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Hier schreibt der Chef André von Moos, Unternehmer: Faszination des Neuanfangs

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise / und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen / Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise / Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. (Hermann Hesse, «Stufen»)

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Längst sind die Zeiten vorbei, als mir meine Sekretärin die tägliche Post öffnete und mir jeden Morgen, immer pünktlich zur selben Zeit, den Kaffee servierte. Es fehlen heute die Assistenten und Berater, die früher unaufhörlich damit beschäftigt waren, die Wünsche und die Meinung dem Chef von den Lippen abzulesen, um diese dann auf ihre Weise wiederzukäuen. Es fehlt der Chor der Applaudierer, und die Galerien, auf denen früher die Zuschauer einem zuwinkten und zujubelten, sind längst leer. Die zahllosen Einladungen, zu denen ich geladen war und von denen ich mir eingebildet habe, diese hätten etwas oder viel mit der Wertschätzung für meine Person zu tun, treffen nicht mehr ein. Und manch einer, der vorher höflich grüsste, schaut heute offenherzig weg. Und das jährlich wiederkehrende Zeremoniell des Erntedankfestes, nämlich das Gespräch um die Endjahresprämie, die lobenden Worte des Verwaltungsrates und das joviale und kumpelhafte Auf-die-Schultern-Klopfen des Rats der Weisen bleiben aus.

Es wurde ruhig nach meinem Ausstieg aus der ehemaligen Familienfirma im Jahr 1997. Was mache ich jetzt nur den ganzen Tag lang? Wie werde ich mein Brot für mich und meine Familie künftig verdienen? Ich kann doch mit 48 Jahren nicht einfach warten. Warten – auf was eigentlich? Auf die verpasste Pensionierung? Gibt es möglicherweise Chancen, die ich im Gedränge innerhalb des goldenen Käfigs noch nicht wahrgenommen habe, Potenzial in mir, das ich noch nicht umsetzen konnte? Muss es künftig nach dem (psychologischen) Musterverhalten des «mehr desselben» gehen, soll ich also wieder eine Position als Nummer eins in einem System anstreben, Sicherheit suchen, dem Applaus nacheifern? Oder: Darf es auch mal etwas ganz anderes sein, etwas Neues nämlich?

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«Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben» (Hermann Hesse, «Stufen»). Doch ohne Trauer, ohne Schmerz ist Abschied nicht zu haben, und ohne Tapferkeit und Mut die neue Stufe nicht zu erklimmen. Menschwerdung und Aufbruch geht nur über die Geburt, und Geburt bedeutet Enge und Schmerz, setzt Geduld voraus. Manche Nacht verbrachte ich damit, der Ursache auf die Spur zu kommen, auf das Warum Antworten zu finden: Was habe ich falsch gemacht? Wie wäre es gekommen, wenn ich mich an dieser Sitzung im Verwaltungsrat oder an jenem Gespräch mit den Banken anders verhalten hätte? Und nach den Antworten folgten wuchtig die Vorwürfe. Am Morgen war das Aufstehen eine Qual, und Kopf wie Seele kreisten noch immer wie ein Adler, der nach seiner Beute Ausschau hält, um sich jäh nach unten zu stürzen und das Wild zu jagen. Doch all diese Ursachenforschung war folgenlos. In der Realität bewegte sich gar nichts: Meine Energien waren dadurch blockiert und für einen Neuanfang nicht einsetzbar.

Der Abschied von Bewährtem und Bekanntem und der Aufbruch zum Ungewissen vollzog sich auch nicht über Nacht, sondern nur im Schritttempo. Ja, die Zeit heilt Wunden, und der Nacht folgte – anfangs kaum spürbar – die Dämmerung. Im Kampf der vegetativen und emotionalen Kräfte starben langsam die Bindungen zum lieb gewordenen Vergangenen, und ich spürte zusehends die Lust und den Wunsch aufzubrechen. Bewegung – Jogging, Langlauf oder Tennis – bewegte in der Folge mein Gemüt. Was ich mir nie im Leben und schon gar nicht als CEO der ehemaligen Familienfirma Von Moos vorstellen konnte, wurde – zuerst im Kopf – Wirklichkeit: Ich werde künftig mit Edelholz arbeiten, von null auf etwas starten, ganz allein aus mir heraus. Nicht «mehr desselben» wollte ich, Neues suchte ich, weil mich das faszinierte.

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Doch wohin führt der Weg? Die Suche nach sich selbst, nach dem Ochsen, wie das die Zen-Meister nennen, führt über verzweigte Wege. Mancher Wolf lauerte hinter der grossen Eiche, als ich, das Rotkäppchen, durch den Wald ging. Und ich erkannte den Wolf im Schafspelz mehr als einmal erst, als er mich bereits verschlungen hatte und ich den Einzahlungsschein für seine Dienste am Schreibtisch ausfüllte. Den richtigen Weg findet man vielfach erst nach Irrwegen. Doch wie wahr ist das Sprichwort «Wer sucht, der findet». Wenn ich etwas gefunden habe, so habe ich dies gespürt – als Freude, als Kraft und als Zufriedenheit.

An einem Samstag fuhr ich mit meiner Gattin für einen Stadtbummel im Pendolino nach Mailand, ausser der Kreditkarte hatte ich nichts dabei. Zurück kam ich mit einem Auftrag für die Produktion von Seidenkrawatten mit Logo, 50 Stück, elegant und in guter Qualität; sie sollten ein Geschenk sein für ein befreundetes Untenehmen. Beim Heimfahren spürte ich Freude: Freude am Verhandeln, Freude etwas zu gestalten, Freude am Schönen. So wurde aus dieser anfänglich ziellosen, scheinbar unbedeutenden Reise nach Mailand der Grundstein für ein späteres Geschäft: Heute produziere ich personifizierte Krawatten nach Mass. So begann der Weg, leise nur, dann immer stärker werdend: Ich suche Freiheit, die Möglichkeit, etwas zu bewegen, zu gestalten, irgendetwas Schönes, es muss nicht gross sein. Mein Leben soll ich mir daraus verdienen und auch jenes meiner Familie.

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Es gibt dann eigentlich keine Zufälle im falsch verstandenen Sinn. Nein, das Glück und die Chancen fallen zu, sie suchen heim. An einem Abend, es war in einer fremden Stadt, und die Geschäftslokale hatten ihre Tore bereits geschlossen, suchte ich verzweifelt nach einem Fotokopiergerät, weil ich dringend die Kopie eines Dokumentes verschicken musste. Ich entschloss mich, an der erstbesten Tür eines Geschäftshauses zu klingeln, wo noch Licht brannte. «Architekturbüro» stand unterhalb der Glocke. «Ich bin doch kein Kopiershop», wetterte der verdutzte Architekt, als ich eintrat und meinen Wunsch nach einer Fotokopie schüchtern anbringen wollte. Doch während er mich hinauszukomplimentieren suchte, gelang es mir, die Stellung zu halten und ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Nach gut einer Stunde ging ich nicht nur mit einer Fotokopie, sondern gleich noch mit einem potenziellen Auftrag für mein Teakprojekt aus dem Haus.

Neue Horizonte gingen zunehmend von sich aus auf, die Antennen waren ja ausgefahren, und die Vergangenheit war bewältigt. Kaum zu beschreiben war das aufkommende Glücksgefühl der Stärke. Die Freude, mein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, selber den Kaffee zu machen, selber die Briefe zu schreiben, selber die Strategie des neuen Unternehmens zu entwerfen und – etwas später – selber die Produkte einzukaufen und auch zu verkaufen und nicht als Manager, in der abgeschirmten Konzernzentrale der Wirklichkeit entrückt, über Dinge zu entscheiden, die man nur vom Hörensagen kennt. Natürlich musste ich nun Sprachen lernen, um mit den Leuten vor Ort in Kontakt treten zu können. Doch was solls, alles ist machbar! Eines wurde mir bei der Suche nach dem Gral jedoch auch bewusst: Es gibt keine Ochsenspur ohne Ochsentour.

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Gesagt, getan, dachte ich. Doch dann ging es mühsam an die Arbeit: Tag für Tag ins Sprachlabor, Tag für Tag die Kassette laufen lassen, wochenlang, monatelang, jahrelang. Zwei Jahre brauchte ich, um eine neue Sprache zu erlernen. Heute spreche ich fliessend Spanisch und habe auch Portugiesisch gelernt. Zurzeit arbeite ich an einer slawischen Sprache. Es ist ein Wagnis, sich in etwas zu begeben, das man nicht kennt; man könnte ja auch scheitern. Das Risiko, das Verlieren in Kauf zu nehmen, ist das Reizvolle am Neuanfang. Was werde ich in Costa Rica antreffen? Mit wem werde ich Geschäfte machen? Lassen sich Mitarbeiter finden? Und wie immer im Leben lernt man aus der Falsifizierung vorgefasster Meinungen, wie die Uhren ticken: Und die Uhren ticken wirklich anders.

Stets verlangt der Sprung ins Ungewisse seinen Preis: Mut, Aufgabe des Bewährten und Bereitschaft zum Lernen. Enttäuschung bleibt nicht aus, denn man startet mit Erwartungen, Hoffnungen und Zielen. Ent-Täuschung ist ja nichts anderes als das Ablegen von Hoffnungen und Zielen, mit denen man sich selber etwas vorgemacht hat, mit denen man sich selber übertölpelt hat. In der Erfahrung der eignen Kräfte liegt ein Teil der Faszination des Neuanfangs.

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Nun sind etliche Jahre verflossen, seit ich den Neuanfang gewagt habe. «Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich zu entraffen» (Hermann Hesse). Bequemlichkeit, Trott und das Gesetz der Trägheit sind ja allgegenwärtig und nur die andere Seite derselben Medaille, nämlich der Psyche und der Einstellung des Menschen, und schleichen sich fast unmerklich ein, Tag für Tag von neuem und wollen überhand nehmen, Oberwasser gewinnen.

Und ebenso beharrlich ist diesem Einschlafen, diesem Leben im Leerlauf der tägliche Neuanfang entgegenzuhalten. Es braucht nicht immer Schicksalsschläge, um aus den gewohnten Bahnen hinausgeworfen zu werden. Loslassen kann jederzeit und jeden Tag von neuem geübt werden. Abschied nehmen von längst Eingeübtem. Spüren denn die Mitarbeiter das pulsierende Leben des Chefs, der alltägliche Aufbruch zum Neuen, das Unternehmerische des Unternehmers? Oder bleibt es stets beim alten, langweiligen und bisweilen bis zur Belanglosigkeit entrückten Managen von längst Sinnlosgewordenem?

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