Guten Tag,
Kein Geschwätz, nichts Unnötiges, kein Gebalze, nur viele Stunden Gehen – unter einer Wolke in einer Hochwüste. Möglichst mit leerem Magen: der ideale Zustand, um Erleuchtung zu finden.
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Hustend lachte mich Gert an: «Früher haben wir am Morgen Hasch inhaliert, heute saugen wir an den Cortison-Sprays.» 1966 hatte er sich für den Abschluss seines Medizinstudiums selbst belohnt und war mit 1000 Dollar acht Monate lange durch alle Freak-Sehnsuchtsländer bis nach Burma gereist. Nun, 38 Jahre später, inzwischen emeritierter Medizinprofessor, quälte er sich höhenbronchitisch und mit Trümmerfeld-Kniegelenken über 5500 Meter hohe Pässe auf einem Wüstenweg, zur Erleuchtung, von Leh nach Spiti im indischen Himalaja.
Mühsal hatte sich schon in Zürich angekündigt. Mehr als eine Stunde standen wir festgekeilt im Stau vor dem Flughafen. Findige Verkehrsplaner hatten genau zur Ferienzeit fünf Autospuren in eine einzige gezwängt. Dann begann Vanessas Auto zu rauchen, und ein kurdischer Mitarbeiter des Flugplatzes nahm mich mit und brachte mich an allen Warteschlangen vorbei durch alle Hemmnisse. Die tägliche Hektik setzte sich nahtlos als Ferienhektik fort, die freundliche Dame am Schalter erklärte mir, ohne Visum könne ich nicht nach Indien reisen. Dabei hatte unser Reisebüro behauptet, wir brauchten kein indisches Visum, da wir eine Spezialgenehmigung für Ladakh hätten.
So strandete ich genau wie meine Tiroler Freunde visumlos in Wien, der Stadt der Gemütlichkeit. Mein Taxichauffeur trug Krawatte und meinen Container, 35 Jahre habe er im Beruf Schlips getragen, das präge. Auch im Haus meiner längst verstorbenen Tante, bei der ich mitten in Wien 1959 wohnte, scheint die Zeit stillgestanden; der Lift stammt immer noch aus der Kaiserzeit. Aber rund herum verschwinden die Traditionsgeschäfte; alles, was die Schönen und die Hässlichen zu brauchen scheinen, sind Unterwäsche, Mozartkugeln und Junk. Tiefverschleierte ziehen vorbei, blosse Jungfernbäuche, kachektische Männchen und gargantueske Fettberge. Watschelnde Bäuche paradieren zwischen wippenden Brüsten, ein anarchisches Gemisch rund um den mittäglichen Jungschweinebraten im Biedermeierquartier. Da kann keine Ruhe einkehren, selbst auf der Kärtnerstrasse fällt mich die Leere an.
Schliesslich sind wir doch in Indien und dann in Leh. Vor 27 Jahren war ich schon einmal hier. Inzwischen wurde viel gebaut, die wesentlichen Strukturen aber sind wie damals, wie gestern. Und mir fällt ein, dass ich, wenn ich noch einmal 27 Jahre zurückgelegt habe, ein Greis sein werde. Und noch immer kommt keine Erleuchtung auf, obwohl wir schon im dritten Kloster sind. Mönche murmeln und trommeln, und eine wunderschöne junge Frau sitzt gänzlich entrückt, Lotossitz, Energiefluss, und ich habe ganz weltliche Gedanken. Neben der Schotterstrasse zerklopfen südindische Kinder und Frauen Steine zu Kieseln und verdienen vier Dollar im Tag. Begegnung mit denen im Dunkeln, die manchmal eine lila Blüte hinters Ohr gesteckt haben.
Dann ist plötzlich Ruhe. Viele Stunden gehen wir jeden Tag unter weissen Wolken in einer Hochwüste. Beim zweiten Satz des dritten Klavierkonzerts von Mozart, am 15. August 2004, 14.15 Uhr passiert etwas. Nach fünf Stunden Wandern ist der Magen leer. Dough Scott fällt mir ein: Neun Tage waren er und seine Freunde am Shirling auf einer neuen Route geklettert, noch mindestens drei Tage trennten sie vom sturmumtosten, 6900 Meter hohen Gipfel, und der Proviant war zu Ende. «Son, you cannot get enlightenment on a full stomach», beschied er seinem zweifelnden Partner und kletterte weiter.
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Das Sein wird leicht so klar wie diese Landschaft, kein Geschwätz, nichts Unnötiges, kein Gebalze, nur Gehen. Später laufen wir durch zerbrochene, geborstene Felslandschaften, totale Einsamkeit, manchmal sehe ich meine Begleiter für Stunden nicht.
Schliesslich landen wir in einem sechs Meter hohen Raum im Tabo-Kloster, und da sind uralte blaue Wandmalereien, die schönsten, die ich je gesehen habe. Das Fahren, Gehen und Leiden war nicht vergebens, wie Benn meinte. «Enlightenment» geschieht plötzlich, unerwartet. «Leidend lernte ich viel», schrieb Goethe, und leidend reisen hebt das Leiden auf. Und so ist dann später auch Zürich wieder eine tiefere Stadt.
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