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Entziffert: Jeder 2. verheiratete Rentner hat mehr als eine halbe Million

Wie reich die Senioren sind, zeigen die Steuerstatistiken aus Zürich und bestätigen neue Zahlen aus dem Durchschnittskanton Aargau. Warum ist das kein politisches Thema?

Von Markus Schneider
29.11.2005

Wer den Altersreichtum messen will, muss auf Steuerstatistiken abstellen. Die beste Erhebung kam bisher aus dem Kanton Zürich. «Jeder fünfte verheiratete Rentner ist Millionär», lautete vor drei Jahren eine Schlagzeile. Man staunte. Zugleich zweifelte man aber, ob das verhältnismässig reiche Zürich repräsentativ sei. Nun legt der Kanton Aargau für 2001 ebenfalls eine aussagekräftige Steuerstatistik vor. Diese bestätigt etwas überraschend: Im Aargau sind die AHV-Rentner praktisch gleich reich. Auch hier versteuert jeder vierte Verheiratete ein Reinvermögen von mehr als einer Million Franken.

Um zu zeigen, wie gut oder wie schlecht die grosse Masse dasteht, ermitteln Statistiker den Median. Das ist kein hypothetischer Wert, sondern eine Art Mitte der Mitte. Die eine Hälfte der Leute hat weniger, die andere Hälfte mehr, und sehr viele Leute bewegen sich um diesen Wert herum. Im Aargau versteuern verheiratete Rentner ein Medianvermögen von ziemlich genau 500000 Franken – dabei handelt es sich um Reinvermögen, die Schulden sind also bereits abgezogen. Das heisst: Jeder zweite Rentner hat weniger, jeder zweite mehr, ist also mindestens halber Millionär. Im Kanton Zürich liegt der Median des Reinvermögens der verheirateten Rentner fast ebenso hoch, nämlich bei 418000 Franken.

Nun zu den Einkünften. Stellt man auf die steuerbaren Einkommen ab, sind diese bereinigt um Schuldzinsen, Gewinnungskosten, Renovationsarbeiten bei Wohneigentum, Sozialabzüge usw. Die effektiven Einkünfte sind also höher. Trotzdem: Selbst diese steuerbaren Reineinkommen fallen bei den Rentnern beachtlich hoch aus. Jedes achte Rentnerehepaar erzielt im Aargau einen Wert von über 100000 Franken. Der Median liegt bei 60000 Franken, in Zürich wie im Aargau. Davon lässt sich leben, manche Familie mit Kindern hat weniger. Nicht vergessen darf man allerdings das untere Drittel: jene Leute, die auf die AHV angewiesen sind. Im Aargau kommen 6 Prozent der Verheirateten auf ein steuerbares Reineinkommen von weniger als 30000 Franken, 28 Prozent liegen zwischen 30000 und 50000 Franken.

Alleinstehende Rentner liegen zurück, aber nur leicht. Beim steuerbaren Einkommen liegt ihr Median bei 31000 bis 32000 Franken. Beim Vermögen beträgt der Median in Zürich 164000 Franken, im Aargau 265000 Franken.

Wie sind diese Zahlen zu interpretieren? So, dass es zumindest der oberen Hälfte der Rentner prächtig geht – und zwar im «reichen» Zürich wie im «durchschnittlichen» Aargau. Bei den Jahrgängen, die schon vor 15 Jahren pensioniert wurden, stieg mit zunehmendem Alter das Vermögen sogar an. Dies widerspricht allen Lebenszyklus-Theorien des Sparens, wonach die Leute, ähnlich wie die Eichhörnchen, während ihrer Aktivzeit etwas auf die Seite bringen, um im Alter davon zu zehren. In Wahrheit aber zehren viele Senioren nicht vom Gesparten – die reicheren unter ihnen vermehren es. Und ein Ende dieses Trends ist nicht abzusehen: «Bei den Jahrgängen, die neu pensioniert werden, sind die Einkünfte dank der zweiten Säule deutlich höher», beobachtet Peter Moser vom Statistischen Amt in Zürich.

Also greift die heutige Altersvorsorge. Wir tun eher zu viel als zu wenig. Doch wagt bis jetzt noch kein Politiker, dies auszusprechen. Denn die «Alten» werden nicht nur immer reicher, sie werden auch immer zahlreicher – und damit in einer direkten Demokratie immer mächtiger.

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