Im Herbst ist auch für Versicherungskunden Jagdsaison. Bei Motorfahrzeug-, Privathaftpflicht- und Hausratsversicherungen werden in der Regel die Prämienrechnungen für das kommende Jahr verschickt, und es bietet sich die Gelegenheit, einen günstigeren Anbieter zu suchen. Von besonderem Interesse ist in diesem Jahr, welche Auswirkungen die Finanzkrise auf die Prämiengestaltung haben wird. BILANZ hat deshalb bei den wichtigsten Anbietern nachgefragt und zeigt in Zusammenarbeit mit dem Vergleichsdienst Comparis die günstigsten Angebote. Fazit: Kein Anbieter wagt es, die Prämien zu erhöhen. Angesichts der sinkenden Renditen an den Finanzmärkten verschärft sich somit die Ertragslage.

Gerade bei den Sachversicherungen kann ein Finanzverlust von fünf Prozent dazu führen, dass das Assekuranzunternehmen rote Zahlen schreibt. Entscheidend sind die Ergebnisse im eigentlichen Versicherungsgeschäft. Sie werden an der Combined Ratio gemessen, dem Verhältnis zwischen Prämien und Kosten. Durch Senkung des Verwaltungsaufwands und ein restriktives Schadenmanagement konnte diese Kennzahl bei den meisten Versicherern in den letzten Jahren deutlich unter 100 Prozent gedrückt werden. 2007 betrug die Combined Ratio gemäss Bundesamt für Privatversicherungen (BPV) noch 92,2 Prozent. Somit wird mit dem eigentlichen Versicherungsgeschäft Geld verdient, und die Finanzerträge sind nicht mehr dazu notwendig, um Defizite auszugleichen. Im ersten Halbjahr 2008 konnten einige Anbieter ihre Combined Ratio insbesondere im Schweizer Geschäft dank geringen Schadenereignissen noch einmal deutlich senken. Bei der Zurich betrug sie noch 87 Prozent, bei Helvetia 82,2 Prozent.

Die Versicherungen haben die guten Ergebnisse dazu genutzt, ihre Prämien zu senken, um der Konkurrenz Marktanteile abzuringen. Nach Berechnungen von Comparis sind die billigsten Autoversicherungen seit 2005 um bis zu 21 Prozent gesunken. Professor Walter Ackermann, Versicherungsexperte der Universität St.  Gallen, warnt jedoch: «Versicherung ist ein zyklisches Geschäft, und die softe Marktphase dürfte bald vorbei sein.» Bei vielen Gesellschaften werde als Folge der Prämienreduktionen das versicherungstechnische Geschäft tendenziell wieder negativ. Bereits eine Prämienreduktion um 5 Prozent bedeute, dass die Prämieneinnahmen um 25 Prozent gesteigert werden müssten, um einen Anstieg der Combined Ratio – bei gleich bleibenden Schadens- und Verwaltungskosten – zu verhindern, rechnet der Professor vor. Die Konsequenz: Der gegenwärtige Verdrängungswettbewerb mit sinkenden Prämien kann ohne Quersubventionierungen nicht beliebig fortgeführt werden.

RABATTRUNDE. Der Leiter Versicherungen der Mobiliar, Bruno Kuhn, erwartet für kommenden Herbst einen Anstieg der Prämien. Und Hansjörg Leibundgut von der Allianz Schweiz schreibt: «In verschiedenen Segmenten müsste es eigentlich zu selektiven Prämienanhebungen kommen.» Vorerst können die Kunden aber noch einmal so richtig zugreifen und von günstigen Prämienofferten profitieren. Am konkretesten wird die Bâloise. Sie bietet bei den Autoversicherungen für alle Neuabschlüsse ab Jahresbeginn eine Prämiensenkung um fünf Prozent. Die Emmental Versicherung baut bei der Hausratsversicherung die Leistung aus und senkt die Prämien für Gebäude- und Mobiliarglas. Zudem kündigt Geschäftsführer Enrico Casanovas an, dass die Genossenschaft 2009 den Kunden zehn Prozent der Prämien zurückzahlen werde. Die Vaudoise teilt mit, sie habe schon für das laufende Jahr die Motorfahrzeugprämien um 10 bis 15 Prozent gesenkt. Die Privathaftpflicht wurde um bis zu 30 Prozent günstiger. Deshalb sei zurzeit keine weitere Senkung vorgesehen. Auch die kleine GlarnerSach hat ihren Kunden in diesem Jahr 20 Prozent Rabatt gewährt.

Im direkten Prämienvergleich schwingen bei Haftpflicht-, Hausrats- und Motorfahrzeugversicherungen die Angebote im Direktvertriebskanal von Zurich Connect, Baloisedirect, Smile.direct – eine Produktlinie der Nationale Suisse – sowie Axa Winterthur obenaus. Bei Smile.direct gibt es die Autoversicherung schon ab einer Jahresprämie von 666 Franken, fast zwölf Prozent günstiger als das nächstbeste Angebot der Bâloise.

Der Verdrängungskampf hat bisher wenig an den Marktstellungen zu ändern vermocht. Verschiebungen gab es in den letzten Jahren vor allem bei der Übernahme von «Winterthur» durch die französische Axa und zuvor durch den Zusammenschluss verschiedener Versicherungen wie der Berner unter dem Dach von Allianz Schweiz. Dadurch hat Axa Winterthur die Zurich in der Schweiz als Marktleader abgelöst und sich auch in Europa durch weitere Zukäufe an Zurich vorbei auf Platz zwei hinter Allianz geschoben. Hinter dem Trio folgen unverändert Mobiliar und die Bâloise.

HÖHERES VOLUMEN. Trotz Rabatten und Prämienreduktionen ist das Volumen ingesamt gestiegen. Bei den besonders hart umkämpften Versicherungen für Motorfahrzeuge liegt die Schweiz mit einer Zunahme von 2,8 Prozent auf 5,3 Milliarden Franken im vergangenen Jahr europaweit gar an der Spitze. Der Schweizerische Versicherungsverband führt dieses Wachstum darauf zurück, dass mehr und teurere Neuwagen zu versichern waren.

Eine weitere Erklärung findet Banken- und Versicherungsspezialist Martin Scherrer von Comparis: Mit günstigen Einstiegsangeboten holen die Versicherungen teils auch neue Kunden und versuchen diesen dann Zusatzdeckungen oder andere Versicherungsprodukte zu verkaufen. Die Schweizer scheinen dafür besonders offen zu sein, wie die Beratungsfirma Cap Gemini in ihrem Weltversicherungsreport aufzeigt. Die Schweizer Versicherungskunden halten mit 5,8 Policen, davon 4,4 bei den Sachversicherungen, überdurchschnittlich viele Produkte.

Längst nicht alle Kunden profitieren von den günstigen Angeboten. Die Rabatte beziehen sich meist auf das Neugeschäft. Zudem sind nur die guten Risiken genehm. Die Selektion über Bonussysteme, nach Herkunft, Alter, Geschlecht oder Fahrverhalten, wird immer weiter getrieben. Auch werden die Kunden gläsern. Über ein gemeinsames Schadenverzeichnis sollen Betrugsversuche, die immerhin eine Milliarde Franken pro Jahr allein bei den Sachversicherungen in der Schweiz erreichen, eingedämmt werden.

Belohnt wird andererseits, wer ein Standardprodukt über das Internet kauft oder gleich beim Kauf des Neuwagens die Police dazu erwirbt. Allianz Schweiz hat beispielsweise dafür mit Amag einen entsprechenden Kooperationsvertrag ausgehandelt. Für Reparaturen steuern die Versicherungskunden ihren Wagen in die Vertragsgarage und werden dafür mit günstigeren Tarifen belohnt.

Versicherungen versuchen auch, die Kunden über Pakete zu binden. So offeriert die Emmental Versicherung einen Kombirabatt von zehn Prozent. Und die Vaudoise hat die Prämien für ihr Mix-Produkt Home in One für Hausrat und Haftpflicht um bis zu 30 Prozent gesenkt. Doch auch ohne derartige Fesseln sind die Schweizer Kunden überaus treu. Gemäss dem Cap-Gemini-Report halten sie ihre Autoversicherung im Durchschnitt elf Jahre – so lange wie sonst niemand in den etablierten Versicherungsmärkten. Eine IBM-Studie hat gezeigt, dass 60 Prozent am liebsten alle Policen bei einer einzigen Versicherung halten und den Service wichtiger finden als den Preis. Erst ab einem Prämienunterschied von etwa 10 Prozent sind die Schweizer bereit, einen Wechsel des Versicherers in Betracht zu ziehen, weiss Bruno Kuhn von der Mobiliar. Und ähnlich wie bei den Raiffeisenbanken stellt Mobiliar-Chef Urs Berger gerade in der Finanzkrise eine steigende Treue zur Genossenschaft fest. Sie zählt vielleicht nicht zu den günstigsten Anbietern, rühmt sich dafür, guten Kunden gegenüber besonders kulant zu sein, zumal sie keine Aktionärsbedürfnisse zu befriedigen hat.

ABGESTÜRZT. Dies wird nun ohnehin bedeutend schwieriger. Die Börse erwartet längst, dass die Branche in ihren Finanzanlagen massive Verluste erleiden wird. Seit Jahresbeginn sind die Versicherungsaktien weltweit um über die Hälfte abgesackt – also noch stärker als die Banken. Sie werden inzwischen auf einem fürs nächste Jahr erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 10 bewertet, gegenüber ­etwa 17 im langjährigen Mittel.

Nicht besser ergeht es den Schweizer Werten. Die Helvetia-Aktie ist derzeit noch zur Hälfte ihres Eigenkapitals zu haben und weist eine Dividendenrendite von 14,6 Prozent auf. Bâloise wird mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 4,7 und einem Abschlag von 40 Prozent auf ihr Eigenkapital gehandelt. Beide ­Titel haben innert Jahresfrist rund 58 Prozent an Wert eingebüsst.

Dabei sind die Schweizer Direktversicherungen kaum in verlustreichen Kreditprodukten von Subprime-Hypotheken oder anderen Schuldverschreibungen investiert. Dies zumindest versichert das BPV als oberste Aufsichtsbehörde. Doch die Beteuerungen blieben bisher wirkungslos: Die Analysten der Credit Suisse bezweifeln, dass die Versicherungen aus den Börsenkrisen 2001 und 2003 gelernt haben. Zwar seien die Aktienquoten reduziert worden, schreiben Peter von Moos und sein Team in der jüngsten Brancheneinschätzung. Doch sei dafür vermehrt in komplexe Kreditprodukte und Asset-Backed Securities investiert worden, um eine robuste Anlagerendite zu erzielen.

GROSSE WIRKUNG. Tatsächlich betrugen solche Anlagen bei der Schweizer Assekuranz gemäss BPV-Zahlen weniger als ein Prozent. Doch die Verluste darauf haben beträchtliche Auswirkungen auf die Gewinnentwicklung, wie der Vorfall bei Helvetia zeigt. Helvetia musste soeben 100 Millionen Franken netto auf dem Anlagegefäss Sigma abschreiben, was immerhin einem Viertel des letztjährigen Gewinns entspricht. Auch wenn dies ein Ausnahmefall darstellt, so sind die Versicherungen allgemein von massiven Verlusten auf ihren Finanzanlagen betroffen. Laut CS-Studie stammen drei Viertel der Gesamteinnahmen der Versicherungsbranche von Kapitalerträgen.

Die meisten Versicherer haben zwar ihre Aktienquote bis zur Jahresmitte gegenüber Ende 2007 teilweise um die Hälfte reduziert – mit dem Effekt allerdings, dass sie selbst zum Rückgang der Aktienquote und zum Kursrutsch bei den eigenen Aktien beitrugen. Bei den Anleihen schlagen einerseits die Währungsverluste zu Buche. Andererseits stiegen wegen der Kreditkrise die Zinsen rasant an und hatten Kursverluste zur Folge. Die Kurse der Anleihen von GE Captial zum Beispiel, die zur Standardausstattung der Depots von institutionellen Anlegern gehören, rutschten unbesehen der Garantie durch die Mutter General Electric unter 90 Prozent. Rund 55 Prozent der Finanzanlagen der Schweizer Versicherungen sind in Anleihen investiert und bilden somit den grössten Teil der Finanzanlagen. Entsprechend schwerwiegend wirken sich diese Verluste auf die Gesamtrendite aus. Deshalb wird mit den Rechnungslegungsgremien derzeit darüber verhandelt, solche Finanzanlagen nicht mehr zu den Marktwerten, sondern dauerhaft zum Anschaffungswert zu bilanzieren.

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