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Kreuzfahrten-Rating 2011: Luxus ohne Limits

Die Schweizer entern die Kreuzfahrtschiffe. Die Luxushotels auf See werden immer beliebter. Kein Wunder: Innovative neue Schiffe lassen die Klassiker oft alt aussehen. Das zeigt der grosse BILANZ-Vergleich.

Von Claus Schweitzer
2011-01-27
Links und Downloads zum Artikel: Kreuzfahrten-Rating 2011 (PDF) Zwei Tendenzen bestimmen heute die stark wachsende Kreuzfahrtenbranche: Die Qualitätsreedereien peilen urbane Trendsetter an und richten ihre neuen Schiffe darauf aus. Neben puristisch elegantem Design und legerem Lebensgefühl spielen grosszügige Rückzugsnischen auf den Aussendecks und aussergewöhnliche Routen eine Hauptrolle. Die für den Massenmarkt stilbildenden Ozeanriesen hingegen docken mit Spa-Welten, angesagten Entertainment-Truppen und Starkoch-Ablegern an den Zeitgeist an. Den Massstab in der Kategorie der kleinen Kreuzfahrtschiffe (unter 500 ­Passagiere) setzen derzeit die «Seabourn Odyssey» und die baugleiche «Seabourn Sojourn». Im Gegensatz zu den Neubaureihen anderer Reedereien, die sich mehr evolutionär denn revolutionär entwickeln, leistete sich die Edelreederei Seabourn den Luxus, das Schiff von Grund auf neu zu planen. Seabourn zählt zum weltgrössten Kreuzfahrtkonzern Carnival. In den neunziger Jahren durch kleinere Nobeljachten wie «Seabourn ­Legend», «Pride» und «Spirit» bei ­betuchten Hochseereisenden gesetzten Alters zur Kultmarke avanciert, reagierte Seabourn bei der Konzeption der «Odyssey»-Klasse auf Lifestyle-Trends und ebenso auf die Bedürfnisse eines anspruchsvollen jüngeren Publikums. Unterdessen kann man tatsächlich von einer Neudefinition der Reederei sprechen. Gar von einem Quantensprung innerhalb der ganzen Industrie, die sich erstaunt die ­Augen reibt und die beiden neuen Seabourn-Flaggschiffe ebenso mit Höchst­noten bewertet wie die 37 von BILANZ befragten Kreuzfahrtenprofis (siehe «So wurde bewertet»). Von aussen sieht die «Seabourn Odyssey» noch aus wie ein richtiges Schiff, mit spitzem Bug und yachtähnlicher Sil­houette, 198 Meter lang und 25 Meter breit. Neben den klobigen Vergnügungsdampfern nimmt sie sich aus wie ein auf Hochglanz polierter Aston Martin neben einem Sattelschlepper. An Bord ist der erste Eindruck: wow! Alles wirkt luftig, hell und unaufgeregt stylish, die raffinierte Innenarchitektur in erdigen Farbtönen verströmt die Coolness eines Miles-Davis-Songs. Der Gast hat Platz. Die 225 Suiten mit riesigen Fensterfronten überraschen durch ein kluges Layout und erinnern eher an ein Designhotel als ein Schiff. Sie liegen durchwegs aussen und haben mindestens 27 Quadratmeter Fläche, meist auch eine grosse Teakholz-Veranda. Dasselbe angenehme Raumgefühl hat man auf den Aussendecks und in den Aufenthaltsbereichen, die viele intime Nischen und Orte des Rückzugs bieten. Nur das zentrale Pooldeck mit vergleichsweise kleinem Becken und sehr kurzem Joggingpfad scheint etwas eng geraten zu sein. Neuland wurde bei der Gestaltung des überwiegend in Weiss gehaltenen, ungewöhnlich hohen Hauptrestaurants betreten, sodass Ästheten einige optische und haptische Hochgenüsse erleben dürfen. Kulinarisch ist die «Odyssey» ohnehin über jeden Zweifel erhaben: Vier Restaurants stehen zur Wahl – der Passagier isst, wann und wo er will. A la carte und ohne Aufpreis. Und vor allem konstant gut. Im Standard-Reisetarif von durchschnittlich 600 Euro pro Tag und Person sind alle Trinkgelder und Getränke, einschliesslich Champagner, ausgewählter Weine und Spirituosen, inbegriffen. Kosmopolitische Paare in den Vierzigern und Fünfzigern bilden die Mehrheit der 450 Passagiere. Es sind Leute, denen ­unangestrengter Luxus lieb ist, die aber überholte Kreuzfahrtentraditionen und prätentiösen Pomp unerträglich finden. Entsprechend agiert die 335-köpfige Crew, der es souverän gelingt, trotz Perfektion nicht pedantisch zu wirken. Das interessante Routing der Seabourn-Schiffe wird in seiner Klasse nur von der «MS Europa» (Rang 2) übertroffen, die mit jährlich rund 150 angelaufenen Häfen den weltweit attraktivsten Fahr­plan bietet. Das deutsche Vorzeigeschiff strahlt trotz Baujahr 1999 in bemerkenswerter Frische, und es wird ständig verbessert: Gerade eröffnete das Restaurant «Dieter Müller», das dem einstigen Original an Land (drei «Michelin»-Sterne) kaum nachsteht. Das Durchschnittsalter der fast ausschliesslich deutschsprachigen Passagiere auf der «MS Europa» ist um gefühlte zwanzig Jahre älter als auf der «Seabourn Odyssey», und die eigentlich tadellos geschulte «Europa»-Crew irritiert mit kleinen Unflexibilitäten. So wird etwa der Sonnenuntergangsschwimmer auf die Minute genau um 19 Uhr aus dem Aussenpool wegspediert. Oder der Wunsch nach einem zweiten Arbeitstisch in der Kabine (was selbst auf Massenschiffen mit keinerlei Problemen verbunden ist) wird mit der Begründung «Das ist bei uns unüblich!» abgeschlagen. Der auf Frühjahr 2013 angekündigte Neubau «MS Europa 2» soll legerer und trendiger werden. Flexibel und splendid. Die grösste Flexibilität auf See bieten derzeit die beiden Edeljachten «SeaDream  I» und «SeaDream  II» (Rang 4). Maximal 112 Passagiere und 96 Crewleute fahren mit, die Schiffe passen in jeden Hafen. Sonderwünsche sind grundsätzlich «no problem». Gemäss der Philosophie der Reederei sind möglichst jede Regel, jeder Zwang und jeder Arbeitsablauf aufzuheben, wenn damit eine Störung oder Einschränkung der Passagiere verbunden ist. Möchten sie beispielsweise unter dem Sternenhimmel übernachten, funktioniert die Kabinenstewardess die auf dem obersten Deck platzierten Lounge-Sofas zu flachen Doppelbetten um und bettet diese daunenweich ein. Zu den aufstrebenden Newcomern zählt die französische Luxusreederei Ponant Cruises, deren «Le Boréal» (5) lässige Perfektion für stille Geniesser bietet, die gerne dort vor Anker gehen, wo grosse Schiffe nur vorbeifahren. Auch klassische Nischenprodukte wie die Luxus-Expeditionsschiffe «Prince Albert II» (6) und «MS Hanseatic» (8) behaupten sich gut auf dem Markt. Die Branche ist auf voller Fahrt voraus. Dass die Zahl der Hochseekreuzfahrer in der Schweiz kontinuierlich und auch in touristischen Krisenjahren um jährlich rund 15 Prozent wächst, ist vor allem den mittelgrossen und grossen Schiffen zu verdanken. Dank hoher Innovationskraft und diversifizierten Konzepten hat sich deren Publikum gegenüber früheren Jahren deutlich verjüngt. Man braucht bloss einen Blick auf die Aussendecks der «Regent Seven Seas Voyager» zu werfen: Sie sind von Leben und Heiterkeit erfüllt, viele Sprachen vermischen sich, und trotz hohem Anspruch zeichnet sich der Luxus auf dem Siegerschiff mittlerer Grösse (Kategorie 500 bis 2000 Passagiere) durch unangestrengte Eleganz und warmherzi­gen Lifestyle aus. Die weltgewandte, vornehmlich unter 50-jährige Klientel liebt die Leichtigkeit des Seins, eine gewisse Weitläufigkeit und die Möglichkeit der Wahl auch auf hoher See. Die kleinste der 353 modernen, dem europäischen Geschmack angepassten Suiten misst 30 Quadratmeter, was böse Überraschungen beim Kabinenbezug von vornherein ausschliesst. Alle Suiten blicken aufs Meer, haben einen eigenen Balkon und ein geräumiges Marmorbad. Nie entsteht der Eindruck, das Schiff sei zu voll. Während der ganzen Reise sind Warteschlangen ein Fremdwort, was sich schon am Anreisetag zeigt: Während das Einchecken bei anderen Luxuskreuzern erst ab 16 Uhr möglich ist, können die «Voyager»-Passagiere flexibel anreisen und die Bordinfrastruktur ab mittags voll nutzen. Auch der «Silver Spirit» (Rang 2), dem Neubau der italienischen Nobelreederei Silversea, glückt die schwierige Balance zwischen legerem Lebensgefühl und wahrem Luxus. Die Weiterentwicklung der zehnjährigen Silversea-Kreuzer «Silver Shadow» und «Silver Whisper» (Rang 3 in der Kategorie der kleinen Schiffe) ist gelungen: traumhafte Bäder in allen 270 Aussensuiten, herrliche Open-Air-Loun­ges auf den hinteren Aussendecks und gutes Infotainment mit täglichen Sprachkursen und Vorträgen. Noch verbesserungsfähig sind das Entertainment und die oftmals etwas fantasielosen Routen. Diese beiden Schwächen sind umgekehrt die Stärken der rund doppelt so grossen «Crystal Serenity» (3), welche die unterschiedlichsten Häfen rund um den Globus ansteuert und mit hochkarätigen Shows überrascht. Allerdings sind die Standardkabinen mit 19 Quadratmetern für ein Luxusschiff zu klein, und die beiden abendlichen Essenssitzungen im Hauptrestaurant – mit fest zugewiesenen Tischen – entsprechen kaum dem schwerelosen Kreuzfahrtgefühl von heute. Mit sehr gutem Preis-Leistungs-Verhältnis und ausgefeiltem Routing überzeugen die schmucken Boutiqueschiffe «Oceania Nautica» (4) und «Azamara Journey» (8). Auf «affordable style» für Menschen, die normalerweise keine Kreuzfahrt machen, setzt das vor einem Jahr eingeweihte «Mein Schiff» (9) von TUI Cruises. Beim 50-Millionen-Euro-Umbau des 14-jährigen Kreuzers setzten die Designer auf schlichte Modernität mit klaren Linien. Ein sicherer Wert unter den Schiffen mittlerer Grösse ist die Flotte von Holland America Line. Die Traditionsreederei unterzog sich in den vergangenen Jahren einem kontinuierlichen Upgrade und ­besticht heute auf ihren Komfortkreuzern «Prinsendam» (5) oder «Noordam» (6) durch klassisches Design, zuverlässige Serviceleistungen und smartes Understatement. Exklusive Kurse. In diesem Jahr kam die «Nieuw Amsterdam» hinzu, die bis zu 2100 Passagiere befördert und sich sofort auf Rang 3 der besten grossen Kreuzfahrtschiffe katapultieren konnte. Neu auf der «Nieuw Amsterdam» ist die verstärkte Zusammenarbeit mit Weltmarken. Etwa das «Explorations Café», das mit der «New York Times» für geistige Nahrung sorgt, oder «The Digital Workshop» für exklusive Microsoft-Kurse. Auch auf der «Celebrity Solstice», dem erstplatzierten Schiff in der Kategorie der Giganten, finden sich trotz 2850 Mit­reisenden überraschend viele ruhige ­Nischen und Verstecke auf Deck, wo stille Geniesser dem Wind und dem Meer lauschen können. Etwa im sogenannten «Lawn Club» ganz zuoberst – eine 2100 Quadratmeter grosse Fläche aus echtem Rasen zum Barfusslaufen, Picknicken und Krocketspielen. Was zunächst wie ein PR-Gimmick wirkt, ist in Wirklichkeit ein sinnliches Naturerlebnis. Weitere Grundpfeiler der im besten Sinne des Wortes amerikanischen «Celebrity Solstice»: das elegante, fast schon avantgardistische Design aus hochwertigen Materialien, die energieeffiziente Bauweise mit geschickt in die Aussendekoration integrierten Sonnenkollektoren, luftige Kabinen, ein vielfältiges Erlebnisangebot mit sehenswerten Shows im Broadway-Stil, eine gute bis sehr gute Küche in neun Restaurants, der vielleicht beste schwimmende Weinkeller der Welt, ein anspruchs­volles (und dabei nicht überteuertes) Spa, eine Bibliothek mit Tausenden von Büchern, eine Show-Glasbläserei und eine vorbildliche Kinder- und Jugendbetreuung. Nur die Routen in der Karibik und im Mittelmeer scheinen etwas beliebig. Glamour pur. Die «Queen Mary  2» (Rang 2) bleibt das einzige Schiff, das regelmässig die siebentägige Transatlantik-Passage (meist zwischen Southampton und New York) fährt. Zumindest auf dieser Route der einstigen Auswanderer kommt man sich ein bisschen bedeutender vor als der normale Kreuzfahrttourist und übersteht auch Atlantikstürme mit Pioniergeist. Nicht fahrplanmässig, aber atmosphärisch beschwören die «Queen Victoria» (4) und die neue, im Oktober 2010 eingeweihte «Queen Eli­zabeth» (Nachfolgerin der legendären «QE2»; noch nicht bewertet) das goldene Zeitalter der Kreuzfahrt herauf und ­setzen auf das Grandhotel-Flair der zwanziger Jahre. Zumindest in den Unterkunfts­klassen Queens Grill und Princess Grill wähnt man sich in einer durch und durch glamouröseren Welt. Das «Schiff im Schiff»-Konzept für Seereisende, die sich etwas Besonderes leisten wollen, ohne auf das breite Angebot eines grossen Schiffs zu verzichten, ­erlebt man auch in den «Yacht Club»-­Bereichen der italienischen «MSC Splendida» (10) und in den Courtyard-Villa-Zonen auf der «Norwegian Jade» (5) und der «Norwegian Epic» (6). Mit der «Norwegian Epic» bricht die innovative Norwegian Cruise Line zu neuen Ufern auf und bietet erstmals ein Konzept für Alleinreisende. 128 fensterlose Studios wurden speziell für eine Einzelbelegung ohne den üblichen Aufschlag gestaltet. Als Ausgleich für die recht beengenden neun Quadratmeter – jeweils mit Doppelbett und individuellem Mood Lighting – verfügen sie über eine eigene Lounge, die den Singles vorbehalten ist. Zudem geniessen Entertainment und Wellness auf der «Norwegian Epic» einen hohen Stellenwert: Die Blue Man Group und die Second City Comedy Troupe begeistern die Zuschauer jeden Abend, ausserdem locken Zirkusvorstellungen und namhafte Musiker im Fat Cats Jazz & Blues Club, das grösste Spa und die längste Wasserrutschbahn auf See. Da sieht die «Costa Luminosa» (9) des europäischen Platzhirschs Costa Crociere (die allerdings zur amerikanischen Reederei ­Carnival Cruises gehört) vergleichsweise blass aus, doch erfreut auch sie sich hoher Zuwachsraten. Gebucht wird immer häufiger elektronisch. Seit dem letzten Sommer mischt das auf Kreuzfahrten spezialisierte deutsche Online-Reisebüro E-hoi den Schweizer Markt auf. Es ist schneller, umfassender und günstiger als vergleichbare Kreuzfahrten-Anbieter, hat im Angebot rund 20  000 Kreuzfahrten sämtlicher ­relevanter Reedereien sowie eine Best-Preis-Garantie. E-hoi ist derzeit der attraktivste Kreuzfahrtenspezialist im Netz. Der anhaltende Boom von Schiffsreisen – auch in der Schweiz – hat, wie E-hoi-­Geschäftsführer Alexander Esslinger meint, mit folgender Tatsache zu tun: Das Preis-Leistungs-Verhältnis auf Kreuzfahrten ist zurzeit fast immer besser als in Hotels vergleichbarer Kategorien.
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