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Sharing Economy ist eine Blase»

Geschäftsmodell 
«Die 
Sharing Economy ist eine Blase»

Tom Slee: «Sharing und Economy passen letzlich nicht zusammen.» Sally Montana

Tom Slee geht mit Uber, Airbnb und Co. hart ins Gericht. Der Buchautor will die Firmen der Sharing Economy regulieren und glaubt nicht an die Vereinbarkeit von Teilen und Wirtschaft.

Von Marc Kowalsky
01.11.2016

Tom Slee, warum 
ist die Sharing Economy so populär?
Tom Slee*: Manche Aspekte der Sharing Economy sind sehr beliebt. Die bekanntesten beiden Dienste, Uber und Airbnb, haben viele sehr zufriedene User. Aber vielen anderen Firmen der Sharing Economy geht es nicht so gut, besonders seit einem Jahr. Und es ist immer noch eine offene Frage, inwieweit das Wachstum von Uber und Airbnb nur dadurch zustande kommt, dass sie den Umsatz mit dem Geld ihrer Investoren kaufen.

Nun, Uber und Airbnb sind mit Bewertungen von 66 und 30 Milliarden Dollar die wertvollsten Start-ups der Welt. Viele Leute glauben also an deren Erfolg.
In der Tat. Uber hat acht Milliarden Dollar Funding bekommen, Airbnb drei Milliarden. Das sind gewagte Wetten der Investoren, dass diese Firmen die Gewinner sein werden in dem, was man «The winner takes it all»-Märkte nennt - wo nur der Grösste Geld verdient, viel Geld, und alle anderen nichts oder fast nichts. Internetmärkte sind häufig solche Märkte: Es gibt nur ein Google, nur ein Amazon, nur ein Netflix. Aber gibt es nur ein Uber, nur ein Airbnb? Die Frage ist noch offen.

In Ihrem Buch sagen Sie, die Sharing Economy verrate uns. Warum?
Die Sharing Economy ist die letzte Welle einer ganzen Reihe von Internet-Innovationen aus dem Silicon Valley. Sie verspricht eine dritte Art, Geschäfte zu machen, neben der Staatswirtschaft und der Marktwirtschaft. Seit dem Buch «The Wealth of Networks» von Yochai Benkler vor zehn Jahren sehen wir diesen dritten Weg, der von Amateuren im Internet und von Teilzeit-Kontributoren begangen wird. Linux oder Wikipedia entstanden auf diese Weise.

Aber?
Die Sharing Economy hat diesen gemeinschaftlichen dritten Weg nicht realisiert. Stattdessen formte sie einen monopolistischen und deregulierten Markt. Gemeinschaftliche, humanistische, egalitäre Ideen - etwa des Teilens, der Nachhaltigkeit - wurden ersetzt durch eine noch zentralisiertere Form des Managements, wo weiterhin Grosskonzerne die Arbeitsbedingungen der Menschen bestimmen, ohne irgendeine Regulierung.

Die Sharing Economy verhält sich also 
ökonomisch. Wo ist das Problem?
Das Geschäftsmodell dieser Firmen beruht darauf, Risiken und Kosten anderen aufzuladen. Bei Uber, den Putzdienstvermittlern oder den Lieferfirmen sind das die einzelnen Dienstleister. Sie müssen die Kosten für Versicherung, Auto oder Putzmaterial oder auch einer kurzfristigen Stornierung selber tragen. Die Effizienzversprechen der Sharing Economy sind eine Illusion. Die Firmen vermeiden die Kosten einfach selbst und halsen sie anderen auf. Das ist ihr Geschäftsmodell. Das gilt übrigens auch für die Steuern: Wenn Sie in Zürich einen Uber 
nehmen, wird die Transaktion über die Niederlande abgewickelt. Deshalb fallen keine Steuern an.

Das machen Apple und Amazon ähnlich. Das ist keine Besonderheit der Sharing Economy.
Stimmt, aber Uber und Co. übertragen dieses Modell auf die Dienstleistungsindustrie. Obwohl diese Leistungen an einem anderen Ort stattfinden als die Transaktion.

Immerhin verdienen die Dienstleister auch, sonst würden sie nicht putzen für Book a Tiger oder Auto fahren für Uber.
Vor zwei Jahren behauptete Uber, ihre Fahrer in New York könnten pro Jahr 90'000 Dollar verdienen - ein stattliches Einkommen, gerade im Vergleich mit Taxifahrern. Aber die letzten zwei Jahre ist diese Zahl immer weiter heruntergekommen. Jetzt protestieren Uber-Fahrer, weil sie nicht mal mehr den Mindestlohn verdienen. Kostenvermeidung erklärt einen Grossteil des Wachstums der Sharing Economy.

In New York gibt es noch genauso viele Taxi­lizenzen wie vor 60 Jahren, aber deutlich mehr Einwohner und ein höheres Bedürfnis nach 
Mobilität. Deshalb kostet eine Taxi­zulassung dort 1,2 Millionen Dollar und ist eine Lizenz zum Gelddrucken. Finden Sie diese Art von 
Monopolrente besser?
Die Taxiindustrie ist in vielen Städten der Welt sehr problematisch. Aber jede Stadt hat ihr eigenes Modell. Wenn Uber Erfolg hat, sehen wir am Ende eine globale Taxifirma. Darauf hoffen die Investoren. Denn das wird Uber viel mehr Macht geben, als die Besitzer einer Taxilizenz je hatten. Bereits jetzt nimmt Uber 30 bis 35 Prozent von jeder Transaktion in New York, die Taxiunternehmen nur 25. Ich will das existierende Taximodell nicht verteidigen, aber wir können es viel besser machen als Uber. Zumal es immer noch unklar ist, ob so ein Geschäftsmodell überhaupt profitabel und nachhaltig ist.

Wie kommen Sie darauf?
Das sind keine börsenkotierten Firmen, wir kennen ihre Bilanzen nicht. Aber was nach draussen dringt, lässt vermuten, dass Uber und Airbnb sehr viel Geld verlieren. Bei Uber soll es über eine Milliarde Dollar pro Jahr sein.Und in den letzten paar Monaten haben kleinere Firmen der Sharing Economy die Segel streichen müssen, etwa verschiedene Lieferservice soder Putzvermittlungsdienste.

Die klassische Argumentation der Sharing Economy ist: Durch Teilen werden Güter besser ausgenutzt, das reduziert Ineffizienzen, ist also ökonomisch.
Das ist übertrieben. Der Archetyp des Gedankens war die Bohrmaschine. Fast jeder besitzt eine, aber man benutzt sie fast nie. Da macht Teilen Sinn. Theo­retisch.

Warum nur theoretisch?
Weil die Transaktionskosten des Teilens zu gross sind. Keine Firma hat ihr Geschäftsmodell erfolgreich darauf aufbauen können. Es ist billiger, selber eine Bohrmaschine für 30 Dollar zu kaufen - wobei ich nicht weiss, was sie in der Schweiz kostet.

Hier deutlich mehr!
Das glaube ich gerne (lacht). Aber auch in der Schweiz ist es wohl billiger, eine Bohrmaschine zu kaufen, als eine irgendwo zu suchen, wenn man sie braucht.

Bei Autos aber sicher nicht.
Auch das ist eine Illusion. Ein Auto in der Garage kostet nicht viel. Es kostet, wenn Sie es benutzen - Benzin, Verschleiss, selbst die Versicherungsprämien sind nach Kilometern pro Jahr gestaffelt. Wenn Sie Ihr Auto häufiger benutzen, verliert es an Wert. Es ist also nicht viel effizienter, es zu verleihen.

Sharing und Economy passen für Sie also 
letztlich gar nicht zusammen?
Genau. Das ist ein Widerspruch. Teilen basiert auf der Idee der Gemeinschaft und des Altruismus.

Entschuldigung, aber die Uber-Passagiere sind doch nicht so naiv, dass sie ein Auto aus altruistischen Gründen bestellen. Sie machen es, weil es bequemer ist und günstiger als ein Taxi.
Da haben Sie recht, der Anreiz für die Kunden ist mehr ökonomisch als ideell. Es würde mich auch nicht wundern, wenn der Begriff Sharing Economy in den nächsten ein, zwei Jahren verschwände. Schauen Sie sich Peer-to-Peer-Lending an, also die Vermittlung von Krediten von Privaten an Private etwa bei Lending Club. Auch hier wurde zunächst versprochen: Wir sind nicht mehr auf traditionelle Institutionen angewiesen, um Geld aufzunehmen. Dank des Internets können wir uns in schwierigen Zeiten gegenseitig helfen. Aber die traditionelle ­Finanzindustrie hat schnell gemerkt, dass das ein zusätzlicher Absatzkanal war - noch dazu einer, der deutlich weniger stark reguliert ist. Seither hat es mit Gemeinschaft nichts mehr zu tun. Und es gibt einen weiteren Aspekt, der mich stört.

Nämlich?
Die Plattformen stellen den Verleih einer Wohnung oder eines Autos als etwas Beiläufiges, Gelegentliches dar, das deshalb auch nicht reguliert gehört.Uber-Fahrer sollen in ihrer Sicht nicht die gleichen Vorschriften befolgen müssen wie Taxifahrer, Gastgeber bei Airbnb nicht die gleichen wie Hoteliers. Sie versuchen mit aller Kraft, die Regulation rund um die Welt so zu ändern, dass es ihnen und ihren Geschäftsmethoden hilft. Aber dafür gibt es keinen Grund. Es müssen die gleichen Massstäbe angelegt werden. Sonst werden hier Arbeitnehmerrechte ausgelöscht, die es seit Generationen gibt. Es besteht die Gefahr, dass die prekären Arbeitsverhältnisse zunehmen. Und dass diese Firmen eher das Gemeinschaftsgefühl erodieren lassen, statt es zu stärken.

Ist ein Mindestlohn für die Dienstleister eine Lösung?
Absolut. In England sind die Fahrer des Restaurant-Lieferdienstes Deliveroo bereits dafür in den Streik getreten.

In der Schweiz ist ein genossenschaftlich ­organisierter, nicht gewinnorientierter Autoverleih sehr beliebt: Mobility. Wäre das für 
Sie akzeptabel?
Es liegt ja nicht an mir zu entscheiden, was akzeptabel ist. Aber viele der frühen Firmen der Sharing Economy haben versucht, mit dem technologischen Wandel den wirtschaftlichen Wandel zu verschmelzen. Sie haben den Gemeinden gesagt: Sie können sich entscheiden für die Vergangenheit - und wie die Maschinenstürmer in der industriellen Revolution die Webstühle zerstören. Oder sie können sich entscheiden für die Zukunft und akzeptieren, dass mit neuer Technologie auch neue Geschäftsmodelle Einzug halten und die Regulierung sich denen anpassen muss. Aber da bin ich anderer Meinung: Man kann neue Technologie auch übernehmen, ohne gleich die Gesellschaft umzubauen. Und es wird interessant zu sehen, welche neuen Geschäftsmodelle um das Internet herum entstehen werden. Ich kenne Mobility nicht, aber ich habe andere Städte gesehen, wo derartige kooperative Geschäftsmodelle ausprobiert werden, und ich halte das für eine exzellente Idee.

Sie haben auch etwas gegen Surge Pricing, also die Preiszuschläge bei grosser Nachfrage. Warum? Airline-Tickets und Hotelbetten sind in der Ferienzeit auch teurer.
Uber hat es übertrieben und Surge Pricing angewandt, als es nicht angebracht war. Etwa bei Unwettern, starkem Schneefall oder in Notfällen, wie bei der Geiselnahme im LindtCafé2014 in Sydney.

Sie sagen, Bewertungssysteme funktionieren nicht in der Sharing Economy. Warum nicht?
Es gibt zwei Probleme. Man behauptet, damit würde die Qualität der Dienstleister überwacht. Aber wir wissen, dass die meisten Kunden am Ende der Transaktion fast immer nur Bestnoten abgeben, ganz unabhängig von der Qualität.

Warum das?
Aus Höflichkeit. In Online-Shops, bei Büchern oder Filmen ist die Notenverteilung ganz anders, viel gleichmässiger. Und wir sehen zweitens eine zunehmende Diskriminierung: Ich als weisser Mittelklassangehöriger bekomme bei Airbnb bessere Bewertungen als Mohammed, nicht weil ich der bessere Gastgeber bin, aber weil die Leute sich bei mir wohler fühlen. Und Anbieter mit einer zu niedrigen 
Bewertung können jederzeit von Uber, Airbnb etc. ausgeschlossen werden. Willkürlich, ohne Einspruchsmöglichkeit. Dazu reicht es, von fünf Sternen im Schnitt weniger als viereinhalb zu bekommen. Das widerspricht allen Arbeitsgesetzen.

Sie haben Airbnb-Buchungen genauer untersucht. Mit welchen Ergebnissen?
Dass der Mythos nicht stimmt, auf Airbnb würden Leute wie Sie und ich gelegentlich ein Gästebett vermieten und so ihr Einkommen aufbessern. Einzelne Zimmer machen höchstens drei Prozent des Angebotes aus. Hingegen kommen 40 bis 50 Prozent des Geschäftes von Gastgebern, die gleich mehrere Wohnungen integral vermieten, also wie eine gewinn­orientierte Firma handeln. Airbnb lügt nicht. Sie sind einfach sparsam mit der Wahrheit.

Wie sieht es in der Schweiz aus?
Von den 19'000 Angeboten sind 12'000 ganze Unterkünfte, 6500 sind Gästezimmer, der Rest sind Mehrbettenzimmer. Ein Drittel aller Angebote kommt von Gastgebern, die mehrere Unterkünfte anbieten. Sie sorgen für 42 Prozent des Schweizer Geschäftes von Airbnb. Genf macht übrigens 13 Prozent des Umsatzes, Zürich 12 und Basel 6 - obwohl die Anzahl ausgeschriebener Unterkünfte in den drei Städten annähernd gleich hoch ist.

Sie sagen, Airbnb führe zu Gentrifikation.
Weil sich ihr Geschäft auf die Touristenhochburgen konzentriert. Tourismus ist ein zweischneidiges Schwert: Natürlich bringt es Geld. Aber es bringt auch Probleme: Verkehr, Lärm, Dichtestress. Schauen Sie sich Venedig an: Toll für Touristen, aber leben will dort keiner mehr. Airbnb beschleunigt das. Das kann am Schluss sogar den Reiz zerstören, aufgrund dessen man eine Stadt besuchen will.

Wenn stattdessen neue Hotels gebaut werden, passiert das Gleiche.
Ja, aber das kann die Stadt kontrollieren, etwa mit Baugenehmigungen. Airbnb ist unkontrollierbar. Und immer mehr Mietern wird gekündigt, damit die Wohnung anderweitig genutzt werden kann. In der historischen Altstadt von Lissabon werden heute ein Viertel bis ein Drittel aller Wohnungen kommerziell genutzt. Für die Alteingesessenen ist diese Gegend kaum mehr bewohnbar. Und für die, die bleiben, ist es auch nicht angenehm, wenn ständig Fremde in ihrer Nachbarschaft ein- und ausgehen.

Wie also wollen Sie die Defizite der Sharing Economy beheben?
Das Wachstum dieser Plattformen muss eingeschränkt werden. Es ist ein hervorragendes Zeichen, dass Städte wie Genf ihr Selbstbewusstsein wiedergefunden haben und Uber und damit der Sharing Economy ihre Grenzen aufgezeigt haben. Das ist auch aus demokratischer Sicht gut - Stadtregierungen werden gewählt, sie müssen die Autorität behalten, um die aufgeblasenen Ambitionen der Silicon-Valley-Firmen einzuschränken. Es braucht Kontrolle und Grenzen, wie bei allen anderen Firmen auch.

Was bleibt von der Sharing Economy in zehn Jahren?
Sehr wenig, im Vergleich zu dem, was wir bisher gesehen haben. Der Verleih von Haushaltsgeräten funktioniert nicht, das wissen wir bereits. Die Vermittlung von Arbeitskräften birgt auch Probleme. Die Sharing Economy ist eine Blase. Es werden nur wenige Firmen übrig bleiben.

*Tom Slee (56) ist Autor des Buches «Deins ist meins. Die unbequemen Wahrheiten der Sharing Economy», in dem er Firmen wie Uber oder Airbnb und die dahintersteckenden Geschäftsmodelle vehement kritisiert. Auch auf seinem Blog Tomslee.net beschäftigt er sich mit den Auswirkungen der Sharing Economy. Zuvor veröffentlichte er «No One Makes You Shop at Wal-Mart», eine spieltheoretische Abhandlung über individuelles Entscheidungsverhalten. Slee ist promovierter Chemiker, hauptberuflich arbeitet er in der Softwareindustrie. Er ist gebürtiger Engländer, lebt aber mit seiner Frau im kanadischen Waterloo nahe Toronto.

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