Abo
Verkehr

Bei der Neat sind noch grosse Hürden zu nehmen

Mit dem Gotthard-Basistunnel ist das Kernstück der Neat zwar vollendet, ohne Deutschland und Italien bleibt sie aber nur Stückwerk. Auf die Nachbarn warten noch grosse Herausforderungen.

Mit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember wird der Gotthard-Basistunnel in Betrieb genommen. Wie er sich im Eisenbahnnetz bewährt, wird sich nun zeigen. Bereits am 1. Juni 2016 wurde der längste Eisenbahn-Tunnel der Welt feierlich eröffnet. Ein Mammutprojekt sondergleichen findet damit seinen Abschluss.
Das neue Vorzeigebauwerk der Schweiz im Überblick:
1992 gab das Schweizer Volk seine Zustimmung zur NEAT-Vorlage und machte damit auch den Weg frei für Bau des Gotthard-Basistunnel. Drei Jahre später wurde entschieden, wie die Linienführung des neuen Gotthard-Tunnels aussehen würde. Mit dem Ja der Schweiz 1998 zur LSVA und der Vorlage zur Modernisierung der Bahn war auch die Finanzierung gesichert, so dass...
... am 4. Dezember 1999 der Tessiner Regierungspräsident Marco Borradori in Faido die erste Sprengung auslösen konnte. Damit begann die 17 Jahre lange Bauzeit des Gotthard-Basistunnels.
Mit seiner Länge von 57 Kilometern ist der vollendete Gotthard-Basistunnel der längste Eisenbahntunnel der Welt. Der bisherige Rekordhalter, der Seikan-Tunnel in Japan, wird um drei Kilometer übertroffen.
Den Rekord wird das Bauwerk allerdings nicht lange halten können. Am Brenner-Basistunnel zwischen Österreich und Italien wird bereits gebaut. Am Ende wird dieser zwar nur 55 Kilometer lang werden, mit der bestehenden Umfahrung von Innsbruck zusammen, kommt er aber auf eine Länge von 64 Kilometern.library_mistress
Die Fahrt durch den Gotthard wird für Personenzüge knapp 20 Minuten dauern. Insgesamt werden Reisende dank dem neuen Tunnel zwischen Zürich und Lugano 25 Minuten Reisezeit einsparen. Ab 2020 nach Eröffnung des Ceneri-Tunnels dauert die Fahrt gar 45 Minuten weniger lang.
Die beiden einspurigen Röhren des Basistunnels sind alle 325 Meter durch Querschläge verbunden. Insgesamt beträgt die Gesamtlänge aller Röhren, inklusive Sicherheits-, Lüftungs- und Querstollen, 152 Kilometer.
Das Schema des Tunnels zeigt, welche Gipfel der neue Tunnel unterquert. Die maximale Felsüberdeckung beträgt 2300 Meter. Der Scheitelpunkt des Tunnels liegt bei 550 Meter über Meer, damit...
... weist er praktisch keine Steigung auf. Die Personenzüge können schneller fahren als heute und Güterzüge brauchen weniger Lokomotiven. Die Strecke zwischen Altdorf (UR) im Norden und Bellinzona (TI) im Süden verkürzt sich zudem um 30 Kilometer.
In Spitzenzeiten waren rund 2400 Arbeiter mit dem Bau des Tunnels beschäftigt. In drei Schichten wurde rund um die Uhr und an verschiedenen Abschnitten gebaut.
Teilweise betrugen die Temperaturen im Berg bis zu 50 Grad. Neun Menschen verloren bei den Arbeiten ihr Leben.
Die Tunnelbohrmaschine mass 410 Meter, war also so lang wie vier aneinandergereihte Fussballfelder.
Insgesamt wurden 28,2 Millionen Tonnen Material aus dem neugebauten Basistunnel befördert und damit ein künstlicher Hügel aufgeschüttet. Im Urnersee entstand ein kleines Insel-Archipel mit drei Naturschutz- und drei Badeinseln.
Die Kosten für den Gotthard-Basistunnel betragen 12,2 Milliarden Franken. Die gesamte NEAT, inklusive der Lötschberg- und Ceneri-Basistunnels, kommt auf Gesamtkosten von gut 23 Milliarden Franken.
Nach Inbetriebnahme werden pro Tag bis zu 260 Güterzüge sowie 65 Personenzüge den Tunnel befahren können. Während die Güterzüge nach Fahrplan mit 100 Kilometern pro Stunde unterwegs sein werden (Maximum: 160 Kilometer pro Stunde), werden Personenzüge mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde ins Tessin oder zurück brausen (Maximum: 250 Kilometer pro Stunde).
Bevor der Gotthard-Basistunnel Passagier-bereit ist, wurden bis Ende Mai 2016 insgesamt 5000 Testfahrten durchgeführt. Getestet wurden...
... mittels Übungen auch die Sicherheitskonzepte.SBB/Glan Valti
Am 4. und 5. Juni 2016 eröffnete der Gotthard-Basistunnel mit einem Volksfest. Wer die Chance nicht gepackt hat und bei einer der Erstfahrten dabei war,...
... muss sich bis zum Fahrplanwechsel und zur fahrplanmässigen Eröffnung im Dezember gedulden.
Die Crème de la Crème der europäischen Nachbarschaft war an der Eröffnung anwesend. Angela Merkel, Matteo Renzi und François Hollande gaben Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Ehre.
Der Bundespräsident zerschnitt an der Seite von Verkehrsministerin Doris Leuthard und SBB-Chef Andreas Meyer das traditionelle Band.Bilder: Keystone/ Quelle: Gottardo 2016
1 / 21
RMS

Werbung

Mit dem Gotthard-Basistunnel ist das Kernstück der Neat vollendet - damit über sie auch wirklich Waren und Güter schneller von Nord nach Süd transportiert werden können, stehen Deutschland und Italien in den kommenden Jahren noch vor grossen Herausforderungen. Gerade der südliche Nachbar formuliert dabei ehrgeizige Ziele.
Im Bahnverkehr hat sich in Italien in den vergangenen Jahren eine regelrechte «Zweiklassengesellschaft» entwickelt: Fahrgäste der hochmodernen Freccia Rossa Schnellzüge rasen auf speziellen Trassen mit bis zu 300 Stundenkilometern durch das Land.

Zeithorizont 2020

Im Regional- und Güterverkehr gibt es dagegen noch viel zu tun. Dies hat auch Auswirkungen auf den Ausbau des Rhein-Alpen-Korridors, dessen Herzstück der Gotthard-Basistunnel ist. Mit ihm soll der Warentransport zwischen Nordsee und dem Mittelmeer künftig schneller und kostengünstiger ablaufen - Schnittstelle ist dabei die Schweiz.
Bis Ende 2020 sollen die drei grossen italienischen Zufahrtsstrecken zur Neat in der Schweiz vollständig angepasst sein, wie eine Sprecherin des italienischen Verkehrsministeriums mitteilte. Die Arbeiten orientieren sich damit an der für Dezember 2020 geplanten Eröffnung des Ceneri-Basistunnels zwischen Bellinzona und Lugano.

Partner-Inhalte

Bis dahin seien auch noch auf Schweizer Seite umfangreiche Arbeiten nötig, so dass der sogenannte «Vier-Meter-Korridor» fertiggestellt werden könne, sagte SBB-Sprecherin Roberta Trevisan auf Anfrage. Dieser sei nötig, damit Sattelauflieger mit Eckhöhe von vier Metern auf die Bahn verladen werden können.

Schweiz griff finanziell unter die Arme

Für die Schweiz von Bedeutung sind dabei die Simplonstrecke von Mailand via Domodossola, der Hauptverbindungsstrang zur Gotthard-Achse von Mailand über Chiasso und die Strecke Novara - Luino, die am Lago Maggiore entlang führt. Für sie hatten die Schweiz und Italien 2014 in Bern vereinbart, dass die Schweiz an ihren südlichen Nachbarn einen A-fonds-perdu-Beitrag von 120 Millionen Euro leistet.
Seien diese Arbeiten erst einmal ausgeführt, dann können laut dem Verkehrsministerium 390 statt wie bislang 290 Züge täglich auf diesen Linien verkehren. Bereits heute werden 65 Prozent des Waren- und Güteraustauschs zwischen der Schweiz und Italien über die Schiene abgewickelt. Im Inland werden diese Anteile noch nicht erreicht - die Regierung Renzi habe sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2021 rund die Hälfte alle Güter über die Schiene transportiert werde, so die Ministeriumssprecherin.

Werbung

Apennin statt Alpen

Der sogenannte «Terzo Valico» ist eine Grossbaustelle, die für Italien eine ähnlich Bedeutung hat, wie für die Schweiz der Gotthard-Basistunnel. Für insgesamt 6,2 Milliarden Euro wird derzeit ein 37 Kilometer Tunnel durch den nördlichen Apennin gebaut - die Fertigstellung ist für 2021 terminiert.
Damit sollen der Güterverkehr zwischen Mailand und Genua beschleunigt und die Fahrzeiten für Passagiere verkürzt werden - wichtig ist das Projekt ausserdem für die ligurischen Häfen. Andernfalls könnten sie gar gegenüber Häfen wie Antwerpen und Rotterdam ins Hintertreffen zu geraten.

Verzug beim nördlichen Nachbarn

Auf deutscher Seite wird der Ausbau der Neat-Zulaufstrecke noch nahezu zwanzig Jahre dauern. Laut den Projektverantwortlichen der Deutschen Bahn kann der Aus- und Neubau der rund 182 Kilometer langen Rheintalstrecke Karlsruhe-Basel nicht vor 2035 abgeschlossen werden.
Das Milliardenprojekt, zu dessen Realisierung sich Deutschland 1996 in einem Staatsvertrag mit der Schweiz verpflichtet hatte, ist immer wieder in Verzug geraten. Durch Widerstand in der Bevölkerung ebenso wie durch fehlende finanzielle Mittel.
Dennoch herrscht heute beim Bundesamt für Verkehr (BAV) Zuversicht. Grund ist der Beschluss des Deutschen Bundestags im Januar, den Vierspurausbau mitsamt den von der Bevölkerung geforderten Lärmschutz- und Umfahrungslösungen fortzusetzen.

Werbung

Dieser Entscheid zeigt laut BAV, dass Deutschland seine Verpflichtungen umsetzen wolle. Gleicher Ansicht sind die Projektverantwortlichen der Deutschen Bahn. Es gebe nun keine grossen Probleme mehr, sagte ein Sprecher der DB Netz AG. Die Entscheide seien gefallen und würden von der Region mitgetragen.

Rheintalbahn als wirtschaftliche Lebensader

Ein 3,1 Kilometer langes Teilstück der Rheintalbahn liegt auf Schweizer Territorium. Die Strecke zwischen der Landesgrenze und dem Badischen Bahnhof in Basel soll für 272 Millionen Euro ausgebaut werden. Nötig sind unter anderem drei neue Brücken. Gegen dieses eben erst aufgelegte Projekt sind laut dem BAV 34 Einsprachen eingegangen.
In die Rheintalbahn sollen insgesamt neun Milliarden Euro investiert werden. Sie ist eine der meist befahren Strecken Europas und für den Güterverkehr die Hauptachse zwischen den grossen Containerhäfen im Norden sowie der Schweiz und Italien. Von den 182 Kilometern ist der Ausbau indes bisher erst über Teilstrecken von rund 60 Kilometern realisiert.
Fixe Jahreszahlen für den Vollausbau der Zulaufstrecken gibt es indes laut dem BAV nicht. Vertragsgemäss muss jedoch der Ausbau mit der Verkehrsnachfrage Schritt halten. Das BAV geht davon aus, dass die Kapazitäten auf der Rheintalbahn vorerst ausreichen.

Werbung

(sda/ccr)

Werbung