit dem intelligenten Einsatz von Informatikmitteln. Die Latte liegt hier deutlich höher.

Muss uns bange sein in der Schweiz? Ja – wenn uns Not nicht bald erfinderisch macht. Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Medien ist es und wird es in Zukunft vermehrt sein, die Lage der Schweiz zwar ohne Panikmache, aber ungeschminkt, differenziert und mit allen potenziell negativen Konsequenzen darzustellen, um jenen kollektiven Aufbruchsgeist zu schaffen, der zur Geburt des Silicon Valley geführt hat.

Urs Fischer ist Country General Manager von Hewlett-Packard (Schweiz).

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