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Kunst: Peking ruft

Der Galerist Urs Meile setzte auf aktuelle Kunst aus China, als niemand an sie glaubte. Jetzt eröffnet er eine Filiale seiner Galerie in Peking.

Von Brigitte Ulmer
28.03.2006

Die ersten Kunstwerke aus China, die in den neunziger Jahren zirkulierten, zeigten Genossen, die Chanel und Rolex propagierten, oder Mao-Darstellungen in schreiend poppigen Farben. In einem Stil-Mix aus sozialistischem Realismus und Pop-Art illustrierten Künstler wie Wang Guangyi und Li Shan den Wechsel von der Mao-Anbetung zur Luxus-Beschwörung. Sie mögen heute die Stars der chinesischen Avantgarde sein. Hier wurde ihre Kunst eher als politisches Symbol gewertet denn als ästhetische Innovation.

Urs Meile, mit seiner Galerie in Luzern Vorreiter in der Vermittlung chinesischer Kunst im Westen, erinnert sich gut an die Skepsis, die ihm damals entgegenschlug. «Wie oft wurde ich wegen ‹meiner Chinesen› ausgelacht?», erzählt er, «heute kann ich die Nachfrage kaum befriedigen.»

In seiner Galerie in Luzern zeigt Meile seit 1998 chinesische Kunst. Uli Sigg, der Ex-Botschafter in China und Topsammler chinesischer Kunst, hatte ihn in die chinesische Kunstszene eingeführt. Seither vertritt Meile Künstler wie Ai Weiwei, Wang Jin und Dutzende anderer, darunter die Maler raffinierter Erinnerungslandschaften wie Qiu Shihua, Yie Nanxing und Li Songsong.

Der Wechsel in der Wahrnehmung vom exotischen, marktgetriebenen Randphänomen zur künstlerischen Innovation hat Urs Meile aus nächster Nähe erlebt. Noch 1999 und 2001, anlässlich der ersten Präsentationen chinesischer Kunst an der Biennale Venedig, sprach man despektierlich von den «Szeemann-Chinesen». Die drastisch-spektakuläre Körperkunst, die der Schweizer Kunstimpresario an der Biennale präsentierte, wurde als Exotikum empfunden. Parallel zur breiteren Abstützung der chinesischen Kunstszene hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass aus dem Reich der Mitte neue ästhetische Impulse kommen.

Das Blatt hat sich laut Meile vor zwei Jahren gewendet: Zu den Käufern mit China-Interesse gesellten sich internationale Topsammler wie Goetz in München und Rubell in Miami – und in ihrem Windschatten Kunstinvestoren und Spekulanten.

Um einen Beleg für die Marktexplosion zu finden, genügt auch nur ein Blick neben Meiles Pult auf den Boden. Da steht die «Map of China» von Ai Weiwei, eine Skulptur in Form der chinesischen Landkarte, gefertigt aus dem Holz zerstörter Qing-Tempel. Die Skulptur eines der erfolgreichsten Künstler und Architekten – er berät Herzog & de Meuron bei der Realisierung des Olympiastadions in Peking – konnte man bei Meile vor wenigen Jahren für 40 000 Dollar kaufen. Sotheby’s hat jetzt ein ähnliches Werk in New York für die Auktion Ende März angeboten. Schätzpreis: 120 000 bis 150 000 Dollar.

Ai Weiweis Werk ist ein Beispiel dafür, was die Besten unter den Künstlern aus China auszeichnet. Sie reflektieren die Modernisierung und den damit einhergehenden Wertezerfall seit 1990 auf subtile Weise. «Vor dem Hintergrund der chinesischen Tradition und der rasanten ökonomischen und sozialen Umwälzungen entsteht jetzt in China Kunst, die so nur dort entstehen kann», ist Meile überzeugt. Gepaart mit technischen Fertigkeiten, in der Malerei etwa, entstehe eine vielschichtige Kunst, die sich inhaltlicher und visueller Codes bedient, die der Westler entschlüsseln kann.

Ein Beleg für die subversive Kraft chinesischer Kunst hängt von der Decke in Form eines fast zwei Meter langen, eleganten Gewandes aus durchsichtigem Polyvinyl. Der 44-jährige Wang Jin bildete in «Dream of China» die offizielle Kaiserrobe mit filigranen Stickereien aus Nylonfäden nach. Ein raffinierter Kommentar zur Kollision zwischen Tradition und dem neuen Konsumismus.

Der Erfolg seiner Künstler stellt Meile vor organisatorische Probleme, die er mit der Gründung einer Filiale in Peking lösen will. In unmittelbarer Nachbarschaft zum von Ai Weiwei geleiteten Kunstzentrum Chinese Art Archive and Warehouse (CAAW) gelegen, mit dem Meile seit drei Jahren kooperiert, hat er zwei kleine Häuser mit Ausstellungshallen von je 200 Quadratmetern gemietet. Geplant sind Gruppenausstellungen und Solo-Shows. Meile beschäftigt vier Mitarbeiter.

Rund hundert Galerien seien im letzten Jahr in Peking neu eröffnet worden, sagt Meile. «Es ist ein täglicher Kampf um die guten Künstler losgebrochen.» Die Konkurrenz versuche, seine Künstler abzuwerben; Auktionshäuser und Sammler werden direkt in den Ateliers vorstellig. Meiles Künstler, von Underground-Künstlern zu kommerziell erfolgreichen Players auf dem globalen Markt mutiert, könnten die immense Nachfrage kaum befriedigen. Viel Aufklärung sei nötig, damit einzelne Künstler ihre Werke nicht für ein Vielfaches direkt an gierige Investoren verkaufen oder zu schnell produzieren.

Es gehört auch zu Meiles Plan, die wachsende Schicht der Superreichen mit chinesischer Kunst zu bedienen; mit westlicher Kunst sei derzeit noch kein Staat zu machen. «Es ist frappierend», so Meile, «mit welcher Geschwindigkeit der Markt vor kurzem in China losgebrochen ist.» Das bedeutet, dass der vormals von wenigen westlichen Akteuren monopolisierte Markt auf solideren Füssen steht und nicht mehr von rein westlichen Kategorien vereinnahmt – also exotisiert – wird. In China hat sich ein Kunstsystem mit Kuratoren, Ausstellungshallen und Sammlern entwickelt. Allerdings tendierten in China Immobilienmagnaten und Fabrikanten dazu, sich an der Kunst eher als Prestigegut zu orientieren.

«Im Moment gibt es mehr Käufer als Sammler», sagt Meile. «Das kann sich aber in wenigen Monaten ändern.»

ArtTalk

Henri Matisses Farborgien und ornamentale Flächen wirken berauschend. Dem Raumkünstler und Pionier der Moderne widmet die Fondation Beyeler eine umfassende Ausstellung mit rund 160 Werken, darunter Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen.

Henri Matisse, «Figur Farbe Raum», Fondation Beyeler, Riehen, bis 9. Juli.

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