Manchmal geht es darum, Stärke zu zeigen, indem man gar nichts sagt. Und so kam Apple-Chef Tim Cook zum Start der Entwicklerkonferenz WWDC am Montag auf die Bühne des McEnery Convention Center in San Jose im US-Bundesstaat Kalifornien, ohne auch nur eine Andeutung zu machen, was sich da zusammen brauen könnte. Die «New York Times» hatte am Morgen berichtet, dass sich die US-Behörden und die Kartellaufsicht neu aufgeteilt haben. Demnach soll das Justizministerium für Apple zuständig sein und die Federal Trade Commission (FTC) für Facebook.

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Das bedeutet zwar noch nicht, dass auch tatsächlich Verfahren eröffnet werden. Doch es deutet darauf hin, dass den Tech-Giganten, darunter auch Google und Amazon, regulatorische härtere Zeiten bevorstehen. Auf Apple kommt bereits eine Sammelklage zu, die den freien Verkauf und die Installation von Apps auch außerhalb des App Stores ermöglichen will. Der Oberste Gerichtshof der USA hatte den Weg für die Klage im Mai frei gemacht.

Und auch die EU-Kommission will Apple unter die Lupe nehmen und prüfen, ob eine marktbeherrschende Stellung vorliegt. «Wir müssen in diesem Zusammenhang die Rolle von Apple und von Apples App Store untersuchen», erklärte die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager im März. Unter anderem hatte sich der Musikstreaming-Anbieter Spotify beschwert, dass Apple seinen eigenen Dienst Apple Music bevorzugt.

Tim Cook liess sich von all dem nichts anmerken. Der Apple-Chef lässt kaum eine Gelegenheit aus, sich von den anderen Tech-Unternehmen abzusetzen, denen er vorwirft, die Nutzer an die Werbeindustrie zu verkaufen. Und so stellte Apple auf dem WWDC erneut Funktionen vor, mit denen sich das Unternehmen als Beschützer der Daten seiner Nutzer profiliere kann. Dazu gehört ein anonymes Log-In-System, wie man es bisher von Facebook und Google kennt.

Apple wirbt mit Datensicherheit

Log-In-Systeme in Smartphone-Anwendungen oder auf Webseiten sind bei Nutzern beliebt, weil sie dann nicht erneut ihre persönlichen Daten eingeben müssen. Wer sich jedoch mit seinem Facebook-Passwort auf Webseiten anmeldet, gibt auch den Weg zu seinen persönlichen Daten frei. «Anmelden mit Apple» soll das verhindern. Solche Apps oder Webseiten erhalten dann nur eine zufällige ID des Nutzers. Und wenn sie trotzdem eine E-Mail-Adresse verlangen, generiert Apple eine einmalige und zufällige Adresse, wenn die Nutzer das wünschen.

Apples neues iPhone-Betriebssystem iOS 13, das ab Herbst verfügbar ist, ermöglicht es Nutzern auch, ihren GPS-Standort für eine App nur einmalig freizugeben. Es schränkt darüber hinaus die Fähigkeit von Apps ein, die Position des Benutzers im Hintergrund beispielsweise durch Wlan-Netze oder Bluetooth zu verfolgen.

SAN JOSE, CALIFORNIA - JUNE 03: Apple CEO Tim Cook (L) and Apple chief design officer Jony Ive (R) look at the new Mac Pro during the 2019 Apple Worldwide Developer Conference (WWDC) at the San Jose Convention Center on June 03, 2019 in San Jose, California. The WWDC runs through June 7. (Photo by Justin Sullivan/Getty Images)

Mac Pro: CEO Tim Cook (l.) und Chefdesigner John Ive (r.) betrachten das neue Design auf der Entwicklerkonferenz.

Quelle: Getty Images

In TV-Kampagnen wirbt Apple mit der Datensicherheit seiner Geräte. Die Gäste der Consumer Electronics Show (CES) im Januar begrüsste der Konzern mit dem Banner: «Was auf dem iPhone passiert, bleibt auf dem iPhone». Damit spielte Apple auf den bekannten Ausspruch an: «Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas.»

Natürlich gehen die Neuerungen von iOS 13 über die Sicherheit hinaus. So sollen sich mit dem System Apps zweimal schneller öffnen lassen, die Gesichtserkennung wird nach Apples Angaben fast ein Drittel schneller. Apps haben im Download 50 Prozent weniger Daten und Updates sogar 60 Prozent weniger. Nutzer bekommen ausserdem einen Dunkelmodus, bei dem der Hintergrund dunkel und die Schrift hell dargestellt wird, was die Augen schonen soll. In Apple Music werden künftig auch Liedtexte zum Mitsingen oder Mitlesen angezeigt.

Auch Anwendungen wie Safari, Mail, Notizen und Erinnerungen wurden überarbeitet. Sogar an die Karten-Anwendung hat Apple Hand angelegt. Die Karten sollen künftig detaillierter werden. Bis Ende des Jahres erst einmal in den USA, im nächsten Jahr dann auch in anderen Ländern. Sogar eine Rundumsicht, wie man es von Googles Street View kennt, wird es geben.

iTunes verschwindet

Apple nutzte seine Entwicklerkonferenz, um in seinem Software-Angebot ein wenig aufzuräumen. So schickt der Konzern seine Medienverwaltungsprogramm iTunes auf das Abstellgleis. Nutzer hatten sich schon länger über die Trägheit und Unübersichtlichkeit beschwert. iTunes für den Mac wurde 2001 eingeführt, ursprünglich zum Umwandeln von Musik-CDs in digitale Dateien. 2003 kam der iTunes Store hinzu, dann Filme, TV-Shows, Podcast, zwischenzeitlich Apps und die Synchronisation von iPods und iPhones. Am Ende war das Programm schlichtweg überladen. Künftig wird es statt iTunes nur noch drei Programme geben für Musik, Podcast und TV. So wie Nutzer es von ihren iPhones gewohnt sind.

Im Herbst bekommt auch die Apple Watch ein neues Betriebssystem mit der Bezeichnung watchOS 6. Die wichtigste Neuerung ist hier ein eigener App Store, von dem Anwendungen direkt und ohne Umweg über ein iPhone auf der Uhr installiert werden können. Anwendungen benötigen auch keine Companion App mehr auf dem Smartphone. Die Uhr wird also etwas unabhängiger vom iPhone.

Mit dem neuen System kommen auch einige neue Anwendungen von Apple auf die Uhr. Dazu gehört eine App für Audiobooks, für Sprachmemos und ein Taschenrechner. Trotzdem ist eine Apple Watch ohne ein iPhone nur eingeschränkt nutzbar, weil sie Benachrichtigungen nur von Apples Smartphone und nicht von Android-Geräten empfängt.

General view of the Apple Watch during the Apple Covent Garden re-opening and iPhone XR launch at Apple store, Covent Garden on October 26, 2018 in London, England.  (Photo by Stuart C. Wilson/Getty Images)

Apple Watch: Soll auch ohne iPhone benutzbar sein.

Quelle: Getty Images

Unabhängiger wird auch Apples iPad, das mit iPadOS im Herbst ein eigenes Betriebssystem erhält, auch wenn es auf dem iPhone-Betriebssystem basiert. Damit können Nutzer zwei Apps im geteilten Bildschirm parallel nutzen, was komfortabler ist als bisher. Apple scheint sein Gerät ausserdem ein wenig öffnen zu wollen.

Die Dateien-Anwendung importiert nun auch Daten, die auf einem USB-Stick liegen, der an das iPad angesteckt wird. Programme wie Lightroom können sogar direkt auf Kameras zugreifen. Eine Unterstützung für eine Maus gibt es aber nach wie vor nicht. Apple hat in der Vergangenheit sein iPad als Computer-Ersatz angepriesen, doch Nutzer schreckten bislang davor zurück. Das könnte sich nun langsam ändern.

Ein Computer für 6000 Dollar

Das heisst natürlich nicht, dass Apple keine Computer mehr baut. Im Gegenteil: Auf der Entwicklerkonferenz stellte der Konzern eine Neuauflage seines Mac Pro vor, ein Computer für professionelle Anwender, die ihn nach ihren Ansprüchen für die Video-, Design- oder Musikproduktion ausrüsten können. Dadurch wird er zum leistungsfähigsten Rechner, den Apple je gebaut hat.

Das hat allerdings auch seinen Preis. In der kleinsten Ausstattung kostet das Gerät 6000 Dollar. Passend dazu zeigte Apple auch ein eigenes 32 Zoll grosses Display mit einer hohen 6K-Auflösung und technischen Details, die bislang nur bei Profi-Displays zu finden waren. Mit Ständer kostet das Display so viel wie der kleinste Mac Pro. Und trotzdem: Die neuen Geräte sind das erste Zeichen von Apple seit Jahren, dass der Konzern seine professionellen Kreativen noch nicht vergessen hat.

Für den neuen Computer und auch für Besitzer von günstigeren Macs hat Apple eine Auffrischung des Betriebssystems im Herbst geplant, das den Namen Catalina trägt, in Anspielung auf eine kleine Insel vor der kalifornischen Küste. Schnell dürfte auch die Auswahl der Programme für den Mac grösser werden. Nutzer blickten bisher ein wenig neidisch auf die Vielfalt der Apps für iPhone und iPad.

Aus diesem Grund hat Apple das Projekt Catalyst gestartet, das es Entwicklern ermöglicht, unkompliziert ihre Apps für den Mac umzuwandeln. So soll nach Angaben von Apple Twitter wieder auf den Mac kommen. Ursprünglich hiess das Projekt Marzipan. Möglicherweise war Apple die Bezeichnung aber zu nah an der Namensgebung für Android-Versionen, die sich auch an Süssigkeiten anlehnt.

Die Unabhängigkeit des iPads fängt Apple übrigens im neuen MacOS mit der Funktion Sidecar wieder ein. Sie ermöglicht den Anschluss eines iPads per Kabel oder drahtlos an ein Mac – als zweites Display.

Dieser Artikel erschien zuerst bei welt.de mit dem Titel «Apple: Was der iTunes-Bann für Nutzer bedeutet».