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Centralway: Der Online-Zar in Osteuropa

In aller Stille hat sich der Zuger Unternehmer Martin Saidler in Osteuropa ein Internetimperium aufgebaut. Jetzt kommt dort Bewegung in den Markt.

Von Marc Kowalsky
09.04.2010

Es war eine Ankündigung mit Pauken und Trompeten: Von «führenden Titeln» und «starken Marken» war die Rede, von «klarer Marktführerschaft» und «zusätzlichen Entwicklungsperspektiven», als der grösste Schweizer Verlag Ringier und der deutsche Medienriese Axel Springer (u.a. Herausgeber der BILANZ) Ende März die Zusammenlegung des Osteuropageschäfts bekanntgaben. Einen dreistelligen Millionenbetrag wollen die beiden in nächster Zeit investieren. Besonders im Fokus steht das Online-Geschäft. «Ein Bereich, den beide Verlagshäuser vernachlässigt haben», schrieb der «Tages-Anzeiger».

Martin Saidler hat das, worauf die beiden Grossverlage erst noch hinarbeiten: ein Online-Imperium in Osteuropa. Der Zuger Unternehmer hat sich – von der Öffentlichkeit unbemerkt – in den letzten elf Jahren an 20 Internetunternehmen mit insgesamt mehr als 1000 Mitarbeitenden beteiligt. Zusammen machen sie knapp 100 Millionen Euro Umsatz, alle sind Cashflow-positiv, alle bis auf eines sind profitabel. 12 Millionen Unique Visitors ziehen sie monatlich an. Eine Viertelmilliarde Euro soll Saidlers Centralway Holding wert sein. Seit der Gründung hat sich der 42-Jährige an über 30 Gesellschaften beteiligt und ein Dutzend davon erfolgreich wieder verkauft. «Ich bin wie ein Trüffelschwein ständig auf der Suche nach etwas Passendem», sagt Martin Saidler.

Kreativ, ambitiös. Martin wer? Das ist die häufigste Reaktion, wenn man sich in der Schweizer Internetszene nach dem Unternehmer umhört. Im hiesigen Markt ist er weitgehend unbekannt. Branchenanlässe meidet er, wer nicht schon mit ihm geschäftlich zu tun hatte, kennt ihn kaum. «Ein sehr kreativer Internetunternehmer, mit Plänen, die sehr ambitiös und nicht immer realistisch sind», wenigstens zu dieser Einschätzung kommt Thomas Trüb, Leiter Digital Media bei Ringier.

Saidler ist gebürtiger Österreicher («sein österreichischer Charme drückt immer durch», sagt ein Geschäftspartner), wohnt in Zug, der Vater stammt aus Lausanne, die Mutter aus der ehemaligen Tschechoslowakei. Deshalb fühlt er sich im slawischen Kulturkreis wohl, spricht die dortigen Sprachen und investierte schon während des Politologiestudiums in Osteuropa, etwa in das Stellenportal Jobinteractive.com. 1999 übernahm die Beisheim Holding Schweiz (BHS), die Beteiligungsgesellschaft von Metro-Gründer Otto Beisheim, das Start-up und machte Saidler zum Chefvisionär für die mehreren Dutzend Beteiligungen. Eine beruflich durchwachsene Zeit: «Saidler kannte die aktuelle Entwicklung im digitalen Bereich und hatte – nicht zuletzt dank seinen Sprachkenntnissen – gute Kontakte zu den aufstrebenden Märkten Zentraleuropas», erinnert sich sein damaliger Chef Joachim Schoss, der Gründer der Scout24-Gruppe. «Leider ist es damals bei unterschiedlichen Projekten nicht gelungen, diese ­Fähigkeiten in messbaren Nutzen für seinen Arbeitgeber umzusetzen», so Schoss. Saidler wertet es als Erfolg, das Platzen der Dotcom-Blase überstanden zu haben, ohne Schaden zu nehmen.

Bereits nach zwei Jahren trennten sich die Wege. Saidlers Anteile an der Scout-Gruppe, die er kurz vor dem Crash zurückgegeben hatte, waren das Startkapital für die Centralway. Zum ersten Mal wurde man hierzulande auf ihn aufmerksam, als er 2003 bei der E-Commerce-Seite Preisinsel einstieg. Saidler brachte sein Wissen aus anderen Firmen und Märkten ein. «Er kennt den Markt, die Mechanismen im Internet, die Treiber und Geschäftsmodelle sehr gut», sagt Thomas Egli von der Investmentbank Altium, die Saidler bei mehreren Exits beriet.

Damit hebt er Start-ups auf eine neue Stufe. «Er hat uns ein breiteres Denken beigebracht. Danach haben wir uns nicht mehr mit Schweizer E-Commerce-Anbietern verglichen, sondern mit Amazon», erinnert sich Lukas Thoma, Gründer von Preisinsel und damaliger Weggefährte. 2006 veräusserte Saidler Preisinsel an Jelmoli. Als «starken und cleveren Verhandlungspartner» hat ihn Thoma beim Verkaufspoker erlebt. «Er kennt das Konzerndenken aus seiner Zeit bei BHS, das setzt er sehr geschickt bei Verhandlungen ein.» Ein anderer Geschäftspartner sagt: «Er spielt die Interessenten gegeneinander aus, um den Preis zu steigern.»

Rund ein Dutzend anderer Exits tätigte Saidler seither. Die Exits stehen bei ihm von Anfang an im Zentrum: «Wenn ich wo einsteige, sagt mir mein Instinkt schon genau, wer der Käufer sein dürfte und wes­halb», so Saidler. «Wie die meisten Venture Capitalists ist er ein Cowboy, der nur ein Ziel hat: die Wertsteigerung seiner Beteiligung», sagt einer, der mit ihm geschäftet. «Man weiss nicht, wie sich Cowboys morgen oder übermorgen verhalten.» Die einen nennen das unstet, andere flexibel. Saidler denkt blitzschnell, spricht ruhig und klar, ist kommunikativ und fokussiert. Geschäftspartner beschreiben ihn als offen, kooperativ und umgänglich. Unterlagen hat er nie dabei, alle Informationen holt er aus dem Handy.

Kein Fremdgeld. Bei seinen Beteiligungen verfolgt der Vater dreier Kinder eine klare Strategie: Er investiert hauptsächlich in Firmen in Osteuropa, die in Gründerhand sind. («Die Unternehmer dort arbeiten hart und kostenbewusst, weil sie ihr Startkapital häufig bei Opas und Tanten zusammenbetteln müssen.») Ihn interessieren nur die Nummer eins oder zwei einer Branche und Firmen, die einen positiven Cashflow und ein klares Wachstums- sowie Gewinnpotenzial aufzeigen. Meist übernimmt er 25 bis 40 Prozent, hält aber – ausser in der Schweiz – immer eine Call-Option auf die Mehrheit. Drei bis vier Jahre lang entwickelt Saidler die Firma, dann steigt er aus. Dabei investiert er nur Eigenkapital. «Der Druck ist zu hoch, wenn man Fremdmittel investiert und darauf ständig Performance liefern muss», so seine Erfahrung aus der BHS-Zeit.

Entsprechend zurückhaltend ist er bei Investitionen: «Er macht nur sichere Geschäfte», sagt Lukas Thoma. «Er sollte sich mehr committen, auch finanziell.» Saidler hat den Ruf, seine Investments günstig zu tätigen: «Er zieht die Leute über den Tisch», nennt es ein Geschäftspartner. Noch lieber als Geld setzt Saidler sein Know-how und seine Arbeitskraft ein. «Ich kann beurteilen, ob die Software sauber programmiert ist, ob das User Interface gut genug ist, ob die Verweildauer auf einer Website ausreicht», sagt er. «Saidler hat ProSeller von einer One-Man-Show zu einer Firma gemacht», bestätigt Alfred Rossi, Gründer der ProSeller AG. Er half, die Geschäftsfelder zu definieren, die Visionen umzusetzen und mit der Tamedia ­einen weiteren Investor zu finden.

Eine halbe Milliarde Euro Shareholder Value habe seine Centralway bislang erzielt, sagt Saidler. Stimmt die Zahl, dürften bei ihm – bei einer Beteiligung von im Schnitt 33 Prozent – rund 170 Millionen Euro hängen geblieben sein. Geld, das er sofort wieder reinvestiert hat. Am erfolgreichsten in die B2B-Suchmaschine Jigsaw, die er 2006 erwarb und zwei Jahre später fürs 100fache an CME verkaufte. Einziger Ausfall war das Start-up Mujmobil, das Werbung per SMS verschickte. «Die Idee war von Anfang an dumm. Wer will schon belästigt werden auf seinem Handy?», bilanziert Saidler. Und er verstiess gegen eines seiner Prinzipien. Er redete ins Tagesgeschäft drein. «Da bin ich eine totale Fehlbesetzung.» Weil er sich sonst aufs Strategische beschränkt, kommt seine Centralway mit vier Mitarbeitern aus. Wichtigster Mann Saidlers ist der deutsche CEO David Dostal, der acht Prozent an der Hoding hält. Saidler hat den 29-Jährigen zur Verjüngung ins Team geholt: «Ich selber verstehe die Sprache der ­Internetjugend gar nicht mehr.»

Gut im Markt. Osteuropas Markt unterscheidet sich vom hiesigen dadurch, dass die grossen US-Player wie Google, Facebook oder eBay deutlich weniger präsent sind – bei den ersten Internationalisierungswellen liessen sie diese eher kleinen Märkte links liegen. So sind starke lokale Player entstanden, die bei der jetzi­gen Konsolidierung sehr teuer bezahlt werden. Centralway hat sich «eine sehr gute Marktposition» geschaffen, sagt Investment Banker Egli. In den Kernmärkten ist man etwa dreimal so gross wie die kombinierten Online-Aktivitäten von Ringier und Springer. «Die sind viel weiter als wir», konzediert Ringier-Mann Trüb. Für wachstumshungrige US-Player und europäische Medienkonzerne hat Centralway damit eine strategische Grösse: «An uns kommt man nicht vorbei», sagt Saidler. Letzten Herbst hätten gleich drei internationale Konzerne Interesse an Centralway angemeldet. Im Schnitt hätten sie 250 Millionen Euro geboten, sagt Saidler. Nachprüfen freilich lässt sich das nicht.

Momentan steht Saidler «kurz vor der Übernahme des grössten Werbenetzwerks in Osteuropa». Doch sonst hält er sich wegen der Fusion von Ringier und Springer zurück. «Die Preise für Firmen in Zentraleuropa werden steigen. Die Expansion wird für alle teurer», sagt Saidler, Letzteres freilich nicht ohne Eigeninteresse. Stattdessen will er nun mit der Logistikfirma Forwardo in den USA expandieren und in der Schweiz mit einer neuen Firma namens Kosmetik.ch Schönheitsartikel «zum Sensationspreis» (Saidler) via Parallelimport aus den USA und Deutschland vertreiben. Und noch einen weiteren Internationalisierungsschritt hat er heuer vor: Er beantragt den Schweizer Pass. Ein weitgehend risikoloses Investment.

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