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Vinyl statt digital: Warum echte Musikliebhaber zur Schallplatte greifen

Ein schönes Stück Technik: Die Verkaufszahlen von Vinylplatten steigen weltweit wieder an.Quelle: ZVG

Vinyl ist wieder cool. Die Verkaufszahlen steigen weltweit wieder an. Für Musikliebhaber war die schwarze Scheibe hingegen nie tot. Das hat seinen Grund.

Von Holger Alich
24.01.2018
Nichts knackt. Nichts knistert. Nur Musik füllt den Raum. Wenn der britische Singer-Songwriter Fink an den Saiten seiner Gitarre zupft und dazu mit der Hand den Takt auf den Körper seines Instruments schlägt, entsteht ein dynamisches Wechselspiel aus Laut und Leise. Wenn man die Augen schliesst, könnte man meinen, der Künstler sässe tatsächlich im Raum.
 
Die Musik kommt dabei nicht von einem digitalen Tonträger wie einer CD oder einer Streaming-Plattform. Sondern von einer Vinylschallplatte. Abgespielt auf einem Plattenspieler der Marke Rega, den es im Fachhandel ab rund 500 Franken gibt. Ralph Schulten lächelt. «Was viele nicht wissen», sagt der Geschäftsführer des Hi-FiHändlers Stereotec: «Eine Vinylplatte hat eine höhere Klangdynamik als eine CD.» Sprich, da das Tonsignal nicht in Datenpakete zerhackt ist, sind die Unterschiede zwischen Laut und Leise grösser, das Musikerlebnis ist somit lebhafter.
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Vinyl ist wieder cool

Für Puristen und Musikenthusiasten war die schwarze Scheibe daher nie tot. Seit einiger Zeit ist das Comeback der Vinylplatten aber zu einem Massenphänomen geworden. Die Verkaufszahlen steigen weltweit wieder an. In Grossbritannien hat der Absatz von Vinyl zeitweise die Umsätze mit Musik-Downloads überrundet.
 
Auch in der Schweiz wachsen die Absätze mit den Scheiben. Von 2007 bis 2012 gingen jährlich zwischen 30'000 und 40'000 Langspielplatten über die Ladentheken. 2016 waren es schon über 150'000. Vinyl ist wieder cool.

Behaglicher Hingucker

Zudem ist ein Vinylplattenspieler ein schönes Stück Technik. Während der Kauf eines Flach-TV zu einem Konfliktherd zwischen ihm und ihr beim Einrichten des Wohnzimmers geworden ist (sie: «Das riesige Ding ist mir zu dominant»), dürfte das Aufstellen eines Plattenspielers weniger Streit auslösen. Vor allem, wenn Mann verspricht, das Gerät regelmässig von Staub zu befreien - allein schon aus klanglicher Sicht eine Notwendigkeit.
Gute Plattenspieler klingen besser als CD-Player: Die Musik wird nicht in Datenpakete zerhackt.
Ein Vinylplattenspieler ist wie ein Kamin: Den nutzt auch niemand mehr zum Heizen, aber er verbreitet Behaglichkeit und Atmosphäre. Und ein schöner Plattenspieler hat (im Unterschied zum Kamin) selbst in einer Einzimmerwohnung Platz, ist optisch ein Hingucker und ein Statement: Hier wohnt ein Musikliebhaber.

Keine Entweder-oder-Entscheidung

Jungs und Hi-Fi - das ging schon immer gut. Doch nun nimmt auch die Generation der Millennials wieder ihre Bluetooth-Kopfhörer ab, um sich mit einer guten Anlage für zu Hause einzudecken. Das merkt auch Hi-Fi-Fachhändler Schulten. «Neu ist, dass sich die jungen Käufer wieder der Vinylplatte zuwenden.»
 
Dabei ist Vinyl keine Entweder-oder-Entscheidung. Der Experte hält Streaming von Plattformen wie Qobuz oder Tidal, die Musik unkomprimiert übertragen, für ein gutes Mittel, um neue Musik zu entdecken. «Die Schallplatte ist aber das beste Medium, um Musik zu besitzen», sagt er.
 
Denn eine Schallplatte aufzulegen, hat etwas Sakrales. Haben Männer in ihrer Jugend an der Märklin-Eisenbahn herumgebastelt oder versucht, die Carrera-Bahn schneller zu machen, so kommen sie auch beim Vinylplattenspieler auf ihre Kosten. Eine Schallplatte will nämlich mit Respekt behandelt werden. Wer mit blossen Händen die Tonrillen berührt, verschmutzt sie und trübt das Klangerlebnis. Ist der Plattenspieler kein Vollautomat, ist auch das Aufsetzen der Nadel eine heikle Übung - ganz anders als bei der Musik vom Smartphone, bei der einfach kleine Bilder oder die Titelzeile angeklickt werden.
Plattenspieler von Rega: Ohne guten Tonabnehmer nützt der beste Plattenspieler nichts.
Quelle: ZVG

Klang ohne Grenzen

Die Gemeinde der High-End-Musikenthusiasten, die fünf- oder gar sechsstellige Beträge für eine Anlage ausgeben, hat sich sowieso nie von der Schallplatte losgesagt. «Denn die analoge Platte kann mehr», sagt Branko Glisovic. Er war langjähriger Geschäftsführer der High End Society, eines Branchenverbands, in dem sich die Hersteller hochwertiger Hi-Fi-Geräte wie Burmester, Elac oder Transrotor zusammengeschlossen haben und der einmal im Jahr die Fachmesse High End in München organisiert. Seit acht Jahren hat High End auch einen Ableger in Zürich.
 
«Eine CD ist bei der Tonübertragung auf 20'000 Hertz begrenzt, eine Schallplatte nicht», so Glisovic. Die Frequenzbegrenzung der CD wurde seinerzeit eingeführt, um Datenvolumen zu sparen. Denn eigentlich kann das menschliche Ohr höhere Töne nicht hören. Doch hier widersprechen Hi-Fi-Enthusiasten: «Das Ohr kann diese Frequenzen sehr wohl auflösen», sagt Branko Glisovic. Sprich, die hohen Töne beeinflussen das gesamte Klangbild. Auch wenn der High-End-Mann einräumt, dass die CD für die grosse Masse der Hörer einen «Riesenfortschritt» beim Klang gebracht habe - an die analoge Vinylplatte komme die CD dennoch nicht heran.
 
Von Kompressionsformaten wie MP 3 ganz zu schweigen, die für Glisovic der blanke Horror sind. Bei MP 3 bleiben nur zehn Prozent vom ursprünglichen Klangspektrum übrig. Bässe werden schwammig, die Trennschärfe der einzelnen Frequenzen unsauber. Es braucht keine Spitzenanlage, um die Klangverluste bei von MP 3 zermarterter Musik zu hören. Das Konzept der Schallplatte ist zwar viele Jahre alt. Es ist aber auch in der Hightech-Ära zeitgemäss, denn die Rille auf der schwarzen Scheibe zeichnet die Original-Tonschwingungen nach.
Komplettpaket: Der italienische Hersteller Gold Note bietet gute Qualität und alles aus einer Hand: Laufwerk, Tonarm und Tonabnehmer.
Quelle: Gold Note

Tonabnehmer ist entscheidend

Für Einsteiger gibt es schon für weniger als 1000 Franken ordentliche Geräte. Beim Kauf sind aber ein paar Dinge zu beachten: Der Verstärker einer Anlage muss zum Beispiel über einen eigenen Phono-Eingang verfügen, um das Signal von der Platte richtig zu verstärken. Wer keinen Vollverstärker mit Phono-Eingang hat, braucht einen eigenen Phono-Vorverstärker, der das Signal optimal verarbeitet.
 
Wie gut ein Plattenspieler letztlich klingt, hängt von allen Komponenten ab, eine Schlüsselrolle spielt jedoch der Tonabnehmer. Daher empfiehlt Johannes Ineichen vom High-End-Vertrieb HWV-Pathos, beim Gerätekauf darauf zu achten, dass man ihn auswechseln kann. «Der Tonabnehmer ist quasi die Stimme des Plattenspielers, also sehr wichtig», begründet er. Experten nennen hier Hersteller wie Ortofon oder Audio Technica als gute Wahl.
 
Bei den Laufwerken zählt Ineichen die Geräte der italienischen Marke Gold Note zu seinen Favoriten. «Gold Note macht alles selbst, das Laufwerk, den Tonabnehmer und die Tonarme», begründet er. Einsteigergeräte seien ab 1000 Franken zu haben. Auch Geräte aus dem Hause Pro-Ject seien empfehlenswert, so Ineichen.

Auswahl wird immer grösser

Längst hat die Geräteindustrie den Vinylboom für sich entdeckt und investiert wieder in neue Plattenspieler. Die Auswahl wird immer grösser. Technics zum Beispiel legte vergangenes Jahr den berühmten Plattenspieler SL-1200 wieder auf. Jeder, der einmal einem DJ beim Handwerk zugesehen hat, kennt das Gerät mit seinem Schiebregler, mit dem man für den perfekten Mix die Abspielgeschwindigkeit steuern kann. Mit einem Preis von 3500 Franken ist es aber nur etwas für ambitionierte Musikliebhaber, zumal in diesem Betrag der Tonabnehmer nicht enthalten ist.
 
Die Wiederentdeckung des Vinyls beschert auch einer Schweizer Traditionsmarke ein zweites Leben: Thorens. Der Plattenspielerhersteller wurde zunächst Opfer des Siegeszugs der CD und ging 1999 bankrott. Der Unternehmer Heinz Rohrer sicherte sich die Markenrechte; seit 2004 fertigt er wieder Plattenspieler, allerdings in Deutschland, nicht in der Schweiz. Die Entwicklung erfolgt aber in der Schweiz mit drei Ingenieuren. «Die Verkäufe haben im vergangenen Jahr wieder angezogen, wir setzen mittlerweile rund 25'000 Geräte pro Jahr ab», so Rohrer, «vor allem die Jungen kommen wieder.»
 
Mit Blick auf die Stückzahlen dominieren daher die Einsteigermodelle von Thorens, die es ab 550 Franken gibt. Für die Topmodelle werden bis zu 15'000 Franken fällig. Die meisten Kunden hat Thorens in Deutschland, Italien und den USA, in der Schweiz macht das Unternehmen rund zehn Prozent seines Geschäfts.
Thorens: Die Wiederentdeckung des Vinyls beschert auch einer Schweizer Traditionsmarke ein zweites Leben
Quelle: ZVG

Spieler der Superlative

Wer das technisch Machbare bei einem Vinyllaufwerk ausloten will, kann für High-End-Geräte von Transrotor oder Clearaudio leicht über 100'000 Franken ausgeben. Und selbst das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Im deutschen Lippstadt hat der Maschinenbauer Rainer Horstmann seinen Traum vom perfekten Plattenspieler in Tausenden von Stunden Arbeit realisiert: den Dereneville VPM 2010-1.
 
«Es handelt sich um einen Prototyp», erklärt er, «und es gibt nur ein einziges Exemplar.» Bei diesem Gerät der Superlative wird der Teller über Magnetlager angetrieben. Und beim Tangentialtonarm kontrollieren Laser permanent den optimalen Winkel zur Plattenrille. Die Tonabnehmernadel wird per Video überwacht.
 
2011 stellte Horstmann sein Gerät einem Fachforum in Krefeld vor; bald kursierten Bilder und Berichte im Internet über den Plattenspieler. «Daraufhin rief mich eine Hi-Fi-Vertriebsgesellschaft aus den USA an, die das Laufwerk exklusiv in den USA vertreiben wollte», erinnert sich Horstmann. Er wollte den Mega-Player jedoch nie in Serie produzieren. «Nur um den Anrufer loszuwerden, nannte ich einen Preis von 500'000 Euro. Was die US-Vertriebsfirma aber ohne Probleme akzeptierte», erzählt er und lacht.
 
Doch Horstmann verkaufte nicht. Stattdessen baut er heute eigene Laufwerke in Kleinstserie, deren Technik auf dem Superspieler beruht. Kostenpunkt: ab 30'000 Euro, der Tonarm kostet noch einmal so viel. «Ich bekomme aber noch immer regelmässig Angebote für meinen Prototyp», sagt er, «auch Anfragen aus der Schweiz waren dabei.»

Gölä auf Vinyl

Kein Wunder, springen auch die Musiklabels auf den Vinyltrend auf. Das jüngste Album von Depeche Mode gibt es ebenso als schwarze Scheibe wie die Musik des Schweizer Mundartrockers Gölä.
 
Weltweit setzt die Musikindustrie mit Vinylplatten 400 Millionen Dollar um; ein Klacks angesichts der Gesamtumsätze von 15 Milliarden. Doch die Platte gibt der Musik das Erhabene zurück. Eine Schallplatte zwingt dem Hörer die vom Künstler festgelegte Reihenfolge seiner Titel auf. Dafür macht das Stöbern in einem Plattengeschäft mehr Spass als das Durchklicken von Playlists, die ein Algorithmus erstellt hat. Und das gilt nicht nur für Männer.
 
Dieser Text erschien in der Oktober-Ausgabe 10/2017 der BILANZ.