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Coop: Nur das Tempo bleibt

Was immer Coop-Chef Hansueli Loosli anpackte, wurde zu Gold. Dann kam das achte Jahr unter seiner Leitung, es wurde zum verflixten: Umsatz- und Imageprobleme prΓ€gten 2004. PortrΓ€t eines Rastlosen.

Corinne Amacher

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Der Start ins neue Jahr war an Rasanz nicht zu ΓΌberbieten. Kaum haben sich in den Portemonnaies die JanuarlΓΆcher gezeigt, kommt Hansueli Loosli und klebt rosarote Etiketten auf Erbslidosen und Milchbeutel. Ein Billigsortiment bei Coop, darauf hat die Schweiz lange gewartet. Zeitgleich mit der EinfΓΌhrung von Β«Prix GarantieΒ» tritt Loosli vor die Medien und gibt bekannt, Coop habe sich gerade mit einem der grΓΆssten Handelskonzerne verbΓΌndet (siehe Nebenartikel Β«Joint Venture mit Rewe: Ein logischer SchrittΒ»). Einen Tag spΓ€ter packt Loosli den Koffer und steigt mit Kollegen aus dem Management und einem Tross Pressevertretern im Schlepptau ins Flugzeug nach Mumbai. In Indien feiert er im Bio-T-Shirt mit Biobaumwollbauern das Zehn-Jahre-JubilΓ€um der Biotextilien von Coop.
Loosli hier, Loosli dort, Loosli ΓΌberall. Jetzt durchquert er federnden Schrittes den GemΓΌserayon im TΓ€gipark in Wettingen, einem Coop Megastore amerikanischen Formats, den er vor wenigen Wochen in Anwesenheit der Aargauer Politprominenz erΓΆffnet hat. Ein HΓ€ndedruck links, ein Β«Wie geht es Ihnen?Β» rechts – Loosli kennt die VerkΓ€uferinnen und bringt sie zum Strahlen. Ganz der erfolgreiche Topmanager, fΓ€hrt er einen Audi A8. Ganz der bodenstΓ€ndige Chef, fΓ€hrt er die Karosse selbst, und das, obschon er im Jahr 70 000 Kilometer zurΓΌcklegt. Β«Ein Chauffeur passt nicht zu mirΒ», sagt Loosli. Die hohe Kadenz von medienwirksamen Ereignissen im Januar entspricht ihm hingegen vollauf: Β«Das Tempo war ganz nach meinem GeschmackΒ», lacht Loosli im kahlen Sitzungszimmer des TΓ€giparks, Β«damit ist einmal mehr bewiesen, dass sich der Detailhandel dem Wandel stellt.Β»

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Β«Hansueli Loosli hat einen unglaublichen SchaffensdrangΒ», sagt Hans Winiger, bis zu seiner FrΓΌhpensionierung Mitte 2004 Looslis Stellvertreter in der Konzernleitung. Der Mann will nicht nur viel, er erreicht auch viel. Seit er 1997 den Vorsitz von Coop Schweiz ΓΌbernahm, trieb er den Umsatz von 10,9 auf 14,2 Milliarden Franken hoch, und das in einem gesΓ€ttigten Markt. Sein erklΓ€rtes Ziel, stΓ€rker zu wachsen als BranchenfΓΌhrerin Migros, schien er ohne grΓΆssere Schwierigkeiten zu erreichen, nicht zuletzt dank der frΓΌhen EinfΓΌhrung von Bioprodukten. Wenn Ladenketten zum Kauf standen, sass Loosli meistens am Verhandlungstisch – und bekam den Zuschlag. Sein Portefeuille besteht heute aus einem bunten Markenmix, der von Betty Bossi und Interdiscount ΓΌber Import ParfΓΌmerien bis Toptip und Lumimart reicht. Umstrukturierungen wie die Zusammenlegung von 15 regionalen Genossenschaften zu einer einzigen gelangen ihm – ein kleines Wunder – ohne nennenswerte Reibungsverluste. Loosli schien den Erfolg gepachtet zu haben. Daher erstaunte es niemanden, dass der Bauernsohn aus dem aargauischen WΓΌrenlos Anfang 2004 mit dem Swiss Award in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde.
Loosli stellt die TrophΓ€e weder ins BΓΌcherregal in der Stube seines Einfamilienhauses, noch nimmt er sie mit ins BΓΌro. Er schickt die Statuette weiter an seine Mitarbeiter. Der Award schmΓΌckt LΓ€den, Personalrestaurants, Produktionsbetriebe und landet sogar beim einen oder anderen Hausabwart. Als Dank erhΓ€lt Loosli im Dezember nicht nur den Award zurΓΌck, sondern eine Fotoreportage, die dessen Reise an die Basis dokumentiert.

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Kaum hat Loosli die Auszeichnung bekommen, gerΓ€t er in die Kritik. Das achte GeschΓ€ftsjahr unter seiner FΓΌhrung wird zum verflixten. FΓΌr 2004 berichtet er erstmals in seiner Amtszeit von einem UmsatzrΓΌckgang, wΓ€hrend Migros zulegen kann. Preisvergleiche verpassen Coop zudem das Image eines teuren Anbieters. Β«Mir war bewusst, dass ich auch einmal aufs Dach bekomme. Es geht im Leben auf und ab, das ist nun mal soΒ», zuckt Loosli mit den Schultern. Er sieht die Wende frΓΌh kommen und ermahnt die Kollegen in der Konzernleitung mehrfach, sie mΓΌssten sich wΓ€rmer anziehen.
Es war vor allem der Kauf der Warenhausgruppe Epa, der Loosli um den Ruf des ewig Erfolgreichen brachte. Β«Epa bleibt EpaΒ», verkΓΌndete er, als der Kauf publik wurde – etwas gar hastig, wie sich bald zeigte. Kaum war der Deal unter Dach und Fach, kamen Zweifel an der Daseinsberechtigung des Billigwarenhauses auf. Loosli tat, was er mit Vorliebe tut: Er liess eine Konsumentenumfrage erstellen. Sie ergab, dass die Schweizer der Marke Coop mehr vertrauten als der Marke Epa. Also beschloss Loosli, die Epa-WarenhΓ€user mitsamt dem Sortiment doch umzubauen und in Coop City umzutaufen. Aber Epa war eben doch nicht so unten durch, wie das die Umfrage glauben machen wollte. Loosli, der immer wieder den Stellenwert von Emotionen im Detailhandel betont, indem er sich mit der linken Hand ans Herz fasst, unterschΓ€tzte die nostalgischen GefΓΌhle, die mit der guten alten Epa verbunden waren. Viele Kunden goutierten weder die hΓΆheren Preise noch das neue Sortiment, entsprechend schwierig war die Startphase fΓΌr Coop City. Obschon die Logos in der Zwischenzeit an den wichtigen Standorten ausgewechselt worden waren, begriff die Shoppingschweiz noch nicht genau, wofΓΌr der orange-gelbe Schriftzug eigentlich steht.

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Β«Zum GlΓΌck kann man im Detailhandel Fehler rasch korrigierenΒ», sagt Loosli versΓΆhnlich. Meistens ist er konziliant im Ton, er kann jedoch auch fluchen, wenn etwas schief lΓ€uft. LangjΓ€hrige Kollegen haben gelernt, ihn Β«zu lesenΒ», wie einer sagt; sie merken, wenn es unter der entspannten OberflΓ€che zu brodeln beginnt.
Das war im letzten Jahr vermehrt der Fall. Gehadert hat der sonst so zupackende Macher etwa mit der EinfΓΌhrung einer Billiglinie. Fast schon in vorauseilendem Gehorsam zur deutschen Billigkonkurrenz lockerte der Schweizer Detailhandel von Denner bis Migros letztes Jahr die Preisschraube. Nur Loosli und seine Getreuen hielten am QualitΓ€tscredo fest. Nach einer aufreibenden internen Ausmarchung fiel dann doch der Entscheid, auf Anfang 2005 eine GΓΌnstiglinie einzufΓΌhren. Aufreibend darum, weil die oberste Coop-FΓΌhrung einen Weg finden musste, damit Loosli die Billigpreisstrategie mit seinem QualitΓ€tsverstΓ€ndnis vereinbaren konnte. Loosli verlangte, dass keine Β«BilligstqualitΓ€tΒ» (Loosli) in die rosa Linie aufgenommen werde, sondern mehrheitlich bereits bewΓ€hrte Produkte. Damit fand Loosli den Dreh, wie er beim Billigtrend mitmachen konnte, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, seine Werte zu verraten. Β«Wir stehen zu unseren QualitΓ€tsversprechen, ich habe Respekt vor unseren Produkten, sie sind gut und etwas wertΒ», sagt er, der schon als kleiner Junge bei der Mutter im Volg-Laden Zucker und Mehl abgewogen hat. Mit Β«Prix GarantieΒ» ist er nun zwar auf die Preissenkungen der anderen Grossverteiler eingeschwenkt, an die Nachhaltigkeit dieser Strategie will er aber nicht glauben. Tief im Herzen glaubt er daran, was er schon seit Jahren predigt: Β«Differenzieren kΓΆnnen wir uns nur durch ein dichtes Verkaufsstellennetz, Freundlichkeit, Frische und Bioprodukte.Β»

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Dass er an diesem Paradigma festhΓ€lt, obschon sich die ganze Branche derzeit neu orientiert, ist typisch Loosli: Er wird von den 50 000 Mitarbeitern geschΓ€tzt als Chef, der meint, was er sagt, und der vormacht, was er sagt. Β«Er geniesst sehr viel VertrauenΒ», sagt Peter Schmid, Gebietsleiter Bern. Das war nicht immer so. Als Hansueli Loosli 1992 Chef der maroden Coop ZΓΌrich wurde, hatte der damals erst 36-JΓ€hrige einen schweren Stand. Es herrschte ein Klima des Misstrauens. Loosli lockerte erst einmal die Krawatte und krempelte die Γ„rmel hoch: Statt sich ΓΌber die schmuddeligen Fleischvitrinen zu beschweren, nahm er Eimer und Schwamm in die Hand und begann zu putzen. Die KΓΌhlregale rΓ€umte er selbst so ein, wie er sie haben wollte. Die Stimmung kehrte schnell, aus Ablehnung wurde Sympathie. Die Sanierung geht Loosli leicht von der Hand und verhilft ihm zum Posten des Coop-Konzernchefs.
Der Detailhandel habe sehr viel mit Vertrauen zu tun, sagt Loosli und fasst sich abermals ans Herz. Wenn es ein Schweizer Topshot versteht, Vertrauen zu gewinnen, dann ist es Loosli. Diese FΓ€higkeit sei oftmals ausschlaggebend, dass er bei Verkaufsverhandlungen den Zuschlag erhalte, sagt ein WeggefΓ€hrte. FΓΌr Hansueli Loosli bedeutet Vertrauenschaffen Knochenarbeit: Einen bis zwei Tage pro Woche verbringt er an der Front abseits der Coop-Zentrale, Β«so erfahre ich schnell und direkt, ob draussen funktioniert, was wir am Sitzungstisch entschieden habenΒ». Der gelernte Buchhalter imponiert dem Personal nicht zuletzt deshalb, weil er ein phΓ€nomenales GedΓ€chtnis hat: Hansueli Loosli kennt unzΓ€hlige Mitarbeiter beim Namen und kann diese auch jederzeit abrufen.

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Im Kader bildet er Vertrauen mit Aktionen, die ΓΌber ein gemeinsames Skiweekend hinausgehen. Per 1. Januar 2001, Stichtag fΓΌr die Fusion der 15 Genossenschaften, hat Loosli 200 Kaderleuten einen Vierjahresvertrag angeboten. Darin verpflichtete er sich, jedem, mit dem er nicht klarkommt, fΓΌr eine allfΓ€llige Entlassung vier JahreslΓΆhne zu bezahlen. Β«Durch den Vertrauensvorschuss haben wir es geschafft, dass wir keinen einzigen Kadermitarbeitenden der betroffenen FΓΌhrungsstufen verloren habenΒ», freut sich Loosli. Seit Anfang 2005 gelten zwar wieder die normalen ArbeitsvertrΓ€ge, aber der Zusammenhalt im Kader ist geblieben. Einer spricht von Familie, ein anderer von einem Zuhause, Hansueli Loosli verwendet hΓ€ufig das Wort Β«BahnhofΒ», wenn er von seiner Firma spricht.
Nun, da er hΓ€rtere Zeiten durchlebt, zahlen sich die Efforts um das Vertrauen der Mitarbeiter aus. Loosli weiss um den RΓΌckhalt im Management und um die grosse LoyalitΓ€t langjΓ€hriger Mitarbeiter zu ihrem Chef. Weil Vertrauen allein allerdings nicht reicht, hat Loosli angefangen, seine engsten Mitarbeiter in Leadership-Seminaren aufeinander einzuschwΓΆren. Die Veranstaltung vom vergangenen Herbst drehte sich um Themen wie ErnΓ€hrung, Gesundheit und Schlaf. Da erfahren Hansueli Looslis Mitstreiter Dinge ΓΌber ihren Chef, ΓΌber die er im BΓΌro nicht spricht: dass er viel zu wenig schlΓ€ft und viel zu viel raucht. Am Ende dieser Sessions weiss jeder von jedem, wo sich der andere stark oder schwach fΓΌhlt und wie er sich verΓ€ndern mΓΆchte.

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Etwas formeller geht es in den offiziellen Zielvereinbarungen zu und her, Looslis bevorzugtem FΓΌhrungsinstrument. Jeweils im Herbst zerbrechen sich 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Hierarchiestufen den Kopf darΓΌber, wie sie ihr Unternehmen voranbringen kΓΆnnten. Es werden zuerst fΓΌnf gemeinsame Ziele definiert. Dann werden die Mitarbeiter aufgefordert, zu jedem Ziel drei Massnahmen zu formulieren, die mit Β«Ich …» beginnen. Β«Das dΓΌrfen keine Massnahmen aus dem Alltag seinΒ», sagt Loosli, Β«ich erwarte, dass sich die Leute echte Herausforderungen vornehmen.Β» Dann fΓΌgt er an: Β«Das gilt auch fΓΌr mich.Β» Ob den Worten auch Taten folgen, lΓ€sst der oberste Coop-Manager regelmΓ€ssig ΓΌberprΓΌfen, Ausreden duldet er keine. Β«Er erwartet, dass man dazu steht, wenn man vom Ziel oder vom Tempo ΓΌberfordert istΒ», sagt Coop-Kommunikationschef Felix Wehrle.
Dass Hansueli Loosli – laut Wehrle Β«ein Mann der permanenten positiven UnrastΒ» – Mitstreiter durch seine schnelle Gangart ΓΌberfordert, kommt ab und zu vor. Angesichts des schwierigen GeschΓ€ftsjahres 2004 traten die Gefahren seines Schaffensdranges in den Vordergrund. Vieles deutet darauf hin, dass das vergangene Jahr tatsΓ€chlich ein Wendepunkt gewesen ist. Nachdem das Wachstum von Coop ins Stocken geraten ist, lautet der Leitsatz fΓΌr das Jahr 2005: Β«Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche.Β»

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Das Management hat sich vorgenommen, jeden anstehenden Entscheid zu prΓΌfen, ob er wesentlich genug ist, ihn sofort zu fΓ€llen. Andernfalls wird das Projekt fΓΌr ein paar Monate auf Eis gelegt. Das werde zweifellos dazu fΓΌhren, dass bei Coop das Tempo der VerΓ€nderungen etwas gedrosselt werde, sind Mitarbeiter ΓΌberzeugt. Coop-Chef Hansueli Loosli runzelt die Stirn, er sieht das etwas anders: Β«Das hat nichts mit Temporeduktion zu tun, sondern soll den Blick auf die ErfΓΌllung der KundenwΓΌnsche schΓ€rfen.Β»

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