Der Krieg im Nahen Osten hat auch wirtschaftliche Folgen. Das sagen Ökonomen zu den möglichen Auswirkungen:
Jörg Krämer, Chefökonom Commerzbank:
«Der Brent-Ölpreis hat bisher relativ moderat auf den Nahost-Krieg und die faktische Schliessung der Strasse von Hormus reagiert. Dauert der Krieg nur wenige Wochen, wäre die Wirtschaft hierzulande faktisch nicht betroffen. Zöge sich der Krieg dagegen mehrere Monate hin, würde die Inflation im Euroraum wohl mindestens um ein Prozentpunkt steigen und das Wirtschaftswachstum einige Zehntel Prozentpunkte geringer ausfallen. Wir erwarten eher einen kürzeren Krieg.» Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank:
«Berechnungen der EZB zeigen, dass ein Ölpreisanstieg um zehn Prozent mittelfristig das Potenzialwachstum um 0,2 Prozent drückt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Berechnungen von Oxford Economics für die US-Wirtschaft. Gegenwärtig liegt der Ölpreisanstieg noch bei unter zehn Prozent, sodass die wirtschaftlichen Folgen begrenzt sind. Risiko wäre also ein deutlicher Ölpreisanstieg bei einem länger anhaltenden Konflikt. In diesem Falle wären die wirtschaftlichen Folgen signifikant. Derweil werden die Notenbanken an ihrem angeschlagenen Kurs des Abwartens festhalten. Dies gilt für die Fed aber auch für die EZB. Einerseits steigen mit den höheren Ölpreisen die Inflationsgefahren. Andererseits schmälern höhere Kosten an der Tankstelle auch die Konsummöglichkeiten, was wiederum negative wirtschaftliche Folgen hat und über diesen Weg inflationsdämpfend wirkt. Bleibt es bei einem kürzeren Konflikt, werden die wirtschaftlichen Folgen jedenfalls begrenzt bleiben.»
Arthur Jurus, Head of Investment Office Oddo BHF Schweiz:
«Nebst dem Ölpreis sollte die Reaktion der langfristigen US-Zinsen im Auge behalten werden. Seit Jahresbeginn sind die zehnjährigen US-Renditen um 30 Basispunkte auf 4 Prozent gefallen, während die Energiepreise stiegen –- eine ungewöhnliche Konstellation. Theoretisch erhöhen steigende Energiepreise die Inflationserwartungen und damit die Zinsen. Praktisch steigert ein signifikanter militärischer Konflikt die Nachfrage nach sicheren Anlagen wie US-Staatsanleihen, was die Renditen senkt. Werden Inflation und Konjunkturabschwächung gleichzeitig erwartet, kann die Absicherungsfunktion weniger effektiv sein.» Matthew Ryan, Leiter der Marktstrategie Ebury:
«Der US-Dollar dürfte aufgrund der Risikoaversion und der höheren Energiepreise an Wert gewinnen, der Schweizer Franken dürfte diesem Beispiel folgen. Währungen von Schwellenländern hingegen erscheinen anfällig, insbesondere solche mit hohem Nettoölimport. Zunehmende geopolitische Risiken führen in der Regel nur zu vorübergehenden Verwerfungen, und die Märkte erholen sich meist recht schnell, sobald der Schock nachlässt. Dies hängt jedoch stark von einer Reihe unsicherer Faktoren ab, namentlich von der Dauer und dem Ausmass des Konflikts sowie dem Status der Strasse von Hormus. Eine vollständige Schliessung der wichtigsten Schifffahrtsroute Irans stellt wohl das grösste Risiko für die Märkte dar und könnte die Ölpreise in Richtung der Marke von 100 US-Dollar pro Barrel treiben.»
Harald Preissler, Kapitalmarktstratege Bantleon:
«Die USA und Israel sind in einen offenen militärischen Konflikt mit dem Iran eingetreten, die politische und militärische Führung des Regimes wurde ausgelöscht. Das Potenzial der Mullahs für Gegenschläge scheint begrenzt, das Rest-Regime setzt daher auf Nadelstiche - etwa die Sperrung der für die globale Energieversorgung wichtigen Strasse von Hormus. Die Risiken für die globale Konjunktur und Inflation nehmen dadurch zwar zu, wir gehen aber wegen der asymmetrischen Kräfteverhältnisse nicht davon aus, dass es zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung der Weltwirtschaft kommen wird.»