Guten Tag,
Sie wollen zeigen, dass Sie ein toller Typ sind und alles unter Kontrolle haben. Wie machen Sie das? Flüstern Sie.
Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer, Kolumnist und Buchautor zu den Themen Medien, Biologie und Outdoor-Sport.
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In unserem Ferienhaus in Norditalien ist am Morgen öfters der Teufel los. Der Lärm beginnt kurz nach sechs, und es ist so laut, dass man bei offenem Fenster nicht mehr schlafen kann. Der Lärm erreicht etwa die Lautstärke eines Presslufthammers.
Der Lärm stammt von einem Zaunkönig. Der Zaunkönig ist einer der kleinsten Vögel, die es in Europa gibt. Er ist etwa zehn Zentimeter gross und etwa zehn Gramm schwer. In Italien nennen sie ihn «scricciolo», den Winzling.
Aber der Winzling gehört zu den grössten Lärmproduzenten. Der Zaunkönig erreicht eine Lautstärke von 90 Dezibel, was tatsächlich dem Pegel eines Presslufthammers entspricht. Im Vergleich zur Körpergrösse hat er das lauteste Organ im gesamten Tierreich.
Ja, und damit wären wir bei Dr. Fellmann aus der Ostschweiz. Fellmann war einer der kleinsten CEOs, mit denen ich je zu tun hatte. Ich schätze, er war keine 1,60 Meter gross.
«Laut zu sein, ist etwas für unsichere Figuren. Die Dezibel ersetzen im Meeting und am Tisch die Persönlichkeit.»
Nun erwarten Sie die Pointe, dass Dr. Fellmann, so wie der kleine Zaunkönig, im Gegenzug eine äusserst laute Stimme hatte. Nein, die Pointe geht andersherum: Der winzige Fellmann sprach enorm leise, man musste sich in Sitzungen voll konzentrieren, damit man jedes Wort von ihm verstand.
Laut zu sein, ist etwas für unsichere Figuren. Die Dezibel ersetzen im Meeting und am Tisch die Persönlichkeit. Leise zu sein, ist hingegen ein Zeichen von Kontrolle und Machtbewusstsein. Wer leise redet, der demonstriert, dass er die Lage im Griff hat. Wer leise redet, wirkt autoritärer und dominanter als der Typ, der mit Lautstärke seine Stärke demonstrieren will.
Ein bekanntes Beispiel ist Al Pacino im Mafiafilm «The Godfather». Als Don Corleone spricht Pacino mit kaum hörbarer Stimme, oft flüstert er nur, was ihn in hohem Masse bedrohlich und gefürchtet macht.
Ich sass bei einem Mittagessen einmal Bill Gates gegenüber. Gates erzählte davon, wie sehr er an die Zukunft der Messenger-Dienste glaube und wie er hier investieren werde. Gates, damals noch der reichste Mann der Welt, redete so leise, dass man sich nicht mehr traute, einen Schluck Wasser zu trinken und dadurch für unnötigen Lärm zu sorgen.
Mit Warren Buffett, der Investmentlegende, hatte ich leider nie das Vergnügen eines gemeinsamen Lunchs. Aber seine gezielt leisen Auftritte habe ich mitverfolgt. Wenn Buffett ans Rednerpult trat, dann klopfte er nicht, wie andere, ans Mikrofon und tönte mit lauter Stimme: «Testing – one , two, three!»
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Nein, Buffett klopfte kaum hörbar ans Mikrofon und murmelte betont leise: «Testing – one million, two millions, three millions.» Schon hatte er das Publikum im Sack.
In der Politik ist es vergleichbar. Erfolgreiche Politiker, wie zuletzt etwa Bundesrat Guy Parmelin, sind verbale Leisetreter. Auch einen Christoph Blocher hat man nie brüllen gehört, auch nicht in Zeiten der Niederlage. Das scheint mehr eine Spezialität auf der linken Seite zu sein, wie etwa bei einem SP-Co-Präsidenten Cédric Wermuth.
Unser Freund, der Zaunkönig, kennt diese Zusammenhänge auch. Zuerst schreit er zwar herum, aber nur so lange, bis er mit seinem Gesang ein Weibchen angelockt hat. Nach dieser Akquisitionsphase bauen die beiden gemeinsam ein Nest, und nun säuselt und zwitschert der Zaunkönig nur noch ganz sanft. Er hat erkannt, dass seine Autorität in der Familie nun mit leisen Tönen gesichert ist.
Unser Freund, der Zaunkönig, hat gelernt, wie es läuft im Leben: Leise zu sein, ist das Erfolgsprinzip der Erfolgreichen.
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