Immerhin: Manager in Toppositionen sind sich zwar durchaus bewusst, dass sie neben der Performance ihres Unternehmens auch ihrer Gesundheit Sorge tragen sollten. Meist tun sie das so, wie sie das von ihrem Geschäftsalltag her gewohnt sind: Gesundheit ist ein «key issue», der gemanagt werden muss, schnell, effizient und mit klaren Resultaten. Eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema findet jedoch lediglich in Ausnahmefällen statt. Eine Therapie muss sich schliesslich in den ohnehin übervollen Terminkalender quetschen lassen. Wen wunderts, dass es für viele Manager zu einem Statussymbol geworden ist, sich vom Arbeitgeber regelmässige medizinische Check-ups bezahlen zu lassen. Diese sind strukturiert, zeitlich planbar, und am Ende des Untersuchs winken aussagekräftige Listen, Charts und Auswertungen.

In den Vereinigten Staaten ist dies längst Teil des Marketings privater Spitäler: Diagnostikkliniken werben auf der Homepage mit zufriedenen Check-up-Kunden und verweisen auf Referenzlisten, auf denen namhafte Unternehmen als Kunden aufgeführt sind. Verglichen mit dem amerikanischen Stil, geht es in der Schweiz in dieser Hinsicht noch diskret zu und her. Doch auch hierzulande buhlen zahlreiche Kliniken, Institute und Zentren mit einem üppigen Angebot an Gesundheitsprävention um die Gunst der Kunden und die Gelder von Firmen und Managern (siehe Nebenartikel «Gesundheitszentren: Prüfung auf Herz und Nieren»).

Während das Geschäft angekurbelt wird, debattieren Gesundheitsexperten noch immer darüber, wie sinnvoll Check-ups überhaupt sind. Die Krux bei der ganzen Sache: Check-ups sind verführerisch, zumindest wenn sich die Resultate im grünen Bereich befinden. Manch einer wiegt sich dann in der falschen Sicherheit, über eine unzerstörbare Gesundheit zu verfügen, was ein Hinterfragen eingeschliffener Lebensgewohnheiten nicht notwendig erscheinen lässt. Oder die Gefahr ist gross, dass nach einem kurzen, durch den Arztbesuch bedingten Motivationsschub nach kurzer Zeit der alte Trott wieder überhand nimmt. «Daher sind Check-ups vor einigen Jahren zu Recht etwas in Verruf geraten», sagt Walter O. Frey, Olympiaarzt, Gründer und Leiter von Movemed, dem Swiss Olympic Medical Center in Zürich. Das Kompetenzzentrum für Prävention, Rehabilitation und Training bietet für Unternehmen neben Vorsorgeuntersuchungen auch Seminare zu Gesundheitsthemen an.

Der beste Check-up, so viel ist mittlerweile Common Sense, bringt nichts, wenn die Lebens-, Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten nicht auch in die Untersuchung einfliessen und dem persönlichen Risikoprofil angepasst werden. Nur so lassen sich gravierende Erkrankungen vermeiden. Dies gilt insbesondere für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, eine der häufigsten Todesursachen in den Industrieländern. Gerade gestresste Manager gehören zu den gefährdeten Risikogruppen – wenn sie überdies noch an Übergewicht leiden, rauchen und unter Bewegungsmangel leiden, sind sie ernsthafte Kandidaten für den Herzinfarkt.

Ein gesunder Körper verlängert nicht nur das Leben des Managers, sondern fördert nicht zuletzt auch dessen Karriere. Executive-Search-Unternehmen jedenfalls nehmen bei der Prüfung der Kandidatinnen und Kandidaten zunehmend zumindest optisch auch deren körperliche Verfassung ins Visier. «Führungskräfte müssen einen enormen Druck aushalten», sagt Evelyne Thalmann, Managing Partner von Boyden Schweiz AG. «Und diesem hält nur stand, wer sich und seinem Körper Sorge trägt.» Hinzu kommt, dass auch die Auftraggeber der Headhunter ein Auge auf die Physis werfen, schliesslich wollen sie in den Teppichetagen leistungsfähige Manager platzieren. «Pointierter ausgedrückt: Strahlt ein Unternehmen Agilität aus, darf dessen Chef nicht träge wirken.»

Allerdings: Die totale Askese ist nicht das Ziel. Zu zäh dürfen die Kandidaten auch wieder nicht wirken, sagt Fredy Isler, Senior Partner beim Executive-Search-Unternehmen Spencer Stuart. «Ausschliesslich Wellness-geprägte und asketische Kandidaten sind mir suspekt, ebenso solche, die nach wenigen Treppenstufen nach Luft schnappen. Bei Ersteren ist es sehr wohl möglich, dass ihnen der Sport über alles geht und sie bereits unter Entzugserscheinungen leiden, wenn sie einmal nicht trainieren können …»

Es wäre durchaus im Interesse aller Beteiligten, bei Anstellungsgesprächen offen über die physische Verfassung sowie die Work-Life-Balance der Kandidatinnen und Kandidaten zu sprechen. Ein schwieriges Unterfangen, da niemand dazu verpflichtet ist. «Ich spreche das Thema im Rahmen meiner Gespräche mit den Kandidaten ganz offen an», sagt Evelyne Thalmann. Und sie habe damit eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht.

Dass Führungskräfte fit sein müssen, haben auch die Anbieter von MBA-Programmen gemerkt. Im Rahmen des Executive MBA an der Universität Zürich beispielsweise setzt Kursleiter Professor Bruno Staffelbach seit 2001 beim Modul «Psychologische Grundlagen des Managements» den Schwerpunkt auf den psychologischen und medizinischen Aspekt in der Führung und der Lebenshaltung der eigenen Person. Dazu zählt neben Fachreferaten zu Ernährung und Bewegung auch ein von Ärzten durchgeführter Fitnesstest mit Auswertung. Und die Executive-MBA-Studenten am International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne werden in der ersten Ausbildungshälfte in Yoga und Meditation eingeführt; in der zehnten Woche des Programms werden dann sogar noch die Partnerinnen und Partner der Studierenden eingeladen, um gemeinsam Themen rund um die Work-Life-Balance zu diskutieren.

Wer gesund ist, leistet mehr. Mit dieser Erkenntnis versuchen immer mehr Unternehmen, das Gesundheitsbewusstsein bei ihren Mitarbeitenden zu fördern. So führt zum Beispiel IBM als Fortsetzung des bisherigen Check-up-Programms «fit@ibm» dieses Jahr ein neuartiges Personal Health-Coaching ein. «Die Mitarbeitenden erhalten die Möglichkeit, Gesundheit und Fitness zu messen und mit einem Ärzteteam individuell abgestimmte Pläne aufzustellen», sagt Isabelle Welton, IBM-Kommunikationschefin. Der Schweizer Ableger des amerikanischen Multis investiert jährlich über 150 000 Franken in Kurse und Referate, die der Gesundheitsförderung der Belegschaft dienen sollen. «Wir stellen das Prinzip der Erhaltung der Gesundheit in den Mittelpunkt unserer Programme. Wir wollen Wege aufzeigen, wie über ein konsequentes Self-Management die Gesundheit erhalten und eine hohe Lebensqualität erreicht werden kann.»

Zu diesem Zweck hat das Technologieunternehmen vor fünf Jahren die Stelle des Well-Being-Beauftragten geschaffen, der sich an drei Tagen die Woche um die Gesundheit der Mitarbeitenden kümmert. Neben Prävention und Weiterbildung mittels Vorträgen von externen Spezialisten bietet IBM ihren Leuten auch die Möglichkeit, sich am Arbeitsplatz auszuruhen. Auf Anregung der Belegschaft wurde vor Jahren schon ein Ruheraum mit vier Matratzen und Sesseln eingerichtet. In einem neuen Headquarter, das im Spätfrühling bezogen werden wird, sind zudem ein grösserer Ruheraum, ein Fitnesscenter sowie ein 118 Quadratmeter grosser Gymnastikraum geplant. Hier sollen künftig in Kooperation mit externen Profis Yoga, Bodenturnen, Box-Aerobic, Massagen und Konditionstraining angeboten werden.

Der Versicherungskonzern Swiss Re offeriert seiner Belegschaft neben einem grossen Angebot an Sport- und Freizeitaktivitäten eine institutionalisierte Arztsprechstunde im Haus. «Für Mitarbeitende ab 40 Jahren bieten wir zudem einen jährlichen Gratis-Check-up mit freier Arztwahl», erklärt Brigitte Meier, Media Consultant beim Schweizer Rückversicherer. Die Einrichtung der Fitnessräume wurde in Zusammenarbeit mit Vertrauensärzten und einem Sportmediziner ausgewählt. Damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das vielfältige Angebot auch nutzen könnten, seien vom Fitnessraum über das Hallenbad bis zum Massageraum die meisten Angebote bewusst in die Firmengebäude integriert worden. «Dank der gleitenden Arbeitszeit kann jede und jeder zur gewünschten Tageszeit trainieren.»

Ende Mai wird Swiss Re überdies noch einen internen Health-Day durchführen. Dann soll das Thema Gesundheit aus ganzheitlicher Sicht dargestellt werden. Geplant sind Vorträge sowie Workshops zu Ernährungsgewohnheiten, gutem Umgang mit psychomentaler Belastung oder zur Verhinderung eines Burn-out.

Den ganzheitlichen Ansatz bei der Gesundheitsvorsorge hat auch die Credit Suisse im Visier. Gesundheit bedeutet für die Grossbank nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen, sondern einen Zustand seelischen, körperlichen und sozialen Wohlbefindens. «Es werden bei den Mitarbeitenden Leistungsfähigkeit, Motivation, Regeneration und das Gesundheitsbewusstsein gefördert und auch soziale Bedürfnisse berücksichtigt», so umreisst Nicole Pfister-Bachmann von der CS Media Relations die Strategie.

Auch die Credit Suisse Group bietet den Angestellten Sportgelegenheiten möglichst nahe am Arbeitsplatz an sowie Massagen und ein breites Angebot an Kursen und Veranstaltungen, die inhouse stattfinden. Daneben profitieren die Mitarbeitenden von vergünstigten Jahresabonnements für ausgewählte externe Fitnesscenter. Auf Wunsch können auch Leistungs- und Wellnesstests mit anschliessender Trainingsempfehlung in Anspruch genommen werden. «Kader der Direktionsstufe haben alle zwei Jahre das Anrecht auf einen Gesundheitstest bei einem Arzt ihrer Wahl.»

Für das internationale Uno-Jahr des Sports 2005 hat sich die Credit Suisse zudem etwas Besonderes einfallen lassen. Im Rahmen einer landesweiten Aktion lanciert die Schweizer Grossbank neben ihren bereits bestehenden Aktivitäten weitere gesundheitsfördernde Massnahmen zu Bewegung, Ernährung und Entspannung. «Dazu zählen Low-Calory-Menüs in unseren Personalrestaurants oder eine Aktiv-Sportwoche am Meer, in der die Mitarbeitenden unter Leitung von Sportlehrern und Profisportlern verschiedenste Sportarten ausprobieren können.»

«Leider erreichen wir mit unseren Massnahmen eher die bereits körper- und gesundheitsbewussten Mitarbeitenden und nicht die 100-Kilogramm-Brocken.» Diese Aussage des Well-Being-Beauftragten der IBM, Paul Müller, zeigt die Krux beim Thema Gesundheitsförderung im Unternehmen. Dieses kann noch so ausgefeilte Angebote für die Belegschaft lancieren – die Eigenverantwortung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Förderung durch die Vorgesetzten kann die Firma nicht übernehmen.

Davon ist auch Movemed-Chef Walter O. Frey überzeugt. Allerdings habe er auch erlebt, wie konjunkturabhängig die Gesundheitsförderung in den Unternehmen sei. So kommen die viel beschäftigten Manager zwar auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zum Untersuch und zur Gesundheitsberatung; zur Umsetzung der von ihnen selbst als sehr gut und passend bezeichneten Trainings- und Ernährungspläne kommt es in diesen Phasen allerdings nur selten. «Mitunter muss ich dann schon fast missionarisch werden, vor allem wenn jemand vor mir sitzt, der sämtliche Risikofaktoren in sich vereint, mir jedoch zur Antwort gibt, er müsse zuerst das Unternehmen restrukturieren, bevor er dann mit dem Turnaround bei sich selbst beginnen könne …»

Frey hat die Erfahrung gemacht, dass es in KMU einfacher ist, eine Gesundheitskultur zu implementieren. Die Chefs wechseln weit weniger oft als in Grossunternehmen und haben meistens einen weitaus persönlicheren Draht zur Belegschaft. Die Gesundheit der Angestellten ist in einem solchen Fall Chefsache. Für Christoph Bertschinger, stellvertretender Geschäftsführer des auf Gesundheitsförderung spezialisierten Unternehmens Radix, ist klar: «Die Geschäftsleitung muss die Verbindlichkeit für das Thema Gesundheit aufrechterhalten.» Das heisst auch, dass es nicht reicht, in einem Unternehmen einfach einen bunten Strauss von Angeboten bereitzuhalten. «Diese müssen auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden massgeschneidert sein.» Das ist dann der Fall, wenn vor der Umsetzung eine Bedarfsabklärung erstellt wird. «Sind Massnahmen definiert und implementiert, müssen diese durch die Geschäftsleitung regelmässig einem Monitoring unterzogen werden. Genauso, wie das beim Thema Sicherheit am Arbeitsplatz bereits gemacht wird.»

Wie das funktionieren kann, haben zehn Pilotbetriebe der deutschen und französischen Schweiz mit dem Programm «KMU-vital» getestet (siehe Nebenartikel «Betriebliche Gesundheitsförderung: Lehrgang für Personalfachleute»), das zum Ziel hatte, kleinen und mittleren Unternehmen unterschiedliche Module für die betriebliche Gesundheitsförderung zur Verfügung zu stellen.

Die teilnehmenden Unternehmen meldeten sich aus verschiedensten Beweggründen: um die Absenzen zu senken, die schädlichen Auswirkungen nach Reorganisationen abzufedern, ihr Image zu verbessern oder in wirtschaftlich schwierigen Zeiten etwas für das Wohlbefinden der Belegschaft zu tun.

Ausgangspunkt für das Projekt «KMU-vital» bildete eine Mitarbeiterbefragung, eine Befragung des Managements, und die dort gewonnenen Erkenntnisse wurden in einem so genannten Gesundheitszirkel mit den Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeitern verfeinert. Das Resultat sind die Module, die das «KMU-vital»-Programm zur Verfügung stellt. Dazu zählen unter anderem Arbeitsplatzgestaltung, Wellness, Stressmanagement oder auch betriebliche Gesundheitsförderung als Führungsaufgabe. Das Fazit aller beteiligten Unternehmen: Es braucht einen langen Atem, um gesundheitsfördernde Massnahmen zu implementieren und zu etablieren. Langfristig jedoch lohnen sich derartige Anstrengungen in jedem Fall.

Das zeigt, dass sowohl für den Check-up des einzelnen Managers als auch für denjenigen eines Unternehmens gilt, dass der Zeitpunkt der gesundheitlichen Standortbestimmung als Chance angesehen werden muss, die Lebensführung beziehungsweise die Unternehmenskultur zu verändern. «Denn wenn die Arbeitsbedingungen noch immer so sind, dass die Mitarbeitenden ausbrennen, dann nützt selbst der teuerste und beste Check-up nichts», urteilt der Gesundheitsexperte Christoph Bertschinger.

Anzeige
Anzeige