Vor mehr als einem Jahrzehnt schrieb ich an dieser Stelle eine Kolumne, in der ich den Wert des PSA-Screenings zur Früherkennung von Prostatakrebs für dessen Heilung anzweifelte. Dies brachte mir eine Menge Ärger bei Urologen ein, die ihre Pfründen gefährdet sahen, weiterhin drauflostesteten und ungezählte Männer um Prostata, ­Potenz und Kontinenz brachten. Neuerdings ist diese Diskussion wieder aufgeflammt. Das Swiss ­Medical Board, das die Sinnhaftigkeit und die ­Wirtschaftlichkeit medizinischer Massnahmen zu beurteilen hat, erklärte den PSA-Test für nutzlos, denn kein Leben wird dadurch gerettet. Die Kollegen aus der Urologie reagierten abermals mit grosser Empörung, die Spalten der medizinischen Fach­journale sind bis heute voll davon.

Überhaupt hat Krebs Saison und füllt Beilagen von «Tages-Anzeiger» und «NZZ». Er ist ein riesiges Geschäft. Strahlentherapie, Skalpell, einfühlsames Trösten oder auch das Begleiten ins Unausweich­liche – all dies lässt die Kassen klingeln. Krebs soll verhindert oder, falls doch vorhanden, geheilt ­werden. Wir wollen leben bis zum seligen Ende in der Demenz.

Das nächste Schlachtfeld zeichnet sich bereits ab: Die Diskussion um die Früherkennung von Brustkrebs wird demnächst geführt werden. Viele Frauen werden zutiefst verängstigt sein. Aber auch an Herzinfarkt und ­Gehirnschlag will niemand sterben. Deshalb wird ängstlich auf Cholesterin- und Blutdruckwerte, Übergewicht sowie Bewegungsmangel geachtet. Das Jenseits soll warten.

Unser Gesundheitswesen ist zwar teuer, diesen Preis aber wert. 86 Prozent von uns sind mit ihrer Gesundheit sehr zufrieden, und das Wohl der Patienten steht im Zentrum. Viel Schlimmes kann verhindert werden – aber eben nicht alles.

Vor welcher Krankheit und vor welchem Ende sich der und die Einzelne fürchtet, ist subjektiv. Ich zum Beispiel habe mich nie vor Prostatakrebs ­gefürchtet, sehr wohl jedoch vor Darmkrebs. Wohl deshalb habe ich meinen Patientinnen und Patienten stets empfohlen, die meiner Ansicht nach ­sichere Methode zu dessen Vermeidung, eine Darmspiegelung, alle fünf Jahre machen zu lassen. Ich tat dies völlig ohne Bewusstsein über Kosten und Nebenwirkungen. Und da ich das Leiden der Frauen mit Brustkrebs so unerträglich fand, legte ich auch allen Patientinnen neben der Selbst­kontrolle die Mammografie nahe. So subjektiv funktionieren Ärzte und ihre Patienten, auch Urologen.

Dabei können wir das Unausweichliche nie vermeiden: Mein Freund Heinz war ein vom Glück gesegneter Mann, erfolgreich im Beruf, in der ­Familie und gesundheitsbewusst. Als er siebzig Jahre alt war, zweifelte ­niemand in seinem Umfeld daran, dass er mindestens bis neunzig leben würde. Dann eine lange Wanderung, Rückenschmerzen. Seine Wirbelsäule war von Krebszellen zerfressen – ohne Vorwarnung. Keine Vorsorge der Welt hätte ihn davor bewahren können, und keine Medizin der Welt wird ihn retten.

Den Tod können wir nicht vermeiden. Also leben wir dieses herrliche Leben davor!

Prof. Dr. med. Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich.Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.

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