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Wettbewerbsfähigkeit 
Die Schweiz ist spitze! Oder?

Die Schweiz ist spitze! Oder?
In der Selbstwahrnehmung herrscht in der Schweiz eitel Sonnenschein.  Keystone

Das Selbstbild der Schweiz ist intakt. Aber wie wird die Schweiz von aussen wahrgenommen? Und stimmt das Bild überhaupt noch mit der Realität überein?

Von Leo Müller
2014-06-24

Die Schweiz ist Weltmeister. Sie ist das schönste Land der Welt, das beliebteste, das wettbewerbsfähigste. Das Land mit dem höchsten Ansehen. Mit Ratings und Rankings ruft die Schweiz auf dem Siegertreppchen aus: Wir sind Nummer eins. Oder unter den Top Ten, mindestens. Eine Nummer kleiner – geht nicht!

Neulich war es wieder so weit. Ernst & Young Schweiz (EY Schweiz) veröffentlichte ihre jährliche Umfrage zur wirtschaftlichen Attraktivität. Die Mediennotiz des Beratungskonzerns war voll des Lobes über die Heimat: «Der Standort Schweiz überzeugt durch hervorragende Standortstärken.» Und: «Erstmals positioniert sich die Schweiz dank Höchst­qualität an Standorttreue deutlich vor Deutschland.» Wow! Schon wieder wurden die Grossen geschlagen! Und auch für die Zukunft, so ergab die Umfrage unter Führungskräften, sei Positives zu erwarten. Die Botschaft: Die Schweiz ist ein Paradies für Unternehmer.

Das ist schön. So lässt es sich zufrieden auf sich selbst schauen. Das Innenbild stimmt. Doch gelegentlich darf ein Blick zurück gewagt werden: Haben sich die Noten verbessert oder verschlechtert? Und in die Zukunft: Wird das Bild der Schweiz in der Welt so gut bleiben, wie es bis anhin erschien? Lehrreich kann auch der Blick über die Grenzen sein: Wie geht es eigentlich den Nachbarn? Stimmt auch das Aussenbild?

Wenn es nach dem ersten Eindruck der 50-seitigen EY-Studie geht, dann ist die Schweiz für ausländische ­Investoren hochattraktiv. Die galante Präsentation der Studie vermittelt sogar den Eindruck, dass sich die befragten Führungskräfte vom Ergebnis der Abstimmung vom 9. Februar völlig unbeeindruckt zeigten. Es ist schliesslich die erste grössere Umfrage seitdem, publiziert am 10. Juni. Es gebe weniger Wegzugsabsichten als früher, betonten die Leute von EY. Das klingt fantastisch.

Man darf sich nur nicht das Klein­gedruckte anschauen. «Die Befragung erfolgte im Februar/März 2014 durch ein unabhängiges Marktforschungsinstitut», heisst es dort etwas unscharf. Und dann folgt der Warnhinweis: «Im Zeitraum zwischen Erhebung und Veröffentlichung der Daten haben sich einige Gegebenheiten grundsätzlich geändert», schreibt EY und meint offensichtlich die Folgen der Februar-Abstimmung. «Diese Faktoren können das derzeitige Antwortverhalten der ausländischen Investoren gegenüber der wahrgenommenen Attraktivität der Schweiz unter Umständen beeinflussen und somit zu anderen Resultaten führen.» Die Studie basierte auf der weltweiten Befragung von Führungskräften aus 808 international tätigen Firmen und einer vertieften Umfrage unter 200 C-Level-Managern aus Unternehmen, von denen mehr als die Hälfte auch Geschäftsaktivitäten in der Schweiz unterhalten.

Verwedeln und verwischen

Auf Nachfrage teilte EY Schweiz schliesslich mit, dass «die Daten für den European Attractiveness Survey zwischen dem 2. Januar und dem 5. Februar erhoben wurden». Und die vertiefte Erhebung für den «Swiss Attractiveness Survey erstreckte sich vom 27. Januar bis zum 12. Februar». Es kann demnach also keine Rede davon sein, dass die Mehrzahl der Befragten die harten Reaktionen nach dem 9. Februar bereits kannten. Die Studienfragen zur künftigen Entwicklung hätten bei demoskopisch seriösem Vorgehen wiederholt werden müssen. Diese Resultate sind wertlos, von den ­Ereignissen überrollt.

Interessant ist dennoch der Vergleich des Schweizer Studientextes mit den Ausgaben anderer Länderorganisationen von EY, denn jede gibt ihre eigene Version heraus. «Derzeit gibt es für den Standort Schweiz vor allem Positives zu vermelden», schreiben die Schweizer, während die Briten ebenso unbescheiden auf ihren Spitzenplatz verweisen und die Deutschen ihre «Vorreiterrolle» betonen. Tatsächlich zählte England 2013 die höchste Zahl von ausländischen Direktinvestitionen, gefolgt von Deutschland. Und wo stand die Schweiz? Nun ja, auf Platz 12, hinter Belgien, Irland, Polen und gerade noch vor Serbien. Wie liest man daraus nur Positives heraus? Ganz einfach, indem man das Wachstum im Vergleich zum Vorjahr betont – ein Plus von 25 Prozent. Wenn wir uns dieses Plus aber genauer anschauen, dann entdecken wir, dass damit das Minus von 38 Prozent vom Vorvorjahr keineswegs wett­gemacht wurde. Und wir sehen, dass die Schweiz das Vorkrisenniveau von 2006 noch längst nicht erreicht hat – im ­Gegensatz zu den Deutschen, die seit 2005 kontinuierlich steigend neue Investoren begrüssen durften. Sie haben sich einfach schneller erholt.

Null Bock auf die Schweiz

Genau betrachtet, zeigen die Zahlen sogar einen gefährlichen Trend: Es drängt mehr Schweizer Unternehmen mit Investitionen ins europäische Ausland als EU-Unternehmen in die Schweiz. Deutschland begrüsste 2013 die Schweizer Investoren mit 98 Projekten. Sie schafften dort fast so viele Arbeitsplätze (1470) wie handkehrum alle Auslandsinvestoren in der Schweiz (1586) – schön für die Deutschen. Deutsche Investoren schafften nur 20 Arbeitsplätze in der Schweiz. Der Trend: Die Schweizer lieben den Standort Deutschland, die Deutschen interessieren sich aber nicht für die Schweiz.

So präsentieren sich die deutschen EY-Autoren mit dem stolzen 4. Platz in der Weltrangliste mit 14 nennenswerten Standorten. Die Schweiz ist darin gar nicht mehr erwähnt. Aus der Sicht der Befragten ist Deutschland das attraktivste Land Westeuropas (40 Prozent), die Schweiz erreichte aber nur den letzten Platz, Nummer 10 (2 Prozent). Die Schweiz-Ausgabe hingegen betont, dass 36 Prozent der Befragten die Attraktivität der Schweiz auch in Zukunft positiv einschätzen. Aber 56 Prozent sahen dies für Deutschland so. Die Schweiz landete bei der Zahl der Arbeitsplätze, die durch ausländische Investoren geschaffen wurden, auf Platz 18, knapp vor Mazedonien. Die Führungskräfte wurden auch danach befragt, was sie von der viel gerühmten Unternehmenssteuerreform III halten, doch rund die Hälfte hatte keine Ahnung davon. Den Schweizer Autoren blieb nur noch ein nennenswerter Pluspunkt – die Standorttreue zur Schweiz.

Der Vergleich zeigt vor allem eines: Die Schweizer EY-Manager finden ihren Standort am tollsten. Verwundert das? Natürlich nicht, die Schweiz ist schliesslich der Standort, den sie vermarkten müssen. Sie verlieren Umsatz und Bonus, wenn sich ihre Kunden für München statt Zürich entscheiden. Die EY-Studie ist nichts weiter als ein Werbeinstrument, bei genauer Betrachtung offenbart sie sogar heikle Schwächen der Schweiz. Allerdings lassen die Einschätzungen der befragten Manager erahnen, welche Folgen der Paradigmenwechsel in der Ausländer- und Europapolitik nach dem 9. Februar haben könnte. Die Schweiz könnte in der EY-Studie den 10. Platz der attraktivsten Standorte verlieren und somit unter den «Sonstigen» in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Das gilt auch für viele andere Rankings. So bei den Analysen vom WEF und vom IMF-Management-Ausbildungs-Institut in Lausanne zur Wettbewerbsfähigkeit, wo die Schweiz zuletzt auf den Rängen 1 und 2 stand. Denn bei vielen dieser Untersuchungen ist die Fähigkeit massgeblich, Talente aus dem Ausland anzuziehen. Beim Country Brand Index, der das Image des Landes mit einem Expertenteam ermittelt, zählen nicht nur ­Lebensqualität, Investitionsklima und Marktfreiheit. Die gute Note (Platz 1) wurde in der Erwartung vergeben, dass «die Marke Schweiz auch in ­Zukunft Unternehmen und kluge Köpfe aus aller Welt anziehen» würde, erklärte Studienautor Chris Nurko. Er sieht sich als Kosmopolit, nicht als Europa-Skeptiker. Es ist also fraglich, ob sein Team beim nächsten Mal wieder eine Bestnote erteilt.

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