Er tritt in den Stall und begrüsst alle acht Pferde mit Namen. Ob er wirklich alle auswendig kennt? «Nein, sicher nicht», sagt Thomas Amstutz, 58, und lacht. «Die Boxen sind angeschrieben.» Seit Beginn der Geschichte der Brauerei gehören die Tiere zu Feldschlösschen in Rheinfelden AG. Die belgischen Kaltblüter sind mit dem Sechsspänner bei Grossanlässen zu sehen oder liefern mit dem Zweispänner Bier an die Restaurants in Rheinfelden. Der CEO macht mit Pferd Nico einen Spaziergang übers Areal. Ganz wohl mit dem 900-Kilo-Tier ist dem 1,95 Meter grossen Berner dabei aber nicht. «Ich hoffe einfach, er steht mir nicht auf den Fuss.» Fuhrmann Oliver Müller winkt ab: «Keine Sorge, das machen sie mittwochs nie.»
Die Brauereipferde wurden nach der Gründung von Feldschlösschen 1876 für den Biertransport genutzt.ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv
ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv
Feldschlösschen wird dieses Jahr 150 Jahre alt, und Amstutz steht mitten in der Geschichte des Unternehmens. «Wenn ich morgens hierherkomme und das Schloss sehe, erfüllt mich das mit Ehrfurcht – und erinnert mich daran, welche Verantwortung ich trage.» Über 20 Jahre leitet Amstutz Feldschlösschen. Zwischenzeitlich – von 2008 bis 2012 – war er CEO der Brasseries Kronenbourg in Frankreich. «Eine sensationelle Erfahrung.» Aber am Ende war klar: «Es gibt nichts Schöneres, als in einem Schloss zu arbeiten.»
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Die Vorstellung, ein Chef mit Schloss sei unnahbar, zerfällt spätestens beim Betreten der Büros. Diese befinden sich nicht in den historischen Gemäuern, sondern in einem Gebäude mit grossen Glasfassaden. Fast jeden Tag pendelt Amstutz von Rüschlikon ZH hierher. «Von Homeoffice halte ich nicht allzu viel. Ich finde den Austausch untereinander wichtiger.» Sein Einzelbüro hat er aufgegeben, stattdessen sitzt er mit allen anderen im Grossraumbüro. «Sie waren erstaunt, wie ruhig ich arbeite. Sonst kennen sie mich nur aus Meetings – und da bin ich kein Stiller.» Die Sitzwahl ist frei. Trotzdem: «Bis jetzt hat sich niemand an meinen Stammplatz gesetzt. Aber der Erste, der sich traut, dem gratuliere ich persönlich», sagt Amstutz schmunzelnd
Im Grossraumbüro herrscht freie Sitzwahl. Trotzdem getraut sich niemand, den Stammplatz des Chefs einzunehmen.David Biedert
David Biedert
Zwischen Mauern und Menschen
Bei Feldschlösschen arbeiten rund 1200 Angestellte an 22 Standorten. Seit 2000 gehört die Brauerei zur dänischen Carlsberg-Gruppe. Der Schweizer Marktführer mit 40 Prozent Anteil macht einen Jahresumsatz von etwa einer Milliarde Franken, wie Experten schätzen. «Viele denken, das ist eine riesige traditionelle Unternehmung, da kann man einschlafen», sagt Amstutz. «Aber im Gegenteil: Hier muss man richtig Gas geben.» Marktführer zu sein, sei gefährlich. «Die grösste Gefahr ist, dass man sich ausruht und den Anschluss verliert.»
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Die zwölf riesigen Kupfer-Sudpfannen der Braumeister Matthias Döppmann (l.) und Maik Ittensohn (r.) sind ein Highlight der Brauerei.David Biedert
David Biedert
Der Markt verändert sich, die Menschen in der Schweiz trinken immer weniger Alkohol. In den 1990er-Jahren trank noch jeder Fünfte täglich. Heute ist es noch jede zwölfte Person. Auch junge Menschen kehren dem Alkohol immer öfter den Rücken. «Jede Generation trinkt weniger als die davor», weiss auch Amstutz. Die Antwort von Feldschlösschen: alkoholfreies Bier. «Wir haben vor fünf Jahren daraufgesetzt, alle anderen haben uns ausgelacht. Heute macht es fast zehn Prozent unseres Absatzes aus.»
Privat trinkt Amstutz unter der Woche meist auch alkoholfreies Bier. «Ich mag Feldschlösschen Weizenfrisch sehr.» Am Wochenende gibts auch mal ein dunkles Bier. Oder Wein – bei einem Essen mit seiner Frau Barbara. «Darf ich fast nicht sagen», meint er schmunzelnd. «Aber ja, so ist es!»
Amstutz und seine Frau, die als Primarlehrerin arbeitet, haben zwei erwachsene Söhne. Einer arbeitet im Marketing, der andere studiert Biologie. Als Student an der Uni St. Gallen spielte Amstutz Handball in der Nationalliga A. «Ich war sicher nicht das grösste Talent», sagt er. «Aber ich habe Durchhalten gelernt. Das hilft mir bis heute.» Wenn etwas nicht funktioniert wie geplant, wird darüber gesprochen. «Wie früher nach einem verlorenen Match.»
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Bundesrat Albert Rösti mit Amstutz und dessen Gattin Barbara auf dem Sechsspänner: «Mit einem Zweispänner würde ich eine Fahrt wagen», witzelt Rösti an der 150-Jahre-Feier in Rheinfelden.David Biedert
David Biedert
Mass statt Moral
Wenn Thomas Amstutz über Alkoholkonsum spricht, wird er ernster. «Alkohol wird heute stark verteufelt», sagt er. «Es heisst oft: Jedes Glas ist schädlich. Das stimmt gar nicht.» Entscheidend sei das Mass – und die Eigenverantwortung. «Man versucht, den Menschen immer mehr vorzuschreiben, wie sie leben sollen.» Wer trinke, müsse Verantwortung übernehmen, sagt er. «Aber entscheiden soll jeder selbst.»
Im Pferdestall hängt eine Plakette mit seinem Namen – Thomas Amstutz weiss nicht genau, warum er die verdient hat. «Vielleicht, weil ich die Brauereipferde nicht abgeschafft habe.»