Die Tür zum Saal war noch geschlossen. Dahinter wartete die frisch gekürte Post-Chefin Susanne Ruoff, bis sie von ihrem Verwaltungsratspräsidenten Peter Hasler hereingeholt wurde. Feierlich wie eine Königin wurde die Neue der Öffentlichkeit am Post-Hauptsitz in Bern präsentiert. «Queen Susanne», die erste Frau an der Spitze der Post. Hasler platzte fast vor Stolz über den Deal. Selbstverständlich betonte er politisch korrekt, dass Ruoff den Job nicht bekommen habe, weil sie eine Frau ist. «Aber es ist das Tüpfelchen auf dem i, dass wir dieses Problem nun auch gelöst haben.»

Ähnlich die SBB, als man die Ernennung von Jeannine Pilloud zur neuen Personenverkehrs-Verantwortlichen bekanntgab. Konzernchef Andreas Meyer erklärte den Akt zur «historischen Wahl».

Auch die Lufthansa landete kürzlich einen Coup, als sie Simone Menne zur Finanzchefin beförderte. Normalerweise wirft eine Personalie für dieses Ressort keine fetten Schlagzeilen ab. Frau Menne war in aller Munde.

Frauen in Spitzenpositionen zu hieven, ist hip. Angetrieben durch die ­europaweit geführte, von Brüssel und Deutschland orchestrierte Quotendebatte, steigt der Druck auf die Entscheidungsträger merklich an. Die unliebsame Frauenfrage, die in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund gerückt war, ist mit voller Wucht zurück auf die Agenda gekommen. Fast schon peinlich mutet es inzwischen an, wenn der Jahresbericht noch immer das Einerlei von grauen Herren in dunklen Anzügen zeigt. «Firmen können es sich heute praktisch nicht mehr leisten, keine Frau im Verwaltungsrat zu haben. Auf dieser Ebene geht derzeit sehr viel», sagt Phi­lippe Hertig, Partner des Executive-Search-Unternehmens Egon Zehnder ­International.

Erfolgsmeldungen. Die Grossbanken etwa haben die Imagekur letztes Jahr in Angriff genommen: Im CS-Verwaltungsrat sitzt neu die Ökonomin Iris Bohnet. Bei der UBS sind Beatrice Weder di Mauro und Isabelle Romy dazugestos­sen. Bei der Airline Swiss ist Panalpina-Chefin Monika Ribar ins Führungsgremium eingezogen. Und sogar der Zementkonzern Holcim – nicht gerade in einer für Frauen typischen Branche tätig – will gemäss Bilanzinformationen den Frauenanteil im VR (bisher: eine) in ­absehbarer Zeit erhöhen.

«Das Thema ist so heiss wie noch nie. Heute höre ich bei jedem zweiten Search, dass eine Frau von Vorteil wäre. Man sucht heute fast schon krampfhaft Frauen», sagt der Zürcher Headhunter Guido Schilling. Ähnlich tönt es bei seinem Kollegen Hertig: «Die ersten Schritte haben stattgefunden. Die Unternehmen haben eingesehen, dass sie etwas tun müssen in der Frauenfrage. Über das Wie herrscht noch Unsicherheit.»

Fürs Geschäft ist der aufkommende Aktivismus allemal positiv. Mit den Frauen tut sich den Topshot-Vermittlern plötzlich eine lukrative neue Zielgruppe auf – die Auftraggeber machen Dampf. Egon Zehnder etwa drohte ein Kunde mit Honorarabzug, sollten auf der Longlist für die Besetzung eines Divisionschefpostens nicht mehrere qualifizierte Frauen figurieren. Auch bei der deutschen Agentur Hunting/Her mit Büros in Hamburg und Zürich rollt der Rubel. Sie ist auf die Vermittlung von Frauen spezialisiert und liegt damit voll im Trend. ­Gemäss CEO Christian Böhnke sind die Aufträge in den letzten zwei Jahren um 50 Prozent angestiegen. 4500 Frauen mit einem Jahreseinkommen von bis zu einer halben Million Euro figurieren mittlerweile im Career Pool von Hunting/Her. Dabei werde man von einer Welle der Sympathie getragen. «Wir beackern das Feld schon seit Jahren, während die gros­sen Headhunter erst jetzt auf den Zug gesprungen sind, wo sie ein neues Business riechen. Das durchschauen die Frauen – und bleiben uns treu», so Böhn­ke.

Vom Netzwerk zur Vermittlung. Auch Heiner Thorborg will sich nicht von der erwachten Konkurrenz die Butter vom Brot nehmen lassen. Der Executive-Search-Spezialist startete vor sieben Jahren mit dem Aufbau des Frauennetzwerks «Generation CEO», dessen Ziel es ist, weibliche Führungskräfte sichtbar zu machen und untereinander zu vernetzen. Nun will Thorborg, der Büros in Frankfurt und Zürich betreibt, daraus Kapital schlagen. Mit seiner 2012 gegründeten Tochtergesellschaft The Female Factor platziert er weibliche High Potentials in Spitzenjobs.

Cherchez la femme – der Schlachtruf hallt durch Führungsgremien und Investorenkonferenzen. Wird nach jahrzehntelangem Kampf um mehr Frauen in der Chefetage also endlich ernst gemacht? Immerhin ist die Zahl der weiblichen Verwaltungsräte in europäischen Firmen in den letzten zwei Jahren um 28 Prozent angestiegen, sodass der Frauenanteil nun bei 15,6 Prozent liegt, so der Befund des Global Board Index von Egon Zehnder. Die Schweiz hinkt zwar mit einem Anteil von 11,6 Prozent hinterher, der Trend zeigt aber immerhin auch hier nach oben. Zappenduster hingegen sieht es nach wie vor auf operativer Ebene aus. Gemäss den jüngsten Zahlen des «Schillingreport» waren 2012 nur gerade fünf Prozent der Geschäftsleitungsmitglieder weiblich. Auf CEO-Stufe sind es drei Prozent. Daran können auch die jüngsten prominenten Beförderungen – Jasmin Staiblin zur Alpiq-Chefin, Suzanne Thoma zur neuen BKW-Verantwortlichen – wenig ändern.

Der Grund dafür liegt darin, dass sich an den eigentlichen Machtstrukturen nicht viel geändert hat und die Verweildauer von Frauen in Führungspositionen entsprechend kurz ist (siehe Grafik «Hohe Fluktuation» auf Seite 61). Sie scheitern an den alten Geschlechterklischees und am fehlenden Zugang zu den informellen Netzwerken. Zudem sind Top-Frauen oft mit hoch qualifizierten Männern liiert – und so ökonomisch unabhängiger, wenn sie genug haben von den Macht- und Ränkespielen.

Das passiert relativ rasch – und die Talentpipeline bleibt weiter leer. HSG-Professorin und Diversity-Spezialistin Gudrun Sander ist denn auch entsprechend skeptisch. «Der Wettbewerb um die Frauen ist im Gange, aber es herrscht eine Hilflosigkeit bei den Firmen, wie das Problem anzugehen ist.» Unrealistische Suchprofile, interne Widerstände, keine klaren Zielvereinbarungen in Sachen Diversity (Vielfalt) – in der Praxis versanden die guten Vorsätze.

Dasselbe beobachtet Investorin und Verwaltungsrätin Carolina Müller-Möhl. «Akademisch hat man die Diskussion verstanden, in der Realität läuft vieles nach alten Mustern ab.» Da kann etwa in der Schlussevaluation für eine Kandidatin von skeptischen Männern durchaus moniert werden, dass Frau sein nun wirklich kein Kriterium sein könne für eine Anstellung. «Ein absolutes Killer­argument, das regelmässig kommt, wenn es um die Anstellung von Frauen geht», so Müller-Möhl. In letzter Zeit habe man aber ein paar hoffnungsvolle Zeichen gesehen.

Immerhin: Die Verunsicherung über das «How to do it» treibt das Business weiter an. Beratungsdienstleistungen sind gefragt wie nie. Die Diversity-Organisation Catalyst hat die Zahl ihrer Mitglieder in den letzten sieben Jahren versechsfacht. Vorträge, Consulting, ­Research zum Thema Frau – der Laden brummt.

«Ich bin sehr viel stärker gefragt im Bereich der Beratungen», bestätigt auch HSG-Professorin Sander. Der zur HSG gehörende Female Board Pool, der Frauen in Verwaltungsräte vermittelt, fristete jahrelang ein beschauliches Dasein. Seit einem halben Jahr wird häufiger angeklopft – namhafte Headhunter und der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse suchen die Kooperation mit St. Gallen. Ihnen fehlt ein breites Netzwerk, um an geeignete Frauen heranzukommen. Konnten die Firmen bei erfolgreicher Vermittlung bisher freiwillig spenden, wird in Bälde eine feste Bezahlung eingeführt. Aus der Frauenexpertise soll Kapital geschlagen werden.

Auch Events und Networking-Anlässe mit der Zielgruppe Frau lassen sich derzeit prächtig vermarkten. Ende November fand der erste «Women’s Contact-Day» in Zürich Oerlikon statt. 200 Studentinnen von Schweizer Unis und Fachhochschulen und zwölf Firmen – darunter UBS, IBM und Novartis – gingen auf Tuchfühlung miteinander. «Die Firmen suchen nach Möglichkeiten, sich bei den Frauen als Arbeitgeber zu positionieren, und zwar schon früh auf dem Karriereweg», sagt Bettina Egger vom zuständigen Event-Organisator Together AG. Das zweite Rencontre ist beschlossene Sache; der Contact-Day war subito ausgebucht. Zudem gibt es im Frühjahr eine separate Veranstaltung für berufstätige Akademikerinnen. «Der Frauentrend ist evident. Wir wollen dabei sein», sagt Bettina Egger.

So viel Euphorie lässt aufhorchen. Was ist der Treiber des vermeintlichen Booms? Ist die rare Spezies Wirtschaftsfrau eher aus PR-Gründen gesucht oder weil die wirtschaftliche Notwendigkeit des F-Faktors wirklich erkannt wurde? «Leider ein bisschen von beidem», sagt Stefan Steger, Managing Director Schweiz beim Personalberater Korn/Ferry. Wenn das Image stärkste Trieb­feder sei, könne man allerdings nicht von guter Corporate Governance reden.

Absturzgefahr. Bereits machen sich auch erste Risse bei der neuen Frauenbeteiligung an der Spitze bemerkbar. «Die scheinbare Himmelfahrt mit Karacho durch die Glasdecke ist schon gebremst – manche der neu ernannten Chefinnen sind schon wieder im Karrierekeller gelandet», schreibt das deutsche «Handelsblatt». Heiner Thorborg findet die Entwicklung bedenklich. «Der PR-Faktor und die drohende Quote sind bei ­vielen Besetzungen der Hauptfaktor. Vor allem in Deutschland werden Frauen in die Konzernleitungen gehievt, die schlicht nicht oder noch nicht das Zeug dazu haben», so der Generation-CEO-Gründer.

Wie schnell der Lift wieder nach unten donnern kann, musste die Schweizerin Barbara Kux erleben: Als sie 2008 als erste Frau in den Vorstand des deutschen Siemens-Konzerns aufrückte, war das Brimborium gross. Im November 2012 nahm die Spitzenmanagerin den Hut – mit zweifelhaftem Erfolgsausweis. Frauen müssten nicht wild befördert, sondern gezielt und konsequent von unten aufgebaut werden, fordert Headhunter Thorborg. Zeit und Geduld sind in der F-Frage also angesagt – einmal mehr. Oder wie es Headhunter Schilling ausdrückt: «Es braucht eine bis zwei Generationen, bis der Frauenanteil wirklich substanziell höher sein wird.»

Mitarbeit: Andreas Güntert

Anzeige
Anzeige