Es ist eine der grössten privaten Kunstsammlungen der Welt, und sie ist für das kunst­interessierte Publikum nicht ­zugänglich. Wer je eine private Führung erleben durfte, gehört zu den Privilegierten. Jetzt ist diese Sammlung wenigstens in Buchform* zu bestaunen. Sie ist das Lebenswerk von Esther Grether (77), Inhaberin des Kosmetika-Grosshändlers und -Produzenten Doetsch Grether, Grossaktionärin und Verwaltungsrätin der Swatch Group, Milliardärin und «Stammgast» in der ­BILANZ-Liste der 300 Reichsten der Schweiz.

Experten veranschlagen den Wert der Sammlung auf gut und gerne 700 Millionen Franken. Wer das soeben erschienene, fast 400 Seiten starke «Werkverzeichnis» durchblättert, könnte leicht auf die Idee kommen, dass es durchaus ein paar hundert Millionen mehr sein könnten. Allein die drei Farb-Panels von ­Ellsworth Kelly (Foto), die im Living Room an der Wand hängen, brächten in einer Aktion einen zweistelligen Millionenbetrag. Von den beiden Triptychen von Francis Bacon gar nicht zu reden; eines davon kaufte die Sammlerin 1989 für 6,3 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Vor einem Jahr wurde ein Bacon-Triptychon («Three Studies of Lucian Freud») für 142 Millionen Dollar versteigert.

Lange hat sich Esther Grether geziert, ihre Schätze mit einem breiteren Publikum zu teilen; sie lebt lieber mit ihren Kunstwerken und setzt sich zuweilen neben Eva Aepplis Célestine aufs Sofa. Giacomettis hagerer Wanderer, Louise Bourgeois’ Spinnen, Bruce Naumans Lichtfiguren sind für sie ebenso Alltag wie die Picassos, Braques und Hodlers an den Wänden. Zuweilen hängt sie millionenteure Bilder auch mal um, weil sie sich eine neue Umgebung wünscht.

Mit der Publikation – und deren Finanzierung – geht sie ein Risiko ein. Eine Sammlung, die über so lange Zeit aufgebaut wurde, verrät auch sehr viel über die Sammlerin. Esther Grether ist eher dafür bekannt, ihr Privatleben gegenüber der Öffentlichkeit abzuschirmen. 

«Affinité élective. Wahlverwandtschaft. Die Sammlung Esther Grether».
Hatje Cantz Verlag, 392 Seiten, 260 ­Abbildungen, 100 Franken.

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