Guten Tag,
Mann gegen Frau – das ist der epische Zweikampf. Das letzte Duell. Wir tragen es auf der Kartbahn aus.
Der Profi und der Amateur: Karen Gaillard steht am Beginn einer Racing-Karriere. Sie ist wohl die beste Kartfahrerin der Schweiz. Journalist Dirk Ruschmann bewegt gern Autos, aber auf Laien-Niveau. Dafür ist er ein Mann – das müsste beim Autorennen doch zu etwas gut sein?
Lorenz Richard für BILANZAusgangslage: Ich bin ein Mann. Gut Auto fahren zu können, steckt tief in meinen Genen. Weiss ich seit dem Kindergarten. Kurven, driften, sich orientieren, Karten lesen können Männer nun mal besser, parkieren sowieso. Der frühe Glaube wurde Gewissheit, Gewissheit zu kollektivem Bewusstsein (ich sage nur: Émile Durkheim). Und Stereotype, las ich unlängst im linkslastigen, aber börsenkotierten Konkurrenzblatt, seien ja deshalb Stereotype, weil sie meistens wahr sind.
Leider hat Karen Gaillard von diesem Aspekt des kollektiven Bewusstseins noch nichts gehört. Sie fährt mir so erbarmungslos davon, dass dem Fotografen nur dann Bilder gelingen, auf denen ich in Front bin, wenn Karen gerade zu Überrundungen ansetzt. Später wird sie sagen, sie sei «mit etwa 40 Prozent» ihrer Leistungsfähigkeit gefahren – mit völlig unbewegtem Gesichtsausdruck. Null sichtbare Schadenfreude, aber auch null Mitleid. Pure Information. Ich muss wohl befürchten, dass es stimmt.
Wir sind auf der Freiluft-Kartbahn von Payerne. Karen Gaillard, die hier in der Nähe wohnt, auf dieser Bahn ihre ersten Runden drehte und eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit absolviert, schien uns eine angemessene Gegnerin, um die Theorie viriler Überlegenheit auszutesten: jung und ambitioniert, superschnell und auf dem Weg zum Profi. 2018 und 2019 war sie jeweils Achte der Schweizer Meisterschaften im X30-Kart, der etwa drei Mal so hoch motorisiert ist wie die schnellsten Mietkarts, aber auch auf Letzteren hat sie mehrere Podestplatzierungen eingefahren. Zudem gewann sie diverse Langstreckenrennen auf Karts – all diese Rennen sind gemischtgeschlechtlich.
Schon ihr Vater fuhr Kart. Karen begleitete ihn zu den Rennen, schaute sich einiges ab. Mit 15 stieg sie selber in den Fahrersitz, mit 16 kaufte sie ihren ersten Rennkart.
Sie ist aktuell «wohl die schnellste Kartfahrerin der Schweiz», sagt der Schweizer Profirennfahrer Fredy Barth. Ausserdem ist sie ausnehmend höflich, freundlich, ruhig bis zurückhaltend – solange kein Lenkrad greifbar vor ihr wartet.
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