Wie ein Mensch kann auch eine Firma krank werden. Ähnlich wie ein von Krankheit geschwächter Mensch kann eine erkrankte Firma nur einen Bruchteil ihres Potenzials nutzen. Firmenkrankheiten sind weit verbreitet und richten einen unbezifferbaren Schaden für Unternehmen und Volkswirtschaften an. Wer sie früh erkennt und behandelt, schafft sich entscheidende Wettbewerbsvorteile.

Oft ist da zunächst nur ein etwas unbestimmtes Gefühl, dass etwas nicht stimmt: Menschen hetzen von Termin zu Termin, sitzen in Sitzungen, in denen es sie nicht braucht, und erhalten Mails im CC, die sie gar nicht erst lesen. Missverständnisse und Anschuldigungen sind die Folge. All dies vor dem Hintergrund tief greifender sozialer, wirtschaft­licher und technologischer Umwälzungen, welche die Unternehmen vor Herausforderungen stellen, denen sie nicht gewachsen sind.

Krankheiten müssen erkannt werden

Diese Entwicklungen sind ungesund für eine moderne Arbeitswelt. Mein Geschäftspartner Olivier Kennedy und ich haben versucht, in den beschriebenen Situationen Muster zu er­kennen, die sich im Alltag von Firmen einschleichen. Verhaltensweisen, deren Folgen abnehmende Innovationskraft, mutlose Entscheide und schliesslich der Einbruch einst ­florierender Geschäftsideen sowie die Verwandlung von Firmen in über­administrierte Organisationen sind.

Im «Firmen-Health-Check» haben wir über 60 moderne Erkrankungen identifiziert, die unbedingt therapiert werden müssten. Doch dazu müssen sie erkannt – also diagnostiziert – werden. Gemäss empirischen Analysen sind einzelne Krankheiten besonders stark verbreitet.

«Anthropo­strategitis» oder «E-Mail-Hyperaktivismus»

Da ist etwa die «Anthropo­strategitis». Es ist erschreckend, dass, wie eine Studie der Harvard Business School aufzeigt, 85 Prozent aller Führungsteams weniger als eine Stunde pro Monat in die strategische Weiterentwicklung ihres Verantwortungsbereichs investieren. Sie überlassen die Strategie sich selbst, im Glauben, sie würde sich von selbst weiterentwickeln. Die Langzeitprognose davon ist der langsame Tod des Geschäftsmodells.

«Multitaskingmanie» wurzelt in der Behauptung, dass Multitasking eine effiziente Arbeitsmethodik sei. Und tatsächlich haben Untersuchungen festgestellt, dass sich Mitarbeitende aufgrund komplexer Projektanforderungen oft lediglich ein paar Minuten einer Tätigkeit widmen, bevor sie einer anderen angefangenen Pendenz nachgehen. Bedenkt man die Eindenkzeit, bis die Arbeit produktiv erfolgen kann, wird ­verständlich, dass Multi­tasking in einer schnell­lebigen Wirtschaftswelt keine fruchtbare Arbeitsweise sein kann. Die moderne Arbeitswelt macht die Multitasking­manie unentrinnbar. Prävention ist angesagt, Regeln in der Zusammenarbeit, Büroräumlichkeiten, die fokussiertes Arbeiten erlauben, und mailfreie Stunden während des Tages sind nur ein paar Therapiemöglichkeiten.

«Mail» ist auch das Stichwort, das uns zum «E-Mail-Hyperaktivismus» führt, der Krankheit, welche die ausufernde Mailkommunikation beschreibt. Die Mailbox wird durchschnittlich über 30-mal pro Stunde gecheckt. Bei diesem Verhalten geht die Kultur des mündlichen Austausches verloren, und die emphatische Inter­aktion zwischen Mitarbeitenden wird limitiert, die oft Missverständnisse aus dem Weg räumen hilft. Eine Gefahr, denn diese stellen eine der Hauptursachen scheiternder Projekte dar. Ein – simpler, doch wirksamer – Therapievorschlag hier lautet etwa: nur zweimal am Tag die Mailbox checken.

Sich solcher Krankheiten bewusst zu werden und sich immer wieder zu überlegen, was dagegen getan werden kann, ist der erste Schritt zur Gesundung Ihres Unternehmens.

* Martin Künzi ist COO der Kommunikationsagentur Enigma und Buchautor. Früher war er Innovationsmanager bei der Post und Marketingchef der Heilsarmee.

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