Guten Tag,
Mehr Technologie allein reicht für eine Reform nicht. Wir müssen endlich mehr Verantwortung übernehmen – sonst verpufft jeder Reformversuch.
Daniel Fasnacht
«Wir brauchen ein Gesundheitswesen, das Technologie nicht hortet, sondern intelligent orchestriert», fordert Daniel Fasnacht.
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Ich komme aus der Finanzwelt, meine Frau ist Ärztin. Zwei Welten, könnte man meinen, und doch sind beide Systeme sehr ähnlich: hochkomplex, stark reguliert, sicherheitskritisch und voller struktureller Widersprüche. Was im Banking nach der Finanzkrise zur Konsolidierung und zur Digitalisierung führte, steht dem Gesundheitswesen heute noch bevor. Die Schweiz pflegt in der Medizin die gleichen Illusionen wie einst im Banking. Und die Konsequenzen werden ähnlich teuer, wenn wir nicht endlich handeln. Hinter dem glänzenden Ruf unserer Medizin bröckelt das Fundament: zersplitterte Strukturen, Medienbrüche, ausufernde Prozesse und ein massiver Digitalrückstand. Das elektronische Patientendossier wurde zum Symbol verpasster Chancen, und die Umbenennung in elektronisches Gesundheitsdossier (E-GD) ist letztlich nur ein neuer Name für dieselbe Baustelle.
Daniel Fasnacht ist Dozent, Director und Fellow an der Universität Zürich, Gründer und CEO des Beratungsunternehmens Ecosystem Partners AG sowie Buchautor.
Es ist begrüssenswert, dass der Bund die technische Infrastruktur zentralisieren und die Freiwilligkeit abschaffen will – eine längst überfällige Einsicht, die spät kommt und viel kosten wird. Während wir über Gesetzesrevisionen diskutieren, liegen viele Spitäler faktisch auf der Intensivstation. 2024 erzielten laut Bundesamt für Statistik 62 Prozent der Schweizer Spitäler ein negatives Ergebnis. Von den 183 Häusern überlebt ein grosser Teil nur dank impliziter Staatsgarantien: Kantone stützen sie mit Kapitalerhöhungen und Schuldenübernahmen.
Stellen Sie sich vor, dass über die Hälfte aller Banken in der Schweiz jährlich vom Staat gerettet werden müssten: Ein solches System würden wir für grotesk erklären. Im Gesundheitswesen hingegen gilt dieser Zustand als normal. Die Defizite sind kein Schicksal, sondern das Resultat struktureller Fehlanreize. Die Schweiz leistet sich zu viele Spitäler. Die Kosten steigen, die Tarife nicht, und die Ambulantisierung frisst stationäre Fälle weg, während die teure 24/7-Infrastruktur unverändert weiterlaufen muss. Trotzdem blockieren Politik und Lokalpatriotismus dringend notwendige Zusammenschlüsse und Schliessungen. Was wir erleben, ist keine Gesundheitspolitik, es ist eine kostspielige Überlebensverlängerung.
Spitäler verwenden sehr unterschiedliche Systeme und Technologien. Einige investieren mutig und werden produktiver, andere geraten in Rückstand und verlieren den Anschluss. Genau hier setzt Smart Health an: Technologie nicht als Selbstzweck, sondern als verbindendes Element zwischen Menschen, Prozessen und Wissen. Smart Health verknüpft IoT, Cloud, KI, Wearables und Gesundheits-Apps zu einem datengetriebenen, interoperablen und patientenzentrierten System, in dem Prävention, Behandlung und Nachsorge nahtlos ineinandergreifen.
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Doch Smart Health funktioniert nur, wenn wir uns bewegen. Wir müssen uns eingestehen, dass die Hälfte der heutigen Spitäler ausreichen würde, vorausgesetzt, sie wären besser vernetzt, digital kompetent und als starke Zentrumsspitäler organisiert. Und vielleicht brauchen wir ebenso eine einzige starke Grundversicherung anstatt 40 Kassen, die alle dasselbe anbieten. So wie im Banking nicht jedes Regionalinstitut systemrelevant ist, muss auch im Gesundheitswesen nicht jeder Anbieter seine eigene Infrastruktur betreiben. Niemand käme auf die Idee, 40 parallele Zahlungssysteme zu unterhalten. Wir alle brauchen eine Bank, aber nur eine, die nachhaltig und wertschöpfend arbeitet. Dasselbe Prinzip muss auch in der Gesundheitspolitik gelten.
Wir brauchen ein Gesundheitswesen, das Technologie nicht hortet, sondern intelligent orchestriert; Daten nicht versteckt, sondern vernetzt; Patientinnen und Patienten nicht bevormundet, sondern befähigt. Fortschritt bedeutet nicht, an überholten Strukturen festzuhalten, sondern ein Gesundheitsökosystem aufzubauen, das vernetzt, effizient und auf das Wesentliche fokussiert ist.
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