Die Abbremsung der Wirtschaft in Europa sollte nicht mehr als «vorübergehender Einbruch» angesehen werden. Die Europäische Zentralbank EZB muss sich sogar auf eine weitere Verschlechterung der Lage vorbereiten. Dies sagte das EZB-Rats-Mitglied Olli Rehn.

«Das Wachstum im Euroraum hat sich in letzter Zeit deutlich verlangsamt», so der einflussreiche EZB-Mann und finnische Zentralbank-Gouverneur in einem Interview mit der der «Börsen-Zeitung». «Wir können nicht leugnen, dass es unter den Marktteilnehmern und in der Öffentlichkeit Zweifel an der Fähigkeit der Zentralbank gibt, das Preisstabilitätsziel zu erreichen», so Rehn weiter. 

«Wir haben eine Reihe von Instrumenten»

Der EZB-Rat analysiere, welche Optionen im Hinblick am besten zu einer Reaktion eignen. Die Verlangsamung Wirtschaft in Europa daure nun seit mehr als einem Jahr an und werde durch globale Handelsspannungen und politische Unsicherheiten verschärft, was inbesondere die produzierende Industrie belaste.

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Rehn gab aber auch eine optimitische Grundeinschätzung: «Wir haben eine Reihe von Instrumenten, die sehr effektiv sind und die als Paket noch grössere Auswirkungen haben als isoliert», sagte er. Womit er auch Erwartungen auf eine baldige und noch weitere Lockerung der EZB-Politik schürte. 

Und die Banken?

Im Juni hatte die EZB-Führung schon verkündet, dass sie bereit sei, die Zinsen weiter zu senken und möglicherweise sogar die Wertpapier-Kaufprogramme APP wieder aufzunehmen, wenn sich die wirtschaftliche Situation nicht bessern sollte.

Einzelne Analytiker zweifeln allerdings an die Machbarkeit solcher Schritte – denn sie gehen auf Kosten der Banken, die jetzt schon unter den negativen Zinssätzen ächzen und denen es jetzt schon an Rentabilität fehlt. Zudem bestehen gesetzliche Beschränkungen, welche Anteile der Obligationen eines Staates von der EZB erworben werden können.

«Wir haben deutlich darauf hingewiesen, dass wir Masssnahmen zur Minderung der möglichen negativen Nebenwirkungen negativer Zinssätze in Betracht ziehen werden, falls wir die Zinsen weiter senken oder noch viel länger an sehr niedrigen Zinsen festhalten», meinte nun Olli Rehn dazu. Auch gebe es eine «gewisse Flexibilität» bei den gesetzlichen Grenzen des Anleihekaufs.

(bloomberg/rap)

Commerzbank erwartet kräftige EZB-Zinssenkung noch diesen Monat

Die Commerzbank rechnet mit einer deutlichen Zinssenkung der Europäische Zentralbank (EZB). Sie erwartet, dass der Einlagezins im Juli um 20 Basispunkte auf minus 0,6 Prozent gesenkt wird. Bislang war die EZB einer Senkung um zehn Basispunkte ausgegangen.

«Gleichzeitig dürfte sie die Fantasie auf eine weitere Zinssenkung sowie die Wiederaufnahme der Nettoanleihenkäufe aufrechterhalten», schreibt Commerzbank-Ökonom Michael Schubert in einer Kurzstudie.

Zudem werde die EZB wohl in Aussicht stellen, dass die Leitzinsen bis mindestens Ende 2020 auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau liegen werden.

(Reuters)