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Editorial: Ermittler – nicht Richter

Der Swissair-Liquidator tritt in jüngster Zeit vor die Medien und plaudert munter über Schuldige am Swissair-Debakel. Karl Wüthrich scheint zu vergessen, dass er Partei ist, nicht Richter.

Von René Lüchinger
31.01.2006

Liebe Leserin, lieber Leser

Karl Wüthrich, der Konkursverwalter der untergegangenen Swissair, ist ein begnadeter Selbstdarsteller. Pünktlich zum Kinostart des in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Streifens «Grounding – die letzten Tage der Swissair» meldet sich der Konkursverwalter via «Berner Zeitung», «SonntagsZeitung», Cash-TV zu Wort und urteilt munter über Schuld und Unschuld involvierter Personen. Dagegen wäre nichts einzuwenden – schliesslich beziehen auch die Filmemacher Position –, wäre da nicht ein kleiner, aber entscheidender Unterschied: Der Mann, der mit der Aura des «intimsten Kenners der Endphase der Swissair» («SonntagsZeitung») auftritt, ist Ermittler, nicht Richter. Der Mann, der sich mit dem Habitus der totalen Seriosität vor die TV-Kameras stellt, ist auch keine neutrale Instanz, sondern Partei. Er vertritt die Gläubiger, die durch den Swissair-Kollaps Milliarden verloren haben. Dies sollte bei den derzeitigen Diskussionen rund um den Fall Swissair nicht aus den Augen verloren werden: So es denn zu Anklagen kommt, haben die Richter über Schuld und Unschuld von Verwaltungsräten und Topmanagern der untergegangenen Swissair zu urteilen.

Bei seinem eigenen Urteil über die Verantwortlichkeiten im Fall Swissair zitiert Wüthrich immer wieder den Ernst-&-Young-Bericht in Sachen Swissair. «Ich stütze mich auf den Bericht von Ernst & Young, den ich habe machen lassen», sagte der Liquidator etwa im Talk von Cash-TV Ende Januar. Insbesondere auch in der Frage, wie viel Geld am Tag des Groundings noch auf den Swissair-Konten gelegen hatte. Laut E&Y-Bericht und somit auch laut Wüthrich waren es rund 120 Millionen, was «entsprechende Aussagen der UBS» stützt, wie die «SonntagsZeitung» schreibt. Demgegenüber sagt Mario Corti, der letzte Chef der Swissair, er habe am Grounding-Tag über eine disponierbare Liquidität von 4,2 Millionen Franken verfügt. Es steht Aussage gegen Aussage.

Dessen ungeachtet, so ist zu hören, stuft offenbar die Zürcher Staatsanwaltschaft den E&Y-Bericht nicht als neutrales Beweismittel vor Gericht ein. Wahrscheinlich ist ihr bewusst, dass dieser von der Partei der Gläubiger in Auftrag gegeben worden ist.

33 Mannjahre haben die E&Y-Berater für ihren Bericht aufgewendet. Es war für sie ein lukrativer Auftrag: Die Erstellung hat eine zweistellige Millionensumme verschlungen. Dass gerade diese Revisionsfirma von Wüthrich den Auftrag erhalten hat, mag den Grund haben, dass KPMG und PricewaterhouseCoopers im Solde der Swissair gestanden hatten. Tatsache ist aber auch: Karl Wüthrich war bis 1993 bei Atag Ernst & Young, Zürich, angestellt, zuletzt als Direktor und Abteilungsleiter. Und im UBS-Geschäftsbericht 2004 steht: «Ernst & Young AG, Basel, übt das globale Revisionsmandat des UBS-Konzerns aus. Die Firma wurde erstmals für die Revision der Jahresrechnung 1998 zum Hauptrevisor von UBS ernannt. UBS bezahlte Ernst & Young im Jahr 2004 36,6 Millionen Franken für revisionsbezogene Dienstleistungen und 16,2 Millionen Franken für Dienstleistungen, die nicht mit der Revisionsarbeit zusammenhängen.»

Die Revisoren von Ernst & Young werden in Sachen Swissair wie gewohnt professionell gearbeitet haben. Das abschliessende Urteil über die Verantwortlichkeiten beim Kollaps der Swissair sollte aber in jedem Fall dem Richter überlassen werden.

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