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Diagnose: 60 Jahre und ein bisschen weise

Bestimmen Sie den Zeitpunkt Ihrer Pensionierung, solange Sie dafür noch keinen Applaus kriegen. Und solange Sie vielleicht noch eine Alterskarriere in Angriff nehmen können.

Von Oswald Oelz
15.11.2005

Wie sattsam kommentiert wurde, hat Gerhard Schröder in der Kunst des Rücktritts keinerlei Kunstfertigkeit gezeigt, ganz im Gegensatz zu Joschka Fischer, der gleich anschliessend noch seine fünfte Hochzeit mit deftiger römischer Kost, einschliesslich Kalbsdarmsauce, Kutteln und Kuhschwanz, feierte. Joschka ist ein Vorbild geworden wie Julius Nyerere, der die Macht in Tansania rechtzeitig abgab und dann als «elder statesman» wegen seiner weisen Ratschläge rundum gefragt war. Die beiden sind rare Ausnahmen in der Politikerszene, meist müssen die Herren und vereinzelten Damen definitiv abgewählt werden, vergiftet oder geköpft wie ein gut Teil der mittelalterlichen Potentaten, erschlagen wie Richard III. oder erdolcht wie Gaius Julius Cäsar. Für die Entsorgung mancher hoher Herren mussten gar ganze Reiche in Schutt und Asche gelegt werden.

Bei unseren potenziellen Vorbildern, den grossen Figuren der Geschichte, ist also die Fähigkeit, rechtzeitig aufzuhören, nicht zu orten. Auch bei meinen lieben Kollegen, den Medizinprofessoren, Chefärztinnen und Chefärzten, vermag ich diese Fähigkeit kaum auszumachen. Die allermeisten bleiben wie Bankpräsidenten und Konzernchefs am liebsten bis über den letzten Tag hinaus und müssen dann noch hinauskomplimentiert werden. Schliesslich hat man ja sein ganzes Wesen eingesetzt, um die Position zu erreichen, und will sie bis zur Neige auskosten. Die Panik vor dem drohenden Identitätsverlust, wenn man plötzlich einfach nur noch Herr Meier statt Professor Dr. Dr. Meier oder Herr Müller statt Direktor ist, führt zum Realitätsverlust. Man schiebt vor zu glauben, man sei unersetzbar, dabei warten alle darauf, dass endlich das Verfalldatum wirksam wird.

Und so frage ich mich, warum man nicht aufhört, wenn es am schönsten ist, wenn man manchmal noch etwas weiss, was die meisten Mitarbeiter nicht wissen, und eine Analyse erstellt, die den einen oder anderen Assistenten noch zum Staunen bringt. Warum nicht zurücktreten, bevor man allzu viele Fehler macht und das Verdummungsblatt der Nation die Häme über den einst Gefeierten ausgiesst, solange zumindest noch einige ehrlich bedauern, dass man jetzt schon aufhört? Letzteres wäre doch narzisstische Tröstung vom Feinsten.

Markus Studer hat es so gemacht, der weit und breit die schönsten und verlässlichsten Bypassgefässe an darbende Herzmuskeln nähte und der nach 4000 Operationen mit 56 Jahren beschloss, das Skalpell aus der Hand zu legen. Nun steuert er mit gleicher Meisterschaft zentimetergenau seinen Riesenlaster durch Europa und die Lastwagen-Meisterschaften.

Der Alternativkarrieren sind doch auch mit 60 noch viele, und manche davon dienen ausschliesslich der Beglückung der Menschheit. Ich erwähne den schon viel früher umgestiegenen, als Lehrer vorgesehenen Franz Schubert, der seit bald 200 Jahren für Leichte und Schwere in den Herzen sorgt, den Bienenzüchter Edmund Hillary, der nach seiner kurzen Bergsteigerkarriere fast ausschliesslich sinnvolle Entwicklungsarbeit für das Sherpaland leistete, oder den Schauspieler Karlheinz Böhm, der erfolgreich gegen den Hunger in Äthiopien kämpft.

Die Gründe für den Umstieg reichen also vom Zwang durch die Abwahl über das Streben nach höherer Rangordnung bis hin zu Erkenntnis und Erleuchtung. Buddha führte das verschwenderische Leben eines Prinzen, als er auf einer Reise einem ausgezehrten Greis begegnete, die Schreie eines Pestkranken hörte, einen Leichenzug vorbeiziehen sah und das wirkliche Leben mit Alter, Krankheit und Tod erfuhr. Daraufhin wurde ihm unter dem Baum der Erkenntnis die Erleuchtung zuteil, und er begründete eine gewaltlose Gemeinschaft, deren Ziel es war, in sich friedvoll zu sein.

Ich habe mich entschlossen, bald mehr zu klettern und anderes zu tun, als zu doktern. Vielleicht bereue ich das bald wie Klara Obermüller, die ihren Pensionierungsschock in einem Buch verarbeitet hat, oder wie Altregierungsrat Gilgen, der mir riet, so lange als irgend möglich in meinem Beruf zu bleiben. Vielleicht beendet auch die BILANZ mein monatliches Engagement, wenn ich nur mehr Herr Oelz und nicht Chefarzt bin. Aber da bleiben noch Lammbeuscherl und Kutteln vom Rind.

Prof. Dr. med. Oswald Oelz ist Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich und Extrembergsteiger

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