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Martine Clozel 
«Wir wollen eine weitere Actelion-Geschichte schreiben»

Martine Clozel

Martine Clozel: Erfolgreiche Co-Gründerin von zwei Unternehmen.

Quelle: Fotostudio Alex

Der Actelion-Verkauf war ein Exit der Superlative. Nun spricht Martine Clozel über den Neustart mit Idorsia und ihre ehrgeizigen Pläne.

Karen Merkel
Von Karen Merkel
24.08.2018

Es war ein Exit der Superlative, als Pharmariese Johnson & Johnson 2017 für 30 Milliarden Dollar Actelion kaufte. Knapp 20 Jahre, nachdem die Biotech-Firma von vier ehemaligen Roche-Mitarbeitern gegründet worden war, gelang ihnen einer der grössten Firmenverkäufe der Schweizer Geschichte.

Profitiert haben von Übernahme auch Mitgründer Jean-Paul und Martine Clozel. Das Ehepaar hatte Actelion geprägt und zu dem gemacht, was es war. Doch statt sich mit ihrem Anteil von 1,5 Milliarden Dollar zurückzuziehen und das schöne Leben zu geniessen, legten die beiden gleich von vorne los.

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Die Chef-Wissenschaftlerin

Denn der Deal mit Johnson & Johnson war geschickt ausgehandelt: Die Clozels übernahmen die Forschung und Entwicklung von Actelion und gründeten daraus ein neues Unternehmen – Idorsia. Seit dem Start an der Börse im Juni 2017 hat sich der Aktienkurs von ursprünglich 13,65 Franken mehr als verdoppelt. Auch wenn der Kurs in den vergangenen Wochen nachgegeben hat: Anleger glauben offenbar an das Vorhaben.

Bei Idorsia übernahm Jean-Paul Clozel wie zuvor die Rolle des CEO, Martine die des Chief Scientific Officer. Die Chef-Wissenschaftlerin – ursprünglich Kinderärztin – widmet ihr Leben der Forschung. Anders als ihr Mann ist sie selten präsent auf der öffentlichen Bühne, gibt wenige Interviews. Mit uns sprach sie an einer Investorenkonferenz von Axa Investment Managers darüber, wie sie und ihre Mitarbeiter Idorsia zum neuen Actelion entwickeln wollen. Elf Wirkstoffe sind in der Pipeline, mehrere sollen in weniger als fünf Jahren auf den Markt kommen.

Bekommen Sie immer noch viele Briefe von Patienten?
In der Zeit bei Actelion habe ich viele bekommen, vor allem von Patienten mit Lungenhochdruck, also pulmonaler Hypertonie. Die grösste Anzahl Briefe erreichte mich, nachdem wir das erste Medikament gegen diese schwere Krankheit auf den Markt gebracht hatten, welches man oral einnehmen kann. Das hat das Leben von vielen Kindern und jungen Erwachsenen verändert. Mit dem Start von Idorsia musste ich allerdings einen Schnitt in meinem Leben machen.

Das Ehepaar Clozel

Innerhalb von 20 Jahren hat Jean-Paul Clozel, ursprünglich ein Kardiologe, den Roche-Spin-off Actelion zusammen mit seiner Frau und Pharmakollegin Martine zu einem Pharmakonzern geformt. Sie waren das Herzstück des Biotechunternehmens: er der CEO, sie die Forschungschefin. 2017 verkauften sie ihr Lebenswerk und anstatt sich zur Ruhe zu setzen, gründeten sie gleich ein neues. Actelion, das sie zur Blüte gebracht hatten, überliessen sie für 30 Milliarden Dollar dem US-Pharmakonzern Johnson & Johnson und lösten für ihr Paket rund 1,5 Milliarden. Mit 600 Actelion-Beschäftigten zogen sie an gleicher Stelle in Allschwil BL die Forschungsfirma Idorsia auf. Diese startete im Sommer 2017 mit einem Börsenwert von einer Milliarde Franken und war im Herbst schon doppelt so hoch bewertet. Kennen gelernt haben sich die beiden französischen Mediziner 1975 an der Universität Nancy. Als Jean-Paul Clozel in den 1980er Jahren in die Forschung zu Roche wechselte, musste er kämpfen, dass seine Frau auch dort anfangen durfte. Damals war es Eheleuten bei Roche untersagt, in derselben Abteilung zu arbeiten. Später war es Martine, die den Wirkungsmechanismus entdeckte, auf dem Tracleer beruht. Beide haben einen starken Charakter, «da fliegen auch mal vor versammelter Mannschaft die Fetzen», erzählt ein Vertrauter. Die Clozels haben drei Kinder: Sophie, Sarah und Thomas, auch sie arbeiten im Gesundheitswesen.

Warum?
Alle Medikamente, die wir in Zusammenhang mit Lungenhochdruck entdeckt haben, gehören Actelion. Jetzt konzentrieren wir uns darauf, mit Idorsia neue Entdeckungen zu machen. Ich träume von dem Tag, an dem Patienten an Idorsia schreiben und uns für die Medikamente danken, die wir entdeckt haben.

Idorsia ist so etwas wie das Herz von Actelion: Sie haben das neue Unternehmen aus der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des vorherigen gegründet. Wie war der Übergang?
Für uns war es befriedigend, dass kein Mitarbeiter durch die Spaltung des Unternehmens seinen Arbeitsplatz verloren hat, und dass unsere Forschung weitergehen konnte. Das war wirklich fantastisch. Was die Abspaltung selbst betrifft: Es bedeutete für alle, die ihre Zeit dem Übergang gewidmet haben, enorm viel Arbeit.

Hatten Sie Zweifel am Verkauf von Actelion?
Natürlich hatten wir gehofft, Actelion selbstständig weiter auszubauen – wir standen kurz vor dem 20-jährigen Jubiläum. Aber Johnson & Johnson ist ein gutes Unternehmen und verfügt über die Hebelwirkung, viel für unsere früheren Medikamente zu tun. Wir vertrauen darauf, dass der Deal sowohl für Patienten gut ist, die heute ihre Medikamente von J&J bekommen, als auch für das Potenzial, mit Idorsia neue Medikamente zu entdecken. Der Deal ist gut für Mitarbeiter, Patienten und Aktionäre.

Er muss eine Herausforderung gewesen sein.
Die Aufspaltung war sehr kompliziert durchzuführen. Es gab viele Strukturen, die dupliziert wurden und funktionieren mussten, sowohl bei Johnson & Johnson als auch in Idorsia. Aber es lief gut und ich bin sehr glücklich darüber. Jetzt arbeitet Idorsia als eigenes Unternehmen.

Wie oft trinken Sie noch einen Kaffee mit jemandem bei Actelion?
Eigentlich nicht so häufig. Wir sprechen manchmal, die Gebäude der Firmen sind nahe beieinander, was schön ist. Beide Unternehmen sind aber auch sehr unabhängig.

Martine Clozel

Martine Clozel: «Johnson & Johnson ist ein gutes Unternehmen und verfügt über die Hebelwirkung, viel für unsere früheren Medikamente zu tun.»

Quelle: Fotostudio Alex

Worin liegt der Unterschied zwischen dem Start von Idorsia und dem Start von Actelion vor 20 Jahren?
Es ist ganz anders. Damals waren wir vier Leute in einem leeren Raum und jetzt sind wir 700 Mitarbeiter. Idorsia ist ein Startup mit einer gewissen Reife (lacht). Viele der Mitarbeiter bei Idorsia arbeiten schon lange zusammen.

Ist es anders, weil Sie heute bereits Erfahrung mit der Entwicklung von Medikamenten bis zur Marktreife haben?
Wir haben ein sehr erfahrenes Team, das die von unseren Forschern entdeckten Verbindungen bis zur Zulassung entwickelt. Sehr bald werden wir über eine Markteinführung nachdenken.

Wie entscheiden Sie, welche Medikamente Sie weiterentwickeln?
Sehr oft basiert die Entscheidung auf akademischer Forschung, die einen Zusammenhang zwischen einem neuen Mechanismus und einer Krankheit nahelegt. Oder auf unsere eigenen Entdeckungen. Dann erforschen wir die Struktur von Molekülen, ihre potenzielle Rolle bei bestimmten Krankheiten und inwiefern sie sich in Medikamente umwandeln lassen. Und dann ist es ein langer Weg...

Der wie aussieht?
Wir lesen viel und experimentieren viel. Wir suchen nach der Bestätigung, dass eine Familie von Proteinen oder ein Rezeptor eine Rolle bei einer Krankheit spielt. So war es zum Beispiel mit einem Rezeptor, den wir dann S1P1 nannten. Wir hatten einige Ideen, wobei dieser wichtig sein könnte und versuchten, seine genaue Verwendung herauszufinden. Durch leichte Manipulationen wurde klar, dass dieser Rezeptor für die Regulation des Immunsystems wichtig ist.

Wie funktioniert Biotech-Forschung bei Idorsia?

Idorsia ist ein Biotech-Unternehmen. Die Wissenschaftler in der Firma erforschen also Moleküle in der Hoffnung, deren Prozesse zu verstehen. Es geht darum, solche Prozess zu entdecken, die bei Krankheiten Linderung verschaffen oder diese heilen. Oft konzentriert sich die Forschung dabei auf kleine Teile in chemischen Prozessen, zum Beispiel das Verhalten eines Proteins. Oder die Interaktion eines Rezeptors, also einer Nervenzelle, die Reize aufnehmen kann. 

 

Mit dieser Forschung konzentriert sich Idorsia auf ganz unterschiedliche Bereiche. Es können seltene Krankheiten sein wie die Fabry-Krankheit, eine erbliche Stoffwechselerkrankung. Oder auch weit verbreitete Krankheiten wie Schlaflosigkeit. Derzeit hat Idorsia Wirkstoffe gegen elf Krankheiten in der Pipeline, drei davon sind in der Phase 3. Das bedeutet, dass der Wirkstoff in der Breite an vielen Patienten getestet wird. Wenn diese klinischen Tests erfolgreich verlaufen, kann anschliessend die Zulassung beantragt werden.

Und dies wiederum ist nützlich für bestimmte Medikamente.
Es legte nahe, dass der Rezeptor bei chronischen Autoimmunerkrankungen funktionieren könnte, zum Beispiel bei Multipler Sklerose. Das erste Medikament, das wir auf Grundlage dieser Mechanismen entdeckt haben, gehört jetzt zu Johnson & Johnson. Aber wir haben ein weiteres entdeck, das gegen eine seltene Autoimmunkrankheit hilft, den sogenannten systemischen Lupus erythematodes. Bei dieser Krankheit, die alle Organe befallen kann, fehlen wirksame neue Therapien.

Multiple Sklerose ist eine der Krankheiten, bei denen die Ärzte lange Zeit dachten, dass es sich um eine psychische Krankheit handelt, weil sie die physischen Ursachen nicht gefunden haben.
Es gibt viele Krankheiten, die sehr schwer zu diagnostizieren sind. Solange es keine Behandlung gibt, gibt es auch keinen Drang, die Krankheit zu diagnostizieren. Dies war insbesondere beim Lungenhochdruck der Fall.

Besteht die Gefahr, dass die Arzneimittelforschung voreingenommen ist? Dass seltene Krankheiten übersehen werden, weil es schwieriger ist, damit Geld zu verdienen?
Überhaupt nicht, ich glaube nicht, dass die Forschung so voreingenommen ist. Es gibt viele Krankheiten, die noch nicht gut behandelt werden und viele Ideen für mögliche Fortschritte. Es kann Vorurteile gegenüber grossen Märkten geben, das stimmt. Oder im Gegenteil: Es gibt Verzerrungen in Richtung extrem kleiner Märkte, weil manchmal ein zu grosser Fokus auf einer seltenen Krankheit liegt, deren Medikamente extrem hohe Preise erzielen.

«Schlaflosigkeit ist sehr verbreitet und dennoch besteht ein grosser medizinischer Bedarf.»

Martine Clozel

Das heisst?
Es gab Zeiten, in denen seltene Krankheiten vernachlässigt wurden. Und im Gegenteil könnte man sagen, dass weit verbreitete Krankheiten wie Schlaflosigkeit im Moment keine grosse Aufmerksamkeit von der Pharmaindustrie bekommen.

Wie geht Idorsia damit um?
Wir versuchen, neue Medikamente mit neuen Wirkmechanismen zu entwickeln und sie dort einzusetzen, wo ein grosser medizinischer Bedarf besteht. Wenn Sie sich unser Portfolio anschauen, sehen Sie, dass es Medikamente gegen seltene Krankheiten wie die Fabry-Krankheit oder häufige Krankheiten wie Schlaflosigkeit enthält. Schlaflosigkeit ist sehr verbreitet und dennoch besteht ein grosser medizinischer Bedarf.

Sie sagten in einer Präsentation, dass ein grosses Pharmaunternehmen manchmal nicht die Möglichkeit hat, die Art von Forschung zu betreiben, die Sie bei Idorsia ins Zentrum stellen. Warum ist das so?
Wir haben das Glück, uns in einer relativ kleinen Struktur zu bewegen. Darum stehen Führungskräfte den Projekten nahe, Forschungsleiter kennen jedes Vorhaben in der Medikamentenentwicklung genau. Wir können uns entscheiden, ein Projekt weiterzuführen, bei dem es einige Fortschritte gegeben hat, obwohl wir noch nicht das richtige Molekül gefunden haben. Wir können auch das Gegenteil entscheiden. In einem grossen Pharmaunternehmen gibt es so viele Entscheidungen zu treffen, dass man mehr regulieren muss und es an Flexibilität mangelt. Deshalb müssen grosse Pharmaunternehmen oft kleinere Unternehmen kaufen, um neue Wirkstoffe zu erwerben.

«Diese langfristige Sichtweise erfordert natürlich viel Planung, Ehrgeiz und Budgetbewusstsein.»

Martine Clozel

Wie verträgt sich die Kalkulation eines gewinnorientierten Unternehmens mit der Ausdauer, die pharmazeutische Forschung braucht?
Wir sind und waren immer sehr vorsichtig mit unseren Ausgaben, aber gleichzeitig müssen wir bei der Planung immer einen Schritt voraus sein. Bei Actelion hatten wir von Anfang die Vision, das Unternehmen zur vollständigen Reife zu entwickeln. Also nicht nur die Entdeckung von Molekülen zu bewerkstelligen, sondern möglichst auch die Entwicklung zu marktreifen Wirkstoffen. Bei Idorsia wird dasselbe sein. Diese langfristige Sichtweise erfordert natürlich viel Planung, Ehrgeiz und Budgetbewusstsein.

Idorsia in Allschwil

Idorsia in Allschwil.

Quelle: Keystone

Wie schaffen Sie das?
Wir waren immer auf der Suche nach Sicherheit im Hinblick auf das Budget. Ganz am Anfang bei Actelion haben wir Forschungsabkommen abgeschlossen, um die Zeit zu überbrücken, bis wir unsere ersten Einnahmen erzielen konnten. Wir waren aber überzeugt, dass es am besten wäre, wenn wir die von uns entdeckten Medikamente selbst vermarkten. Das ist genau das, was wir mit Idorsia machen wollen: eine Vertriebsmannschaft aufzubauen, die unsere eigenen Medikamente vermarkten kann und denen dabei alle wichtigen wissenschaftlichen und medizinischen Daten zur Verfügung stehen. Dann können wir unsere eigenen Einnahmen schaffen, mit denen wir unsere Forschung und Entwicklung finanzieren.

Wie oft überprüfen Sie den Aktienkurs von Idorsia?
Ich selbst selten. Wir wissen natürlich, dass ein börsennotiertes Unternehmen Quartalsergebnisse vorlegen muss. Aber nochmal, wir planen mit einer langfristigen Perspektive. Wir haben eine genaue Vorstellung davon, wo wir Idorsia in fünf oder zehn Jahren sehen möchten. Wir wollen eine weitere Actelion-Geschichte schreiben.

Warren Buffett und Jamie Dimon präsentierten kürzlich eine Idee: Sie wollen börsennotierte Unternehmen vom Druck der Quartalsberichterstattung entlasten, um ihre langfristige Planung zu unterstützen. Was halten Sie von dieser Idee?
Ich halte das für eine gute Idee, denn die Frist, alle drei Monate Ergebnisse zu präsentieren, ist sehr kurzsichtig gegenüber der Zeit, die für die Suche nach einem Medikament benötigt wird.