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«Jetzt kann ich es»

Golf ist darum so populär, weil es die einzige gesellschaftlich akzeptierte Variante des permanenten totalen Misserfolgs ist. Nirgendwo sonst kann man entspannter versagen. Die Bekenntnisse eines Dilletanten.

Veröffentlicht 28.02.2002
Als ich mich vor einigen Jahren an meine erste Snowboard-Lektion wagte, wurde mir ein Instruktor zugeteilt, der quasi dem Idealtypus seiner Gattung entsprach. Er trug ein ockerfarbenes Bärtchen und eine Baggy-Hose, deren Sitzfläche auf der Höhe seiner Kniekehlen endete. Er musterte verächtlich meine Ausstattung – Keilhose, Zipfelmütze – und sprach dann eine motivierende Grussadresse: «Ich finde das aber cool», sagte er wörtlich, «dass so ein alter Sack wie du noch mit dem Snowboarden anfängt.»

Solche Altersdiskriminierung zumindest ist ausgeschlossen, wenn man im schon etwas fortgeschrittenen Alter zum ersten Mal eine Golfstunde bucht. Hier ist man unter seinesgleichen. Als ich vor einem Jahr auf der Driving-Range mit 50 meine Premiere feiern durfte, hatte mein damaliger Golflehrer gerade seinen 70. Geburtstag hinter sich gebracht und unterstrich dies dadurch, dass er auch beim Abschlag die Davidoff nicht aus den dritten Zähnen nahm. «Schauen Sie gut zu, junger Mann», sagte er zur Begrüssung, setzte den Ball auf den Boden und schlug ihn locker mit dem Dreier-Holz runde 220 Meter weit ins Gelände. Auch eine Art der positiven Motivation, aber immerhin siezte er mich.

Ein Jahr spiele ich nun also Golf, mein Handicap steht auf 32, das ist ziemlich schlecht, wie jedermann weiss, und das muss auch Dritten zu Ohren gekommen sein. So ruft also einer aus der BILANZ-Redaktion an und sagt in harmlosem Ton:

«Wir haben eine Idee. Könnten Sie nicht etwas über Ihre Golferfahrungen schreiben?»

«Welche Erfahrungen? Sie wissen vermutlich nicht, dass ich ein totaler Anfänger bin.»

«Doch, doch, eben, genau diese Erfahrungen, Sie wissen schon.»

«Sie meinen also, ich sollte beispielsweise darüber schreiben, worauf man aus meiner Sicht als Einsteiger achten sollte?»

«Weniger darüber, mehr darüber, wie man als Anfänger so danebenhaut und so.»

Und so. Klar, was sie wollten. Sie suchten einen Novizen, der sich mit seinen detailliert ausgebreiteten Golf-Missgeschicken dem öffentlichen Gespött der Golfer wie Nichtgolfer aussetzt. Alter Journalistentrick: Steck einen Fahrschüler in einen Formel-1-Boliden oder einen Benediktinermönch in eine Frauensauna – das gibt immer eine Geschichte.

Ein Jahr spiele ich also, und ich habe in dieser Zeit alle Höhen und Tiefen des Golfsports durchgemacht (wenngleich man dieser pathetischen Aussage nicht allzu viel Beachtung schenken sollte, weil alle Golfer ununterbrochen über die Höhen und Tiefen des Golfsports schwadronieren). Interessant ist nur, dass in allen Erzählungen die Höhen kurz, die Tiefen abgründig und anhaltend sind. Der kürzeste Golfwitz, so erklärten mir erfahrenere Kollegen gleich zu Anfang meiner Karriere, bestehe aus vier Wörtern: «Jetzt kann ich es.»

Wie Recht sie hatten, erfahre ich inzwischen mit schöner Regelmässigkeit. Ich spiele beispielsweise im letzten September ein Turnier im Südtirol. Erster Abschlag mit dem Driver, der Ball kerzengerade, 100 Meter, 200 Meter, perfekt. Genau dasselbe am zweiten Loch, der Ball kerzengerade, 100 Meter, 200 Meter, mein Selbstvertrauen explodiert. Dritter Abschlag. Wieder dasselbe, der Ball kerzengerade, 100 Meter – und dann biegt er rechtwinklig ab in den Wald.

Slice sagt man dem, kann passieren. Dumm ist nur, wenn es dann auf den restlichen 15 Löchern jedes Mal passiert und in den folgenden Tagen und Wochen ebenso. Dutzendfach 100 Meter geradeaus und dann rechtwinklig ab in den Wald. Mein Ballverbrauch nimmt dermassen zu, dass ich meinen Einkauf über mehrere Golf-Shops verteile, damit es weniger auffällt. Schliesslich bestelle ich nur noch per Internet, mit Grossistenrabatt. Meine erfahreneren Kollegen raten dringlich zu einem Materialwechsel, also kaufe ich einen dieser sündhaft teuren Driver aus Was-weiss-ich-Fiber. Das Ding ist wirklich phänomenal: Der Ball biegt jetzt erst nach 150 Metern rechtwinklig ab in den Wald.

Zwei Monate später, bei einem Turnier in Marbella, ist der Slice plötzlich weg. Dafür schiebe ich seitdem jeden Putt aus einem Meter Distanz zittrig am Loch vorbei.

Erlebnisse dieser Art, so trösten mich erfahrenere Kollegen, sind noch gar nichts. Ob ich den mit dem Super-Slice zum Beispiel kenne.

Kommt einer ins Clubhaus zurück, setzt sich an die Bar und beginnt zu erzählen: «Ich spiele also heute Morgen das siebte Loch, dort wo die Strasse nahe am Platz vorbeiführt. Ich schlage ab, produziere einen totalen Slice, und der Ball fliegt rechts in Richtung Strasse weg. Ausgerechnet in dem Moment kommt der Schulbus angefahren, mein Ball schlägt voll in die Frontscheibe ein, der Fahrer reisst das Steuer herum, der Schulbus überschlägt sich und kippt auf die Seite. Sechs Kinder mussten mit Arm- und Beinbrüchen ins Spital.»

«Und was machst du jetzt?», sagt der Barmann.

«Ich glaube, ich werde den Griff etwas geschlossener halten.»

Im Grunde ist ja die Systematik des Golfspiels ganz simpel ausgelegt. Ein Ball von 4,3 Zentimeter Durchmesser liegt auf einem zweiten Ball von 12 756,3 Kilometern Durchmesser. Das Problem ist nur, den kleineren der beiden zu treffen.

Als ich mich also vor einem Jahr an dieses Differenzierungsprojekt heranwagte, konnte ich nicht sagen, man habe mich nicht vorgewarnt. Die Intention, die kleinere der beiden Kugeln zu treffen, war durch die wachsende Golfgemeinde innerhalb meines Freundeskreises bereits gebührend vorkommentiert. «Weisst du», fragten sie wissend, «was der Unterschied zwischen Tennis und Golf ist? Beim Tennis möchtest du manchmal deinen Gegner umbringen – beim Golf dich selbst.»

Dennoch werde sich auch bei mir, sagten sie, Golf in Windeseile zu einer Art zwanghafter Obsession auswachsen, auch bei mir, sagten sie, würden sich umgehend tief gehende Persönlichkeitsveränderungen einstellen, sie prophezeiten ungeahnte Depressions- wie auch fiebrige Erregungszustände, kurzum, sie warnten mich vor ausgeprägtem Suchtverhalten.

Natürlich habe ich ihnen nicht geglaubt. In einer Zeit, in der wir einen inflationären Gebrauch des Wortes «Sucht» erleben – Internet-Sucht, Eiscrème-Sucht, Britney-Spears-Sucht –, glaubt man sich gegen solch aufgeblasene Worthülsen einigermassen resistent.

Zwei Monate später ertappte mich meine Frau, wie ich – eben von einem dreitätigen Golfkurs zurückgekehrt – auf dem Spannteppich des ehelichen Schlafzimmers nächtens meine Putting-Fähigkeiten zu verbessern suchte. Ihr Crèmetopf diente als Ziel.

Manche können sich grössere Investitionen leisten. Als Bill Clinton ins Weisse Haus einzog, liess er sich im Garten ein Putting-Green anlegen, um an seiner Schwäche, dem kurzen Spiel, arbeiten zu können. Acht Jahre später fasste er in einem seiner Abschiedsinterviews seine Erfolgsbilanz zusammen. Clinton wörtlich: «Ich bin der einzige Präsident, der während seiner Amtszeit sein Handicap gesenkt hat.» Und das trotz Saddam Hussein und Monica Lewinsky.

Golf macht wohl auch darum dermassen abhängig, weil es die einzige sportliche Betätigung ist, die kein Pardon kennt. Leider gibt es keine externen Entschuldigungen für die eigene menschliche Schwäche. Es gibt keinen Gegner wie etwa im Tennis, der einem das Spiel vermiest, es gibt keine unfairen Preisrichter wie im Turmspringen und keine verwachsten Ski wie beim Abfahrtslauf. Verantwortlich für alles, was geschieht, bin nur ich. Man spielt nur gegen sich selbst. Alle Wunden sind Selbstverstümmelungen. Das ist eine ebenso ungewohnte wie faszinierende Lebenssituation. Es versagt das alte christliche Grundprinzip der externen Schuldzuweisung. Die üblichen Sündenböcke taugen nichts; der Chef ist nicht schuld, die Gemahlin nicht, nicht die Spielpartner und auch nicht der Ball.

Nun, der Ball vielleicht doch. Denn der Mangel an objektiven Sündenböcken will noch lange nicht bedeuten, dass Golfer nicht von hohem Einfallsreichtum beseelt wären, wenn es darum geht, die besten Entschuldigungen für eine Fehlleistung zu finden. Ich habe hier unter der Anleitung meiner erfahreneren Kollegen jedenfalls sehr schnell gelernt. Gut nach einem schlechten Schlag ist immer: «Weisst du, diese neuen harten Titaniumbälle passen einfach nicht zu meinem weichen Swing.» Gut nach einer schlechten Runde ist immer: «Weisst du, nach meinem Hole-in-One am zweiten Loch konnte ich mich nicht mehr richtig konzentrieren.» Wenn das klassische Suchtsymptom im dauernden Zwang besteht, die aktuelle Dosis laufend zu erhöhen, dann sind Golfer tatsächlich schwerstabhängig. Wenn ich sommers erst gegen 23.30 Uhr vom Golfplatz zurückkehre und meiner Frau erkläre, es sei so spät geworden, weil ich im Clubhaus noch eine fantastische Blondine näher kennen gelernt hätte, sagt sie inzwischen ungerührt: «Erzähl hier keine Märchen, gib einfach zu, dass du wieder 36 Loch gespielt hast.» Der aktuelle Szeneheld für diesen golfischen Ausschliesslichkeitsgedanken ist Bob Siddle. Vergangenes Jahr gewann der 68-jährige Rentner in der englischen Lotterie 27 Millionen Franken. Er brachte es zu mittlerer Berühmtheit in der lokalen Boulevardpresse und zu grosser Berühmtheit in Golferkreisen, weil er monatelang den Millionencheck nicht abholte. Von Montag bis Freitag sei er auf dem Golfplatz, erklärte Siddle, und zwar bei jedem Wetter, da sei keine Zeit für Nebengeschäfte.

Nun muss man wissen, dass Siddle ein ausserordentlich schlechter Golfer ist und man in seinem Club ganz froh gewesen wäre, hätte er zumindest einen Tag lang das heimische Gelände nicht umgepflügt. Dass er dennoch auf dem Grün verharrte, macht ihn artentypisch, weil es die Phänomenologie des gemeinen Golfers derart präzise beschreibt. Der gemeine Golfer nämlich zieht den Misserfolg auf dem Fairway dem Erfolgserlebnis ausserhalb des Golfkurses bei weitem vor.

Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie du einen Ball spielen kannst, sagen die Schotten, die dieses Spiel nun seit immerhin fünf Jahrhunderten erleiden: «Normally the ball goes to the right – then they call it a slice. Normally the ball goes to the left – then they call it a hook. But sometimes the ball goes straight – then they call it a miracle.»

Wunder sind selten. Warum also tut man Dinge, die man nachgewiesenermassen nicht kann? Warum, so habe ich mich mittlerweile oft gefragt, warum nur verlasse ich am Nachmittag freiwillig diese volldynamische Atmosphäre meines Büros, verlasse all die Milliardendeals, die prickelnden Business-Lunches und die Heerscharen von Sekretärinnen, nur um dann in meiner lächerlichen, grüngelb karierten Golfhose aus zehn Metern Entfernung den Ball – vor Zeugen – peinlich platschend in einen Entenweiher zu versenken?

Wunder sind selten, wie uns auch ein Blick in die aktuelle Fachliteratur lehrt. Wenn man auf Amazon.com das Stichwort «Golf» eingibt, stösst man auf exakt 3303 Fundstellen zum Thema. Das sind ziemlich viele Bücher, auch wenn sie in leicht abweichender Formulierung alle denselben Titel tragen: «How to play golf?»

Keiner kann es. Golf ist die einzige gesellschaftlich akzeptierte Spielform des permanenten Misserfolgs. Darum ist es auch so populär geworden. In einer Zeit, in der bereits die Unterschreitung des Vorjahresergebnisses um 1,5 Prozent gehässige interne Kopfjagden wie externe Medienkampagnen auslöst, ist Golf gerade auch für Manager ein letztes Refugium der Unschuld geworden: Hier kann man richtig entspannt versagen. Vergessen wir den ganzen Quatsch, auf dem Golfplatz würden zwischen zwei Greens die grossen Deals eingefädelt. Auf dem Golfplatz werden zwischen zwei Greens primär verlorene Bälle gesucht.

Das empfinden letztlich auch die gestandenen Profis der PGA-Tour nicht anders. Am schönsten hat es noch immer Jack Nicklaus formuliert, als ihn nach einem Turniersieg ein Reporter nach den Gründen seines Erfolges fragte: «Ich scheiterte heute bloss ein bisschen weniger als die anderen.»

Und, was ich schnell begriff, zum Scheitern wird gelacht. Die philosophische Schule des Golfers ist die Selbstironie («Heute habe zum ersten Mal unter 70 gespielt. Die zweiten neun Loch nehme ich mir für morgen vor.») So findet sich also am 19. Loch, der Tränke im Clubhaus, jeweils eine Gemeinde gut gelaunter Individuen ein, die allesamt gerade eine vierstündige Serie unablässiger Enttäuschungen hinter sich haben. Das verbindet. Die eigenwilligste Aufmunterung bekam ich einmal in England, als ich davon berichtete, wie ich erst mit meinem fünften Schlag den Ball aus diesem elenden Sandhindernis gebracht hatte. «Trösten Sie sich», sagte einer, «Hitler kam am Schluss überhaupt nicht mehr aus dem Bunker.»

Ein guter Witz, very british. Golfwitze sagen womöglich mehr über diese Sportart aus als alle Theorien. Ich kenne keinen einzigen Tischtenniswitz, es gibt keine Eishockeywitze, keine Box- oder Bobsleigh-Witze, und der einzige Skiwitz, den ich kenne, war das Schweizer Herrenteam in Salt Lake City, aber das war unfreiwilliger Humor.

Golfwitze hingegen gibt es zu Zehntausenden. Golf ist weltweit der einzige Sport mit einer florierenden Witzkultur.

Nun lehrt uns die Witzforschung seit Sigmund Freud, dass der Witz dort am besten gedeiht, wo Unterdrückung herrscht, Leiden, Elend und Not. Die Unterdrückten und Leidenden wehren sich mit der Waffe des Witzes gegen ihre Peinigung und machen via Witz die eigene Notlage einigermassen erträglich.

Auf dem Golfplatz herrschen Unterdrückung, Leiden, Elend und Not. Es sind dies das Elend und die Not, diesem kleinen Hartgummiball, ist man ihm einmal verfallen, nie mehr entrinnen zu können. Nur der Witz, der diese Abhängigkeit thematisiert, macht diese Abhängigkeit auch erträglich.

Beenden wir also diese Bekenntnisse eines Anfängers mit dem Klassiker aller Klassiker:
Zwei Golfkollegen stehen am Abschlag des 14. Lochs. Auf der Strasse nebenan zieht ein Trauerzug vorbei. Da nimmt der eine Golfer die Mütze ab und wartet, bis der Zug sich entfernt.

«Das fand ich stilvoll», sagt der Kollege, «wie du diesem Trauerzug deinen Respekt erwiesen hast.»

«Das war ich ihr schuldig», sagt der andere, «immerhin waren wir über 30 Jahre verheiratet.»
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