Werden Kreuzfahrten je wieder cool sein? Der Optimismus der Reedereien, die einst schicken Seereisen zu neuem Glanz zu bringen, spiegelt sich im Investitionsvolumen von rund 22 Milliarden Dollar über die nächsten fünf Jahre. Ein grosser Wetteinsatz ­angesichts der wirtschaftlichen Talfahrt. Alleine in diesem Jahr sind 23  275 neue Kabinen auf Kreuzfahrtschiffen hinzugekommen. Im Trend: das «Schiff im Schiff»-Konzept mit exklusiven Aufenthalts-, Restaurant- und Spa-Bereichen für die besonders umworbenen, da weniger konjunkturabhängigen Luxusreisenden.

Das künftig grösste Kreuzfahrtenschiff der Welt, die «Oasis of the Seas», wird bald mit 6296 Passagieren in See stechen. Zu den Neuheiten zählen die 28 doppelstöckigen Lofts, die mit einer Prise SoHo-Feeling an den Zeitgeist andocken. Moderne Dienstleistungen wie Botox-Behandlungen an Bord zählen zu den Standards. Am 18.  Dezember wird die italienische Reederei MSC Cruises einen 99-Suiten-Yachtclub mit eigenem Pool und VIP-Lounge auf ihrem neusten Riesenschiff, der «MSC Fantasia», einweihen.

Auch die Mittelklassekreuzer der Norwegian Cruise Line sind auf dem besten Weg zu einem Upgrade: Die sogenannten «Courtyard Villas» und «Garden Villas», die sich um einen balinesisch anmutenden Innenhofgarten gruppieren, verfügen über einen eigenen Butler und Concierge. «Sogar reiche Passagiere wollen in ihren Ferien nicht unbedingt von Hunderten anderer Millionäre umgeben sein», betont Norwegian-Chef Colin Veitch. Bewohner seiner Villen auf See können zwischen totalem Cocooning und dem quirligen Kreuzfahrtenleben mit 2400 Passagieren wählen. Es ist, als wohne man in einer Hoteloase mitten in der City und könne jederzeit am Downtown-Geschehen teilnehmen.

«Das luxuriöse Aufbrezeln der Ozeanriesen mag demografisch neue Passagierschichten ansprechen, aber das Angebot bleibt Mainstream-Luxus», meint die englische Trendforscherin Marian Salzman. «Heute, da so viele andere Interpreta­tionen von Luxus zur Auswahl stehen, müssten sich die Reedereien noch viel mehr anstrengen, um anspruchsvolle Traveller von diesen grossen Schiffen zu überzeugen.» Die Wahrnehmung von ­Luxus und Coolness war in den Goldenen Zwanzigern eine andere – damals galt die Maxime «Je grösser, je besser», und das stundenlange Warten auf die Koffer nach dem Einchecken oder die langen Schlangen vor den Buffets und bei Landgängen nahm man früher leichter hin als heute.

«Je grösser ein Kreuzfahrtschiff ist», sagt Hans Hunziker vom Zürcher Reisebüro Cruisetour, «desto weniger flexibel und desto weniger individuell ist es.» Hunziker, der auf Klasse statt Masse spezialisiert ist, sieht der Höherpositionierung der Schiffsgiganten gelassen entgegen: «Wahrer Luxus auf See ist ab 2000 Passagieren einfach nicht mehr möglich.»

Die Reederei Cunard, die vor vier Jahren die «Queen Mary 2» in Dienst nahm, hatte bereits einen massigen Neubau in Auftrag gegeben, warf die Pläne aber wieder über Bord. Kleiner und luxuriöser sollte der Flottenneuzugang «Queen Victoria» werden, aber mit der für die «Queens» obligatorischen Nostalgie und Erlebnisqua­lität. 2000 Passagiere finden auf der «Victoria» nun Platz – 1000 weniger als auf der grossen Schwester.

WENN DER ATEM STOCKT. Die «Queen Victoria», heute die Nummer eins unter den grossen Luxusschiffen (siehe «Die weltbesten Luxusschiffe auf Seite 233), vereint die Vorzüge der «Queen Mary 2» mit der Flexibilität eines kleineren Ozeandampfers. Die Mischung aus maritimer Tradition und Hightech, aus klassischem Pomp und Luxus des dritten Jahrtausends trifft den Nerv der Zeit: Seit der Jungfernfahrt ist das Schiff ständig ausgebucht.

Durch ein Spalier aus Stewards und Offizieren betritt man das Schiff und steht sofort in der Grand Lobby. Der Atem stockt das erste Mal: Mächtige Marmorsäulen, zwei riesige Freitreppen, alles erhellt von einem grandiosen Art-déco-Kronleuchter – da wirkt manches Grandhotel blass. Kein Mensch würde auf Baujahr 2007 tippen, wenn er die Design-Orgie im mondänen Stil der zwanziger Jahre unbefangen betrachtete. Dennoch sind die Bordeinrichtungen, etwa im grossen Spa oder in den 1000 Kabinen, ganz von heute.

Für nichtenglische Passagiere gewöhnungsbedürftig bleibt die Dreiklassengesellschaft, die von Cunard in Ehren gehalten wird – mit exklusiven Bereichen für die Passagiere der Unterkunftsklassen «Queens Grill» und «Princess Grill», etwa in den Restaurants und im Theater mit privaten Logen wie im Londoner West End (eine Neuheit auf See). Es gibt 31 Preiskategorien mit entsprechend grossen Unterschieden zwischen den Kabinen. Immerhin liegen die meisten aussen und verfügen über einen eigenen Balkon.

Zu den Highlights an Bord zählt die zweistöckige Bibliothek mit Tausenden von Büchern sowie die stilvolle Teatime-Zeremonie täglich um 16 Uhr. In der «Royal Arcade» fühlt man sich ein wenig nach London versetzt: Die riesige Standuhr, die jede Viertelstunde schlägt, stammt vom selben Uhrmacher, der seinerzeit den Big Ben konstruierte. Bemerkenswert: Trotz 2000 Passagieren hat die «Victoria» noch überschaubare Dimensionen und eine gedrillte Crew, die den Vergleich mit den besten Hotelgruppen wie Four Seasons oder Ritz-Carlton nicht zu scheuen braucht.

AUF ZU NEUEN UFERN. In der Kategorie der mittelgrossen Luxusschiffe schlägt die deutsche «MS Europa» weitgehend unwidersprochen die internationale Konkurrenz. Zum Markenzeichen des deutschen Nobelkreuzers gehört die Servicekultur, wie sie auf keinem anderen Schiff zu erleben ist. «Die Perfektion liegt im Detail und muss jeden Tag von neuem erarbeitet werden», betont Kapitän Hagen Damaschke. Sei es die persönliche Anrede jedes Passagiers mit Namen, sei es das Erfrischungstüchlein nach dem Landausflug, sei es der Service, dass die Schuhe von der Kabinen­Stewardess unaufgefordert auf Hochglanz gebracht werden: Die Summe der selbstverständlich erbrachten Aufmerksamkeiten macht die «MS Europa» so besonders. Die Crewmitglieder sind durchwegs freundlich, warmherzig und engagiert. Man merkt ihnen an, dass sie sich den Höchstleistungsanspruch der Reederei persönlich zu eigen gemacht haben. Auch an Land gilt das Credo, den Passagieren ein Maximum an Individualität zu bieten, etwa mit Ausflügen in Kleinstgruppen statt in Pulkformation. Auf Wunsch organisiert der Concierge massgeschneiderte Landgänge mit Mietwagen- oder Chauffeurservice.

Das Schiff hat die optimale Wohlfühlgrösse, alles steht in harmonischem Verhältnis zum Ganzen. Die Interieurs wirken luftig und elegant, es gibt nichts an aufgebrezeltem Design, kein schwindelerregendes Atrium und auch keine Gimmicks wie Kletterwand oder Schlittschuhbahn. Zwar glitzert es hier und da auch nicht weniger als in einem exklusiven Ferienresort, doch insgesamt dominiert der unaufdringlich gute Geschmack. Die kleinste Kabine misst 33 Quadratmeter, was böse Überraschungen bei der Ankunft ebenso von vornherein ausschliesst wie die Tatsache, dass alle Kabinen aussen liegen und fast alle über einen privaten Balkon verfügen. Seit neun Jahren fährt die «MS Europa» nunmehr an der Spitze der weltbesten Luxusschiffe, und ständig wird sie erneuert und verbessert: Gerade kamen einzigartige Spa-Suiten hinzu, und das Angebot an Körper- und Beauty­therapien im «Ocean Spa» schlägt fast ­jedes Wellnesshotel.

Ausbaufähig ist das abendliche Entertainment mit kleinen Shows und Konzerten, doch wird dieser Makel durch zahlreiche profunde Diavorträge von hoch qualifizierten Lektoren über die angelaufenen Destinationen wettgemacht. Die Präsenz dieser Experten ergibt auf der «MS Europa» besonders Sinn, bietet sie doch mit jährlich rund 150 angelaufenen Häfen den interessantesten Fahrplan rund um die Welt an. Die relativ kleine Schiffsdimension erlaubt es ihr, hin und wieder von den Autobahnen des Kreuzfahrtentourismus abzuzweigen. Zwölf motorisierte Zodiac-Schlauchboote kommen immer dort zum Einsatz, wo es an Land etwas zu entdecken gibt. Sie machen den Unterschied zu Luxuskreuzern der Konkurrenz wie «Silver Shadow» oder «Seven Seas Voyager». Die Möglichkeit, mit den Zodiacs in die unberührte Natur des Amazonas aufzubrechen, übertrifft für manchen Kreuzfahrer jedes Abendmenu.

FÜNFSTERNHOTEL AUF DEM NIL. Das vor anderthalb Jahren eingeweihte Nilschiff «The Oberoi Zahra» der Hotelgruppe Oberoi setzt neue Standards in ­seiner Klasse. Mit der «Zahra» hält erstmals hoch kalibrierter Luxus Einzug in der Welt der oft biederen Flusskreuzfahrten.

In Luxor oder Assuan schifft man für die achttägige Kreuzfahrt ein. Der Kontrast zur ägyptischen Realität könnte kaum markanter sein: Das Interieur ist von schlicht-schöner Modernität und in seiner klaren Linienführung geradezu revolutionär in der Kreuzfahrtenbranche, die meist auf quietschbunte Erlebnisarchitektur oder auf mehr oder weniger gelungenen Retro-Look setzt. So schnell sich das Auge an das Tohuwabohu auf den ägyptischen Strassen gewöhnt hat, so rasch passt es sich nun dem trendsetzenden Fünf-Stern-Styling der «Zahra» an. Es öffnen sich die Türen der staubigen Transferlimousinen, flinke Hände kümmern sich ums Gepäck, und es werden kühle Drinks gereicht.

Die 25 mit Naturmaterialien eingerichteten Kabinen, die hier zu Recht «Luxury Suites» genannt werden, sind 30 Quadratmeter gross und erfreuen mit Holzfussböden und grossen Panoramafenstern, auch in den Badezimmern. Die zwei «Grand Suites» verfügen darüber hinaus über einen separaten Wohn- und Schlafraum und eine private Terrasse mit eigenem Jacuzzi. Jeder der maximal 54 Passagiere hat auf den fünf Decks mehr als genug Raum für seine Privatsphäre. Und trotzdem ist alles so familiär, als wäre man beim Schiffseigner zu Gast.

Die Ruhe, die der träge dahinziehende Fluss ausstrahlt, prägt die Atmosphäre auf dem ganzen Schiff. Ein wahres Privileg gegenüber den Massentouristen auf den grossen Nilpötten, die besonders in den Wintermonaten zu Hunderten zwischen Luxor und Assuan verkehren. Und zwar meist doppelt so schnell und dreimal so laut wie die «Zahra». Das Massengeschäft lässt vergessen, dass eine Kreuzfahrt auf dem Nil bis vor nicht allzu langer Zeit den «happy few» vorbehalten war, wie dies etwa Agatha Christie in ihrem «Death on the Nile» vortrefflich beschrieben hat.

Filmreif ist eine Nilkreuzfahrt noch immer, insbesondere zur Zeit der Morgen- und der Abenddämmerung. Der mehrmals täglich und auch nachts erschallende Gebetsruf «Allah akbar» ist ein treuer Begleiter. Er beweist, dass hinter der oft tropisch grünen Uferfassade aus Palmen, Mangobäumen, Zuckerrohr, Bambus oder Schilf Menschen leben. Und, wie sich zeigt, meist in Verhältnissen wie zu biblischen Zeiten, lange bevor das Land sich zu Allah bekannte.

Bei den täglichen, im Preis inbegriffenen Ausflügen zu den Schönheiten entlang der 210 Kilometer langen Route taucht man von Tempel zu Tempel immer tiefer ein in eine der faszinierendsten Kulturen der Erde – und findet bei der Rückkehr auf die «Zahra» einen sicheren Hafen in dieser für Europäer oft fremden Welt.

Jeden Abend vermittelt eine audiovisuelle Präsentation Wissen zum Programm des folgenden Tages. Die Reiseführer kennen die Geschichte ihres Landes bestens, können Hieroglyphen entziffern und bringen den jeweils maximal neun Passagieren pro Gruppe sowohl die Welt der ­alten Ägypter als auch deren Vorstellungen vom Jenseits nahe. Ein weiteres Plus: Die «Zahra» geniesst das Privileg eines privaten Anlegeplatzes in den meisten ­Häfen, zudem stehen an jeder Destination eigene Mercedes-Offroader mit Chauffeur für individuelle Ausflüge bereit. Auch das ist Luxus, von dem man auf den Megakreuzern nur träumen kann.

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