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Die Schmidheinys (Teil 2): Gewinne ohne Gewissen

Schutzmassnahmen vorenthalten: massive Vorwürfe gegen die südafrikanischen Asbest-Firmen (Foto: Protestmarsch in Prieska).

Über den unverantwortlich späten Rückzug aus der Asbestproduktion in der Schweiz berichtete der erste Teil der Serie (BILANZ vom April 2003). Teil 2: Auch in der Dritten Welt erzielten die Schmidheinys Superrenditen. Heerscharen geschädigter Werksmitarbeiter sowie Berge von Industriemüll blieben zurück.

Veröffentlicht 30.04.2003

Eure Sache ist es, zu wahren und zu mehren», hatte Ernst Schmidheiny den jüngeren seiner beiden Söhne zu Beginn der Dreissigerjahre in einem Brief aus Ägypten ermahnt: «Es ist so selten, aber umso schöner, wenn in einer grossen Familie Eintracht und Zusammenarbeit nie fehlen.» In Tourah, vierzehn Kilometer südlich von Kairo, liess der Industriepionier aus dem St.-Galler Rheintal seinerzeit ein riesiges Zementwerk errichten. Als sich die teure Investition während der Weltwirtschaftskrise jedoch als Verlustquelle erwies, schrieb Ernst Schmidheiny in die Heimat: «Geld ist bald verloren, doch wird man stets Leute brauchen, die wirkliche Chefs sind.» Und weiter liess er seine Nachkommen wissen: «Ich hoffe ja sehr, noch manches Jahr mit euch zusammenzuarbeiten und mich nochmals aus der schwierigen Lage herauszuarbeiten.»

Es sollte ihm nicht vergönnt sein. 1935 verunglückte der Grossvater von Thomas und Stephan Schmidheiny beim Absturz eines Verkehrsflugzeugs in der Sinai-Wüste tödlich. Die kommerzielle Blüte des ersten Zementofens, den der Ostschweizer Baustoffclan auf einem fremden Erdteil in Betrieb nahm, durfte er nicht mehr erleben. Bereits wenige Jahre danach, im Zweiten Weltkrieg, wurde Qualitätsware aus Tourah zum knappen Gut: Grosse Mengen Portlandzement lieferten die Schmidheinys damals vorab in die Gegend um El Alamein, wo die britischen Verteidigungsstellungen im Kriegsverlauf entscheidend dazu beitrugen, den Vormarsch der deutschen Verbände unter Feldmarschall Rommel in Richtung Suezkanal zu stoppen.

Nach dem tragischen Unfalltod von Ernst Schmidheiny wusste man nie so genau, welcher seiner beiden Söhne ? Ernst junior oder Max ? für welchen Zweig des expandierenden Imperiums zuständig war. Obschon das Hauptinteresse des Erstgeborenen der Zementfabrikation galt und sich dessen jüngerer Bruder Max von ganzem Herzen der «Wunderfaser» Eternit verschrieb, verschmolzen die Tätigkeitsgebiete oftmals derart, dass sie durch Aussenstehende kaum auseinander zu halten waren. Der Aufbau von neuen Zementwerken im Ausland verlief in vielen Fällen mit der Errichtung von Eternit-Betrieben parallel. Zur langfristigen Absicherung ihrer Produktionsbasis erwarben die Brüder vor Ort zunächst grosse Mengen der benötigten Rohstoffe: Kalksteinlager, Asbestminen und Kohle.
Um die Risiken ihrer Auslandsengagements möglichst gering zu halten, sahen sich die Schmidheinys gewohnheitsmässig nach einem starken lokalen Partner um. «If you can?t beat them, join them», lautete eine der zentralen Unternehmerweisheiten, die schon Ernst senior zeit seines Lebens hochgehalten hatte. Indem man potenzielle Konkurrenten frühzeitig in seine Expansionspläne einband, liessen sich diese am wirkungsvollsten neutralisieren. Wo rechtliche Aspekte dazu rieten oder lokale Gesetze dies so verlangten, machte es den cleveren Ostschweizern auch nichts aus, in der Rolle von Minderheitsaktionären zu verharren. Die nötige Selbstsicherheit schöpften sie aus dem Bewusstsein, ihre Partner nicht nur technologisch und managementmässig, sondern auch finanziell jederzeit dominieren zu können.

Welch demonstrative Coolness die Rheintaler Grossindustriellen im Umgang mit ihren Geschäftspartnern zur Schau trugen, beschreibt der Südafrikaner Sarel de Witt anhand eines Meetings, das 1961 in der Schweiz stattfand: Während der Sitzung, an der es um den Einstieg der Schmidheinys bei der Asbestmine von Danielskuil ging ? immerhin ein Deal in Millionenhöhe ?, notierte sich der südafrikanische Gast ein paar Stichworte auf der Rückseite einer leeren Zigarettenschachtel. «Können wir die nicht als Vertrag benutzen?», soll ihn Ernst Schmidheiny damals gefragt haben, nachdem er das Gekritzel kurz überflogen und mit einem Kugelschreiber signiert hatte. «Er bat mich, die Zigarettenbox ebenfalls zu unterschreiben, liess eine Fotokopie anfertigen und gab mir die Schachtel zurück», berichtet de Witt, der die bezeichnende Memorabilie noch heute besitzt.

Die Minenbeteiligungen der Familie in Südafrika und Rhodesien stiess Stephan Schmidheiny Anfang der Achtzigerjahre zwar wieder ab. An den nachgelagerten Betrieben hielt er indessen bis 1992 fest. Der sensible Neffe von Ernst Schmidheiny war sich ursprünglich gar nicht so sicher, ob er in das Familienunternehmen einsteigen sollte. Ende der Sechzigerjahre reiste er als angehender Jurist in den Semesterferien nach Brasilien, wo er in einem Zweigwerk des väterlichen Eternit-Imperiums probeweise das Ausbildungsprogramm eines Schichtführers absolvierte und dabei ? wie anekdotisch gerne berichtet wird ? auch tapfer ein paar Asbestsäcke geschleppt haben soll. Nach dem Lizentiat spielte Stephan kurze Zeit mit dem Gedanken, als Entwicklungshelfer nach Uganda zu gehen, gab dieses Vorhaben aber rasch wieder auf. Stattdessen zerbrach er sich zu Hause während eines Jahres den Kopf darüber, wie Schweizer Multis ihre Drittweltinvestitionen vom Bund am wirkungsvollsten absichern lassen. Max Schmidheiny hatte im Nationalrat diesbezüglich einmal einen Vorstoss unternommen. Auf das vom Vater damals zusammengetragene Material konnte Stephan bei seiner Dissertation über die eidgenössische Investitionsrisikogarantie zurückgreifen. Mit anderen Worten: Auch seinen Doktortitel bekam der Erbe praktisch umsonst.

Was ihre Auslandsengagements im Eternit-Bereich anging, pflegten die Schmidheinys ein sorgsam verdecktes Doppelpassspiel. Manifest wurde dieses in einem undurchsichtigen Geflecht von Parallelbeteiligungen, Joint Ventures und informellen Gebietsabsprachen mit der Emsens-Familie aus Belgien. Auf dem Höhepunkt der freundschaftlich betriebenen Territorialexpansion waren die Baustoffgrossisten aus Heerbrugg an Eternit-Fabriken in mehr als dreissig Ländern rund um den Globus beteiligt, sei es als Hauptaktionär oder als Besitzer einer substanziellen Minderheitsposition.

Welche der beiden Firmengruppen auf welchem Teilmarkt effektiv das Sagen hatte und somit auch die juristische Verantwortung trug, wurde über Jahrzehnte hinweg nie bis ins Detail transparent. In groben Zügen waren die Jagdgründe folgendermassen aufgeteilt: Während die Schweizer im gesamten deutschsprachigen Raum, im Nahen Osten und in weiten Teilen von Lateinamerika federführend waren, kontrollierten die Belgier das Eternit-Geschäft in den Benelux-Staaten, in Schwarzafrika und im Fernen Osten. «Die belgische Firmengruppe steht jener von Stephan Schmidheiny an Gewicht nicht nach», wähnte im Juni 1985 die «Neue Zürcher Zeitung». «Beide dürften gemeinsam ein Viertel des Faserzement-Weltmarktes abdecken.»

Erst 1989 kam es zur Entflechtung: Im Zuge des graduellen Rückzugs aus der Asbestproduktion verkaufte Schmidheiny seine Anteile (von jeweils rund 20 bis 25 Prozent) an den beiden Muttergesellschaften der belgischen Gruppe ? Compagnie Financière Eternit (CFE) und Eteroutremer, beide mit Sitz in Brüssel. Auch eine Minderheitsbeteiligung an der in Luxemburg ansässigen, mit der Emsens-Familie gemeinsam betriebenen Team Holding, unter deren Dach Asbest verarbeitende Betriebe in Afrika und im Mittleren Osten gebündelt waren, wurde 1989 an die Belgier veräussert. Von besonderem Interesse ist die historische Achse nach Brüssel hinsichtlich allfälliger Haftpflichtfragen. Nur zu gern weisen heute beide Seiten die Verantwortung mit dem Argument von sich, in den fraglichen Ländern habe man sich seinerzeit eben nur in der Position eines Juniorpartners ohne echte Kontrollbefugnis befunden. Zur Hinterlassenschaft dieser wenig transparenten Koproduktion, in die je nach Weltgegend auch noch der französische Baustoffriese Saint-Gobain involviert war, gehören Zehntausende von lebensgefährlich geschädigten Werksmitarbeitern sowie Berge von Asbestabfällen, die noch über Jahrzehnte hinweg die Umwelt belasten werden.

Auch die Verantwortlichkeiten für das Geschehen in den italienischen Eternit-Produktionsstätten von Casale Monferrato, Neapel, Syrakus und Reggio Emilia lassen sich im Rückblick nicht mehr einwandfrei zuordnen. Aus Schweizer Sicht muss die in den Siebzigerjahren erfolgte Übernahme der betreffenden Werke von den Belgiern als fataler Missgriff gewertet werden. Welch skandalöse Zustände in den Jahren vor und nach dem Handwechsel in Italien geherrscht haben müssen, dringt einer breiteren Öffentlichkeit erst allmählich ins Bewusstsein. Als besonders krass gilt das Beispiel von Casale Monferrato, einer Kleinstadt im Piemont mit knapp 40 000 Einwohnern. In dieser Stadt ist praktisch alles aus Eternit ? von den Dächern der Wohnhäuser bis hin zur kommunalen Wasserleitung. Während Jahrzehnten wurden Asbesttransporte quer durch Casale in offenen Lastwagen durchgeführt. Zudem floss das Abwasser der «Todesfabrik», wie die Ortsansässigen das 1986 von Stephan Schmidheiny geschlossene Eternit-Werk nennen, direkt in den Po.

Die Auswirkungen des Schlendrians auf die Befindlichkeit der Bevölkerung sind dramatisch: Hunderte von ehemaligen Werksmitarbeitern sind an Asbestose oder Lungenkrebs erkrankt; viele davon sind inzwischen gestorben. «In Casale erliegen sechzehnmal mehr Menschen einem Mesotheliom als in anderen italienischen Städten», präzisiert die Onkologin Daniela Degiovanni, die sich im lokalen Spital seit den Siebzigerjahren mit asbestverursachten Fällen befasst.

Auch in Bagnoli, einem Industriegebiet bei Neapel, und vor den Toren der sizilianischen Hafenstadt Syrakus liessen die Schmidheinys bis Mitte der Achtzigerjahre asbestverstärkten Zement produzieren. Im Umfeld beider Betriebsstätten lagern noch heute tonnenweise Asbestabfälle, wie die Gewerkschaftszeitung «Work» dokumentiert hat. Saniert wurden die betreffenden Werksgelände nie. Vor einem Strafgericht in Syrakus müssen sich gegenwärtig zwölf Eternit-Manager ? darunter der Schweizer Leo Mittelholzer, der die Fabriken in Casale Monferrato und Syrakus in den Achtzigerjahren geführt hat ? für den Tod beziehungsweise die Erkrankung von Hunderten Eternit-Angestellten verantworten. Schon einmal stand der 52-jährige Appenzeller, heute Schweiz-Chef von Holcim, in Italien vor Gericht, kam seinerzeit aber mit einem blauen Auge davon. Wird der Schmidheiny-Veteran vom Strafgericht in Syrakus der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden, droht ihm eine Strafe von bis zu fünf Jahren Gefängnis.

Wenn seitens der Eternit-Verantwortlichen heute immer wieder beteuert wird, die Schutzvorkehrungen für die in der Asbestverarbeitung tätigen Mitarbeiter seien weltweit identisch gewesen, so mag das auf dem Papier wohl stimmen. Womöglich wurde ein entsprechendes Sicherheitsmanual an die Eternit-Produktionsstätten rund um den Globus verschickt. Zu behaupten, die darin aufgeführten Schutzmassnahmen seien von den Managern vor Ort tatsächlich durchgesetzt worden, wirkt vor dem Hintergrund der verfügbaren Augenzeugenberichte allerdings zynisch. Profitabel war die Eternit-Produktion in den Hinterhöfen der Dritten Welt für ihre Betreiber allemal: Laut einem Bericht in der «Schweizerischen Handelszeitung» soll die Eigenkapitalrendite der Eternit SA in Brasilien 1988 sagenhafte 43 Prozent betragen haben.

Auf der Jagd nach solchen Superrenditen nutzten die Schmidheinys lokale Monopolstellungen schonungslos aus und profitierten wo immer möglich auch von Zoll- und Steuererleichterungen seitens der Gastgeberländer. Zu trauriger Berühmtheit gelangte in diesem Zusammenhang die Eternit-Tochter Duralit im zentralamerikanischen Guatemala. Als das bürgerkriegsgeschädigte Land Mitte der Siebzigerjahre von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde, nutzten die Duralit-Manager die humanitäre Katastrophe und lieferten tonnenweise asbestverstärkte Zementplatten, die mit internationalen Spendengeldern finanziert wurden. Während der Ausstoss der Fabrik regelrecht explodierte, wurden die Löhne der guatemaltekischen Schichtarbeiter dicht an der Hungergrenze gehalten.

Nicht eben zum Ruhm gereicht den Schmidheinys auch ihr «track record» im benachbarten Nicaragua. In den Siebzigerjahren geschäftete der Clan dort mit Anastasio Somoza und überliess dem Diktator phasenweise sogar die Aktienmehrheit an der lokalen Faserzementtochter Nicalit. Bis dato befindet sich die Gesellschaft mit Sitz in San Rafael del Sur, die seit 1993 dem Vernehmen nach asbestfrei produziert, im Portefeuille von Stephan Schmidheiny. Vor Jahresfrist gelangte die Firma abermals in die Schlagzeilen: 450 Nicalit-Mitarbeiter wollen den Multimilliardär wegen Asbestfolgeschäden, die er angeblich auch in Nicaragua zu verantworten hat, auf Schadenersatz verklagen. «Wir arbeiteten ohne den geringsten Schutz», beteuert Francisco Navarro, einer der Anführer der Arbeitergruppe. «Weder das Firmenpersonal noch die Gesundheits- und Arbeitsministerien informierten uns über das Risiko.»

Identisches berichten Augenzeugen aus anderen lateinamerikanischen Produktionsstätten. «Vieles wird aufgebauscht», bemüht sich derweil Hans-Ulrich Spiess, Präsident der Schleifmittelfirma SIA Abrasives, um Relativierung der Fakten. In ganz Lateinamerika, behauptet der frühere Eternit-Kadermann, sei ihm bis heute kein einziger Fall eines durch Asbestexposition verursachten Lungenfelltumors (Mesotheliom) bekannt.

Sein früherer Chef, Stephan Schmidheiny, trat 1974 in Niederurnen die Position eines Verkaufsleiters an und übernahm in der Folge sukzessive die Verantwortung über sämtliche Eternit-Aktivitäten der Familie. Deswegen steht er heute weltweit am Pranger: Insbesondere in den Asbestminen Südafrikas, wo der besonders gefährliche blaue Asbest (Krokydolith) abgebaut wurde, spotteten die gesundheitlichen und arbeitshygienischen Umstände bis Anfang der Achtzigerjahre jeglicher Beschreibung. Die grosse Mehrheit der Belegschaft bestand aus Schwarzen, denen oftmals nur ein Bruchteil des Salärs ihrer weissen Arbeitskollegen zugestanden wurde. «Die Arbeitsbedingungen in den Minen waren ein direkter Effekt der Apartheidpolitik», sagt denn auch der südafrikanische Rechtsanwalt Richard Spoor aus Johannesburg. «Daran besteht kein Zweifel.»

Auch Thomas Schmidheiny steht im Verdacht, aus der misslichen Menschenrechtslage am Kap fette Profite geschlagen zu haben. «Holcim und ihre Unternehmen zahlten ihren schwarzen Angestellten Löhne, die 40 bis 70 Prozent unter dem Einkommensminimum lagen», wirft ihm der amerikanische Sammelkläger Ed Fagan vor. Neben einem halben Dutzend Industriefirmen ? darunter der Zementmulti Holcim ? will der umstrittene Rechtsunternehmer demnächst auch die beiden Schweizer Grossbanken UBS und CS wegen Unterstützung des Apartheidregimes und Diskriminierung von schwarzen Arbeitskräften in New York vor den Kadi zerren.

«We are talking about tens of billions of dollars», liess sich Ed Fagan ? von
BILANZ nach der Höhe der angepeilten Klagesumme gefragt ? unlängst vernehmen. Der südafrikanische Honorarkonsul in Zürich, Anton E. Schrafl, nimmt Investoren, die unter dem Apartheidregime unerschütterlich ihren Geschäften nachgingen, in Schutz. «Wären damals alle ausländischen Firmen ausgezogen, hätte dies vor allem die Armen getroffen», gibt der langjährige Holcim-Verwaltungsrat und Cousin der beiden angefeindeten Brüder zu bedenken: «Auch die Schwarzen hatten es durch unsere Präsenz besser.»

Wie es allerdings aussieht, foutierten sich die Erfüllungsgehilfen der Schmidheinys auch in den nachgelagerten Produktionsbetrieben, wo die Asbestfasern mit Zement versetzt und zu Platten und Rohren gepresst wurden, oft um die rudimentärsten Schutzmassnahmen. «Überall war Staub, und niemand sagte uns, dass er tödlich war», berichtet ein schwarzer Fabrikarbeiter, der während mehr als zwanzig Jahren im Everite-Werk von Brackenfell angestellt war. «Wenn einer erkrankte, transportierte ihn die Firma in sein Homeland zurück.»
Massive Vorwürfe hagelte es unlängst an die Adresse des Zuger Rohstoffkonzerns Xstrata, dessen Tochtergesellschaft Vantech sich in Südafrika mit der Förderung von Vanadium beschäftigt. Wie aus einem Untersuchungsbericht des zuständigen Department of Minerals and Energy (DME) hervorgeht, soll Vantech auf gravierende Weise gegen die in Südafrika geltenden Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften verstossen haben. Bei einzelnen Minenarbeitern seien Vanadium-Expositionswerte gemessen worden, die den gesetzlich zulässigen Grenzwert um das Dreissigfache überschritten hätten, heisst es in dem Bericht. Allein zwischen 1998 und 2000 seien zudem über 80 erkrankte Vantech-Mitarbeiter von der Firmenleitung missbräuchlich auf die Strasse gestellt worden. Peinliches Detail: In der fraglichen Periode war ausgerechnet Holcim-Grossaktionär Thomas Schmidheiny im Aufsichtsgremium der Zuger Muttergesellschaft vertreten. Überstürzt trat der Bruder von Stephan im Sommer 2001 von seinem Xstrata-Mandat zurück, nachdem er wegen eines illegalen Börsengeschäfts ins Visier der spanischen Antikorruptionsbehörden geraten war.
Um die Belegschaft nicht zu beunruhigen, würden gesundheitsrelevante Informationen von der Firmenleitung oftmals bewusst zurückgehalten, bestätigt der südafrikanische Rechtsanwalt Spoor, der sich auf die Verteidigung von Schwarzen aus den Townships verlegt hat. Dem einstigen Asbestminenbesitzer Stephan Schmidheiny droht er im Namen seiner minderprivilegierten Klientel mit einer happigen Sammelklage. «Seit den Sechzigerjahren war den Everite-Betreibern klar, dass Arbeiter in erheblicher Zahl sterben würden», kritisiert Spoor. «Trotzdem wurde ihnen die schreckliche Wahrheit über Jahrzehnte verschwiegen.»
Kein Gehör für derartige Schuldzuweisungen hat Hans-Rudolf Merz, FDP-Ständerat aus dem Kanton Appenzell, der für den abgetauchten Eternit-Magnaten die Verteidigungslinien an der Schweizer Asbestfront organisiert. Als Berater von Everite und anderen Firmen aus der südafrikanischen Baumaterialbranche war Merz in den frühen Achtzigerjahren selbst im Apartheidstaat zugegen. Nicht nur hinsichtlich der haarsträubenden Arbeitsbedingungen in den Minen und den Asbest verarbeitenden Betrieben scheint der populäre Politiker damals mit erstaunlicher Blindheit geschlagen gewesen zu sein: Arbeiter, die ohne Schutzvorkehrungen knöcheltief im Asbest wateten; offene, vom Wind verwehte Schutthalden; Berge von Produktionsrückständen in unmittelbarer Nachbarschaft von menschlichen Behausungen und Wasserstellen. All dies hat er damals offenbar übersehen. «Es gab auch viele Leute, welche die Apartheid unter dem Aspekt der Erziehung sahen und nicht der Rasse», behauptete er vor wenigen Monaten im Zürcher «Tages-Anzeiger» keck. Und gegenüber dem «SonntagsBlick» setzte Merz sogar noch einen drauf: «Für mich war die Apartheid damals kein Thema.»
Richard Spoor aus Johannesburg spricht in Bezug auf die Hinterlassenschaft der Asbest verarbeitenden Konzerne von einem menschlichen und ökologischen Desaster unvorstellbaren Ausmasses ? vergleichbar mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl oder der Chemiekatastrophe im indischen Bhopal. «In Europa», versichert er, «würden asbestverseuchte Gebiete, wie es sie in Südafrika gibt, unverzüglich evakuiert.» Bezüglich allfälliger Wiedergutmachungszahlungen des ehemaligen Everite-Besitzers meint der streitbare Rechtsanwalt: «Soweit ich über Herrn Schmidheinys Vermögensverhältnisse orientiert bin, ist er sehr wohl in der Lage, eine Geste zu machen, welche die Situation der Betroffenen hier vor Ort substanziell verbessern könnte.»

Auch wenn sich Stephan Schmidheiny inzwischen von all seinen Eternit-Aktivitäten getrennt hat, bleibt sein Wirken ? egal, wie man die Modalitäten seines Rückzugs rückblickend bewerten mag ? nicht ohne Altlasten. Zu glauben, nur ehemalige Fabrikmitarbeiter seien latent an Leib und Leben gefährdet, entspricht einem Trugschluss: Von Mexico City bis Santiago de Chile, in den Slums brasilianischer Grossstädte genauso wie in den heruntergekommenen Vorstädten von Bogotá, Lima oder Buenos Aires
fristen Millionen von Latino-Familien in Behausungen mit uniformen Eternit-Dächern ihr Dasein. Und die Bewohner der windschiefen Hütten ahnen es in den seltensten Fällen: Eternit hält ? seinem Namen zu Trotz ? nicht ewig.

Verrottende und vor sich hinbröckelnde Asbestzementdächer, Verschalungen und Platten finden sich heute überall dort, wo sich bedürftige Menschen in grosser Anzahl zusammenballen: exakt an jenen Schnittstellen der viel diskutierten Globalisierung also, wo die Umwelt ohnehin überproportional mit Schadstoffen befrachtet ist, das Wasser trüb, die Hygiene prekär und wo die Chancen auf ein Dasein in Würde minimal sind.

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