Plünderungen, Streiks, ­Demonstrationen: Aus Brasilien erreichen uns im Vorfeld der Fussball-WM vor allem Bad News. Ein falsches Bild?
Moema Wertheimer*: Medien berichten nun mal vor allem über Missstände. Positive News finden oft keinen Platz. Aber tatsächlich besteht ein Klima der Enttäuschung. Zwar werden mit der Fussball-WM die Scheinwerfer auf Brasilien gerichtet, und wir können Eigen­werbung betreiben. Andererseits lähmen die grassierende Korruption und die schlechte öffentliche Verwaltung das ganze Land.

Mindestens elf Milliarden Franken werden in Stadien, Strassen und Telekommunikation gesteckt.
Schön wärs. Das Geld versickert im ­korrupten politischen System, weil der Brasilianer ein friedliebender Typ ist, der sich zu wenig wehrt. Unsere Stadien entsprechen jetzt zwar den Fifa-Standards und sind vergleichbar mit den europäischen Topstadien, doch sie kosten doppelt so viel.

Die WM verschafft dem Land Gehör.
Die Möglichkeit, die WM als Schaufenster für Demonstrationen zu nutzen, ist da, diese sollten aber friedlich bleiben. Meiner Meinung nach ist die WM eher Fluch denn Segen. Schuld sind die Korruption und die schlechte Planung. Das Geld wäre sinnvoller investiert in bessere Schulen, Spitäler, die Infrastruktur oder in die ­Altersvorsorge, die quasi inexistent ist. Wer kann, leistet sich eine Privatversicherung. Trotz der schlechten Grundversorgung sind die Steuersätze absurd hoch, sowohl auf Importen als auch bei der normalen Steuer.

Brasilien schützt seine Wirtschaft stark.
Doch die Steuern kommen nicht der ­Bevölkerung zugute, sondern landen in den Taschen einiger weniger. Der soziale Kontrast wird grösser, und die Leute gehen daher auf die Strasse.

Doing Business in Brazil: Was müssen Schweizer Unternehmen wissen?
Wer das hiesige Rechtssystem nicht versteht, ist auf verlorenem Posten. Ein kundiger lokaler Anwalt ist zentral. Unsere Gesetze sind kompliziert und für Ausländer oft nicht nachvollziehbar, weil oft ­Finessen entscheidend sind.

Wie geht man mit Korruption um?
Sie ist ein grosses Übel im Land und zusammen mit der schlechten öffentlichen Verwaltung ein Hindernis. Aber man kann es bewältigen. Nicht umsonst sind hier viele internationale Firmen sehr ­erfolgreich. Und schliesslich ist das Land riesig und bietet Möglichkeiten für ausdauernde Unternehmen, vor allem in der Infrastruktur.

Was raten Sie Schweizer Unternehmern?
Sie müssen sich der brasilianischen ­Lebensweise anpassen. Wer das nicht kann, hat es schwer. Wer meint, es müsse alles so genau und präzis laufen wie eine Schweizer Uhr, für den wird es mühsam. Aber auch bei uns gilt: Verspätet zum ­Geschäftsessen aufzutauchen, wird nicht geschätzt. Aber wegen der manchmal prekären Verkehrsverbindungen und der überfüllten Strassen sind Termine oft nicht einzuhalten. Wir erkennen den Wert von Pünktlichkeit, Präzision und Liebe fürs Detail durchaus, sind aber noch nicht so weit wie die Schweiz.

Sich der brasilianischen Lebensweise anpassen? Das ist leichter gesagt als getan.
Die ökonomische und politische Instabilität begleitet Brasilianer von Kindesbeinen an. Wir lernen den Optimismus von klein auf, und wir lernen rasch, dass uns der Staat wenig hilft und wir auf eigenen Füssen stehen müssen. Damit muss man lernen umzugehen. Wir nennen das Jeitinho Brasileiro: Es bezeichnet die Art und Weise, wie man sich durchs Leben schlängelt. Es ist wie beim Samba: Bleiben Sie geschmeidig. Wer das kann, überlebt.

Welche Rolle spielt die Sicherheit?
Wer in Brasilien Geschäfte macht, muss sich bewusst sein, dass die Kriminalität sehr hoch ist, selbst in der Wirtschaftsmetropole São Paulo. Einbrüche, Überfälle und Morde sind leider an der Tagesordnung. Von unseren Kunden höre ich, dass viele in Sicherheitspersonal für ihre Expats investieren.

Wie gross ist die Schweizer Business Community in Brasilien?
Eher klein. Ich wünschte mir mehr Offenheit. Amerikaner und Deutsche helfen sich gegenseitig, die Schweizer eher weniger. Das hat sich in letzter Zeit durch das Engagement von Swiss Global Enterprise und der Schweizer Handelskammer in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Konsulat in São Paulo aber verbessert.

*Die brasilianisch-schweizerische Doppelbürgerin Moema Wertheimer (51) wuchs in São Paulo auf. Ihre Mutter stammt aus dem St. Galler Rheintal, der Vater ist Brasilianer mit österreichischen Wurzeln. Vor rund 20 Jahren gründete sie in São Paulo ein Architekturbüro und beschäftigt heute rund 40 Mitarbeiter. Zum Portfolio zählen etwa Roche, Novartis, Abbott, Google, Nokia und Volkswagen.

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