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Ölpreis 
Die Zeiten, in denen die Opec die Richtung vorgab, sind vorbei

TATARSTAN, RUSSIA  OCTOBER 30, 2018: An oil pump jack in an oil field near the city of Almetyevsk. Yegor Aleyev/TASS (Photo by Yegor Aleyev\TASS via Getty Images)
Ölpumpe: Die Opec kann die Entwicklung des Ölpreises nicht mehr so einfach steuern.Quelle: Getty Images

Donald Trump macht den Ölpreis unberechenbar. Und er offenbart, dass die Opec mit dem neuen Tempo an den Energiemärkten nicht zurechtkommt.

Von Nando Sommerfeldt & Holger Zschäpitz («Die Welt»)
16.11.2018

Früher, da war zwar nicht alles besser – aber vieles einfacher. Das mögen sich in diesen Tagen auch die führenden Köpfe des globalen Ölkartells Opec denken. Bis vor einigen Jahren war ihr Auftrag nämlich ziemlich simpel.

Dreimal jährlich trafen sich die Energie- und Ölminister der Opec-Mitgliedsländer zur sogenannten Ministerkonferenz. Dabei analysierten sie den Status quo des globalen Erdölmarktes und formulierten eine mittelfristige Strategie, die den Preis für den Rohstoff möglichst hoch – vor allem aber stabil halten sollte. Das grösste Problem bestand in der Disziplinlosigkeit der eigenen Mitglieder oder einem Streit untereinander.

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Inzwischen jedoch zeigt sich, dass auch die Welt des «schwarzen Goldes» – wie Öl auch genannt wird – komplexer, schwieriger und vor allem kurzlebiger geworden ist. Die Zeiten, in denen das Kartell die Richtung vorgab, sind vorbei. Inzwischen werden die Ideen und Strategien der führenden Erdöl exportierenden Länder von den wirtschaftlichen und politischen Ereignissen eingeholt – und teilweise sogar überrollt.

Trump verschiebt Koordinaten an den Energiemärkten

So zumindest geschah es in den vergangenen Wochen. Ganz anders als geplant ist der Ölpreis seit Anfang Oktober um rund 20 Prozent gefallen. Es war der brutalste Kursabsturz in so kurzer Zeit seit 2016. Einer der wesentlichen Auslöser ist US-Präsident Donald Trump, der seinen Wählern niedrigere Ölpreise versprochen hatte. Trump trieb vor allem das grösste Opec-Mitglied Saudi-Arabien an, seine Ölhähne kräftig zu öffnen.

President Donald Trump speaks at a reception
Sorgte für einen fallenden Ölpreis: US-Präsident Donald Trump.
Quelle: Copyright 2018 The Associated Press. All rights reserved.

Im eigenen Land schaffte Trump die regulatorischen Voraussetzungen, dass die US-Ölindustrie fördern kann, was das Zeug hält. Gleichzeitig sorgte er mit grosszügigen Ausnahmen bei den Iran-Sanktionen dafür, dass sich die Förderausfälle der Mullahs bisher in Grenzen halten. Und Trumps Handelskrieg gegen die Volksrepublik China setzte die Konjunktur der zweitgrössten Ökonomie der Welt derart Druck, dass das Reich der Mitte deutlich weniger Öl nachfragt.

Angst vor einer Ölschwemme

Trump hat damit die Koordinaten an den Energiemärkten verschoben. Die Angst vor einer neuen Ölschwemme setzte die Preise unter Druck. Hektisch hat Saudi-Arabien auf einer informellen Sitzung von Opec-Staaten und Nichtmitgliedern des Kartells angekündigt, seine Ölexporte um 500'000 Fass pro Tag zu drosseln. Der saudische Energieminister Khalid al-Falih will dafür werben, dass auch andere Länder weniger Öl auf den Markt bringen.

Auf dem Opec-Treffen im Dezember wollen die Saudis durchsetzen, die Ölförderung gegenüber dem Oktoberniveau um eine Million Fass zu senken. Gleichzeitig sprach sich al-Falih dafür aus, eine Art Zentralbank für Öl zu gründen. So wie klassische Notenbanken durch mehr oder weniger Geld die Wirtschaft stimulieren oder bremsen, soll diese Institution durch Ausweitung und Verknappung des Rohstoffs das Auf und Ab beim Öl zähmen.

VIENNA, AUSTRIA - NOVEMBER 30: Saudi Arabia's Minister of Energy, Industry and Mineral Resources, Khalid Al-Falih, Russia Energy Minister Alexander Novak (not seen), Secretary General of OPEC, Mohammed Barkindo (not seen) hold a press conference during the 173rd Ordinary Meeting of the Organization of Petroleum Exporting Countries (OPEC), in Vienna, Austria on November 30, 2017. (Photo by Omar Marques/Anadolu Agency/Getty Images)
Der saudische Energieminister Khalid A. Al-Falih: Er gehört zu den dominanten Figuren innerhalb der Opec.
Quelle: 2017 Anadolu Agency

Schweinezyklus im Zeitraffer

Es wird offenbar, dass die Opec-Staaten mit dem neuen Tempo an den Energiemärkten nicht zurechtkommen. Am Ölmarkt spielt sich so etwas ab wie ein Schweinezyklus im Zeitraffer. Bei hohen Preisen weiten die Länder ihre Förderung aus. Das führt dann zu Überkapazitäten, und die Preise stürzen ab.

Möglich wird das, weil die grossen Opec-Staaten in der Regel freie Kapazitäten haben, die sie kurzfristig nutzen können. Die Schiefergasrevolution in den USA wiederum macht es möglich, dass die Förderfirmen abhängig von den Preisen kurzfristig Öl aus dem Boden holen können, weil die Investitionszyklen deutlich kürzer sind als bei der klassischen Ölförderung.

USA pumpen auf Hochdruck

So erklärt sich auch, dass sich die USA an die Spitze der Förderländer hochgearbeitet haben. Täglich werden dort 11,6 Millionen Fass gefördert, das ist ein neuer Rekord. Amerika hat Russland und Saudi-Arabien mit 11,4 Millionen beziehungsweise 10,7 Millionen Barrel auf die Plätze verwiesen.

Im November hat sich die Stimmung am Ölmärkt heftig wie lange nicht mehr eingetrübt. «Ein Monat macht einen riesigen Unterschied. Im Oktober sprachen viele Experten noch von 100-Dollar-Öl, jetzt ist die Stimmung so schlecht wie seit 2016 nicht mehr», sagt Michael Tran, Stratege bei RBC Capital Markets.

Verschärft wird der Schweinezyklus beim Öl durch die Spekulanten. Bei steigenden Preisen springen Hedgefonds und andere Risikoinvestoren auf den Trend auf und beschleunigen so die Aufwärtsbewegung. Nicht zuletzt waren es auch die Spekulanten, die seit Oktober die Preise mit nach unten getrieben haben.

Brutaler Abverkauf von Wetten

In den vergangenen Wochen haben sie panisch ihre optimistischen Ölwetten glattgestellt. Die Zahl der Kontrakte, die auf steigende Notierungen setzen, hat sich von 500'000 auf 160'000 mehr als gedrittelt. Ein solch brutaler Abverkauf von Wetten wirkt wie ein zusätzliches Ölangebot und hat damit den Preisverfall massgeblich angetrieben.

Analysten sehen einen fairen Preis zwischen 70 und 80 Dollar. Dieses Niveau genügt den meisten Förderländern auch, um ihren Staatshaushalt im Gleichgewicht zu halten. Wohin die Preise jetzt streben, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie Trump auf die angekündigten Förderkürzungen der Saudis reagiert. Sollte er lautstark protestieren, könnte es weiter auf und ab gehen. Sollte er dagegen das Interesse an den Ölpreisen verloren haben, könnte es auch für die Opec wieder leichter werden.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel «Dem Öl-Kartell entgleitet die Macht über das schwarze Gold».