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Hier schreibt der Chef: Ohne Risikokapital kein Wachstum

Eine Risikokapitalindustrie existiert in der Schweiz kaum. Statt zukunftsträchtige Wachstumsbranchen zu unterstützen, lenkt die Politik die Kapitalströme in den Staat.

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Im letzten Vierteljahrhundert war die Schweizer Wirtschaft mit ihrem bescheidenen Wachstum das Schlusslicht der hoch entwickelten OECD-Länder. Als einziges OECD-Land vermochte die Schweiz das reale Pro-Kopf-Einkommen zwischen 1990 und 2000 nicht zu steigern. Über die Gründe der Wachstumsschwäche sind in den letzten zehn Jahren viele Analysen gemacht worden. Dabei wurden folgende Schwachstellen identifiziert:

  • Im europäischen Vergleich hat die Schweiz die höchste Erwerbstätigenquote, und die Schweizer arbeiten viel. Aber die Arbeitsproduktivität ist schlecht.
  • Nur Japan hat ein im Vergleich zum Bruttoinlandprodukt (BIP) noch höheres relatives Preisniveau als die Schweiz.
  • Die tiefe Arbeitsproduktivität und die hohen Preise sind die Folge einer fatalen Wirtschaftspolitik, die ganz auf die Erhaltung des Besitzstands ausgerichtet ist und nicht für die Zukunft vorsieht – eine Politik, die sich auf die Verteilung des Kuchens konzentriert und sich wenig um die Wertschöpfung kümmert.
  • Der Staat zeigt sich freigiebig bei den Sozialversicherungen, luxuriös bei den Gesundheitsausgaben, grosszügig bei der Bildung und verschwenderisch bei der Landwirtschaft.
  • Gemäss Pisa-Studie erhält unser Bildungssystem die Note «genügend bis gut». Auch im Schweizer Bildungswesen ist Besitzstandwahrung ein Hindernis für die dringend notwendige Revitalisierung und Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Gymnasien, Fachhochschulen und Universitäten.
  • Die Schweizer Ausgaben in Forschung und Entwicklung sind rückläufig. In der Informations- und der Kommunikationstechnologie sowie in der Biotechnologie, den zwei Bereichen mit dem grössten Zukunfts- und Wachstumspotenzial, sind öffentliche Forschungsinstitute nur wenig präsent. Dabei wäre der komparative Vorteil in der Biotechnologie eindeutig.
  • Ein Hindernis ist auch die im Vergleich zu anderen Ländern ungeschickte Einwanderungspolitik. Der Saldo der Humankapitalverkehrsbilanz mit dem Ausland ist negativ geworden – Brain-Drain droht: Bestausgebildete emigrieren, Unausgebildete immigrieren.

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Auf der Suche nach den Ursachen für die Schweizer Wachstumsschwäche bin ich auf eine weitere, entscheidende Erklärung gestossen:

  • Die Schweiz spart zu viel, aber investiert zu wenig.
  • Die Schweiz hat fast keine Risikokapitalbanken, keine Institute zur Vermittlung von Risikokapital.

Das amerikanische Pro-Kopf-Einkommen wächst seit 25 Jahren – insbesondere aber seit rund 15 Jahren – stärker als das schweizerische. Geht man den konkreten Faktoren des amerikanischen Wachstumserfolgs nach, finden sich dort als die wichtigsten Wachstumsmotoren Gesellschaften wie Microsoft, Intel, Cisco, Google, Genentech, Amgen, also vorwiegend Vertreter der beiden Wachstumssektoren Informationstechnologie und Biotechnologie.

Alle diese Wachstumsträger benötigen Venture-Capital, also Risikokapital. Die erwähnten Gesellschaften hatten jahrelang darüber verfügt, bis sie auf eigenen Beinen standen. Die USA haben, was uns fehlt:

eine institutionalisierte Risikokapitalindustrie mit Hunderten von Venture-Capital-Gesellschaften. Wir haben zwar sehr viele Banken, unser Gesetzgeber hat aber nur an das Sammeln von Ersparnissen und das Vermitteln von Krediten gedacht. Wir haben in Kontinentaleuropa nur Kreditinstitute, keine Risikokapitalbanken. Die ersten zaghaften Versuche, Risikokapitalgesellschaften in der Schweiz zu gründen, sind etwa zehn Jahre alt.

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Die Schweiz gehört als Herkunftsland von Risikokapital zu den besten Ländern der Welt und rangiert mit Rang 6 weit vor den USA mit Platz 18. Ihre Stellung als Verwalterin von Risikokapital ist allerdings mit Position 12 im Vergleich zu den USA auf Platz 2 bedeutend schlechter, und als Zielland von Risikokapital rangiert die Schweiz mit Rang 16 im letzten Drittel, während die USA an zweiter Stelle stehen. Dies bedeutet: Nur ein ganz kleiner Teil des in der Schweiz gesammelten Risikokapitals wird auch in der Schweiz investiert. Unsere Vermögensverwaltungsbanken, Pensionskassen und Rentenanstalten senden ihr Risikokapital mangels entsprechender Schweizer Institute in die angelsächsischen Länder! Überspitzt formuliert: Die Schweiz spart, aber investiert nicht. Die USA investieren, aber sparen nicht.

In der Schweiz gibt es potenziell nicht weniger Unternehmer als in anderen Ländern. Es ist eine Frage der Anreize. Ohne Risikokapital lassen sich keine Unternehmen aufbauen. Eine kürzlich erhobene Umfrage des Schweizerischen Instituts für Klein- und Mittelunternehmen der Universität St. Gallen ergab, dass zwei Drittel der 3300 befragten Studenten von einer eigenen Firma träumen. Als grösster Hemmfaktor wurde das fehlende Risikokapital genannt. Innerhalb der OECD-Länder Europas belegt die Schweiz bei den Neugründungen in Relation zu den bestehenden Unternehmen denn auch nur den 13. oder zweitletzten Platz.

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Mit ihren hohen Kosten hat die Schweiz im weltweiten Konkurrenzkampf nur eine Chance, wenn sie in den Schlüsseltechnologien einen Spitzenplatz einnimmt und behauptet. Forschung und Entwicklung erfordern aber gewaltige Summen und jahrelange Anstrengungen. Technologischer Fortschritt ist kapitalintensiver geworden.

Dieses Kapital fehlt aber wegen der gewaltigen Umlenkung der Kapitalströme in den letzten Jahrzehnten. Ein immer grösserer Strom fliesst zum Staat. Der Staat lenkt diese Mittel vorwiegend in den Konsum. Ein noch grösserer Geldstrom führt die Ersparnisse – zum Teil staatlich erzwungen – zu Spartöpfen wie Pensionskassen, Rentenanstalten und AHV, die von Beamten unter «konservativen Vorschriften» verwaltet werden. Jene Pensionskassenmanager, die fortschrittlich denken, finden in der Schweiz nur wenige Risikokapitalgesellschaften und investieren deshalb die für alternative Anlagen reservierte Quote vorwiegend in US-Venture-Capital.

Will die Schweizer Wirtschaft wachsen, muss sie in Forschung und Entwicklung an der Spitze mitmachen, bei der Umsetzung des in der Forschung neu gewonnenen Wissens in neue Produkte und Dienstleistungen, also in der Innovation, führend sein und riesige Summen Risikokapital in neue Unternehmen investieren, und zwar im vollen Bewusstsein, dass viele von ihnen auf der Strecke bleiben werden. Sie muss sich daran gewöhnen, bei Investitionen in Zeiträumen von fünf bis zehn Jahren zu denken und nicht in den Quartalen der Finanzpresse.

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Die Schweizer Wirtschaftspolitik unterstützt aber schwache Wirtschaftssektoren mit abnehmender Wertschöpfung, Sektoren der Vergangenheit und kranke Unternehmen. Gleichzeitig hinterlässt sie ein hohes Staatsdefizit und hohe soziale Verpflichtungen, die nur finanzierbar sind, wenn das Volkseinkommen mindestens zwei Prozent pro Jahr wächst. Um aber zu wachsen, muss ein grösserer Prozentsatz unserer Ersparnisse in direkt produktive, zukunftsträchtige Investitionen im eigenen Land kanalisiert werden.

Dies erfordert die Einsicht bei den Verwaltern der grossen Spartöpfe, allen voran der Pensionskassen, der Renteninstitute und der AHV, dass die besten Renditen nicht im Interesse ihrer Mitglieder sind, wenn diese mangels Direktinvestitionen keinen Arbeitsplatz finden. Konkret müssten solche Institute einen gewissen Prozentsatz – in den USA sind das fünf bis sieben Prozent – ihrer Mittel in die Wirtschaft und in direkt produktive Anlagen zurückfliessen lassen.

Wichtigste Voraussetzung, dass Pensionskassen direkt produktive Investitionen in die Schweizer Wirtschaft machen können, sind Intermediäre für Risikokapital, also Risikokapitalbanken oder Risikokapitalgesellschaften mit Fachleuten, die Investitionen in zukunftsträchtige Jungunternehmen beurteilen können. Diese verteilen die Investitionen und Risiken auf eine grosse Anzahl von Unternehmen, wodurch das Risiko auch für Pensionskassen vertretbar wird.

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Der Schweizer Steuermann, der Fiskus, hat eine klare Präferenz für Kredite. Diese sind oft steuerlich abzugsfähig, während der Ertrag aus Aktienkapital zweimal besteuert wird. Schon bei der Gründung verlangt der Staat eine Stempelsteuer aufs Aktienkapital (über 250 000 Franken), was in kapitalintensiven Bereichen wie der Biotechnologie grosse Summen verschlingt. Versucht eine Risikokapitalgesellschaft, unter dem neuen Bundesgesetz über die Risikokapitalgesellschaften vom Jahr 2000 diese Stempelsteuer zu sparen, muss sie den Bericht einer Revisionsgesellschaft vorlegen, der aber so viel kostet, dass der Vorteil der Steuerersparnis dahinschmilzt.

Damit in der Schweiz eine Risikokapitalindustrie entsteht, sind gleich lange Spiesse wie in angelsächsischen Ländern erforderlich: keine Stempelsteuer, keine Doppelbesteuerung bei Bund, Kantonen und Gemeinden und Entlastung der Jungunternehmer von der bürokratischen Papierlawine. Die Entstehung solcher Risikokapitalintermediäre ist die Voraussetzung, dass institutionelle Anleger ihre Mittel in die Zukunft unseres Landes investieren können.

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