Alt-Nationalrat und Alt-Unternehmer Ulrich Bremi sagte noch: «Wir Schweizer sind darum besser, weil wir am Morgen eine Stunde früher als alle andern zur Arbeit erscheinen.» Heute sind wir kaum mehr «besser», das zeigen viele internationale Länderstatistiken von den Pisa-Ranglisten bis zu den Wachstumszahlen des Bruttoinlandprodukts. Wir arbeiten übrigens auch nicht mehr länger.

Wir Schweizerinnen und Schweizer unterschreiten sogar die berühmte 35-Stunden-Woche in Frankreich; effektiv arbeiten wir nur 33 Stunden in der Woche oder 6,6 Stunden pro Tag. Unsere durchschnittliche Arbeitszeit ist, wie der Think-Tank Avenir Suisse mit Zahlen der OECD zeigt, ein moderater Wert. Er liegt noch knapp vor Frankreich oder Deutschland. Die Iren aber, die neuen europäischen Wunderknaben, arbeiten viel länger, im Schnitt 7,2 Stunden, die Finnen noch mehr, ganz zu schweigen von den US-Amerikanern mit 7,8 Stunden pro Tag. Am fleissigsten sind inzwischen die «neuen» Europäer. In Polen beträgt die effektive Arbeitszeit 8,5 Stunden, in Tschechien und in der Slowakei 8,6 Stunden.

«Warum arbeiten die Amerikaner so viel mehr als Franzosen oder Deutsche?», fragt der neuste Nobelpreisträger für Ökonomie, Edward C. Prescott. Seine Antwort: Weil die Steuersätze in Europa zu hoch seien. «Wenn eine Person 100 zusätzliche Euro verdienen will, nimmt ihr der Staat 60 Euro wieder weg.» In der Schweiz ist es nicht ganz so schlimm, dafür gibt es einkommens- und vermögensabhängige Transfers, die ebenso heimtückisch wirken. Der Clou: Je mehr man verdient, umso weniger kriegt man. Bis dann eine fixe Grenze kommt, ab der man gar nichts mehr erhält.

Beispiel Krankenkassenverbilligung. In den meisten Kantonen kommt eine vierköpfige Familie bis zu einem Nettolohn von etwa 80 000 Franken zum Zug. Steigt ihr Einkommen nur einen Franken über diese Grenze hinaus, verliert sie eine Subvention von 2000 bis 4000 Franken. Also achten alle Familien, die sich in diesem Bereich bewegen, darauf, dass sie ja nicht mehr als 80 000 Franken verdienen. Lieber Teilzeit, lautet die Losung.

Beispiel Alimentenbevorschussung. Allein erziehende, geschiedene Frauen, denen der Mann keine Alimente zahlt, müssen in den meisten Kantonen höllisch aufpassen, damit sie ja nicht mehr als 45 000 Franken netto im Jahr verdienen. Sonst werden ihre Alimente vom Staat nicht mehr bevorschusst, was im Jahr bis zu 10 000 Franken ausmachen kann. Schon wieder: lieber Teilzeit.

In einer Familie mit zwei Kindern arbeitet der Mann 100 Prozent, die Frau 40 Prozent. Nun entschliesst sich die Frau, ihr Pensum auf 80 Prozent zu erhöhen. Damit steigt das effektive Einkommen von 130 000 auf 150 000 Franken. Die Quittung präsentiert sich in der Stadt Zürich so: Die Steuerbelastung steigt von 12 000 Franken auf 17 000 Franken. Aber das dicke Ende kommt erst: Neu müssen die Kinder für vier Tage in der Woche in die Krippe, wobei der Tarif progressiv steigt, schön parallel zum steuerbaren Einkommen. Vorher kostete die Betreuung der zwei Kinder während zweier Tage 15 000 Franken; von nun an, mit dem höheren Einkommen, kosten zwei Kinder an vier Tagen 38 000 Franken.

Schon wieder: Lieber engagiert sich die Frau weiterhin nur 40 Prozent, auch wenn sie noch so gut ausgebildet ist. Zusätzliche Arbeit lohnt sich nicht.

Markus Schneider, Journalist und Ökonom, Autor von «Idée suisse» und «Weissbuch 2004», beide im Weltwoche Verlag erschienen.

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