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Der Mann, der abkassiert, wenn Sie online shoppen

Seine Firma kennen die wenigsten, er selber scheut die Öffentlichkeit. Dabei ist Guillaume Pousaz der erfolgreichste Schweizer Start-up-Gründer.

Marc Kowalsky

Guillaume Pousaz, Gruender und CEO von Checkout.com fotografiert am Mittwoch, 27. November 2019 im Westhive in Zuerich.Photo: Michael Buholzer

Guillaume Pousaz: «Ich bekomme jeden Tag zwei bis drei Anfragen von VCs, die zur doppelten oder dreifachen Bewertung einsteigen wollen.»

Michael Buholzer für BILANZ

Der Mann ist Gretas Albtraum: Jeden Sonntag, nachdem er seine elfjährige Tochter und seinen sechsjährigen Sohn ins Bett gebracht hat, fährt Guillaume Pousaz die 20 Minuten von seiner Wohnung in Dubai zum Flughafen. Dort steigt er um halb drei Uhr nachts in den Flug BA 106, immer Sitz 78K, Fensterplatz, vorletzte Reihe, weil das Flugzeug von vorne aufgefüllt wird und deshalb die Chancen auf einen freien Nebenplatz dort am grössten sind. Um kurz vor halb sieben landet er in London-Heathrow, eine Stunde später ist er im Büro. Jede Woche geht das so, seit Jahren. Am Donnerstagabend, wenn in Dubai das Wochenende beginnt, ist Pousaz jeweils wieder zu Hause. Upgrades leistet er sich nur, wenn er mal tagsüber unterwegs ist: «Mit massivem Schlafdefizit kann man überall ausruhen», sagt er.

Weit über 600 Stunden pro Jahr verbringt der Mann im Flieger, fliegt zehnmal um den Globus, hat bei British Airways und Emirates den höchsten Vielfliegerstatus. Pousaz, ein ausgeprägter Familienmensch, sagt selber: «Das ist kein gutes Leben.»

Double Unicorn

Aber ein lohnenswertes: Still und leise, von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt, hat Pousaz mit seinem Pendelverkehr ein Milliarden-Start-up aufgebaut. Seine Firma Checkout.com mit Sitz im Londoner Stadtteil Fitzrovia ist zwei Milliarden Dollar wert und hat damit den extrem seltenen Status eines Double Unicorn. Guillaume Pousaz, 37 Jahre jung, gebürtiger Genfer, ist der erfolgreichste Schweizer Start-up-Gründer. «Die Schweiz braucht mehr Unternehmer wie ihn», sagt David Marcus, ebenfalls Entrepreneur aus Genf und bei Facebook zuständig für das Währungsprojekt Libra. «Pousaz ist wahrscheinlich einer der beeindruckendsten Gründer, die ich im letzten Jahrzehnt kennengelernt habe», sagt Micky Malka, renommierter Chef von Ribbit Capital im Silicon Valley.

Zahlen rückt Pousaz nicht heraus. Aber Quellen, die mit dem Unternehmen vertraut sind, sprechen von 100 Millionen Dollar Umsatz und – sehr ungewöhnlich für ein Start-up – einem Reingewinn von stolzen 30 Millionen. Und die Firma schiesst durch die Decke: Im zu Ende gehenden Jahr wuchs der Umsatz um 67 Prozent. Anfang 2019 beschäftigte Checkout.com 262 Mitarbeiter, Ende des Jahres 535. Für nächstes Jahr plant Pousaz mit 900 bis 1000 Angestellten. Kein Wunder, halten nicht wenige Investoren Checkout für die derzeit heisseste Tech-Firma überhaupt. «Ich bekomme jeden Tag zwei bis drei Anfragen von VCs, die zur doppelten oder dreifachen Bewertung einsteigen wollen», sagt Pousaz. Bei der nächsten Finanzierungsrunde, vorgesehen für Ende 2020 und als «massiv» (Pousaz) angelegt, dürfte der Firmenwert dort zu liegen kommen – vermutlich sogar noch höher.

Den allermeisten Schweizern ist Checkout.com kein Begriff. Doch wer ein Netflix-Abo löst, ein Konto bei Revolut oder TransferWise hat, im Onlineshop von Adidas ein Paar Turnschuhe oder bei Samsung ein Handy kauft, nutzt die Technologie des Unternehmens: Checkout erledigt für Onlinehändler die gesamte Zahlungsabwicklung zwischen Kasse und Kreditkartennetzwerk. Der Markt ist riesig – und wächst: von 3,6 Billionen Dollar im Jahr 2018 auf 6,7 Billionen bis 2023, so eine Studie von Statista. Vor allem ist er zersplittert: Die beiden grössten Player, die amerikanische Stripe und die holländische Adyen, decken nur etwa ein bis zwei Prozent davon ab.

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