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Griechenland: Akropolis, adieu

Akropolis: Griechenland gleicht einer Feudalgesellschaft.Keystone

Sie kaufen Kunst, Immobilien, Firmen: Gewaltig, mit welchem Tempo reiche Griechen derzeit Vermögenswerte ins Ausland transferieren. Der griechische Fiskus schaut zu – und in den Mond.

Von Leo Müller
11.11.2011

Es wurde deftig gefeiert. Im «Bayerischen Hof», dem gediegenen Münchner Luxushotel, waren Kunsthändler, Kunstpublizisten und kunstliebende Industrielle zur opulenten Party geladen. «Griechische Nacht», so nannten sie das rauschende Fest, und das war nicht als Witz gemeint. Der Anlass wurde «zu Ehren des Sammlers George Economou» ausgerichtet, eines griechischen Grossinvestors, der es in Deutschland gerade ziemlich krachen lässt und europaweit märchenhafte Summen in Sachwerte investiert.

Das war Ende Mai, als sich die Krisengipfel zwischen Brüssel, Berlin und Paris häuften und Tausende von Demonstranten auf den Athener Strassen protestierten. Als die Griechen wieder einmal ihre Finanzziele verfehlten, die Börsen bebten und der Euro zu seiner Talfahrt gegenüber dem Franken ansetzte. Es war die Zeit, als kaum einem Investor beim Thema Griechenland zum Feiern zumute war.

George Economou ist kein Mann von Trübsal. Während andere ihre Depots in den Notstandsmodus umgestellt haben, kauft der 58-jährige Economou wie ein Besessener. Er ist im Panikmodus – beim Kaufen: Schiffe, Kaufhäuser, Immobilien. Und Kunst: 2000 Werke hat er in kürzester Zeit zusammengerafft, sei es in den Münchner Galerien Neumeister und Ketterer, sei es bei Lempertz und Van Ham in Köln. Seit einigen Jahren verschönert er die Bilanzen der grossen Auktionshäuser, er schlägt bei Altmeistern ebenso zu wie bei zeitgenössischen Werken, und er überbietet seine Konkurrenten mit Rekordpreisen. Für die einen das Gespenst, für die anderen der Geld­onkel aus dem Olivenland – der Grieche mischt die Szene auf.

Economou ist nicht allein. Viele seiner reichen Landsleute investieren ihre Millionen ausser Landes, als gäbe es kein Morgen mehr. Ob Luxuswohnungen rund um den Londoner Regent’s Park oder heimliche Immobiliendeals in der Schweiz und andernorts, die wohlhabenden Griechen bringen ihre Ver­mögen in Sicherheit. Während die ­Makroökonomen für den Fall eines überraschenden Austritts der Griechen aus der Währungsunion noch über einen Bank Run, einen Sturm auf die Konten, nachdenken, haben die Bürger ihren Entscheid schon getroffen. Laut Zentralbank gingen die privaten Geldeinlagen bei den heimischen Banken zwischen Januar 2010 und April 2011 um 31 Milliarden Euro zurück. Der Bank Run hat längst begonnen.

Man kann den Reichtum in Athen noch ertasten. Zum Beispiel im Ekali Club in der grünen Oase von Athen, dort, wo die Grundstückpreise so hoch sind wie am Zürichberg. 500 Familien sind hier Mitglied, die oberen 500. Eintreten darf nur, wer von der Gründerfamilie eingeladen wird. Es gibt Pools und Tennisplätze, Modeschauen und Entertainment, man ist unter sich. Oder im «Flisvos Marina», einem der exklusivsten Yachtclubs Europas. Er gehört der Latsis-Familie. Auch der in Genf lebende Spiro Latsis weiss, wen er einlädt. Auf seinen Luxusyachten entspannte sich schon sein Studienfreund José Manuel Barroso, der portugiesische Präsident der EU-Kommission.

Versteckspiel. Griechenland gleicht einer Feudalgesellschaft, aber offiziell gibt es nicht einmal eine nennenswerte Schicht von Wohlhabenden. Nur 5000 haben landesweit ein Einkommen von mehr als 100 000 Euro deklariert, unverbesserlich ehrliche Landsleute. Es gibt schliesslich auch keine ernst zu nehmende Steuerverwaltung, die in der Lage wäre, Gewinne und Vermögen zu prüfen. Und die Besitzer der Luxusimmobilien sind nicht hinreichend dokumentiert: Das Land verfügt immer noch nicht flächendeckend über Katasterämter, die Grundstücksregistrierung ist schlechter organisiert als im Religionsstaat der iranischen Mullahs. Die Ämter werden in 33 Regionen gerade erst eingerichtet.

Doch die Reichen sind nicht weg, sie sind nur für die Statistiker und die Steuerbeamten unsichtbar. Der heimliche Genuss findet noch im Land statt, aber die Geniesser offenbaren nicht, von welchem Auslandkonto ihre Kreditkarte gefüttert wird.

Astronomische Summen sollen in die Schweiz transferiert worden sein, munkeln einige selbst berufene Experten. Der Mythos des Schweizer Bankgeheimnisses lebt in den Köpfen wieder auf, aber die Schweiz ist längst nicht mehr das Hauptversteck der Griechen. Die Zahlen der Nationalbanken über die Geldtransfers zwischen den beiden Ländern sind ohne Aussagekraft. Die Statistiker der Notenbanker erfassen die modernen Wege der Kapitalflucht nicht. Die Millionenpakete fliessen über Umwege in das Zieldepot. Zum Beispiel über Zypern, seit vielen Jahren eines der wichtigsten Offshore-Finanzzentren der Griechen. Und von dort weiter auf andere Offshore-Finanzplätze, vornehmlich nach England. Denn die Achse Nikosia–London ist die bevorzugte Geldroute der Insel-Treuhänder und der griechischen Banken.

Wer zum Beispiel beim Treuhandbüro Eltoma anklopft, bekommt Bankkonti, Trust- und Offshore-Firmen in Windeseile eingerichtet. Er muss nicht einmal selbst vorbeischauen. Anwälte erledigen den Papierkram. Konten – in Fremdwährungen – werden in Zypern über griechische Institute wie die Hellenic Bank oder die Alpha Bank angeboten. Non-Resident Companies bekommen die Griechen – steuerfrei für sämtliche Einkünfte ausserhalb der Insel.

Andere Treuhänder wie Aspen Trust werben ausdrücklich mit den politischen Vorzügen der Inselrepublik als EU-Mitgliedsstaat. Zypern hat nämlich unter den Augen der Brüsseler EU-Kommissare und der Regierungschefs in Paris und Berlin ein radikales Steueroasen-Regime eingerichtet. Seit November 2007 bieten die Zyprioten ihrer Kundschaft EU-konforme Gesellschaften unter dem Label «Cyprus Investment Firm» an. Ihr Vorzug: die niedrigste Unternehmenssteuer in der EU.

Bitte nur beste Lagen. Andere Banken gehen andere Wege. So hat die Piraeus Bank ihre Vermögensverwaltungseinheit in Zürich geschlossen und stattdessen gemeinschaftlich mit der französischen Grossbank BNP Paribas in der Schweiz eine neue Vermögensverwaltungseinheit aufgebaut. Innert weniger Monate hat sie bereits 800 Millionen Franken Kundenvermögen eingesammelt. Beratungsschwerpunkte: Immobilien und Kunst.

In London nennt man sie die «Cash Greeks», die Griechen mit den vollen ­Taschen. Sie sind bekannt dafür, in ­Rekordzeit hohe Summen für Immobilieninvestments hinzublättern. Ohne Diskussionen über Hypotheken, ohne Geschacher. «Sie sind nur interessiert am Luxussegment rund um Regent’s Park, Mayfair and Marylebone», sagt Panos Koutsoyiannakis von der Maklerfirma Fraser & Co. Bis zu 15 Deals pro Woche wickle er mit den Kapitalflüchtlingen ab. Inzwischen hat sich der Londoner Immomarkt auf die Griechen eingeschossen. Projektentwickler bauen Luxusapartments für die hellenische Kundschaft, der Beraterkonzern Jones Lang LaSalle arbeitet an einer Marketingoffensive für Liegenschaften in den gefragten Quartieren Kensington und Chelsea. 55 Prozent der Londoner Immobilien im Preissegment über zwei Millionen Pfund gingen derzeit an Ausländer, berichtet die Beratungsfirma Knight Frank. Viele davon sind Griechen. Mehr als 50 reiche Griechen jenseits der Zehn-Millionen-Marke leben in London, angeführt vom Milliardär Alki David, der sein Geld mit Medien macht, und vom EasyJet-Gründer Stelios Haji-Ioannou. Ihr Gesamtvermögen: 18,8 Milliarden Franken.

Die Zeiten sind vorbei, als ein Schifffahrts-Magnat wie Alexander Onassis sich ohne Zwischenstationen an einen Liechtensteiner Treuhänder wandte und seine Stiftungen in Vaduz einrichtete. Gewiss, es gibt ihn noch, den alten griechischen Reichtum in der Schweiz. Die Alexander S. Onassis Foundation hat ihr Domizil immer noch am Heiligkreuz 6 in Vaduz, und Tochter Athina Onassis hat nach wie vor ihre Geldbetreuer in Zürich, die mehr als drei Milliarden Franken zu verwalten haben. Oder die Goulandris-Familie, die sich bereits in den sechziger Jahren in der Schweiz niederliess und Museen wie die Basler Fondation Beyeler unterstützte. Oder der Niarchos-Clan, die Latsis- und die Livanos-Familie, die ein Standbein in der Schweiz haben.

Die Familienangehörigen vieler griechischer Milliardäre sind seit Jahrzehnten über den Globus verteilt, sie sind steuermindernd kosmopolitisch geworden. Die «Greek Rich List», ein Jahrbuch über die Landsleute mit abgeschlossener Vermögensbildung, zählt seitenweise Familien in den USA, in Australien und in England auf. Die Schweiz kommt darin kaum vor, sie ist nicht mehr das bevorzugte Domizil des griechischen Reichen-Nachwuchses.

Grosse Steuergeschenke. Der Fall Theodoros Angelopoulos demonstriert es. Der Athener Spezialist für den Bau von Superyachten erlangte einst sein Diplom an der Universität Zürich. Für seine ersten Millionen, die er als Stahlfabrikant machte, richtete er sich in Liechtenstein die Oktan-Stiftung ein und neuerdings eine Wohltätigkeitsstiftung in Genf. Heute geniesst er die Ausfahrten auf den eigenen Werftprodukten. Wie auf der 82-Meter-Yacht «Alfa Nero» mit Pool und Beachclub am Heck, die er vor wenigen Monaten verkauft hat (geschätzter Wert: 150 Millionen Dollar). In Griechenland zählt die Familie heute zum Establishment, seine Ehefrau ­Gianna sass für die konservative Nea ­Dimokratia im Parlament. Die noch jungen Neffen Giorgos und Panagiotis stehen nun stärker im Rampenlicht, beide ­jeweils mit einem Milliardenvermögen, als Besitzer eines Basketball-Teams. Ihr Domizil: Kanada.

Die Reichen konnten sich über die Regierung lange Zeit nicht beschweren. Unter der Herrschaft der Nea Dimokratia wurden seit 2005 die Unternehmenssteuern systematisch gesenkt, von 35 auf 25 Prozent. Je nach Region gab es für die ­Unternehmen Steuererlässe bis zu 100 Prozent. Und jeder wusste, dass nichts passiert, wenn man nicht zahlt. Griechenland wurde zur Tax-free-Zone. Und Anfang 2008 lockte der Minister für Handelsschifffahrt die ausgewanderten Reeder mit Steuererleichterungen und Staatsgeschenken, damit sie ihre Headquarters von London nach Athen verlegen würden.

Einige Schifffahrts-Tycoons folgten dem Sirenengesang, andere hatten längst ihre Domizile in Griechenland – mit einer komplett offshore gestalteten Konzernstruktur. Wie George Economou, der Münchner Partypatron. Seine Schifffahrts-Holding DryShips unterhält zwar ein Büro mit vier Mitarbeitern in Athen, das Steuerdomizil liegt jedoch auf den Marshall-Inseln, und die Gesellschaft ist an der New Yorker Börse kotiert. Seine Aktienbeteiligungen, mit denen er die Stimmenmehrheit besitzt, hält Economou über ein Netzwerk von Firmen mit Offshore-Domizil auf den Marshall-­Inseln, auf Malta, in Liberia und über ­die Stiftung Entrepreneurial Spirit Foundation in Liechtenstein.

Intransparente Konstrukte. Weder der griechische Staat noch die Aktionäre profitieren angemessen von Economous Geschäften. Der Aktienkurs seiner DryShips stieg 2007, drei Jahre nach der Gründung, um 600 Prozent, stürzte danach rasant ab und hält sich seitdem konstant unter dem Einstiegskurs. Der Grund: eine hellenische Variante des Shareholder Value. Economou verwässerte durch Kapitalerhöhungen die Anteilscheine drastisch. Im laufenden Jahr machte DryShips bis anhin Verluste, gleichwohl flossen immense Honorare an Gesellschaften, die von ihm kontrolliert werden.

Economous unternehmerische Geschichte ist durchzogen. Ende der neunziger Jahre mussten seine Investoren einen Zahlungsausfall der Unternehmensanleihen seiner Alpha Shipping verkraften. Neuerdings sucht er seine Geldgeber in Deutschland. Die Landesbanken WestLB und HSH Nordbank sowie die teilverstaatlichte Commerzbank, die Deutsche Bank und andere Institute gewährten den Economou-Gesellschaften gewaltige Kreditbeträge. Laut einer internen Analyse des Prüfkonzerns KPMG, die der BILANZ vorliegt, wurden Bankdarlehen von mehr als 2,5 Milliarden Dollar gewährt.

Im Winter 2009 tat sich Economou mit dem schillernden Wiener Jungunternehmer René Benko zusammen, der in Windeseile ein staatliches Immobilien-Imperium zusammenkaufte und ebenfalls Kunde der HSH Nordbank war. Nun wollen beide die deutsche Kaufhof-Waren­hausgruppe übernehmen (siehe «Substanzperlenjagd» unter 'Nebenartikel').

Griechische Reeder wie Georg Economou sind Weltmeister der regulatorischen Arbitrage. Sie wissen um jeden steuerlichen Kniff, kennen die staatlichen Regelungslücken und lobbyieren dafür, dass diese bleiben. Sie sind zum Vorbild für eine Gesellschaft geworden, die ihr Heil im Schwarzgeldsystem sucht. Vom Taxifahrer über den Steuerbeamten bis zum Politiker, alle leben sie nach der Reeder-Kultur.

Hochgerüstete Armee. Viele Protagonisten des Establishments konnten sich bei staatlichen Investments bereichern. So flossen selbst über die Immobiliengeschäfte der Mönche des Klosters Vatopedi auf dem Berg Athos rund 90 Millionen Euro über ein Netzwerk von zypriotischen Offshore-Firmen in unbekannte Kanäle ab. So wirft man dem Ex-Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos vor, beim U-Boot-Kauf in Deutschland mitkassiert zu haben.

Korruption war wohl auch die Trieb­feder der exorbitanten Rüstungskäufe, die sich militärisch selbst mit den Türken-Konflikten nicht begründen lassen. In Relation zu seinen elf Millionen Einwohnern gab das Land weit mehr für Rüstung aus als jedes andere Land Europas. 1612 Kampfpanzer meldete die Regierung Anfang Juli dem Waffenregister der Vereinten Nationen. Die Armee verfügt über dreimal so viele Leopard-Kampfpanzer wie die deutsche. Noch im vergangenen Jahr importierte sie aus Deutschland 223 Panzerhaubitzen, ein weiteres U-Boot und Raketen aus den USA. Das Friedensforschungs-Institut Sipri beziffert für 2010 die Militärausgaben auf 9,3 Milliarden Dollar – mehr als doppelt so viel wie jene der Schweiz. So schuf die schwache, korrumpierte Politik einen hochgerüsteten, mächtigen Militärapparat, der Erinnerungen an die Notfallzeiten unter einer Militärdiktatur wachruft.

Seit Anfang 2010 flossen monatlich rund drei Milliarden Euro aus dem Land ab, schätzen Ökonomen, niemand weiss genau, wie viel es ist. Auch die Kleinsparer haben sich darauf eingestellt, dass ihre Zentralbank dereinst wieder Drachmen oder Ähnliches druckt. Sie bunkern Euronoten zu Hause, so viel sie können. Ihnen ist es egal, wer in Athen regiert. Reiche wie Arme, sie alle kennen die Fähigkeiten ihrer politischen Klasse besser als die Kreditgeber in Brüssel.

Die triste Bilanz: Das Kapital ist abgeflossen, die Politik ist zerstört, das Militär bleibt.

Autor: Leo Müller

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