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Machtnetz von Jörg Wolle: In der Wolle gefärbt

Jörg Wolle

Der gelungene Börsengang von DKSH ist ein Erfolg für CEO Jörg Wolle. Der Weltenbummer hat es in den Olymp der Schweizer Wirtschaft geschafft.

Von Marc Kowalsky
20.03.2012

Das Début ist geglückt: 51 Franken zeigte die Anzeigetafel der Schweizer Börse SWX, als am 20. März zum ersten Mal ein Kurs für das Handelshaus DKSH gestellt wurde – ein sattes Plus gegenüber dem Ausgabepreis von 48 Franken, der sowieso schon am oberen Ende der Preisspanne festgesetzt war.

Ein Erfolg zuallererst auch für Jörg Wolle (55), der DKSH seit zehn Jahren führt und von der verschlafenen Handelsfirma zum milliardenschweren Serviceprovider wandelte. 96 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet die Firma im Fernen Osten; kein Wunder, gilt Wolle als einer der besten Asienkenner überhaupt: Er arbeitete für Projekte in Indien, Russland, China und Iran und lebte selber vier Jahre in Hongkong. 1995 kam der gebürtige Ostdeutsche in die Schweiz und ist inzwischen auch Schweizer Staatsbürger. Seinen sächsischen Akzent hat er in all der Zeit behalten. Wolle gilt als charmant und unprätentiös, gleichzeitig aber als durchsetzungsstark und kompromisslos.

Die Altaktionäre, unter anderem Rainer-Marc Frey, Carolina Müller-Möhl, Stephan Schmidheiny, der Industrielle Robert Peugeot, Banquier Pierre Mirabaud sowie die Besitzerfamilien Keller, de Schaller und Blancpain hat Wolle mit dem Börsengang glücklich gemacht. Seine nächste Mission: das Gleiche auch mit den Publikumsaktionären zu tun.

Die Förderer

Wolle begann seine Karriere bei Daimler-Benz, der Kugellagerhersteller SKF schickte ihn später nach Asien. Dessen Vertriebspartner in China war das Handelshaus Siber Hegner: Firmenerbe Christophe Gautier wurde auf Wolle aufmerksam und holte ihn 1993 in die Konzernleitung, 1999 machte ihn Financier und Grossaktionär Ernst Müller-Möhl zum CEO. Als ihn Andreas Keller 2001 bei einem Abendessen in seinem Engadiner Ferienhaus zum deutlich grösseren Konkurrenten Diethelm Keller AG locken wollte, lehnte Wolle ab – stattdessen entwarfen die beiden auf einer Papierserviette den Plan zur Fusion der beiden Häuser ein Jahr später. Unternehmer und ­Autorennfahrer Fredy Lienhard machte Wolle 2004 zum VR-Präsidenten seines Büroausstatters Lista; zwei Jahre später verkauften sie die Firma an die Beteiligungsgesellschaft Capvis. Marcel Ospel holte Wolle 2006 in den VR der UBS – damit war der Ostdeutsche im Olymp der Schweizer Wirtschaft angekommen. Als Vorsitzender des Personal- und Vergütungsausschusses arbeitete er eng zusammen mit Fiat-Chef Sergio Marchionne. Klaus-Michael Kühne, den Wolle als «unternehmerisches und menschliches Vorbild» sieht, engagierte ihn vor zwei Jahren für den Verwaltungsrat von Kühne + Nagel. Dort trifft Wolle auf Jürgen Fitschen, den neuen Co-Chef der Deutschen Bank, auf Renato Fassbind, Ex-Finanzchef von ABB und CS, und auf das Schweizer Tourismusurgestein Hans Lerch.

Die Freunde

Zum Freundeskreis von Wolle zählt unter anderem Rainer-Marc Frey, einer der grössten Aktionäre von DKSH. Mit Ex-Serono-Besitzer Ernesto Bertarelli teilt Wolle die Liebe zum Segeln, «allerdings auf deutlich tieferem Niveau», wie er selber sagt. Mit ihm ist er aus gemeinsamen UBS-Zeiten befreundet, ebenso wie mit Nationalrat und Unternehmer Peter Spuhler. Auch Frank Gulich, langjähriger Vertreter von Carolina Müller-Möhl im Verwaltungsrat von Siber Hegner bzw. DKSH, ist zu einem persönlichen Freund geworden. «Wolle ist ein phänomenaler Netzwerker, der Menschen für sich gewinnt», sagt Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell. So ist der DKSH-Chef auch Mitglied im Club zum Rennweg und des damit verbundenen Entrepreneurs’ Roundtable. Dort sind ihm besonders Alfred Gantner von der Partners Group und Anwalt Tom Ladner nahe.

Die Widersacher

In der Schweiz hat Wolle keine Konkurrenz mehr zu fürchten. Die anderen, einst zahlreichen Handelshäuser nahmen sich im Lauf der Jahre entweder selber aus dem Rennen (Erb-Gruppe, André, Volkart) oder wurden von DKSH aufgekauft (Desco von Schulthess, Cosa Liebermann). Weltweit grösster Widersacher ist die Hongkonger Li & Fung Distribution unter Bruce Philip Rockowitz mit 16 Milliarden Dollar Umsatz. Im Bereich Pharmadistribution ist die Schweizer Firma F.E. Zuellig mit Sitz in Hongkong auf Augenhöhe; sie gehört zwei Familienzweigen um Stephen Zuellig und den kürzlich verstorbenen Gilbert Zuellig. Im Geschäftsfeld Technologie machen die Norddeutschen Firmen Melchers unter Matthias Claussen sowie llies Konkurrenz.

Die Familie

Frau Ramona musste Wolle in der DDR zurücklassen, als er am 1. März 1988 vom anfahrenden Zug im Stuttgarter Bahnhof sprang, der ihn von der ersten Westreise zurück in den Stasi-Staat hätte bringen sollen. Sie flüchtete 18 Monate später, gefilmt von CNN, über die Mauer der Prager Botschaft in den Westen. Gemeinsam haben die beiden eine Tochter, Victoria (15). Die Wolles wohnen an bester Lage in Herrliberg ZH. Das Grundstück kauften sie Ex-ABB-Chef Fred Kindle ab. Nachbarn sind Lindt-Chef Ernst Tanner und Ex-IBM-Chef Peter Quadri. Wolle segelt, bevorzugt um die Balearen. Das Harley-Fahren gab er nach einem schweren Unfall auf.

Die Univerbindung

Wolle doktorierte in Maschinenbau im ostdeutschen Chemnitz. Heute ist er Honorarprofessor für interkulturelle Kommunikation an der Fachhochschule Zwickau. Dort liest auch Ex-VW-Chef Carl Hahn. Zudem sitzt Wolle im Beirat der HSG. Dort trifft er auf Banquier Raymond Bär, auf die Panalpina-Chefin Monika Ribar und IWC-Chef Georges Kern. Ebenfalls im Gremium sitzen der ehemalige Swiss-Chef Christoph Franz, heute Konzernchef Lufthansa, und Roland-Berger-CEO Martin Wittig – mit beiden ist der DKSH-Chef auch privat befreundet.

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