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Uhrenindustrie 
«Die Produkte von Fortis sind austauschbar»

Fortis: Die Uhrenmarke kämpft mit finanziellen Problemen. Quelle: Fortis

Die Uhrenfirma Fortis steht vor dem Aus. Experte Pierre-André Schmitt überrascht das nicht. Im Interview erklärt er, warum die Grenchner Uhren heute keine grosse Strahlungskraft mehr haben.

Marcel Speiser
Von Marcel Speiser
28.11.2017

Die Grenchner Uhrenmarke Fortis ist in Nachlassstundung. Überrascht?
Pierre-André Schmitt*: Nein, eine riesige Überraschung ist das nicht.

Warum nicht?
Weil Fortis eine jener Uhrenfirmen ist, deren Produkte heute keine grosse Strahlungskraft mehr haben.

Fortis ist bekannt für Flieger- und Taucheruhren. Und die sind doch nach wie vor sehr beliebt.
Das ist richtig. Und auch Fortis hat eine kleine, starke Fangemeinde. Sie macht sich auf Social Media gerade sehr engagiert bemerkbar und macht sich unter Tränen Sorgen um ihre Marke. Aber wenn man kritisch ist, sind die Produkte von Fortis eben austauschbar. Ich bekomme ähnliche Uhren mit ähnlichem Design auch bei anderen Marken. Etwas, das Fortis einzigartig machen würde, sehe ich nicht.

Russische Kosmonauten tragen Fortis-Uhren. Das scheint mir doch recht einzigartig.
Richtig. Aber das Problem ist: Niemand weiss das. Und: Macht das die Uhr wirklich begehrenswert? Ich fürchte nicht.

Fortis ist ein kleines Unternehmen. Rund 10'000 Uhren, 15 Mitarbeiter, 8,5 Millionen Franken Umsatz. Ist Fortis vielleicht einfach zu klein, um zu bestehen?
Ich glaube, das spielt eine Rolle. Heute muss man auf allen Kanälen präsent sein, man muss als Marke auch auf dem Internet attraktiv sein. Das alles kostet Geld. Geld, das Fortis offenbar nicht mehr hat. Die Ursache für die Nachlasstundung sind ja Liquiditätsprobleme. Zudem glaube ich, das Fortis auch ein Distributionsproblem hat. Die Marke scheint fast nur noch in Quartier-Läden erhältlich zu sein. Jedenfalls nicht an den Bahnhofstrassen dieser Welt.

Wie geht es weiter bei Fortis?
Das ist von aussen schwer zu beurteilen. Sicher ist: Die Grossen der Branche – Swatch Group, Richemont und so weiter – werden Fortis sicher nicht zu Hilfe eilen. Denn alle haben bereits Marken, die im Segment von Fortis aktiv sind. Sie werden einen Teufel tun, ihre eigenen Brands zu kanibalisieren. Zudem: Es wäre ein riesiger Aufwand, Fortis bekannter zu machen. Und in der Romandie zum Beispiel ist Fortis praktisch inexistent.

Also werden wieder asiatische Investoren eine Schweizer Uhrenfirma übernehmen, wie bei Eterna und Corum?
Das kann man nicht ganz ausschliessen. Das Problem aber ist, die Chinesen haben bei ihren Investments nicht nur glücklich agiert. Ich denke also, sie müssen zunächst mal vor der eigenen Haustür wischen, bevor sie ihr Portfolio mit weiteren Marken ausbauen.

Private Equity? Wie bei Breitling?
Nein. Breitling ist eine Marke mit Ausstrahlung, Fortis nicht. Eine Beteiligungsgesellschaft müsste zu viel investieren, um aus Fortis etwas Grösseres zu machen.

Was ist Fortis denn heute noch?
Bei Fortis bekommt man relativ viel Uhr für vergleichsweise wenig Geld. Aber das gibt es zum Beispiel auch bei Oris. Und im Gegensatz zu Fortis hat es Oris verstanden, eine zeitgemässe, attraktive Kollektion aufzubauen.

Fortis rühmt sich immerhin, diverse Industrie-Innovationen lanciert zu haben.
Das stimmt schon. Aber die Frage ist: Was für Innovationen? Das was Fortis angeschoben hat, sind keine Innovationen mit grosser Reputation in der Industrie. Rolex brachte die erste wirklich wasserdichte Uhr auf den Markt. Patek Philippe hat die Krone erfunden. Aber wenn man – wie Fortis – das erste Plastik-Armband lancierte, dann ist das eben nicht, womit man heute noch Uhren verkauft.

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Pierre-André Schmitt ist Verleger und Autor beim Schweizer Uhren-Magazin «Watch Around» und Autor beim Wirtschaftsmagazin «Bilanz».