Auf ihrem Schreibtisch liegt eine DVD der «Schweizermacher», des mit rund 940 000 Kinoeintritten erfolgreichsten Schweizer Films überhaupt. Eine Komödie aus dem Jahr 1978 über die ­hiesige Einbürgerungspraxis, bei der Ausländer sich schweizerischer als Schweizer geben müssen. Lili Hinstin (42) hat sich den Film noch nicht angeschaut, dazu fehlt ihr die Zeit.

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Sie sitzt in ihrem kleinen Büro im ersten Stock des Palazzo del Cine­ma am Ende der Piazza Grande und feilt an den letzten Details ihres Programms. Überanpassung an die schweizerische Befindlichkeit, wie sie im Film karikiert wird, droht mit der Französin aber sicher nicht. Schweizer Filme profitieren unter ihrer Ägide in Locarno von keiner Sonderbehandlung. Sie müssen mit Qualität und Kreativität überzeugen, so wie alle anderen auch. Hinstin hält von lokalpatrio­tischen Überlegungen ebenso wenig wie von politischen und diplomatischen Gefälligkeiten. «Man kann ohnehin nicht alle zufriedenstellen», sagt sie nur.

«Ja, ich bin stur.»

Lili ­Hinstin

«Ja, ich bin stur», gibt die neue künst­lerische Direktorin des Filmfestivals von Locarno unumwunden zu. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann lässt sie sich nicht so schnell davon abbringen: weder bei der Auswahl der Filme noch bei der Einrichtung eines Virtual-Reality-­Kinosaals oder der Rückkehr des vor zwei ­Jahren aus irgendwelchen obskuren Marketinggründen verbannten Worts «Film» im Festivalnamen.

Klare Vorgaben

Über 2000 Spiel- und Dokumentarfilme sowie an die 3000 Kurzfilme haben Hinstin und ihre Helfer in den letzten Wochen und Monaten gesichtet. 246 Filme haben sie ­selektioniert – für das Herzstück des Fes­tivals, den interna­tio­nalen Wettbewerb, sowie für all die anderen Sektionen.

Und natürlich für die Piaz­za Grande. Wobei die Vorgaben von Festivalpräsident Marco Solari klar sind: Locarno dürfe nicht zu einem Open-Air-Kino verkommen und müsse weiterhin aus der Masse der Tausenden von Filmfestivals herausstechen und zu den Top 10 gehören – zur Prestigegruppe mit Cannes, Venedig, Berlin oder Toronto.

Raphael Brunschwig, Chief Operating Officer, Lili Hinstin, Artistic Director, and Marco Solari, President of the Locarno Film Festival, from left to right, pose for a photograph on the Piazza Grande in Locarno, Switzerland, on August 5, 2019. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Raphael Brunschwig, Chief Operating Officer, Lili Hinstin und Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno (v.l.).

Quelle: Keystone

Mehr Ecken und Kanten

Wenn sie an die Piazza Grande denkt, wird es Hinstin, die nichts aus der Ruhe zu bringen scheint, dann doch etwas bang. Insbesondere wenn sie sich vorstellt, dass sie ab dem 7. August für zehn Tage allabendlich vor dieser übergrossen Leinwand vor 8000 Zuschauer auf die Bühne treten muss.

Mit nichts gehen die Festivalbesucher härter ins Gericht als mit der Filmauswahl unter Locarnos Sternenhimmel: Zu banal, zu schwer, zu seicht, zu wild, zu brav, zu gewalttätig, heisst es dann. Hinstins nicht unbescheidenes Rezept: «Ich habe nur Filme auf der Piazza programmiert, die mir sehr gefallen haben.» Und sie hofft, dass das Publikum ihre Meinung teilt. Ihre Auswahl verspricht jedenfalls mehr Ecken und Kanten als in den Vorjahren.

«Ich habe nur Filme auf der Piazza programmiert, die mir sehr gefallen haben.»

Lili ­Hinstin

Die Programmation vergleicht Hinstin mit einer «mathematischen Aufgabe» mit klaren Spielregeln und gegebenen Kom­ponenten. Innerhalb des gesteckten Rahmens müsse man erfinderisch sein. Zugleich versucht sie den Spielraum auszudehnen – zum Beispiel, indem sie Virtual-Reality-Filme ins Programm hievt. Nicht weil sie technophil sei, betont sie. Sondern weil sie die Möglichkeit haben wollte, Virtual-Reality-Filme zeigen zu können, sollten ihr interessante Produk­tionen angeboten ­werden.

Hinstin spricht von einer «namhaften Investition», die das Festival hier getätigt habe. Für interne Diskussionen sorgte aber weniger der ­Betrag von rund 60 000 Franken als der Umstand, dass das bereits verabschiedete Budget von 13 Millionen Franken mit rund 200 000 Franken Verlust rechnete. Zusatzausgaben lagen eigentlich nicht drin. Doch letztlich bekam Hinstin ihren Virtual-Reality-Kinosaal mit 20 Plätzen. Und ihre Erweiterung des Spielfelds.

General view of the Piazza Grande square during the 71st Locarno International Film Festival, Saturday, August 4, 2018, in Locarno, Switzerland. The Festival del film Locarno runs from 1 to 11 August. (KEYSTONE/Alexandra Wey)
Quelle: Keystone

Traditionsfestival

Locarno gehört wie Cannes und Karlovy Vary (Karlsbad) zu jenen Filmfestivals, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden. Älter sind nur noch Venedig (1932) und Moskau (1935). Die 72. Ausgabe findet vom 7. bis zum 17. August statt und ist Lili Hinstins Einstand. Eingeladen hat sie etwa den Kultregisseur John Waters, aus Südkorea den Schauspieler Song Kangho sowieden Regisseur und Cannes-Gewinner Bong Joon-ho, die US-Schauspielerin Hilary Swank, den Schweizer Regisseur Fredi Murer, den US-Schauspieler Joseph Gordon-Levitt oder Carice van Houten, bekannt als rote Hexe aus «Game of Thrones». Auf der Piazza Grande gibts nebst dem neusten Streifen von Tarantino und einem Dokumentarfilm über Maradona zu später Stunde unter dem Label «Crazy Midnight» Genrefilme für Unersättliche.

Offen für Netflix & Co.

Auch im Umgang mit den US-Streamingdiensten will sie sich nicht einschränken lassen. «Mich interessiert die Kreativität, die künstlerische Haltung.» Die simple Alternative Ja oder Nein zur Programmation von Amazon- und Netflix-Produktionen an Filmfestivals greife zu kurz. «Wir sind in einem Moment der Transition.»

Die Welt lässt sich gemäss Hinstin nicht einfach in Gut und Böse einteilen, in die traditionellen Filmstudios auf der einen und Amazon und Netflix auf der anderen Seite. Alles ist miteinander verknüpft, wie sie etwa anhand des Thrillers «7500» erklärt, den sie auf der Piazza Grande zeigt.

Die unabhängige deutsche Produktion mit dem US-Schauspieler Joseph Gordon-Levitt in der Hauptrolle hat die Rechte an die Amazon Studios verkauft. Einzelne Territorialrechte hingegen sind bei den ursprünglichen Produzenten geblieben – wie etwa jene für die Schweiz. Hinstin verhandelte in diesem Fall also nicht mit Amazon, sondern mit dem deutschen Produzenten. «7500» kommt im Herbst in die Schweizer Kinos. In Frankreich hingegen wird der Thriller nur auf der Amazon-Plattform zu sehen sein. «Jeder Fall ist anders, jeder Fall muss einzeln beurteilt werden», sagt Lili ­Hinstin. Als Festivaldirektorin achte sie vor allem darauf, das «fragile Ökosystem der Filmkreation» zu schützen. Etwa indem sie Filme programmiere, die auch eine ­Kinoauswertung erhalten.

Portrait of Lili Hinstin, director of the Locarno Film Festival, picture taken on Friday, 29 March 2019, Switzerland. (KEYSTONE/TI-PRESS/Pablo Gianinazzi)

Will sich im Umgang mit den US-Streamingdiensten nicht einschränken lassen: Lili ­Hinstin.

Quelle: Keystone

Kino mit Rubbelkarte

Hinstin stammt aus einer gutbürgerlichen, kunstaffinen Familie. Ihre Mutter war Ärztin, der Vater hat für die Unesco gearbeitet. Zuvor hatte er Filmluft geschnuppert und mit Jean-Luc Godard in Italien gearbeitet. Zum ersten Mal in Locarno war Hinstin 2013, also im Jahr, als ihr Vorgänger Carlo Chatrian das Festival von Olivier Père übernahm und sie die Leitung des Filmfestivals Entrevues in Belfort. Zuvor hatte Hinstin, die in Paris und Padua Sprach- und Kulturwissenschaften studiert hatte, eine Filmproduktionsfirma gegründet, in Rom die Filmaktivitäten der Académie française verantwortet und das Dokumentarfilm­festival in Paris mitgeleitet.

Aus ihrer Zeit in Rom kennt sie Olivier Père. Er war es auch, der Hinstin nach Chatrians Abgang angerufen und ermuntert hat, sich zu bewerben. So ist es wohl kein Zufall, dass der heutige Arte-France-Cinéma-Chef nun für eine Masterclass mit dem südkoreanischen Schauspieler Song Kang-ho nach Locarno zurückkommt, der mit dem Excellence Award ausgezeichnet wird.

«Es ist John Waters, es ist Trash.»

Lili ­Hinstin

Einen Leoparden gibt es heuer auch für Kultregisseur John Waters. Auf diesen freut sich Hinstin ganz besonders. Waters sei ein Freigeist, sagt sie. Und obendrein einer mit Humor – «etwas, das heute oft fehlt».

Zum Beleg präsentiert sie eine längliche Rubbelkarte, die bei der Vorstellung von Waters’ «Polyester» zum Einsatz kommt. Den Film zeigt Hinstin in Locarno in der «Odorama»-Version, das heisst als Geruchskino. Während des Films werden die Kinobesucher zehnmal aufgefordert, eine Nummer freizurubbeln, was dann den zur Szene passenden Geruch verströmt. Sehr analog, das Ganze – und weit weg von den modernen Virtual-Reality-Versprechen. «Es ist John Waters, es ist Trash.» Und dann muss auch Hinstin ­lachen. Zum ersten Mal.