Liebe Leserin, lieber Leser

Es muss ein beeindruckendes Meeting gewesen sein, dem die drei Analysten der ehrwürdigen Genfer Privatbank Lombard Odier Darier Hentsch beiwohnen durften: Die rechte Hand des Mehrheitsbesitzers eines börsenkotierten Milliardenkonzerns und auch der Finanzchef standen im Headquarter der Firma am Lac Léman Red und Antwort und wirkten «sehr überzeugend», wie ein Teilnehmer konstatiert. Kein Wunder. Die Herren hatten eine tolle Story zu verkaufen. Zehn Milliarden Franken stünden für Akquisitionen bereit, zehn bis zwanzig Übernahmekandidaten seien vorab in den USA bereits identifiziert. Bei solch heissen News hüpft das Analystenherz, und angesichts rosiger Aussichten setzten die Genfer Privatbanquiers den Titel des Genfer Biotechunternehmens Serono auf «hold». Das war am 19. September 2006, einem Dienstag.

48 Stunden später, am Donnerstag um 7.44 Uhr in der Früh, geht eine Meldung über den Ticker der Nachrichtenagenturen, in der es heisst: «Zehn Milliarden für Bertarellis. Die Familie von Alinghi-Chef Ernesto Bertarelli verkauft überraschend ihr Unternehmen an den deutschen Pharmakonzern Merck.» Manch einem Bänkler schwant wohl nun, weshalb Firmenchef Ernesto Bertarelli nicht beim Analysten-Meeting anwesend war, sondern sich zu besagter Zeit im deutschen Darmstadt aufhielt. Dort befindet sich der Hauptsitz von Merck, dem ältesten pharmazeutisch-chemischen Unternehmen der Welt, 1668 gegründet und noch heute mehrheitlich in Familienbesitz. Und dort, von Familie zu Familie, wird Ernesto Bertarelli den Kauf seiner Firma besiegelt haben. Pech für seine Manager, dass sie zur gleichen Zeit noch von Übernahmen und Akquisitionen träumten.

Die Episode legt nahe, dass der verkaufswillige Bertarelli sein Topmanagement nicht über seine unmittelbaren Absichten ins Bild gesetzt hat. Vielleicht ist das typisch für diesen Mann, der ohnehin eher als siegreicher Alinghi-Segler denn als erfolgreicher Unternehmer im kollektiven Gedächtnis haften bleiben wird. In dritter Generation führte er das Familienunternehmen, seit exakt zehn Jahren als CEO. Der Grossvater Pietro Bertarelli schaffte es in der im Besitze der Vatikanbank befindlichen Serono, bis zum Generaldirektor aufzusteigen; der Vater, Fabio Bertarelli, schaffte es, die Kontrolle der Firma zu übernehmen. Und Sohn Ernesto? Er habe, sagte er einmal, «von frühester Kindheit an in dieser Firma gebadet». Will heissen: Es gab für den Exponenten der dritten Generation Bertarelli kein berufliches Entrinnen. Jetzt hat er sich von diesem Familienerbe befreit. Vielleicht auch, weil er spürte, dass nicht nur seine Interessen, sondern wohl auch seine Talente anders gelagert sind. Es ist noch gar nicht so lange her, da besass Serono die Patentrechte an dem Arthritis- und Asthma-Medikament Enbrel. Umsatz des Blockbusters heute: über drei Milliarden Franken. Dumm nur, dass die Bertarellis nicht an das Potenzial geglaubt und die Rechte verhökert haben. In den vergangenen Jahren war Serono stark von zwei Blockbustern abhängig: dem Fruchtbarkeitsmittel Gonal-f und dem Heilmittel gegen multiple Sklerose Rebif – zu dünn ist diese Produktpipeline von Serono. Aus dieser Optik ist der Verkauf der Firma folgerichtig. Ernesto Bertarelli hat Kasse gemacht, solange das noch ging.

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